Philosophie Ausstellungen

Ausstellungen, Workshops, Arbeitskreise, Events u. -Organisationen, Reisen, Besuchen in Bonsai-Gärten und Töpferstuben.
Andreas Ludwig
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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von Andreas Ludwig » 11.10.2018, 17:35

Sebastian O hat geschrieben:
11.10.2018, 16:45
Bleibt die Frage, ob (und wenn ja wie) der dicke Geldbeutel mit den fremden Federn den "ehrlichen" Gestaltern ohne dicken Geldbeutel die Butter vom Brot nimmt.
Das ist völlig egal. Es ist legitim, etwas zu haben, das ein anderer gemacht hat – ich bin umgeben von solchen Sachen. Aber ich würde sie niemals als «meine» bezeichnen – es geht nur darum. Ich schätze sie nur – und sollte darum diese Wertschätzung vermitteln, statt sie auf mich beziehen zu wollen.

Sebastian O hat geschrieben:
11.10.2018, 16:45
Das scheint mir ein ganz anderes Thema zu sein als die Frage, wie man in Ausstellungen mit der Tatsache umgeht, dass ein Bonsai seine Qualität oft dem Zutun mehrerer Akteure zu verdanken hat, die dazu noch nicht einmal zwingend miteinander in Kontakt standen oder gar voneinander wussten. Letzteres ist meines Erachtens eines der herausstechendsten Merkmale des Bonsai-Handwerks und könnte ein möglicher Ansatz sein, um den Weg Richtung Kunst zu finden ( *undwech* ). Unter diesem Aspekt finde ich es erstaunlich, dass wir uns jetzt, nach all den Jahren, fragen, wen wir eigentlich als Gestalter auf das Schildchen schreiben sollen.
Eben. Dat Ding mit die Ehrlichkeit halt... Heute habe ich einem alten, sehr versierten «Rahmenmacher» (er ist weit mehr, etwa exzellenter Kunstkenner) einen Einzelband gezeigt, ein sogenannter Voll-Lederband mit echten Bünden und Prägungen in zedernfurnierer Kassette. Den gibt es genau einmal. Die Grundlage für diesen Band wurde damals (um 1930) als Rohbogen ausgeliefert, es war jedem belassen, wie er das binden lassen will. Mein Grossvater entschied sich für die Maximalvariante. Dieses Buch habe ich. Niemand sonst. Aber ich vergesse nie zu erwähnen, das es der ausgesuchte Geschmack meines Grossvaters war, es so binden zu lassen und auch nicht, wer es gebunden hat. Eine Frage der Ehrlichkeit.
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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von MerschelMarco » 11.10.2018, 18:16

Auf einer Bonsaiausstellung mal hat der Besitzer einer Schlehe ein kleines, liebevoll gemachtes Heftchen neben dem Ausstellungtisch beilegt. Da war die ganze Entstehungsgeschichte festgehalten. Es hat sich nicht aufgedrängt, aber jeder der wollte konnte sich umfassend über den Baum informieren. Das fand ich super!!

Und für den Besitzer ist so eine Baumchronik doch auch sehr sinnvoll.


Natürlich kann man versuchen einen Baum nur für sich zu sehen, ich behaupte mal, das ist überhaupt nicht möglich. Jeder Baum steht als "Kunstwerk" immer in einem Kontext, deswegen sind möglichst viele Hintergrundinformationen so wichtig.

Ein Laie mag eine Import-Mädchenkiefer für einen tollen Bonsai halten, der Kenner sieht hier vielleicht kitschige Massenware, bloß mal als völlig triviales Beispiel ohne jetzt gleich das ganz große Fass aufmachen zu wollen.

Ich fände es auch überhaupt nicht gut bestimmte Bäume von Ausstellungen auszuschließen, aber eine obligatorisches Mindestmaß an Informationen wäre schon gut.

Grüße,
Marco

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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von tokonoma » 11.10.2018, 21:25

Guten Abend,

es gibt Bonsai Ausstellungen, bei denen viele schöne Exemplare zu sehen sind. Harmonisch zusammengestellt. Keines der Exemplare hat ein Schild dran und es gibt keine Urkunden, Pokale oder andere Preise.
Die Ausstellung als Ganzes zählt und die einzelnen Bäume sind wie die Zahnräder in einem schweizer Uhrwerk - wichtig, aber wenn der Baum nicht passt wird er nach Rücksprache gegen besseres Material getauscht. Die Bonsai Ausstellung steht im Fokus.

Informatoin zu Herkunft, Import, Besitzer, Gestalter, Pfleger, Schalenmacher, Alter, Baumart, Yamadori, Arbeitskreis ..... macht eine Bonsai Ausstellung nicht schöner.

Und wenn man was wissen möchte kann man ja nachfragen, Antwort bekommt man ja meistens.

Mir gefällt diese Reduktion auf das Wesentlichte.

Liebe Grüße

Rainer
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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von tokonoma » 11.10.2018, 21:53

Ab wann ist man Gestalter?
Meine Kiefer hat ein professioneller Gestalter fast zu tode gestaltet. Der Baum war danach nur noch 2-dimensional und hatte keine Tiefe. Der Baum kämpfte viele Jahre ums Überleben, da falsche Pflegetips und falsche Dünger empfohlen wurden. 20 Jahre pflege ich nun den Baum, erst jetzt kann man ihn wieder vorzeigen.
Soll man dann angeben dass der Gestalter 2 Sharis gemacht hat? Ich habe das im Lebenslauf des Baumes vermerkt, interessieren wird es aber sonst niemand - oder?

Liebe Grüße

Rainer
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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von abardo » 11.10.2018, 22:08

In Museen sind mittlerweile QR codes auf die kleinen Schildchen mit Namen und Titel gedruckt.

Scannen und wupps ist man im richtigen Thread auf der Seite des Ausstellers mit der kompletten Historie zum Baum. Kann ja mal ein Kurator mit der Zeit gehen :-D
Grüße, Frank
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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von Andreas Ludwig » 12.10.2018, 05:15

tokonoma hat geschrieben:
11.10.2018, 21:25
Mir gefällt diese Reduktion auf das Wesentlichte.
Womit du dich zum Maßstab der Dinge machst, dialektisch betrachtet. Wesentlich ist am Ende ja das Wesen der Dinge. Mit Information sollte man nicht geizen, weil es immer welche gibt, die mehr wissen wollen vom Wesen der Dinge. Irgendwo hier habe ich mal ein Buch erwähnt, von Dieter Hildebrandt, «Die Neunte». Da kann man auf 360 Seiten jede Menge Details zur Geschichte von Beethovens Neunter Sinfonie nachlesen. 15 Seiten davon sind alleine die Quellennachweise und das Stichwortregister. Natürlich kann man die Neunte auch bloss hören und sich freuen. Aber das genügt eben nicht allen.
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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von zopf » 12.10.2018, 12:31

Während ich die Bäumchen zur Einwinterung vorbereite,
(Blätter abschneiden, Zurückschneiden, Substrat säubern)
geht es mir durch den Kopf wann "Gestaltung" eigentlich beginnt oder aufhört.
Der Zurückschnitt auf Verjüngung, Verzweigung, Bewegung, Linienführung und Silhouette
wird bei mir intern als Pflege (Basics halt eben) eingeordnet,
wobei dies durchaus formgebende, also gestalterische Elemente beinhaltet.


ps Bei den NRW-Bonsaitagen wo wir Bonsaibrüder meist ausstellen,
wähle ich nur einheimische Bäume aus,
die ich seit über 10 Jahren aufgebaut habe.
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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von herbertoy » 01.12.2018, 21:00

Lutz Marx hat geschrieben:
07.10.2018, 21:01
Gefühlt 70- 80% davon sind Importbäume.
Hallo,

der Thread scheint mittlerweile zwar abgeschlossen zu sein, aber nachdem ich erst jetzt darauf gestoßen bin, möchte ich doch noch meinen Senf dazu geben. Ausgangspunkt waren die "gefühlt" 70 - 80% Importbäume.

Nun bin ich das Jahr über ziemlich häufig bei Ausstellungen zugange und dokumentiere diese fast immer. Daher war es für mich keine große Mühe, meine Daten von 2018 nach Importbaum - einheimischer Baum zu überprüfen. Als Importbaum definiere ich dabei Bäume, deren Herkunft in Asien liegt. Das kann nicht in jedem Fall mit letzter Trennschärfe gelingen - so ist nicht jeder China-Wacholder automatisch ein echter Asien-Import. Als heimische Bäume definiere ich solche mit europäischer Herkunft. Dies ist m.E. zulässig, da mediterrane Pflanzen wie Oliven oder auch der beliebte Sabina-Wacholder überwiegend als ungestaltete Rohware angeboten werden. Nicht berücksichtigt sind in dieser Aufstellung Shohin-Displays.

Meine Zählung hat folgende Resultate ergeben:
European-Bonsai-San-Show Saulieu:
Import 35 / europäische Herkunft 49
bci-World-Kongress Mulhouse
Import 20 / europäische Herkunft 59
BCD Augsburg
Import 36 / europäische Herkunft 52
Bonsai-Triennale Decin
Import 27 / europäische Herkunft 64

Ich könnte diese Daten auch für die zurückliegenden Jahre erheben - das wäre mir jedoch zu viel Aufwand. "Gefühlt" :wink: dürfte sich am beschriebenen Verhältnis wenig ändern; so habe ich bereits 2008 für die 30jährige Jubiläumsausstellung des BCD in Mannheim geschrieben, dass die heimischen Herkünfte die Mehrheit der Exponate stellten.

Die Diskussion hat viele bemerkenswerte Positionen gezeigt. Viele davon kann ich teilen. Zwei Aspekte möchte ich noch hinzufügen:
a. Nicht jeder Importbaum ist ein ausstellungsreifer "fertiger" Baum. Auch aus Asien kommt häufig nur "Rohware" nach Europa, die ihre Gestaltung erst hierzulande erfährt.
b. "Trittbrettfahrer" schmücken sich nicht nur mit Importen. Ich habe auch Fälle erlebt, bei denen namhafte (!) Gestalter Bäume europäischer Herkunft von Kollegen übernommen haben und ein halbes oder dreiviertel Jahr später als eigene Gestaltung ausgestellt haben ...

Grüße
herbert

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Re: Philosophie Ausstellungen

Beitrag von uvex » 01.12.2018, 22:23

... auch ich habe die Diskussion erst jetzt entdeckt.

Es wurde u.a. geschrieben, dass diejenigen, die ihre Bäume von Anfang an bis zur Ausstellungsreife bringen, die wahren Könner sind. Das unterschreibe ich so. Denn dieser lange Weg ist mühsam und steinig. Nur wenige (immer weniger....) schaffen es ganz alleine, den Baum bis zur Europäischen Spitze zu bringen.
Und mit jedem Jahr wird das hier in Europa immer schwerer. Die Bonsai, die vor 20 Jahren begeistert gefeiert wurden, würden heute maximal den Trostpreis gewinnen. Das Niveau auf Spitzenausstellungen steigt rasant. Die Reife spielt hier auch eine immer größere Rolle. Im Prinzip braucht ein Baum dadurch auch immer mehr Zeit. Logisch. Denn Mochi-komi kommt erst mit den Jahren. Das beschleunigt kein Supergestalter oder Superdünger.

Nun, worauf will ich hinaus: Der Besitzerwechsel ist kaum noch zu vermeiden, wenn man von einer Gestaltungszeit über viele Jahrzehnte spricht. Wenn jemand super gute Bonsai haben will, kauft er sich halt mehr oder weniger vorgestaltetes Material.
Und noch ein weiterer Aspekt, der Besitzerwechsel in Zukunft wohl weiter befeuern wird: Bonsai ist sehr komplex. Die Spezialisierung einzelner Leute in der Szene schreitet voran! Der eine gräbt aus, der andere hat Feldkultur, der nächste zieht Sämlinge im Topf, ein anderer ist super guter Totholzgestalter, manch einer kann Bonsai gut zur Reife bringen. Ganz zu schweigen vom Töpfer oder dem Hersteller des Tisches. Nur wenn bei der Gestaltung und Präsentation eines Bonsai alle Räder gut ineinander greifen, wird eine super Gestaltung daraus! Es gibt nur wenige (eigentlich niemanden?), der alle diese Dinge so gut beherrscht.

Ja, ich finde es auch schade, wie manche Besitzer mit geschwollener Brust ihre Bonsai präsentieren, obwohl sie diese erst kurze Zeit für teuer Geld eingekauft haben. Etwas mehr Bescheidenheit und Demut von einzelnen täten der Szene gut. Das ist aber nicht unbedingt die Regel auf großen Ausstellungen. Und wenn man die Leute dann mal anspricht, um über ihre Bäume zu fachsimpeln, wird niemand ein Geheimnis über die Herkunft der Pflanze oder der Begleitelemente machen. Wie es allerdings für den Laien-Besucher rüber kommt, oder auch in den Print-Medien, finde ich teils schade. Zumindest in Zeitschriften würde ich den häufigeren Hinweis über die Herkunft der Pflanzen und Begleitelemente gut finden. Zumindest der /die Schalentöpfer/-in wird ja schon meist mit erwähnt. Hier im Forum ist das schon recht okay. Auf Ausstellungen ist das schwierig. Da reicht mir der aktuelle Besitzer. Und der Schalenkünstler. Altersangaben sind irreführend. Viell. macht ein Zusatz, seit wann im Besitz, eher Sinn. Zu viel lenkt nur unnütz von der Präsentation ab. Und gar keinen Besitzernamen zu nennen, finde ich auch nicht gut. So hat man wenigstens einen Ansprechpartner bei Fragen .................

Grüße von Uwe!
Das Geheimnis der Natur liegt in der Zeit, das von Bonsai in der Geduld.

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