Die Kunst zu phantasieren....

Alles andere was zu Bonsai passt.
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holgerb
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Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von holgerb » 24.07.2010, 18:34

Die letzten Nachwirkungen des letzten Sommerfestes manifestieren sich langsam in Erinnerungen. Auch wenn ich diesmal wieder nicht den großen Teil des Programms mitverfolgen konnte, so ist mir doch, bezüglich meines eigenen bonsaitechnischen Vorgehens und der weiteren Denkensweise über Kunst ganz besonders der Vortrag von Andreas Ludwig im Gedächtnis geblieben (überigens, der einzige Vortrag den ich von vorn bis hinten verfolgen und geniessen konnte, was nichts über die Qualität der anderen, sondern mehr über mich und meine "Busyness" an diesem Tag, aber egal).
Ja, wovon hat er da gesprochen? Kunst und warum er Dinge so macht, wie er sie macht und nicht anders.... In diesem Falle war es eben das Bonsaihuhn und nicht etwa ein typischer Bonsai, wie man ihn auf jeder Ausstellung trifft...

Auf jeder Ausstellung.... eine passende Formulierung. Ist es nicht gerade das, was einen Künstler ausmacht, eben etwas anders zu machen als der Nebenmann...
Andreas hatte als Beispiel dafür, daß er Dinge anders macht, den "Codex seraphinianus" vorgestellt... und gerade dieser war es, der mich wieder einmal in meiner Annahme bestätigt hat: Kunst ist nichts anderes als die Ausschweifung der Phantasie und die Entartungen des Herzens.... (das kommt nicht von mir, sondern ist bei Hanns-Dieter Hüsch abgekupfert).

Macht man sich den Spaß und googelt besagten Codex, so stößt man auf Bilder, die einen zuerst etwas stutzig machen. Alles ist fremd und in weitesten Teilen vordergründig "sinnlos"... Ist Kunst sinnlos? Die Frage nach "Was will der Künstler uns sagen?" ist ja nun inzwischen so verpöhnt, daß gar nicht erst der Versuch gestartet wird, diese Frage zu äussern, auch wenn sie (so unterstelle ich mal) einem Großteil der Zuschauer, Zuhörer usw. knallend auf der Zunge brennt...(ich erinnere in diesem Zusammenhang an Hape's "Hurz" und die nachfolgende Diskussion über den historischen Kampf zwischen Lamm und Wolf)....
Die Frage ist in Wirklichkeit: Will der Künstler uns was sagen? oder anders, was sagt der Künstler mit seinem Kunstwerk aus, und wie wirkt es auf uns...
Also, will er was sagen?
Ich denke, jein. Es gibt sicher Kunstwerke, die eine ein- oder mehrdeutige "Message" haben, die etwas "bewegen" wollen... ja, vielleicht sogar jedes Kunstwerk.
Im Falle des "Codex seraphinianus" denke ich das auch. Aber nicht bewegen, im Sinne von "da muss mal wachgerüttelt werden", sondern eher im Sinne von, "lasst mal eure Sinne sich bewegen"....
Und, ist nicht ein Nashorn, dessen Horn mit dem Schwanz verbunden, an dem verschiedene Mobilés hängen, zum schreien komisch? Es bewegen sich also auch die Lachmuskeln...
Aber erstmal von vorne: Worum geht es eigentlich in dem Buch?
Es handelt sich wohl um eine "wissenschaftliche" Enzyklopädie einer Phantasiewelt, mit eigener Schrift (ob es wirklich eine Schrift ist oder nur aneinandergereite Schriftzeichen, ist unklar, man will aber die Zahlen entschlüsselt haben), kurz gesagt. Von Flora über Fauna, Technik, Baukunst, eben alles, was so eine Welt braucht.... Aber was ist das für eine Welt, in der (vielleicht erinnert sich der Ein-oder Andere) Bäume laufen, Blumen sich selbst giessen, ein Liebespaar zum Krokodil verschmilzt, Fische aussehen wie große Augen mit Brauen?
Verrückt? Völlig Gaga? Absolut durchgeknallt, genial?
Was soll das?
Es ergibt doch keinen Sinn?

- Muss es auch nicht...
Als ich die ersten Bilder vom Codex ausserhalb Andreas' Vortrag gesehen hatte, war mein ertser Gedanke: "Yippie, da hat es einer geschafft Kind zu bleiben!"
Diese unsagbare Kraft an Phantasie finde ich umwerfend, sie macht überhaupt keinen Sinn in unserer logischen und strukturierten Welt, voller Ge- und Verboten und genau das ist der Sinn des Codex in meinen Augen...:

Mache Dich frei von aller Logik, von allen Zwängen, leg' alles ab, was Dich einengt, sei einfach nur Du selbst und geniesse eine Welt voller Phantasie, in der es Wesen gibt, die aussehen wie Pilzhüte mit Beinen, die durch die städtischen Straßen laufen oder Städte, in die man nur durch ein riesiges Labyrinth gelangt....

Als alter Computerzocker erinnere ich mich an eine Spielserie, die... ja sie könnte von Serafini sein.... auch in Phantasiewelten spielte. Myst hieß es und es war im Prinzip ähnlich aber noch eher, durch die zu lösenden Aufgaben, an die uns bekannten Gesetze gebunden.... aber auch das war eine Welt des "sich verlierens".

Und vielleicht ist das eine der großen Aufgaben von Kunst? Es muss nicht die megafette Aussage sein, ist Kunst vielleicht auch nur eine "erhabenere" Form der Unterhaltung? Manchmal sogar Spielerei?

Dem Künstler wird es wohl eher wie eine Aussprache anmuten, zumal Künstler ihre Ausschweifungen ausleben "müssen", ob zu Papier gebracht, in Stein gehauen odr sonst wie. Vielleicht eine Art Psychohygiene?
Als Beispiel, den Musiker Rick Abao (leider auch schon Tod), der mal einen Titel ankündigte, er habe vor einem Jahr auf der Autobahn einen Hirnschlag erlitten... Na, wie der Titel hieß, war klar: "Hirnschlagblues".... Seine Art, mit den Dingen des Lebens auszukommen.

Nach nun aller Hirnwindungsakrobatik so aus dem Handgelenk, man möge mir mangelndes kunsthistorisches Fachwissen nachsehen, komme ich, nein bleibe ich dabei:

Kunst kommt nicht von Können... es gibt an Kunst nichts zu können. Kunst kommt von Phantasie...

provokant gesagt: ein Pfund ranzige Butter kann jeder in die Ecke klatschen...

Kunst ist die Fähigkeit, seine Auschweifungenund Entartungen auszuleben.
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Walter Pall » 24.07.2010, 18:50

holgerb hat geschrieben:
Kunst ist die Fähigkeit, seine Auschweifungenund Entartungen auszuleben.
Schön! Und warum machen wir das nicht mit Bonsai? Warum muss man sich in der Szene eher beshimpfen lassen, wenn man das tut?

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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Norbert_S » 24.07.2010, 20:29

Damit nur die Besten damit klarkommen, Walter.
Scheint mir so etwas wie ein unwillkürlicher Auslesemechanismus aus Unwissenheit und Ignoranz zu sein.
Darf man nicht zu Ernst nehmen.
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Norbert_S » 24.07.2010, 21:40

Ist auch nicht nur im Bonsai so.
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Erwin » 24.07.2010, 21:53

Walter Pall hat geschrieben:
holgerb hat geschrieben:
Kunst ist die Fähigkeit, seine Auschweifungenund Entartungen auszuleben.
Schön! Und warum machen wir das nicht mit Bonsai? Warum muss man sich in der Szene eher beshimpfen lassen, wenn man das tut?
Sowas ähnliches gärt gerade in mir, Walter....

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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von zopf » 25.07.2010, 07:40

Können Logik und Phantasie nicht Kinder desselben Geistes sein...
Hat die Phantasie nicht auch Ihre Struktur , oder sind die von Dir erwähnten Zeilen
nur eine willkürliche Aneinanderreihung von Strichen Kurven und Haken...
Bleibt ein Fuss nicht eine Fuss auch wenn er in Proportion, Zusammenhang und Anordnung
dem Gewohnten widerspricht...

Begrenzt man die Logik auf einfaches binäres Schwarz-Weiss Denken,
und bewegt sich nicht auch in anderen logischen Systemen
grenz man sich ein, beengt sich, wird unfrei.
Will man in einer Gesellschaft, in einer Gemeinschaft, in einer Szene
etwas sein, etwas darstellen unterwirft man sich deren "Regeln", engt sich ein, wird unfrei.

Phantasie erwächst aus dem Schweiffen lassen, einfach seinen Gedanken freien Lauf lassen
dem Kopf, dem Geist, der Seele die Freiheit zu geben zu vagabundieren
Welten zu erschaffen, im Kopf auf Reisen zu gehen in Länder deren Ufer noch niemand betreten hat.
Und wenn man auf seiner Reise dem Gedachten, dem Erfundenen eine äussere Gestalt gibt
es in Ton, Bild, Stein, Holz der Aussenwelt versucht zugänglich zu machen
ist ein Können nicht der schlechteste Weg zu vermitteln.

Oder man macht einfach
cogito ergo pups

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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Frank80 » 25.07.2010, 11:37

Puh, sehr philosphisch der Beitrag. Ob man das Ganze "so einfach" auf die Bonsaigestaltung übertragen kann, da bin ich mir allerdings nicht sicher. Denn das Bonsai-Hobby hat sicherlich viele künstlerische Elemente, es beinhaltet aber auch viele handwerkliche. Die Miniaturisierung großer Bäume hat zwangsläufig viele reale Vorbilder, an deren Proportionen man sich orientieren sollte, wenn man einen überzeugenden Bonsai gestalten möchte. Allein schon bei der Auswahl einer "passenden" Schale (wer gibt denn vor, dass etwas "passt"? Sollten es Farbenlehre und traditionelle Verwendung bestimmter Schalen sein oder das eigene Schönheitsempfinden (das jeder ganz allein für sich individuell besitzt)?), gibt es viele Dinge zu beachten, will man sich an die "klassischen Regeln" halten.

Wie groß der Anteil von "Kunst" und "Handwerk" bei einem Bonsai ist, das entscheidet der Gestalter bzw. wird ihm die Entscheidung von seinen eigenen Fähigkeiten abgenommen (ich sehe mich persönlich z.B. eher als Handwerker denn als Künstler, da ich mich gerne an festen Richtlinien orientiere).
So zumindest würde ich diesen Beitrag für mich selbst interpretieren.

P.S.: Wer sich mal in einer ausgefallenen Phantasiewelt verlieren möchte, dem seien die Scheibenwelt-Romane von Terry Pratchett ans Herz gelegt.

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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von holgerb » 25.07.2010, 12:28

@Walter Pall:

Ich glaube, ein Stück weit muss sich jeder, der etwas neues tut, etas anderes macht, beschimpfen lassen.... hhmm... muss? Nee, falsch ausgedrückt, er muss die Pelle dafür haben, um solchen Beschimpfungen standzuhalten.

Der Spruch: "Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht!" hat weiterhin (leider) seine Gültigkeit und die vordergründige und vor allem unbegründete Abneigung allem Fremden gegenüber ist so tief verankert, daß sie nur schwer zu überwinden ist.

@Norbert_S:

Hmm, ob nur die Besten damit klarkommen wage ich zu bezweifeln, Norbert. Sicher hast Du recht, es ist nicht nur im Bonsai so... Sowas passiert jedem in den verschiedensten Lebenslagen, mein Klassiker ist, wenn ich Menschen erkläre, warum Bäume nicht bluten, oder der Sommerschnitt der Bessere ist. Viele Denkmodule und Normen sind so tief und fest verankert, daß man unheimlich ausholen muss, um diese Denkmuster zu durchbrechen... aber, das wäre jetzt zu abschweifend, wir waren ja bei Kunst und Phantasie... und Bonsai. In der Szene sind oftmals noch die "Normen" und Regeln (es sind eben Regeln, keine Gesetze) so tief verwurzelt, daß es schwer wird (für denjenigen), mit Gestaltungen "Leben zu können" die eben diesen Normen nicht gerecht werden. Als ultimatives und erschlagendstes Argument wäre vielleicht ein Buchsbaum als Teddy geschnitten in einer Bonsaischale... Wäre das auch noch Bonsai? Oder ist das eine andere Art der "Pflanzenkunst". Und was ist mit Andis Buchshühnern? Kann nicht auch ein Bonsai eher skulpturell, abstrakt sein... Muss eine Linde wie eine Linde aussehen? Ist es nicht viel einfacher, einen Wacholder wie eine Linde aussehen zu lassen, weil man in der Fernwirkung durch die feinen Nadeln eine viel bessere Illusion zu stande bringt? Warum dürfen Azaleen wie Kiefern aussehen, Wacholder aber nicht wie 250 Jahre alte Buchen?
Und das hat in meinen Augen weniger mit den Besten zu tun, sondern mit der eigenen Vorstellungskraft oder besser gesagt Phantasie...

@Dieter:

Na klar, hat man sich für einen Weg des Auslebens entschieden ist es natürlich in irgendeiner Weise sinnig, gewisse Dinge zu können. In der Musik sollte man dann ein Instrument (und Noten) beherrschen oder singen "können" (je nachdem wo man sich ausleben will, in der Badewanne braucht man sicher keinen Gesangsunterricht, es sei denn für sich selbst). Der Maler sollte in irgendeiner Weise was von Farblehre, Farbauftragstechniken und sowas verstehen.
Der Bonsaiist macht in meinen Augen einen entscheidenden Fehler: er zählt "Regeln für eine gelungene Kopie" mit zur Technik. Was braucht es aber für einen guten Bonsaiisten:
Er muss was von Pflanzen verstehen, er muss sie gesund erhalten können, er muss Schnitt- und Gestaltungstechniken können. er muss aber nicht zwangsweise Wissen, wie man einen Literaten gestaltet, einen Moyogi oder eine Besenform. Das gehört nicht zur Technik.
In der BCD-Bonsai-Ausgabe Nr.85/2000 hat Walter Pall einen sehr schönen Artikel dazu gebracht. Er handelt von Georg Liegelsteiners "Wohl-Untersuchter Zwergbaum"-Abhandlung die aus dem Jahre 1725 stammt. Darin beschreibt Liegelsteiner Techniken zur Erhaltung eines Zwergbaumes. Nirgendwo ist die Rede von Bonsai, noch wird man gewahr, ob Liegelsteiner überhaupt eine Vorstellung von Bonsai hat. Möglicherweise eine Parallelentwicklung die mit der aus Japan stammenden Kunst nichts am Hut hat. Und so so sehe ich das: wir können weiterhin japanische Kunst kopieren oder unsere westliche Kultur in Form von Bonsai darstellen. Beides finde ich legitim. Allerdings ist mir die reine Kopie zu langweilig.
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Norbert_S » 25.07.2010, 16:57

Holger, meine erste Antwort bezog sich weniger auf deine Darstellung als auf die von Walter.
Ich habe Walter ja nun im Vieraugen Gespräch, in Kleingruppen und vor großem Publikum erlebt. Wenn alles, was er macht und gestaltet hat, ungeteilten Applaus gefunden hätte, wäre dem Walter schwer was abgegangen.

Regeln oder Normen egal ob festgeschrieben oder informell helfen dem Unsicheren sich zurecht zu finden. Wohl kaum einer von uns würde sich wohl fühlen, wenn unsere Umwelt zu 100% aus regellosem Miteinander bestehen würde. Die meisten Regeln sind uns so vertraut, dass wir gar nicht wahrnehmen, wie viele wir befolgen. Sozialisation nennt sich dann wohl der ganze Ablauf.
Ablehnung gegenüber dem Neuen ist an sich nicht Schlechtes sondern entwicklungsgeschichtlich ein bewährter und durchaus vernünftiger Vorgang. Die Lehre der Gruppendynamik hat ja seit langem entsprechende Erkenntnisse.

Wer Neues will, muss sich mit dem Alten auseinander setzen, darf nicht erwarten, dass unter Applaus der rote Teppich ausgelegt wird. Es muss für die Anhänger des Alten einen Mehrwert erbringen, sollten sie ihre Regeln/Normen/Einstellungen ändern und zwar abhängig vom "Kuschelfaktor" des alten.

Was mir unter der Oberfläche immer durchscheint - und deshalb schrieb ich von den Besten - ist, dass wir gerne anders sein und gestalten mögen, aus welchen Gründen auch immer, aber Anerkennung für dieses "Andersmachen" hätten wir schon gerne. Und da Vielen klar ist, das die Trauben am neuen Baum hoch hängen, versuchen sie es gar nicht.
Weniger erfreulich ist ist die Verunglimpfung des Neuen/Anderen. Höfliche Distanziertheit wäre vielleicht noch zu ertragen, aber "niedergemacht " zu werden ist schon eine andere Nummer. Aber auch hier hilft ein Blick in ablaufende gruppendynamische Prozesse um für sich selbst einen Weg zur Toleranz zu finden und damit den Mut auch mal etwas anderes zu machen und auf dafür einzustehen.
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von holgerb » 25.07.2010, 17:21

D'accord...
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Andreas Ludwig » 25.07.2010, 17:40

Norbert_S hat geschrieben:dass wir gerne anders sein und gestalten mögen, aus welchen Gründen auch immer, aber Anerkennung für dieses "Andersmachen" hätten wir schon gerne.
Ich finde es spannend, dass die Diskussion sich schon nach wenigen Beiträgen von der Sache weg hin zur Metaebene der Gruppendynamik, der Sozialisierung, der Befindlichkeit im Vereinskontext bewegt.

Was aber, Norbert, wenn da weniger der Drang ist, anders sein zu mögen, sondern vielmehr die (ganz banale und sehr nüchterne Einsicht), dass man es (statistisch gesehen) nunmal ist? Was, wenn gar nicht so sehr Anerkennung für das Andersmachen erwartet wird, sondern wenig mehr als der (wiederum banale und nüchterne) Wunsch, so sein zu dürfen, wie man nunmal gesamthaft, ohne böse Absicht, eher unverschuldet geworden ist?

Dann ist also so ein komisches Huhn (als was ich selbst es durchaus sehe!) weder Mission noch Deklaration, es wird damit keine Differenz und kein Bezug dokumentiert, sondern es hat sich einfach für mich, bei mir so ergeben. Das ist dann eine Ausrichtung, die das Individuum nicht so sehr als der Gesellschaft verpflichtet sieht, sondern genau umgekehrt den (ja, banalen und nüchternen...) Anspruch des Individuums an die Gesellschaft aufstellt, so leben zu dürfen, wie man ist. Weil es genug Platz hat, nicht weh tut, nichts kaputtmacht, bloss Bonsai ist. Weil genau besehen nichts Stichhaltiges dagegen anzubringen ist ausser dem Vorwurf, nicht das Erwartete abzuliefern.

Oder nochmal anders: Eine Gesellschaft (oder hier Szene), die bereits zu so etwas harmlosem wie Bonsai nicht nur Normen und Reglemente aufstellt, sondern diese dann auch zur (Ab-)Klassierung anderer verwendet, ist in einem bedenklichen Zustand. Sie hat sogar da Angst, wo gar keine nötig ist, weil eigentlich gar nichts geschieht.

ABER: Es ist ja gar nicht so. Es fliesst, geht vorwärts. Wann, Walter, kam der letzte Frontalangriff wegen deines Naturalismus? Wie gross ist der Chor der Beschimpfer? Mich konkret hat niemand beschimpft, dafür kriegte ich (von teils durchaus überraschender Seite!) ein gutes Echo. Die Leute haben keine Eier geworfen, sondern zugehört, jetzt wird sogar nachbearbeitet. Klar - hier, unter uns, am BFF-Treffen, im Forum. Aber das genügt, wenn man nicht die Gesellschaft umkrempeln, sondern bloss seinen eigenen Platz haben und Interessierten davon berichten möchte. Als schräger Vogel sollte man nicht am goldenen Käfig anklopfen wollen...
:wink:
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von holgerb » 25.07.2010, 18:00

Andreas Ludwig hat geschrieben:Ich finde es spannend, dass die Diskussion sich schon nach wenigen Beiträgen von der Sache weg hin zur Metaebene der Gruppendynamik, der Sozialisierung, der Befindlichkeit im Vereinskontext bewegt.
Andreas,

ich glaube auch, daß das genau der Grund ist, warum sich das so schnell in diese Metaebene abhebt. Jedes kleinste Fitzelchen in unsrer Welt ist reglementiert, genormt, gleichgemacht (oh, das ist ein gutes Wort dafür) und dieses Normen müssen unter allen Umständen eingehalten werden.

Wahr ist aber auch, und das unterstelle ich auch Dir, daß jeder für sein Handeln in irgendeiner Weise Anerkennung haben will und auch braucht. Nicht unbedingt fürs andersmachen, da gebe ich Dir vollkommen recht, aber das Andere ist natürlich auch viel auffälliger, als die Kopie der Kopie.


Zunächst ist aber das Geschaffene Audruck der eigenen Individualität. So, ganz einfach. Und für Deine eigene Individualität bist eben nur Du verantwortlich (oder ich für meine). Also kannst auch Du Dir nur Regeln und Gesetze auferlegen.

@Norbert:

Sicherlich braucht der unerfahrene Regeln um sich daran entlangzuhangeln und mit Sicherheit befolgt auch Walter bei naturalistischen gestaltungen ein paar Regeln (für sich).
Das fatale in der Bonsaiszene ist, daß irgendwer mal 'n Buch geschrieben hat, wo drin steht: wenn Du 'n Moyogi machen willst, dann gehört ein Ast dahin, ein Ast dahin und ein Ast dahin... bei den anderen Formen genauso... viele habens gelesen und es für das neue Evangelium der Bonsaigestaltung gehalten. Das Buch wurde kopiert, andere Bücher mit gleichem Inhalt wurden geschrieben....
Die Szene hat die beschriebenen Gestaltungsformen als Regeln angenommen: "So! Und nicht anders muss ein Bonsai aussehen!" Dabei steht da nur: "So kann/sollte ein Baum dieser Form idealerweise Aussehen."
In meinen Augen ist das ein selbstauferlegter Zwang der die Freiheit der Gestaltung einengt.
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Andreas Ludwig » 25.07.2010, 18:28

holgerb hat geschrieben:
Andreas Ludwig hat geschrieben:Wahr ist aber auch, und das unterstelle ich auch Dir, daß jeder für sein Handeln in irgendeiner Weise Anerkennung haben will und auch braucht.
Die Frage ist bloss, wie abhängig man sich da macht, denn irgendwo kriegt man immer Anerkennung - sei es als Koch, als Gärtner, als Partner, als Arbeiter, als Kollege oder eben als Bonsaianer. Schwierig wird es erst, wenn es ums Verrecken diese oder jene Ebene sein muss. Dann fällt man eigentlich in die Kategorie eines Süchtigen.

Kann es sein, dass manche von Euch Bonsai völlig isoliert als Sache für sich betrachten?
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von holgerb » 25.07.2010, 18:31

Andreas Ludwig hat geschrieben: Kann es sein, dass manche von Euch Bonsai völlig isoliert als Sache für sich betrachten? Das wäre meines Erachtens ein Konzept, das vn Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.
Kannst Du das näher beschreiben. Bin nicht sicher, ob ich Dich da recht verstehe....
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Re: Die Kunst zu phantasieren....

Beitrag von Andreas Ludwig » 25.07.2010, 18:41

Na ja - ein Mensch kann irgendetwas nur an seinem Ort, zu seiner Zeit, aus seinem Hintergrund machen. Darum wird das dann «so». Wenn er versucht, sich einzureden, er mache da nur «das» und das habe mit allem anderen nichts zu tun, täuscht er sich, macht sich was vor. Er ist, ob er will oder nicht, bewusst oder unbewusst, mit all seinen Facetten dabei. Ich bins lieber bewusst und aus freiem Willen (soweit das möglich ist jedenfalls).

Ich lese hier oft, dass jemand «gerne Regeln hat, weil die einen Rahmen geben» - und verstehe das nicht so recht. Ich muss natürlich Gesetzmässigkeiten kennen, das sind allerdings bloss die, die für Pflanzen gelten. Aber wieso sollte ich versuchen, mich im Kontext anderer zu bewegen, etwas nachzubauen, das ich nicht verstehen kann, weil ich es nie gelebt habe? Das wäre geborgtes Leben. Also muss ich - ob es mir passt oder nicht - meinen Weg selbst finden. Ein anderer ist nicht meiner.

Oder einfacher: Bonsaigestaltung ist zwingend Teil eines persönlichen Ausdrucks (pflegen dagegen kann man irgendwas, was man gar nicht versteht!). Verleugnet man das, holt es einen ein.
Zuletzt geändert von Andreas Ludwig am 25.07.2010, 18:48, insgesamt 1-mal geändert.
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