Ich versuchsTotoro hat geschrieben:in meinem ersten Bonsaibuch von Peter D. Adams (art of bonsai) las ich in den 80igern von der "Hogarth`s line of beauty".
Dieser Maler (1697-1764) sah in einer wellenförmigen Linie die "wahre" Linie der Schönheit und in der Schlangenlinie die "wahre" Linie des Reizes. (Für mich sah das natürlich verdächtig nach einem S-förmigen Moyogi aus). Im ikebana sieht man ja solche Linien auch. Obwohl sich England und Japan noch gar nicht kannten.
Begriffe aus der Musik wie Thema, Variation, Rhytmus bezog Adams ebenfalls auf gelungene Bonsai. Auch Wiederkehr bzw. Wiederholung von Gestaltungselementen in Stamm und Ästen .
Könntest du das einem einfachen Handwerker einmal "kunsttheoretisch" verständlich erklären ?
Hogarth hat natürlich eine Geschichte, die mehr umfasst als sein eher spät verfasstes theoretisches Buch, in dem er die «line of beauty and grace» preist. Wichtig zu wissen, dass er als Maler gar nicht so erfolgreich war und eher als Kuperstecher mit satirischen Bildern bekannt wurde. Vielleicht hat er darum seine verkannte Auffassung theoretisch dargelegt?
Jedenfalls geht es da eigentlich um das, was wir besser als Rokoko kennen. Also etwas böse gesagt die ganzen Tüllprinzessinnen im Schäferinnen-Look, die Puderperücken und alles in Pastellfarben. Das kam auch nicht von nirgends, sondern lässt sich als Weiterentwicklung des Spätbarock verstehen. Extrem höfisch das Ganze, elegant um seiner selbst willen, man darf es ruhig auch manieriert nennen. Ein bisschen ein Stil um seiner selbst willen. Darin hat - ein Barock-Erbe - die geschwungene Linie grosse Bedeutung, aber nicht etwa die geschwungene Linie eines Van de Felde, sondern eine eher dekorative Linie, nennen wir es mal «Schnörkel».
So: Wer hat traditionell alte Beziehungen zu China (anders als du meinst, gab es die damals durchaus schon)? Wer nennt Porzellan «china»? - Ich kann mir vorstellen, dass es für einen gebildeten Engländer wie Adams eine Nähe von chinesischen Penjin-Vorbildern oder japanischen Schlehenbonsai zu einem National-Illustratoren wie Hogarth und seiner Neigung zum Rokoko gibt, die für uns nicht so auf der Hand liegt.
Fassbarer sind Bezüge zur Musik: Ein Musikstück ist - ganz banal ausgedrückt - eine Abfolge geordneter Töne. Wichtig ist das Wort «geordnet», denn es wirft die Frage auf, nach welcher Ordnung das geschieht. Bach sah das etwas anders als Beethoven und beide wären tot umgefallen, hätten sie die Strawinski gehört, der uns heute ja nicht mehr sehr aufregt. Aber ein paar Grundmuster ziehen sich durch: Die Ordnung sollte ein Stück weit aus Wiederholungen bestehen, die der Hörer erkennen kann. So kann er folgen, was wichtig ist. Man will ja ncht Musik, die ganz fremd ist, man will «zuhause sein». Das liegt tief in uns - wir suchen Muster, Strukturen, Wiedererkennung, ein Zuhause. Wir mögen es, wenn es sich wiederholt, in Bezug auf alle Sinne, ja, aufs ganze Leben. Das überprüfe jeder selber mal, es ist wirklich so. Darum gibt es Marken und Logos, darum gibt es Heimweh und Partnerideale, darum fühlen wir uns hier sofort wohl und da gar nicht. Musik, ein Erlebnis, das auf einen Sinn reduziert ist, das Hören, ist davon besonders stark geprägt - und natürlich besonders gut geeignet als Vergleichsbasis, wenn es um andere Künste geht.
Ich denke aber, man sollte da zurückhaltend und vorsichtig sein. Sicher kann man einen Baum mit einem Musikstück vergleichen, etwa, weil beide die gleiche Stimmung erzeugen (auch wenn das bereits wieder recht individuell empfunden wird). Aber zu sagen, man könnte aus den Tonabstönden eines Durakkords etwa Astabstände machen - lieber nicht. So konkret klappt das nicht. Ich vermute, Adams wollte einfach eine ästhetische Sicht auf Bonsai schaffen oder näherbringen, um einer im Konkreten verhafteten Regel- und Rezeptgläubigkeit entgegenzutreten. Seele statt Metermass.


