Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Alles andere was zu Bonsai passt.
Antworten
Benutzeravatar
Lärad
Beiträge: 2
Registriert: 13.05.2012, 23:32

Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von Lärad » 09.01.2018, 19:42

Hallo ich bin schon seit einer weile stiller Leser dieses Forums und aktiver Bonsaianer. Fragen ließen sich bis jetzt durch die Suchfunktion klären. Meine Pflanzen genügen noch nicht meinen persönlichen Ansprüchen für die Präsentation.

Neben den Pflanzen macht mir das Philosophieren über Bonsai Spaß. Beim kontrollieren meiner Beisteller ist mir ein Einfall gekommen. Den möchte ich gerne erklären und freue mich über eure Meinungen und weitere Anregungen.
Die Präsentation von Bonsais und Kusamono orientiert sich mehr oder weniger an der japanischen Tokonoma. Der besondere Charme eines traditionellen Tokonoma ist für mich eine gewisse Beiläufigkeit und Understatement(wenn ich es richtig verstanden habe).

Was meine ich damit?

In einem traditionellen japanischen Haus ist die Tokonoma ein Teil wie jeder andere. Pflanzen können hier stehen müssen es aber nicht. Wenn dort Pflanzen stehen wird die Tokonoma der Jahreszeit und dem Anlass entsprechend regelmäßig neu gestaltet. Sie hat also einen temporären Charakter. Dieser Aufwand sollte sich dem Betrachter aber nicht aufdrängen. Deshalb kann die Tokonoma auch übersehen werden, weil man keine Ahnung/Interesse hat. Nur der Kenner verweilt und bewundert die Kunstfertigkeit.

Im europäischen Kontext ist dieser Aspekt nach meinem Verständnis nur schwer möglich. Im europäischen Wohnbereich ist die Tokonoma eine sehr spezielle Nische die sich von der übrigen Einrichtung abhebt. Eine beiläufige Betrachtung ist nahezu unmöglich der Betrachter wird gezwungen sie zu betrachten. Dies ist teilweise sicher gewollt, schließlich wurden Zeit und Geld in die Tokonoma investiert, die gewürdigt werden wollen. Das von von mir der japanischen Präsentation unterstellte Understatement, die Beiläufigkeit und Integration in die übrige Inneneinrichtung lässt sich nach meiner bisherigen Erfahrung so nicht erreichen.

Wie könnte eine Präsentation, mit den genannten Ansprüchen, in einem europäischen Kontext aussehen? Wie und Wo könnte ein deutsches Tokonoma stehen?

Meine erste Idee ist der gedeckte Tisch. Blumengestecke sind nicht obligatorisch aber gern gesehen. Da würde nach meinem Empfinden auch ein Bonsai oder Kusamono passen.
Laut Knigge haben Topfpflanzen zwar nichts auf dem gedeckten Tisch zu suchen. Herr Knigge hat aber wahrscheinlich nie einen gepflegten Bonsai oder Kusamono gesehen.

Ähnlich wie ein Blumengesteck sollten Bonsai und Kusamono aber eine gewisse Höhe nicht überschreiten. Der/die Gegenüber soll ja nicht vom Bonsai verdeckte werden, egal wie schön er auch ist.

Ich freue mich auf eure Kritik und weitere Anregungen.

Gruß
Adrian

Benutzeravatar
abardo
Freundeskreis
Beiträge: 4662
Registriert: 21.09.2014, 20:35
Wohnort: knapp neben Berlin
Kontaktdaten:

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von abardo » 09.01.2018, 19:59

Hi,

über ähnliches denke ich auch gerne nach und in den Tokonoma-Threads wurde dazu auch schon laut gedacht.
Die Grundidee herauszuschälen und dann in verschiedenen Kulturen oder Regionen (deutsch, europäisch, westlich, weltweit, wie auch immer) zu interpretieren, ist spannend.

Als typisch empfinde ich in unseren Häusern immer den Flur, der wird auch gerne geschmückt oder mit Kunst versehen. Und noch typischer sind Pflanzen auf kleinen Tischen, Pflanzenampeln, Fensterbrettern oder Regalen.

In südlicheren Gefilden ist es wahrscheinlich eher der Patio, der Vorhof, der den Gast empfangen soll (also aussen).

Deine Idee der "Tischdekoration" ist interressant. Einfach ausprobieren und vielleicht auch hier mal zeigen. Der Witz ist doch: was wir gewohnt sind, womit wir gross geworden sind, sollte uns doch intuitiv von der Hand gehen ...
Grüße, Frank
___________
Keine Prinzipien, keine Parolen - http://BONSAI.ZONE

fza
Freundeskreis
Beiträge: 333
Registriert: 30.11.2017, 07:47

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von fza » 10.01.2018, 09:50

In unserem Haus wird sicher nie ein Tokonoma stehen, einfach weil es wie ein Fremdkörper wirken würde - es paßte weder in unser mehr oder weniger kreatives Chaos noch gäbe es auch nur ansatzweise den passenden Rahmen zu irgendetwas wieder, das unserem Lebenstil entspricht.

Was könnte eine Entsprechung sein? Etwas, das zu mir / uns paßt, auch etwas vom "Ich" widerspiegelt, gleichzeitig Ruhe und Raum bietet, in dem etwas präsentiert werden kann, aber nicht muß. Könnte wie erwähnt in einem Eingangsbereich sein, der bei den meisten vermutlich durch Garderobenhaken "geschmückt" wird: ein kleines Tischchen, evtl. mit Spiegel im Hintergrund. Eine Fensternische bzw. verglaste Tür mit Höckerchen oder Gestell.

Ich erinnere mich an eine solche verglaste Türecke aus meiner Kinderzeit, die zur Terasse rausführte. Sie konnte abends durch einen schweren, dunklen Stoffvorhang geschlossen werden und bot so einen unaufdringlichen Hintergrund zum davor platzierten Aquarium, das wiederum etwas zurückgesetzt zur davor stehenden Sitzgruppe stand. Man konnte stundenlang davor sitzen und sich das Aquarium betrachten, je nach Tageszeit schimmerte der dunkle Stoff des Vorhangs dahinter ein bißchen und wurde dann etwas präsenter. Es war ein "ruhiges Eck" (ok, wenn man sich die vielen Geschwister wegdachte...).

Auf einem Eßzimmertisch kann ich mir so ein gedachtes Tokonoma weniger vorstellen, obwohl: ich denke gerade an eine befreundete Familie, die so ein typisches rechteckiges Schalendings mit vier Kerzenhaltern auf ihrem großen Eßtisch stehen hat, das je nach Jahreszeit umgestaltet wird. Es sieht jedesmal anders und immer liebevoll arrangiert aus, ohne die Aufmerksamkeit zu dominieren. Ob das mit einem Bonsai ähnlich erreicht werden könnte? Ich kann's mir ehrlich gesagt nicht vorstellen.

Was soll mit einem Tokonoma erreicht werden? Das wäre meine erste Frage, bevor ich eines bzw. eine Entsprechung einrichte. Soll es mir allein oder evtl. Besuchern etwas bieten? Soll es etwas "erzählen" oder wie ein Rahmen um ein Objekt herum im Hintergrund bleiben?

Danach würde ich mich richten, was den Platz und die Gestaltung angeht. In meinem Fall also entweder in meinem eigenen Zimmer, der Rückzugsort ist und kein Raum, den ich Besuchern zeige - oder als großzügig bemessenes, dezent beleuchtetes Fach inmitten eines Schrank-Regals voller Whisky mit Zubehör. :-D

Berndbonsai
Beiträge: 863
Registriert: 05.04.2007, 15:11
Wohnort: zwischen Neckar und Alb

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von Berndbonsai » 10.01.2018, 10:36

Hallo Alle, Hallo Adrian
Danke, dass Du Dir zu diesem Thema Gedanken machst. Das bringt mich auch dazu über das Thema nachzudenken und mein handeln zu reflektieren.
Ich möchte kurz beschreiben wie ich mit Präsentation umgehe. Dabei gibt es bei mir zwei Formen der Präsentation von Bäumen. Einmal habe ich bei mir in der Firma einen Besprechungstisch an dem ich Täglich mehrfach mit "Kunden" sitze. Dort stelle ich gerne kleinere Bäume auf Tischchen oder auf Holzunterlagen. Die Bäume werden oft gar nicht wahrgenommen. Manchmal aber doch und dann lösen sie viel Freude bei den Betrachtern aus. Zuhause habe ich ein Sideboard auf dem ich, wenn Gäste kommen, eine Präsentation mache die am ehesten Vergleichbar mit einer Ausstellungssituation ist. Das bringt meinen Gästen oft viel Freude. Für mich selbst ist das Betrachten meiner Bäume auf dem Balkon eine große Freude. Daher denke ich, die Art der Präsentation hängt oft natürlich an den Möglichkeiten aber auch am Ziel der Präsentation. Nur mal so im Alltag als Tischschmuck oder etwas Aufwändiger um Gäste zu erfreuen und zu ehren. Klar ist ja schon auch: Die Tokonoma in Japan ist nicht erfunden worden um Bonsai zu präsentieren, sondern als Sitzplatz für den Ehrengast oder Hausherren. Daher passt in mein Haus keine Tokonoma.
Trotzdem orientieren sich meine Präsentationen an japanischen Vorbildern, adaptiert an meinen Erfahrungshorizont. Allerdings hänge ich das gar nicht so hoch. Ich präsentiere gerne meine Bäume. Ich mache aber auch keine Kunst, das kann ich ja gar nicht. Ich zeige nur meine Bäume.
Gruß Bernd
"ERWEITERN SIE IHRE INTERESSEN! Es gibt mehr auf dieser Welt als Fußball, Pornoseiten und Bonsaipflege!" Dieter Nuhr in: Der ultimative Ratgeber für Alles

Benutzeravatar
abardo
Freundeskreis
Beiträge: 4662
Registriert: 21.09.2014, 20:35
Wohnort: knapp neben Berlin
Kontaktdaten:

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von abardo » 10.01.2018, 11:26

Hi,
an meinem Haus gibt es mehrere kleine Aussenhöfe und einen Vorhof an der Haustür, von innen sind die alle durch kleine und auch grosse, bodentiefe Fenster einsehbar. In den Höfen hab ich dann flache Mauern, Podeste aus Naturstein, auch Holzpodeste etc und kann nach Lust und Laune Bäume plazieren und präsentieren. Von drinnen hat man dann, egal in welchem Zimmer man ist, immer einen einem Blick auf eine Niesche oder Hof und kann immer einen Baum betrachten.

Das fällt Besuchern nicht immer auf, die sind es kaum gewohnt aus dem Fenster zu gucken. Warum ? Keine Ahnung. Ist für mich eine normale Verzahnung von innen und aussen. Der Sinn einer solchen europäisch geprägten Präsentation ist für mich, die Natur an mich ranzuholen. Bäume in der Nähe zu haben, die Natur im Detail und in gestalteter Harmonie betrachten zu können.

Im Wohnzimmer gibt es noch eine Niesche (leider nicht wirklich tief), in der normalerweise ein gutes Bild hängt. Beleuchtet. Auch da stelle ich ab und zu einen Shohin mit Beisteller hin, ganz klassisch, dass fällt dann schon eher auf, wenn man mit Gästen auf dem Sofa sitzt und ist ein wunderbarer Platz, um mal kurz abzuschalten.

Solche "Ecken" gibt es bestimmt in vielen Wohnsituationen. Obs der Flur vor der Wohnungstür, das Treppenhaus, der Balkon, ein Erker oder ein Sideboard ist (da fällt mir gerade das Video von Jupp bei Carlos Hebeisen ein, der auch im Wohnzimmer auf einem Sideboard seine Kusamonos arrangiert, siehe viewtopic.php?f=11&t=46297&p=511617#p511006)
Grüße, Frank
___________
Keine Prinzipien, keine Parolen - http://BONSAI.ZONE

Berndbonsai
Beiträge: 863
Registriert: 05.04.2007, 15:11
Wohnort: zwischen Neckar und Alb

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von Berndbonsai » 10.01.2018, 18:06

Übrigens: den Flur finde ich als Präsentationsplatz meist nicht sooo geeignet. Erstens geht man da einfach durch. Selten steht da jemand und nimmt sich Zeit um etwas zu betrachten und zweitens rennen da manchmal Kinder durch, Lasten werden durchgetragen und da könnte ein Baum leicht beschädigt werden. Daher würde ich den Flur nicht zur Präsentation nutzen.
Gruß Bernd
"ERWEITERN SIE IHRE INTERESSEN! Es gibt mehr auf dieser Welt als Fußball, Pornoseiten und Bonsaipflege!" Dieter Nuhr in: Der ultimative Ratgeber für Alles

Benutzeravatar
Lärad
Beiträge: 2
Registriert: 13.05.2012, 23:32

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von Lärad » 10.01.2018, 23:43

Danke für die ausführlichen Reaktionen. Sie haben auf jeden Fall schon meine Fantasie angeregt.

Frank, dein Vorschlag mit dem Flur hört sich vielversprechend an. Bernd hat aber sicher recht, um die Sache praktikabel zu halten müssen einige Punkte beachtet werden. Jetzt muss nur noch mein Flur umgebaut werden :lol:. Kommt auf den Merkzettel für den nächsten Umzug.

Die Lösung mit dem Sideboard bei Carl Hebeisen, gefällt mir sehr gut. Kommt auf den Einkaufszettel.

Bernd, dein Beispiel mit dem Besprechungstisch hört sich schon fast nach der Ideallösung an. Vor meinem Auge seh ich einen schlichten, funktionalen Rahmen, der auch ohne Gestaltung auskommt. Wenn ich will, kann ich die japanischen Regeln leicht übertragen. Trotzdem etwas eigenständiges und keine Nachahmung. Zusätzlich gibt es durch die Kunden einen eingebauten Motivator für eine regelmäßige und qualitative Präsentation. Schön, wenn man eine solche Möglichkeit hat. Kommt auch auf den Merkzettel.

Franziska, ich bin glaub ich nicht so weit entfernt von dir. Mir gefallen traditionelle japanische Tokonomas als Betrachter sehr. Neben den schon genannten Punkten sind sie für mein Zuhause aber zu uniform und streng. Gerade diese Punkte sind für mich als Anfänger aber auch eine große Hilfe. Sie machen die Tokonomas für mich als Betrachter verständlicher und vergleichbarer. Über sie lässt sich einfach mit anderen reden und so ein Lernfortschritt erreichen, aus dem dann individuelle Lösungen entstehen können.
Deine Bedenken gegenüber einem Bonsai auf dem Esstisch kann ich nachvollziehen. Auf einer großen, langen Tafel kann ich mir Bonsais gut vorstellen, auf meinem Esstisch aber nicht. Vielleicht würde ein Literat passen oder ein Shohin mit kleinen Blüten, fehlt mir aber noch.
Ich hab fürs erste eher an Kusamonos gedacht. Da würde ich auch eher zu dem Blühende tendieren oder mehrere Pflanzen in einer Schale.
Für den Anfang habe ich an Gelegenheiten gedacht, an denen der Tisch trotz Gästen nicht allzu voll steht. Also eher das Kaffekränzchen als das Weihanchtsessen.

Die Fragen versteh ich zwar rhetorisch, ich beantworte sie aber trotzdem, vielleicht ergibt sich daraus noch etwas.

Was soll mit einem Tokonoma erreicht werden?
Ein Gesamtbild vervollständigen/aufwerten. Dieses Bild ist in der Regel veränderlich und muss dementsprechend regelmäßig verändert werden.

Soll es mir allein oder evtl. Besuchern etwas bieten?
Allein für mich, wäre mir der Aufwand zu groß. Ich kann mich an meinen Pflanzen auch erfreuen, wenn sie neben dem Kompost stehen. Bei Gästen ist das etwas anderes. Für sie kann es aber nur ein Angebot sein.

Soll es etwas "erzählen" oder wie ein Rahmen um ein Objekt herum im Hintergrund bleiben?
Ich versuche, auch mit meiner sonstigen Einrichtung und Kleidung etwas zu erzählen. Ich weiß aber auch, dass dies nicht jeder lesen kann oder will (manchmal auch von Vorteil). Deshalb hat auch ein schöner Rahmen seine Berechtigung.

Benutzeravatar
abardo
Freundeskreis
Beiträge: 4662
Registriert: 21.09.2014, 20:35
Wohnort: knapp neben Berlin
Kontaktdaten:

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von abardo » 11.01.2018, 07:57

Hi,
der Sinn oder Zweck einer japanischen Tokonoma ist in der japanischen Kultur (in der Art, wie man Gäste oder den Hausherrn ehrt, der Meditation, im Hausbau, in Traditionen) verankert. Er ist Allgemeingut und für Japaner somit adhoc verständlich.
Hier haben wir jetzt Beispiele gelesen, warum sich jeder Einzelne eine Präsentation mit Bonsai oder Kusamono wünscht.

Was wäre jedoch unser kulturelle Zweck, der allgemeine Ansatz aus unserer Kultur und Tradition heraus, um so etwas zu entwickeln ?
Grüße, Frank
___________
Keine Prinzipien, keine Parolen - http://BONSAI.ZONE

fza
Freundeskreis
Beiträge: 333
Registriert: 30.11.2017, 07:47

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von fza » 11.01.2018, 11:09

Hallo Adrian, ja, die Fragen waren zumindest teilweise rhetorisch gemeint. Da ich selbst Anfänger (oder Pre-Bonsaianer? :-D ) bin, stelle ich mir selbst diese Fragen. Einen besonderen Impuls in diesem Zusammenhang bekam ich übrigens durch einen von Franks Threads, nämlich diesen: viewtopic.php?f=122&t=40719

Als noch-nichtmal-Neuling lese ich viel und empfinde diese Unmenge an Informationen aktuell als Art Reizüberflutung - logisch, ist Winter, viel tun kann man jetzt nicht, außer Lesen und Nachspüren, ob dieses Hobby etwas für einen sein könnte und wenn ja, in welchem Umfang. Neben der ersten Faszination drängte sich mir sehr schnell der Gedanke auf: "Wenn Bonsai den ganzen Schnickes drumrum mit beinhaltet, dann isses eher nix für mich".

Nicht, daß mir Beisteller, "asiatische Gestaltung", kultureller Hintergrund oder Schalenkunde nicht gefallen würden, aber es hat mit mir selbst halt weniger zu tun. Da kam mir Franks Text gerade Recht.
abardo hat geschrieben:
11.01.2018, 07:57
Was wäre jedoch unser kulturelle Zweck, der allgemeine Ansatz aus unserer Kultur und Tradition heraus, um so etwas zu entwickeln ?
Mit der Frage tu ich mich schwer, weil ich bzw. mein Hintergrund in vielen Bereichen eh schon aus dem Rahmen "gemeinsame" Kultur und Traditionen rausfällt. Kurzform: ich wuchs in verschiedenen Institutionen auf, mein gewohntes Umfeld waren keine Wohnungen sondern eben lange Flure, große Säle, christliche/katholische Symbole wie z.B. Schaukästen mit entsprechenden Darstellungen, Bildern oder Gegenständen, die zum Nachdenken, Verweilen, "In-sich-Gehen" einluden - durchaus ähnlich dem, was ich bis jetzt über die Funktion von Tokonoma verstanden zu haben glaube. Entgegen dem Eindruck, die katholische Kirche zeichne sich durch voluminöse Üppigkeit aus (was die Einrichtung der Sakralbauten angeht stimmt das ja auch) lernte ich während meiner Jugend im Rahmen von "Einkehrtagen" das stille Reflektieren über bestimmte Themen inkl. kargen Symbolen, Schweigezeiten, ruhiger Umgebung - alles Elemente, die ich in dem Wenigen, was ich über die "Funktion" von Bonsai und Tokonoma gelesen habe, wiederfinde. Also so eine Art meditative / spirituelle Elemente, die in mir verankert sind, auch wenn ich sie in meinem Alltag absolut nicht lebe.

Das empfinde ich durchaus als abweichend von dem von dir genannten allgemeinen Kultur und Tradition - einerseits. Und dennoch: ich bin mit einem Sachsen verheiratet, und so wie es im Westen auch heute noch vielen quasi "in Fleisch und Blut" verankert ist, wie man sich in Gottesdiensten verhält und was es mit dem christlichen Glauben / der Kultur auf sich hat, so ist es in der Heimat meines Mannes fremdartig, merkwürdig, vielleicht auch absurd. Wo könnte da der gemeinsame Ansatz sein?

Das Thema als solches finde ich spannend, weil: bildhafte "Sprache" braucht Elemente, die auch von "Außenseitern" verstanden wird, wenn sie über das bloße "Ui, dat is hübsch" hinausgehen sollen.

Sanne
Beiträge: 5737
Registriert: 01.02.2009, 19:09
Wohnort: Norddeutschland

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von Sanne » 14.01.2018, 16:11

Hallo,

vor ca. 10 – 15 Jahren hatte ich nach der Renovierung mir neue Möbel gekauft und mir meine Wohnung etwas im asiatischen Stil eingerichtet. Von daher habe ich vielleicht das Glück, dass meine kleine Tokonoma gut dazu passt.

Das ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber mir gefällt es gut.

Vielleicht räume ich irgendwann mal den riesigen Kleiderschrank ins Schlafzimmer zurück, so dass ich in meinem Bonsai-Arbeitszimmer mehr Platz für mein Sammelsurium habe. Aber leider wird das ein ziemlich großer Aufwand werden.

Gruß, Sanne
Dateianhänge
Tokonoma.jpg
Kleiderschrank im japan. Stil.jpg
chin. Kommode.jpg
Bild in der Küche.jpg

Benutzeravatar
tokonoma
Beiträge: 1458
Registriert: 13.02.2011, 12:26
Wohnort: Südbayern

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von tokonoma » 14.01.2018, 19:42

Guten Abend,

in meiner Verwandtschaft haben einige eine Pflanzen-Nische namens Blumenfenster. Das hat mich damals auch angesteckt. Andere Jungs gingen auf´s Fußballfeld und ich hatte schon als Kind mein erstes Blumenfenster in Hydrokultur gepflegt und meine ersten Erfahrungen gemacht.
Fest installierte Tokonoma hat keiner und man würde diese auch nicht verstehen.

Ciao

Rainer
Bonsai Regionalverband Bayern - www.Bonsai-Bayern.de
www.Bonsaifreunde-Holledau.de

Benutzeravatar
Bonsette
Freundeskreis
Beiträge: 1039
Registriert: 12.01.2013, 20:12
Wohnort: Nähe Teutoburger Wald

Re: Gedanken zu einem deutschen Tokonoma

Beitrag von Bonsette » 08.03.2018, 16:03

Gestern habe ich meine Bäume wieder vom Dachboden geholt. Im Wohnzimmer waren sie kurz zwischengelagert, bevor ich sie draußen auf dem Regal wieder einsortiert habe. Wie einige da so auf dem Sideboard, Tisch, ... standen, musste ich an diesen Thread zum deutschen Tokonoma denken. An einigen Plätzen haben die Bäume mir nämlich ganz gut gefallen.
Mit diesen Beispielen belebe ich den Thread jetzt mal wieder:

Z. B. auf dem Raumteiler neben dem Esstisch, da sieht man öfter mal hin.
03.jpg
Oder auf der Ablage, wo sonst irgendwas rumliegt - da ist ein Baum mit dem Bild darüber an der Wand viel ansehnlicher.
04.jpg
Und ein anderes Beispiel, das ihr schon aus meinem Wacholderthread kennt, ist die ungenutzte Nische im Flur, wo jetzt eine alte Orgelpfeife steht und als Podest genutzt werden kann.
02.jpg
Unser kultureller Zweck, Bäume ins Haus zu holen, ist sicher nicht so vielschichtig verankert wie in Japan die Gestaltung eines kompletten Tokonoma. Aber die Natur hat man sich in unserem Kulturkreis doch auch schon immer gerne ins Haus geholt. (z. B. Weihnachtsbaum, Adventskranz, Barbara- und Osterzweige oder Blumensträuße und Gestecke passend zur Jahreszeit, ...)

Eure Ideen zur Tischdekoration finde ich auch spannend, habt ihr da vielleicht schon etwas ausprobiert, das ihr uns zeigen mögt?
Und Frank, deine von innen einsehbaren Aussenhöfe, wo die Bonsai auf Podesten stehen, ist eine schöne Idee und für die Bäume ja auch noch besser als im Haus.

LG
Steffi

Antworten