Wie man zum Saatgut kommt

Andreas Ludwig
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Wie man zum Saatgut kommt

Beitrag von Andreas Ludwig » 20.01.2007, 17:48

Endlich - das Rezept für die Aussat.

Es ist sehr einfach, wie die meisten Dinge rund um das Thema Bonsai einfach sind. Im Weg steht meistens nur unser grosses Unverständnis für die Lebensweise von Pflanzen. Wir sausen rum - sie stehen still; wir erheben uns über jede klimatische Vorgabe - sie sind perfekt angepasst an den Wechsel der Jahreszeiten. Das realisiert man plötzlich, wenn man etwas an einer Pflanze machen sollte und wird verunsichert. Daraus resultieren dann all die hilflosen Anfragen in Foren. Nur Mut. Einfach mal machen. Hat man diese Schwelle überwunden, ist man schon auf dem besten Weg.

Also los.

Erst mal nehmen wir unseren Granatapfel und schneiden ihn entzwei. Die Hälften werden mit der Zitronenpresse ausgedrückt, der Saft kommt in ein Glas. Er ist wirklich nicht übel, ich empfehle, ihn roh und temperiert oder aber mit Vodka auf Eis zu geniessen.

Das Mus mit den Kernen habe ich einen Tag in einem weiteren Glas mit Wasser aufgefüllt stehen lassen. Das Wasser zersetzt die Fruchtreste etwas, die Kerne lassen sich dann leichter davon trennen. Das ist wichtig, die Fruchtreste würden sonst schimmeln, was leicht auf die Kerne übergreift.
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Andreas Ludwig
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Beitrag von Andreas Ludwig » 20.01.2007, 17:52

Weiter gehts:

Die Kerne lassen wir einfach so trocknen. Nicht alle, ich hab mal zwei Dutzend genommen. Das ist eine gute Zahl, man kann sich Verluste leisten und die Saatboxen im Baumarkt haben meist 6 oder 12 Einteilungen.

Das ist alles? Das ist alles. Keine Stratifikation? Nein - wozu auch? Weshalb sollte ich die Kerne einer Pflanze kühlen, die aus warmen Breitengraden stammt? Wir erinnern uns - Iran, Afghanistan, Spanien sind die Lieferanten der Granatäpfel. Daran sollten wir uns orientieren, nicht an Rezepten für die Stratifikation einheimischer Arten. Also einfach trocken liegen lassen.
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Beitrag von pk » 20.01.2007, 23:25

Eine Zitruspresse habe ich bei meinen kleinen Äpfeln zwar nicht gebraucht, aber sie liegen nun zum trocknen und warten auf weitere Anweisungen. Meine Kerne sind alle weiß bis leicht rötlich und einige wenige sind schwarz.
Wer auf Leichtigkeit abzielt, erlerne erst das Schwierige(Chin. Sprichwort)

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Beitrag von Andreas Ludwig » 20.01.2007, 23:43

Weiss bis leicht rötlich ist gut. Schwarz klingt schlecht. Sind die weich? Wenn ja - kaputt. Wenn nein - ein paar davon «kontrolliert» einpflanzen, also in einem eigenen Abteil. Vielleicht gehts ja. Dann wissen wir, dass schwarz bei Kernen der Punica granatum nana normal sein kann.

Darum auch meine zwei Dutzend Kerne. Bitte seht unbedingt davon ab, soviele Kerne wie zu gestaltende Bäumchen beiseite zu legen. Nehmt mindestens zehnmal so viel. Dann können wir ausprobieren. Erden, Standorte, Vorgehen. Das ist auch sehr wichtig, denn es vermittelt Gefühl für die Sache und schafft echtes Wissen. Ich freue mich schon auf die erste gesamtdeutsche Granatapfelkernkeimzeitpunktübersicht!

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Beitrag von pk » 20.01.2007, 23:59

Die Kerne sind alle fest. Allerdings hatte ich beim Aufschneiden des Apfels mit dem Messer, einige Kerne beschädigt. Deshalb habe ich den 2. Apfel mit den Fingern aufgebrochen. Habe jetzt ungefähr an die 50 Kerne herausgepult.
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Beitrag von Anastassia » 21.01.2007, 12:31

Also, ich habe das Fruchtfleisch vorsichtig abgeknabert, kann ich nur empfehlen, schmekt sehr gut. Ist aber sehr fummelig, habe einige Kerne zerbissen, aber die Ausbeute ist zufriedenstellend.

LG Anastassia

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Beitrag von Jarla » 24.01.2007, 19:01

Hallo Andreas und alle anderen,
ich habe inzwischen meine Kerne auch rausgepuhlt und lasse sie trocknen. Und wirklich ohne drängeln zu wollen: wie lange könnten die denn rein theoretisch ungefähr liegen bleiben ohne eingepflanzt zu werden?
Und noch eine Frage: Sind diese Samen Lichtkeimer? (Vermutlich nicht, sonst könnte man sie wohl nicht einfach offen liegen lassen, oder?)
Gruß
Jarla

Andreas Ludwig
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Beitrag von Andreas Ludwig » 24.01.2007, 20:38

Hi alle, hi Jarla

Lichtkeimer sind es wahrscheinlich nicht, obwohl deine Annahme wahrscheinlich auch nicht ganz zutrifft. Es ist nie ein einziger Faktor, der es ausmacht, «wahrscheinlich» schreibe ich, weil ich ehrlich nicht genau weiss, was in welchem Masse erfüllt sein muss, damit Punica keimt. Aber ganz sicher bin ich, dass es auch Wasser dazu braucht, sei es nur, um durch Quellkraft die Schale aufzubrechen. Erinnert ihr euch an dieses Experiment in der Grundschule, wo eine Flasche mit Erbsen gefüllt wird und etwas Wasser dazugegeben? Die Flasche wird gesprengt. Das ist Keimkraft. Solange die Kerne trocken sind, passiert also nichts.

Warum wir Punicas Kernchen liegenlassen, hat aber sehr viel mit dem Licht zu tun. Das braucht es nämlich NACH dem Keimen. Manche reden von der «Umfallkrankheit», manche meinen, das Saatgut sei schlecht, manche wissen gar nicht warum - Tatsache ist, dass zu frühes Keimenlassen in unseren Breitengraden oft zum frühen Tod des Keimlings führt. Das geht so: Das Ding keimt wie gewohnt, es wächst auch zwei, drei Tage wie gewohnt. Dann hört es aber nicht auf und bildet Blätter aus, sondern treibt weiter und immer weiter, bis der Stiel irgendwo mittendrin knickt und die kleine Pflanze stirbt. Lichtmangel. Lichtenergie ist - streng genommen - das einzige «Futter», das Bäume zu sich nehmen. Wir mampfen Kohlenhydrate, sie nehmen Licht auf. Weiss jeder, klar. Aber wieviel Futter braucht eigentlich so ein Baum?

Nachstehend eine kleine Tabelle, die sehr gut illustriert, was ich meine. Ich habe darin die Sonnenscheindauer in der Stadt Basel der Monate Dezember bis Mai der letzten 17 Jahre zusammengezogen und davon den Durschnitt aufgezeichnet. Ihr seht einen kleinen Sprung von 93 Stunden/Monat im Februar auf 141 Stunden/Monat im März und einen grösseren Sprung von 152 Stunden/Monat im April auf 213 Stunden/Monat im Mai.

Darum heisst der Mai Wonnemonat - es ist der erste Sonnenmonat. Darum krepieren zu früh gesäte Sämlinge - wer kann schon im Februar über 100 Stunden Sonne ersetzen ohne teure, aufwändige Anlage? Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass z.B. die Rotbuche ihre Blattknospen streng nach der Lichtmenge öffnet und gar nicht nach der Wärme. Völlig unabhängig von der Durchschnittstemperatur öffnen sich die Knospen dann, wenn die Lichtmenge stimmt. Neueren Untersuchungen zufolge liegt bei einigen einheimischen Gehölzen die Präzision, mit der sie Lichtmengen «messen», bei 2 Minuten pro Tag!

Also - unsere Statistik zeigt, warum wir noch etwas warten. Nicht bis Mai, wir dürfen ja mindestens die Keimdauer abziehen, aber schon noch etwas.
Zuletzt geändert von Andreas Ludwig am 24.01.2007, 22:31, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von Andreas Ludwig » 24.01.2007, 22:28

Dessert für mathematisch Begeisterte:

Die Lichtenergie bei einem bestimmten Einstrahlungswinkel entspricht der Energie bei senkrechter Einstrahlung mal dem sinus des Einstrahlungswinkel über dem Horizont.

(Übersetzt auf Bonsaideutsch:
Je flacher die Sonne über dem Horizont steht, umso schwächer ihr Licht und karger die Zeit für Pflanzen.)

verenchen
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Beitrag von verenchen » 24.01.2007, 22:30

Ah jetzt hab selbst ich es kapiert :wink:

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Beitrag von CamKnight 1 » 24.01.2007, 23:20

Mensch!

Das is ja mein Themengebiet. Also wenn es mal irgendwelche Fragen geben sollte bezüglich Strahlung, Temperatur, Energie und soweiter, sprich alles wofür ein Physik-Student sinnvoll sein könnte, könnt ihr die gerne an mich stellen.

In diesem Fall spielen natürlich noch sehr viele andere Faktoren eine Rolle. Nicht nur der Einstrahlwinkel.
Zu dem Thema kann ich mir ja mal Gedanken machen und was hübsches schreiben.

Gruß Martin

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Beitrag von Jarla » 25.01.2007, 16:52

Danke für diese sehr ausführliche Auskunft!
Gruß
Jarla

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Beitrag von O-Master » 25.01.2007, 19:46

Die Samen haben also bis ca. April Zeit, um ordentlich durchzutrocknen, sehe ich das soweit richtig?

Grüsse aus Tirol,

Oli

P.S.:Bei flacherem Einstrahlwinkel ist auch der Weg durch die Atmosphäre deutlich länger -> mehr Absorption und Streuung des Lichtes -> es kommt weniger Licht an und das auch noch in flacheren Winkel....
Grüsse aus Tirol,


Oli

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Beitrag von verenchen » 25.01.2007, 19:49

Wieso warten wir eigentlich nicht bis März und kaufen dann einen Granatapfel? Frische Samen sind doch in der Regel keimfähiger oder ist das nur ein Mythos?
Hab die Samen schon vorbereitet und in ein Schälchen zum trocknen gelegt :)

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Aliena
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Beitrag von Aliena » 25.01.2007, 20:11

Meine liegen auch bereit.
Was ne Schweinearbeit, weil ich nicht einen verlieren wollte und alle abgepuhlt habe. Mein Menne hat nur noch den Kopf geschüttelt.

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