Punica granatum im Winter

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Andreas Ludwig
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Punica granatum im Winter

Beitrag von Andreas Ludwig » 12.09.2007, 00:37

Es hat gerade jemand woanders erwähnt, wie tröstlich es doch sei zu erfahren, dass ein Mini schon mal vier Jahre braucht, bis er nach etwas ausschaut.

Dem entnehme ich eine gewisse Ungeduld. Also habe ich mir gedacht, ich bringe früh genug ein neues Thema auf die Schiene: Die Behandlung der Bäumchen im Winter. Wer darüber schon genug weiss, soll sich nicht unnötig belehrt fühlen, wenn ich zu ausführlich bin und Dinge erkläre, die schon oft erklärt wurden.

Wie bereits erwähnt, sind Granatapfelbäume «Kalthauspflanzen». Das ist offenbar ein schwieriger Begriff für viele. Kein Wunder, er erinnert eher an den Hausbau als an Bäume. Gehen wir es also andersrum an: Wo kommen die Dinger her? Iran, Türkei, Spanien, Israel, Marokko, auch südamerikanische Länder sind die Lieferanten der Speisegranatäpfel. Nimmt man einen Atlas heraus und schlägt die entsprechenden Klimakarten nach, sind diese Anbaugebiete alle in warmen, aber nicht tropischen Zonen. Uns ist der Begriff «mediterran» geläufiger. Wie ist es da?

Nehmen wir Genua als Beispiel, wo ein Teil meiner Granatäpfel zur Welt kam (ein Samen ist bei einem Baum ja ein schlafender Embryo, also darf man das schon so sagen): Da wird es im Winter auch kalt, geht aber nur selten unter Null. Wenn, dann wird der Boden allerhöchstens wenige Zentimeter einfrieren. Das ist dann aber bereits ein Ereignis. Tagsüber geht das Thermometer nicht mehr sehr hoch, kaum über 15 Grad. Die Luft ist eher feucht, wir sind ja am Mittelmeer.

Solche Verhältnisse haben wir in Deutschland und der Schweiz nur selten. Einige kleine Gebiete im süddeutschen Rheingraben, geschützte Ecken hier bei mir in der Nordwestschweiz und das Schweizer Tessin kommen nahe genug dran, es sind die Gebiete, wo gewisse Palmenarten draussen gedeihen. Oft ist es aber nur ein Tal oder nur der Südhang eines Tals, Vorsicht ist also geboten. Darum wurde das «Kalthaus» erfunden.

Früher gab es das Kalthaus von selbst. Wer gerne liest, hat sich vielleicht schon gewundert, wie problemlos offenbar früher die Kamelien gediehen, eine Kalthauspflanze, die heute oft als schwierig bezeichnet wird. Der Grund ist ganz einfach der, dass man zu Zeiten der Holzheizung immer einen oder mehrere Räume im Haus hatte, die als «Kalthaus» dienen konnten. Sie blieben kühl, aber frostfrei und hatten Fenster. Das ist es dann auch schon - unter solchen Bedingungen hat man kaum Probleme mit mediterranen Pflanzen.

Gehen wir nochmals kurz nach Genua: Da scheint manchmal die Sonne, manchmal nicht, manchmal regnet es, manchmal geht bloss Wind - logisch, was sonst? Ich erwähne es zur Entlastung all derer, die irgendwo Angaben zu den Bedingungen für Kalthäuser lesen und danach in Sorge sind, ob 9 ºC genügen, weil im Buch stand, es sollten 12 ºC sein. Die Autoren geben immer eine Bandbreite an, meist den etwas engeren und sichereren Rahmen von 5 ºC bis 12 ºC, manchmal auch den etwas weiteren von 0 ºC bis 15 ºC. Das ist alles richtig, auch starke Schwankungen in diesen Bereichen sind kein Problem. Die beiden Grenzpunkte sind einfach Frost und Austriebstemperatur.

Theoretisch alles so schön einfach, aber wie macht man das in einem modernen, komplett durchgeheizten Reihenhaus? Man geht es praktisch an. Das Licht kümmert uns zum Glück nicht, es ist ja kein Laub an den Bäumchen. Im Prinzip kann man Granatapfelbäumchen also im Keller überwintern. Die einzige Gefahr ist dann, dass man das Giessen vergisst - sie sollten auch den Winter durch leicht feucht haben. Das gleiche gilt für ungeheizte Dachböden.

Viele Hausverwaltungen sind schon so klug, das Treppenhaus nicht zu heizen, ein Vorteil für uns. Treppenhäuser sind sehr gute Kalthäuser. Nur (ebenfalls unbeheizte) Wintergärten sind noch besser. Man kann sich natürlich auch etwas aus dem grossen Angebot der Balkoninstallationen aussuchen, eine Frage des Geldbeutels wie das Überwintern beim Bonsaihändler, was auch angeboten wird. Bloss ein Hinweis zu den «Aufklapptreibhäusern»: Je kleiner ein Raumvolumen ist, umso stärker werden die Temperaturschwankungen im Innern. Das weiss jeder, der schon einmal Sämlinge in einem Minitreibhaus gedämpft hat, aber die Hersteller offenbar nicht...

Noch ein paar FAQs (frequently asked questions):

Es wird immer kälter - muss der Baum schon rein?
In Genua wird es auch immer kälter jetzt. Er bleibt draussen, solange es geht, also bis Frost kommt. Da fühlt er sich am wohlsten.

Ich kann nicht ausschliessen, dass es mal unter Null geht. Was nun?
Keine Panik. Auch in Genua und Jerusalem schneit es manchmal. Es sollte bloss nicht tagelang andauern.

Was ist, wenn es zu warm wird?
Ist es eine Weile 15 ºC und drüber, wird der Granatapfelbaum zaghaft austreiben. Dann sollte man ihn nicht in die Wohnung nehmen, sondern wieder kühler stellen. Manchmal vertrocknen die Triebchen, manchmal kommen sie durch. Knospen, auch schlafende, sind genug da, wenn er nicht wirklich voll ausgetrieben hat.

Muss ich giessen und düngen?
Giessen ja, düngen natürlich nicht. Ein- bis zweimal die Woche den Boden nass machen reicht meistens.

Kann ich drahten?
Sogar wenn es schon etwas zu drahten gibt - ich würde es lassen. Die Triebe sind im Frühling, wenn die Knospen hellgrüne Spitzchen kriegen, markant biegsamer. Die dünnen Ästchen von Granatapfelbäumchen haben die dumme Angewohnheit, an der Ansatzstelle abzubrechen. Aber schneiden kann man, wenn man schon mal die Struktur sieht. Na - vielleicht nächstes Jahr jedenfalls.

Meine Punica steht im Kalthaus, es ist Februar und sie treibt aus wie wild - was tun?
Soviel Licht wie möglich geben. Die Triebe werden lange Internodien (Blattabstände) haben, aber das ist besser für den Baum als wenn alles abgehauen wird...

Die Erde schimmelt!
Das gibts. Gewöhnlich beschränkt sich der Schimmel auf die oberste Erdschicht und macht dem Baum nichts. Etwas weniger giessen, trockene Blätter und ähnliches von der Oberfläche entfernen. Nicht zuviel Erde abtragen, sonst kommen die Wurzeln evtl. zu nahe an die Oberfläche und vertrocknen. Im Frühjahr brutzelt die Sonne den Schimmel dann weg.

Wann kann ich umtopfen?
Ebenfalls, wenn die Knospen grüne Spitzchen kriegen. Vorher nicht, das Risiko der Austrocknung ist massiv höher!

Wie kann ich kontrollieren, ob die Temperaturen stimmen?
Es gibt kleine Digitalthermometer mit Speicherfunktion für Höchst- und Tiefsttemperatur. Klingt extraterrestrisch, ist aber simple Chinaware für 5 Euro oder so. Die sind sehr gut. Mit der Zeit hat man es dann «im Handgelenk».

So. Auf zur Kalthaussuche.
Weitere Fragen beantworte ich gerne.

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_Anne_
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Beitrag von _Anne_ » 12.09.2007, 13:21

Vielen Dank, Andreas!
viele grüße, anne

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BatzeMicha
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Beitrag von BatzeMicha » 12.09.2007, 15:59

Jap dankeschön. *hello* *kiss*

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der1
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Beitrag von der1 » 09.10.2007, 15:11

Auch von mir einen herzlichen Dank, Andreas.

Da das Minimax-Thermometer schon Tiefsttemperaturen von 1°C angezeigt hat, werd ich einfach mal verstärkt drauf achten, wie sich die Temperaturen in den nächsten Tagen entwickeln. Ein lauschiges Kellerplätzchen werd ich schon finden.

Liebe Grüße

Christian
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Re: Punica granatum im Winter

Beitrag von helge4u » 10.10.2007, 01:02

Vielen Dank für diesen lesenswerten, unterhaltsamen und lehrreichen Beitrag! Ich habe zwar noch keine konkrete Ahnung, wie ich die kleinen Punica überwintern werde, aber sie bleiben erstmal draussen. Und ich denke, ich werde sie eher draussen schützen, als sie ins Haus zu holen.
Grüße aus Hattersheim,
Helge

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pk
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Beitrag von pk » 10.10.2007, 21:38

Hi, letztes Jahr hatte ich meinen 4 Jahre alten Punica draußen im Foliengewächshaus überwintert. Teilweise hatte wir Temp. von -6°C. Er hatte es super mitgemacht. Allerdings würde ich ihm auch nicht mehr zumuten wollen. Und über einen längeren Zeitraum durchfrieren lassen, ich weiß nicht. Noch sind die Sämlinge ja jung, da könnten Verluste noch gut verschmerzt werden.
Wer auf Leichtigkeit abzielt, erlerne erst das Schwierige(Chin. Sprichwort)

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spiritkanu
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Beitrag von spiritkanu » 08.01.2008, 16:58

Jetzt möchte ich auch mal was zum Thema Winter schreiben.
Ich habe meine Granatäpfel zusammen mit den Oliven im ungeheizten und hellen Treppenhaus, wo es zwischen 12 und 15 Grad hat, und das eine oder andere zarte Grün beginnt auch schon zu sprießen. Andererseits bin ich ein aufmerksamer Beobachter der Outdoor-Verhältnisse auf dem überdachten Balkon. Dort habe ich in einer Wandnische, also windgeschützt, alle meine Outdoors in Rindenmulch versenkt. Die Temperatur fiel an dieser Stelle noch nie unter -5 Grad, obwohl es weiter draußen auf der Straße schon mal bis -8 ging. Seit über drei Wochen habe wir eine recht stabile Inversionslage, d.h. aufgrund von zähem Hochnebel ist es unten kalt und oben mild. Konkret bedeutet das in Wien konstante Temperaturen um -3 Grad seit drei Wochen, wobei keine nennenswerten Tag- und Nachtunterschiede auftreten. Nun meine Frage: Einerseits sind Granatäpfel dafür bekannt, dass sie durchaus leichten Frost vertragen, würden sie aber auch sogenannten leichten Frost von -3 bis -5 Grad über einen Zeitraum von drei Wochen vertragen? Ich habe eine Eßfeige auf dem Balkon überwintert, der macht das noch gar nix. Da es auch n kalten Wintern auf meinem Balkon kaum unter -5 Grad bekommt stelle ich mir die Frage, kommenden Winter auch für die Granatäpfel den Outdoor-Versuch zu wagen. Was sagt ihr?
Servus,
Reinhold

Bonsaiclub Wien

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Beitrag von Andreas Ludwig » 08.01.2008, 18:02

Machs.

Aus dem ganz einfachen Grund, dass du es nachher weisst, ob es geht oder nicht. Es wird viel zuviel diskutiert, erwogen, angezweifelt und theoretisch deduziert, ob es nun um Überwinterung, Akadama, destilliertes Wasser oder Raffia geht. Das ist sehr menschlich - wir haben das ja bekanntlich bis zur Religion gesteigert - aber komplett unnatürlich.

Wir haben ein nettes Chanson in der Schweiz, das etwa besagt: «Alle sagen, wo kämen wir hin, wenn alle das täten, aber keiner geht hin um zu schauen, wo wir dann hinkämen».

Nimm halt einfach nicht den besten und teuersten Baum. Meine Prognose: Es geht, solange kein Eisregen und kein austrocknender Wind kommt. Ein Bier für dich, wenns schiefgeht.

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