Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Der richtige Ort Bonsai (Baum in Schale mit gewisser Reife) vorzustellen und zu präsentieren. Der Threadersteller möge bitte im Eröffnungsthread darauf hinweisen wenn allgemeine Kommentare unerwünscht sind. Andernfalls stellt sicher, dass ihr etwaige fachliche Kritik durch die "DREI SIEBE" gesiebt habt!

Wie gefällt Euch dieser Bonsai

Umfrage endete am 28.01.2012, 07:24

Das ist so ziemlich der hässlichste Bonsai
23
4%
Der ist so hässlich, dass er wieder schön ist
57
10%
Das ist kein Bonsai
7
1%
Das ist ein naturalistischer Bonsai
13
2%
Den finde ich ganz toll
36
7%
Der ist mir unheimlich, aber er ist richtig gut
82
15%
Der bricht alle Regeln
78
14%
Den hätte ich liebend gerne
44
8%
Der würde auf jeder Ausstellung in der Luft zerrissen
33
6%
Da würden die Leute andächtig davor stehen
26
5%
Da war ich beim ersten Anblick erschrocken
67
12%
Wenn das Bonsai ist, dann eröffnete er eine neue Dimension
23
4%
Statt so was hätte ich viel lieber Bilder von schönen Bonsai
6
1%
Da können einige noch was lernen
43
8%
Das ist nicht gut, da lernen Anfänger das Falsche
7
1%
 
Insgesamt abgegebene Stimmen: 545

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greenhorn187
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von greenhorn187 »

Ich versuche beim betrachten solch ungewöhnlicher gestaltungen alle lehrbuchbilder gaaanz weit weg zu schieben.
stattdessen denke ich mir folgendes:
ich mache einen spaziergang durch die natur und entdecke diesen baum...was denke ich?
ich denke was über die jarhunderte(?) mit diesem baum geschehen sein mag.

und der letzte gedankest doch dass dieser baum häßlich ist!?
ich denke-DEN muss ich meiner familie zeigen, den muss man gesehen haben. der verändert die vorstellung eines baumes!
...noch acht minuten bis zur endlosen finsternis...


zwanziger
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von zwanziger »

Totoro,
hähä ja das würde ich machen,
ich bin ja kein Familienmitglied.
Ich würde da schneiden, knipsen, abspannen usw. um die Seele frei zu legen.
Allerdings denke ich der Baum ist bewusst so gestaltet um Aufmerksamkeit zu erregen.
Naja alles wage Vermutungen,
Walter wirds aufklären.
MfG André

Hummel Hummel, Mors Mors

Alex_B
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von Alex_B »

Hallo,

der Baum polarisiert sicherlich; es wird hierzu niemand KEINE Meinung haben - und das ist aus meiner Sicht ebenfalls ein wichtiger Aspekt. Wir beschäftigen uns mit solchen Bäumen und setzten uns mit den verschiedensten Themen (Technik, Stil, Ästhetik, etc.) auseinander. Alleine das könnnte ich mir vorstellen ist schon ein Aspekt von Walter den Baum einzustellen.

Auf den ersten Eindruck gefiel mir der Baum spontan gar nicht - je länger ich mich damit beschäftige um so interessanter finde ich das Material und die Gestaltung. Wir alle möchten doch Bäume haben (zumindest viele von uns) die "eintigartig" sind, "Charakter haben" oder ähnliches und über welche die Leute reden. Auch dies alles erfüllt der Baum. Die Ästhetik jedoch muß für sich jeder selber in der Natur finden.

Zufällig habe ich die Woche auch einen Bericht im TV gesehen, der ähnlich gewachsene Bäume zeigt - die Süntel-Buchen in den Herrenhäuser Gärten in Hannover (hier mal ein Link http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCntel-Buche). Solche Stilbrüche zu sonst allseits bekannten Wuchsformen kommen also durchaus auch in der Natur vor.

Ich finde den Baum auf jeden Fall sehr spannend!

Beste Grüße
Alex
“Nichts ist so beständig wie der Wandel” (Heraklit von Ephesos)
www.ak-bonsaileipzig.de

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mati
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von mati »

Der Baum hat etwas dramatisches einen Bruch zwischen Natur und Kultur eine verbindung von Gegensätzen. Durch diese ambivalenz nimmt der Baum mich beim betrachten mit und verändert etwas in mir.
Es gilt zwar auch immer wieder das Efekte Defekte sind, denoch hier ist eine perfekte Gradwanderung abgebildet, der Baum geht über das handwerkliche hinaus er hat Existenzkraft.
Für mich ist das große Kunst.

mati

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Reiner
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von Reiner »

Ich würde glatt meinen besten Baum dafür hergeben.
Deine Organe kommen nicht in den Himmel! Spende rettet Leben.

Reiners Bonsai Blog

marius
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von marius »

typisches twoface halt. oder halt der typische autounfall. man weiß, man sollte nicht hinschauen, aber weggucken kann man auch nicht. ;)

seelenlos, aber zu gleich auch irgendwie interessant. spitzfindig, aber zu gleich auch einfallslos. gegen jede gestaltungsregel im bereich bonsai, aber gärtnerisch dafür um so beeindruckender. häßlich wie die nacht, aber durchaus humorvoll unterhaltend.

insofern ist der baum ente und schwan zu gleich. und er ist ein blender vor dem herren sowie eitel, aber ebenso kalt.

als mensch wäre er wohl in der öffentlichkeit erfolgreich, aber ein privat menschlich gescheiterter. eine art micheal jackson der bonsaiscene.

gruß marius

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Anja M.
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von Anja M. »

Walter Pall hat geschrieben: Was denkt Ihr?

Skuril, nicht artig, expressionistisch mit etwas Zuckerguß.

In der Tat finde ich den Baum aus 1995 stimmiger, jetzt ist er bei der Verzweigung für meine Begriffe überzeichnet.

Das Nebari läßt ihn riesig wirken. Das hat was.

Der 'Trick' mit dem Ast erinnert an das Sprichwort eines Profs: Aus der Not eine Tugend machen, wenn schon tricksen, dann aber mit großer Geste bis auf den Boden.
73 Anja

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mohan
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von mohan »

Beim ersten Betrachten dachte ich gleich, dass es scheint als ob die reiche Verzweigung wie ein Mantel angelegt wurde, der den skurrilen Unterbau voller Scham umhüllt.
Viele Grüße
monika

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abconcept
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von abconcept »

als erstes würde mich brennend interessieren ob es ältere bilder von dem baum gibt, irgendwie kann ich nicht glauben das dieser stilmix/dieses ziel von anfang an geplant war. wobei schon auf dem 95er bild lässt sich die jetzige richtung klar erkennen.
mit blattwerk finde ich den baum fantastisch, ohne absolut grottig. ohne frage ist das ganze eine absolute technische meisterleistung, aber das ist auch alles. der baum wirkt auf mich so was von künstlich und unstimmig. der stammverlauf ist durchaus spannend und faszinierend (sicherlich nicht regelkonform, so wie der gesamte baum), aber was mich am meisten stört, ist die form der feinverzweigung (beneidenswert technisch gut). hier ist eine super perfekte krone herausgearbeitet worden die mit dem stamm/stammverlauf überhaupt nichts zu tun hat. so wie es auf dem 95er bild auf den ersten blick erscheint, aber nur auf den ersten blick, nämlich leichte etagen gefällt er mir richtig gut. in der richtung weiter geformt hätte er meiner meinung nach um ein vielfaches besser ausgesehen.
das ganze hat auch nichts mehr mit naturalistisch zu tun. für mich sieht das aus wie ein löwe mit tigerstreifen, will sagen unnatürlich/künstlich. selbst bei dem buchen-link handelt es sich um ungewöhnliche bäume, aber sie sind trotzdem alle stimmig und das ist hier nicht der fall.
trotzdem, hut ab vor der technik!!!

Liebe Grüße
Albin

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lager_indica
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von lager_indica »

Dieser Baum entspricht vordergründig nicht den üblichen Regeln.
- Die äußere Silhouette ist viel zu gleichmäßig.
- Das Nebari kommt zu hoch und geht nicht allmählich ins Erdreich über.
- Es gibt null Stammverjüngung.
- …

Sicherlich irritiert der erste Anblick, aber je länger in die Bilder betrachte, desto höher wird meine Ehrfurcht vor so einer Gestaltung.

Dieser Baum ist einmalig in seiner Komposition und verdient als Gesamtkunstwerk höchste Anerkennung.
Es ist die konsequente Umsetzung und Erhaltung einer Idee. Über mehrere Generationen wurde offensichtlich der Geist der Erstgestaltung weitergeführt.

Ein toller Baum, den ich nie wagen würde, in meine bescheidene Sammlung aufnehmen zu wollen.
(allerdings auch, weil mir die Idee der Erstgestaltung nicht zugänglich ist)

Gruß, Andreas

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Bergi
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von Bergi »

Ich habe zwar keine Erfahrung mit dieser Art, frage mich aber, ob diese Wuchsform - nicht nur der Wurzel, auch der Stämme - mit ihrer extremen Verwindung und Verknorzung "normal" ist oder ob - ähnlich eben wie bei der Süntelbuche - da auch ein genetischer Faktor dahintersteckt...
oder anders gefragt: kann man so was mit jedem normalen Ahorn machen?
"Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie." (F. Kafka)

Andreas Ludwig
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von Andreas Ludwig »

Skurril, Two-Face, nicht normales Wachstum, technische Meisterleistung, Geist der Erstgestaltung - er löst einiges aus, dieser Baum.

Wie kommt man ihm nahe? Vielleicht über die Urgrossväter. Ich krame mal: Da war Carl, ein Schneider, der vor meinem Alter 1900 an Tuberkulose starb. Das war damals verbreitet. Dann Johann Gottlieb, dem man eine Schottenuhr zur Hochzeit 1891 schenkte, die noch heute bei mir tickt. Ein Gehäuse dazu konnte er sich nie leisten, seine Frau starb an «Auszehrung». Besser erging es Jakob, der sich doch eine silberne Taschenuhr mit Mondphase leisten konnte und Arthur, von dem die Zinnkanne stammt. Der eine setzte seine Kinder auf ein Fuhrwerk und ging mit ihnen die erste Eisenbahn anschauen, da er für den Fortschritt war, der andere setzte sich nach einer Choleraepidemie für eine gefasste Frischwasserleitung ins Dorf ein. Ja, die guten alten Zeiten.

Und damals etwa hat also jemand diesen Ahorn angepackt. Was war damals dran? Ich vermute, ein dicker Zweig, der oben zu gestalten war. Vielleicht sah das aus wie eine Art Literat, sicher schmal und unspektakulär.

Was erbte der Grossvater? Wenig. Ich habe einen Laubbaum in etwa dieser Grösse seit 25 Jahren im Topf. Das ergibt eine wunderbare Borke, aber an einem schmalen Baum. Nichts für Leute, die gerne Kracher haben! Möglich, dass der nach oben abgehende Ast in der Krone erst aus dieser Zeit stammt, auch die tief angesetzten Nebenstämme.

So ging das weiter, in zweifellos kleinen Schritten. Noch 1995 sehen wir einen Baum, der etwa dem hier «naturalistisch» genannten Konzept entspricht mit seiner aufgelockerten Krone, heute eine geradezu provokant regelmässige Haube aus feinster Feinverzweigung.

Das sehe ich - einen langen, langen Prozess, der in vielen Schritten ablief (und jedesmal auch ganz anders hätte weitergeführt werden können!). Ich sehe den Mut, diesen Prozess gesamthaft zu erhalten, ihn aber auch eigenständig und durchaus launig weiterzuführen - bis zur Konterkarikatur. Das ist etwas komplett anderes als die geradezu besessen produktfixierte Haltung vieler von uns, die ein Ziel ansteuern, ohne sich zu fragen, was nach diesem Ziel sein wird. Ich sehe da den Stolz, etwas zu erhalten und gleichzeitig den Stolz, es neu weiterzubringen - und das nötigt mir tiefen Respekt ab.

Dieser Baum ist eine Geschichte. Vielleicht ein Märchen - aber was interessiert mich Realitätsbezug, wenn so schön erzählt wird.
It is not enough to be busy. So are the ants. The question is: What are we busy about?
(Thoreau)

MerschelMarco
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von MerschelMarco »

Der Baum ist schon eine harte Nuß.
Die übliche herangehensweise bei mir ist folgende:

1. Schlüssigkeit: Da fällt der Baum erst mal sowas von komplett durch, der ist sowas von unschlüssig und unlogisch wie etwas nur sein kann.

Daraus könnte man
2. eine künstlerische Aussage dahinter vermuten. Bin ich jetzt entweder zu beschränkt dafür, aber außer der gezielten Provokation über auf die Spitze getriebene Dissonanz finde ich keinen Zugang. Und Provokation um Ihrer selbst Willen war noch nie mein Ding. Andererseits ist Provokation meist eine kurzlebige Angelegenheit und dazu ist die Geschichte des Baumes viel zu lang

Also stehe ich ziemlich ratlos davor. Interessant, in der Form nicht gut aber dadurch dass er sich dermassen festsetzt irgendwie doch wichtig

Ein Erklärung könnte Andreas Ludwigs Beitrag sein.

So verstanden könnte ich den Baum nicht besitzen, der Verantwortung wäre nicht gerecht zu werden.

Grüße,
Marco

bering
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Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von bering »

Walter P. findet ihn gut, so konnte man lesen. Für mich wirkt er abstoßend, erzählt fast nur von Katastrophen. Vielleicht sogar Sinnbild für Natur, die in Fukushima-Boden wachsen soll: Das Nebari sträubt sich sichtbar gegen Bodenhaftung, will sich lösen. Der langweilige Stamm verjüngt sich nicht, sondern stoppt in einem Knubbel, aus dem heraus er von Menschenhand verspätet zu einem Interesse heischenden Ringelrein gezwungen wurde. Qualvoll.
Man ahnt einen langen Vater-Sohn-Konflikt in der Familie. Das Erbe wäre beinahe vertrocknet. Der Baum konnte nur mit wenigen Wurzeln unmittelbar unter dem Stamm neues Leben schaffen. Bis dann endlich wieder ein Meister seines Fachs sich erbarmte. Aber die zwischenzeitlichen Sünden seiner Vorgänger kann er nicht mehr verdecken. Schade.
Na dann - Prosit Neujahr.
bering
Landleben und anderes http://markhoff.me

Totoro

Re: Der ganz merkwürdige Ahorn - Umfrage

Beitrag von Totoro »

Hallo zusammen,

Andreas Ludwig hat es für mich am eindrücklichsten in Worte gefasst. Danke *daumen_new*

Diese Generationen-Bonsai fehlen uns Europäern halt noch. Oder auch nicht :) . Mir genügt es einen kleinen Teil im Werdegang eines Bonsai beizutragen. Meine Lebenspanne ist zu begrenzt ein "Ziel" zu erreichen.
Man müßte diesem Bonsai einen Namen geben, so vermenschlicht wirkt er auf mich.

Die "Yamadori"- Bonsai in Europa mit ihren bestenfalls 20-30 Jahren in der Schale sind etwas völlig anderes.


Gruß

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