Fragen und Antworten zum Ficus

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achim73
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Fragen und Antworten zum Ficus

Beitrag von achim73 » 09.08.2011, 18:06

Fragen und Antworten zu grundsätzlichen Dingen am Beispiel Ficus
von Andreas Ludwig

Vorbemerkung :
Dieser Artikel wurde aus einem Thread extrahiert. Wegen seines allgemeingültigen Charakters wollen wir ihn jedoch allen Anfängern zur Orientierung bereitstellen.

1. Was hast du da?
Einen Ficus retusa. Die einzige tropische Pflanze, die ich nach vielen noch habe. Das ist die gute Nachricht: Man muss schon arg blöd tun, um die kaputtzumachen. Tropisch schreibe ich, nicht «Indoor». Diesen Indoor/Outdoor-Quatsch sollte man sich gar nicht erst angewöhnen, sondern in Klimazonen denken. Vereinfacht gibt es deren drei, die für uns wichtig sind: Das gemässigte europäische Klima mit einer deultichen Winterpause für die Vegetation, das mediterrane Klima mit einer kühlen, aber frostfreien Winterphase sowie das subtropisch/tropische Klima, ohne Pause. Letzteres wird sehr hübsch dargestellt in Rambo-Filmen und anderem Schwachsinn: Grüne Dämmerhöhle, die immer etwas tropft. So, da kommt dein Baumerl her. Na gut - eher vom Waldrand als aus der Höhle, aber da tropft es auch. Schliess die Augen und fühl den Unterschied zu deutschen Landen. Aufgabe: Schreib eine Zusammenfassung deiner Eindrücke und diskutiere sie mit deinem Baum.

2. Was ist ein Substrat?
Na ja - die physiaklisch wirksame Masse, in der dein Baumerl steht. Der Rest ist Mythos. Es geht nur um Physik. Ein Substrat soll den Baum halten, Feuchtigkeit (inkl. Düngersalze) speichern ohne zu stauen und Luft zu den Wurzeln lassen. Das ist alles. Allerdings ist es natürlich so, dass man Kohle machen kann, wenn man den Leuten erfolgreich verklickert, dies oder jenes sei besonders gut für Bonsai. Cocohum/Boncoco (alles bloss Namen, es sind Kokosfasern) findest du an unzähligen Laternenpfosten und Ampeln in Städten, die sich als «Blumenstadt Europas» oder sowas bezeichnen. So fing das an, es war einfach ein Abfallprodukt der Weltwirtschaft, für das man Einsatzgebiete gefunden hat. Einer dieser findigen Köpfe hat angefangen, der Bonsaiszene zu erklären, dass Cocohum das Allerallerbeste für Bonsai sei. Ja gut. Das beste Persil aller Zeiten... Ich will mich nicht der Geschäftsschädigung verdächtig machen, aber ich verwende kein Cocohum. Ist mir zu kontrollintensiv. Es zerfällt zusehends, hat eine hohe Kapillarität - ich habs eher mit «Pall's Baum-Einstreu». Such nach Walter Pall/Substrat und du wirst finden, was ich meine. Aufgabe: Bis morgen alles hier über diese Stichworte lesen, eine Zusammenfassung schreiben und diese verinnerlichen.

3. Was sind Luftwurzeln?
Erstmal: Was sind Wurzeln? Kleine Saugrüssel, mit denen der Baum Wasser und Salze aufnimmt. Mehr nicht, wirklich nicht: Die weissen Wurzelspitzen haben weder Sonnenschutz noch vernünftige Rinde. Darum verrecken sie in trockener Luft innert Stunden. Daraus folgt, dass Luftwurzeln nur in nasser Luft gedeihen (genau - wenn es Rambo auf die Nase tropft!). Und wir sind..? Jepp. In Deutschland. Das ist ein trockenes Land, auch klimatisch. Wie also müsstest du verfahren, um Luftwurzeln..? Richtig - mit einem Terrarium, einem Luftbeutel, irgendwas in der Art. Aber dann müsstest du gut dafür sorgen, dass trotzdem Licht und Luft an den Baum kommt - du siehst das Problem, 100 % Luftfeuchtigkeit, aber frische Luft. Was mich angeht: In Florida machen einige Leute ganz tolle Luftwurzel-Bonsai und mir reicht das völlig. Aufgabe: Berechne, wieviele Stunden am Tag du aufwenden musst, um ein tropisches Klima für einen Ficus zu erzeugen. Rechne das in verlorene Lebenszeit um und multipliziere es mit dem Stundenlohn eines Aldi-Verkäufers (wahlweise eines Herzchirurgen). Wieviele Fici (wahlweise japanische Azaleen) könntest du dafür kaufen?

4. Wann schneidet man was?
Das müsstest du jetzt runterrasseln können: Wir sind nicht in den Tropen - der Baum aber dafür programmiert. Also wächst er, wann immer kann. Im Frühling, im Sommer und Herbst, auch im Winter - immer, wenn er es gut findet. Darum treibt er ständig. Bloss ist es nicht immer wirklich gut für ihn. Unser Sommer ist vergleichsweise trocken (ja, an Rambo denken!), da verdunstet viel Wasser durch die Blätter. Der Winter in der Wohnung ist noch viel trockener. Was folgt? Du kannst im Prinzip tatsächlich immer umtopfen, aber denk daran, dass die Wurzeln die Saugrüsselchen sind. Fehlen die, fehlt Versorgungsstoff. Wir reden nicht vom Wurzel-Gesamtvolumen, sondern von den weissen Spitzen aussen. Theoretisch musst du also die Blätter um 50% abhauen, wenn du die Wurzeln um 50% wegmachst. Praktisch kann dir aber noch eine trockene Phase dazwischenkommen. Es folgt: Umtopfen ist möglich, aber reduzier oben entsprechend und mach es lieber in einer etwas regnerischen Phase oder stell den Baum nachher halbschattig. Tipp: Wann immer dein Ficus frisch treibt, ist eine gute Zeit, weil es ihm dann gut geht. Aufgabe: Erkläre dir, wieso frische Triebe auf Gesundheit hinweisen.

5. Wieviel Sonne braucht ein Ficus? Wann ist sie hilfreich?
Was nochmal sind Wurzeln? - Kleine Saugrüsselchen, mehr nicht. Sie sind lediglich die Rohstofframpe. Und wer «macht» den Baum? Genau - das sind die Blätter, in denen die Photosynthese spielt. Die liefern die Bausteine, die Zucker der Zellulose, das Chlorophyll, all das wunderbare Zeugs, aus dem der Organismus besteht. Dazu braucht es Energie, die kommt aus der Sonne. Das bedeutet, dass ein Baum, zumal ein tropischer, bei uns soviel Sonne braucht, wie er kriegen kann. Für Ficus heisst das Sonne von Aufgang bis Untergang und das draussen, der Winter ist in Deutschland lang genug. Die Jalousie, die du runterziehst - macht die Sinn, wenn man es so sieht? (Jedenfalls, wenn der Umtopfstress mal vorbei ist, was nicht lange dauert?) Und wo sollte der Baum stehen..? Aufgabe: Berechne die Sonneneinstrahlung auf Bali oder in Südostchina und vergleiche sie mit den Werten für Deutschland. Entschuldige dich bei deinem Baum.

Oh - ich hab was vergessen. Die Sache mit dem Dünger! Was eigentlich eines meiner Lieblingsgebiete ist, denn da wird die Szene so richtig abgezockt - Bonsaidünger, Bonsaiblumendünger, Azaleendünger - und alles in der 50 ml-Flasche zu Chanel-Preisen...

NPK - Stickstoff, Phosphor, Kalium. Das sind die drei wesentlichen Bausteine jeder Pflanze. Meist ist vom Stickstoff mehr drin, weil der Wachstum fördert. Was wir in Flaschen, Dosen, Büchsen erwerben, enthält allemal im wesentlichen diese drei Gesellen. Aber ich erlaube mir, ein paar ganz private «Düngergesetze» anzuhängen, die ich so nenne, weil ich sie bislang nicht wiederlegen konnte:

1. Das Buffet-Prinizp
Ja, den Begriff habe ich mir von Walter Pall geborgt, das «kalte Buffet». NPK reicht nicht. Es muss auch etwas Molybdän sein, Eisen, am besten als Chelat, dann Schwefel, dies, das, jenes. Glaubt irgend jemand, dass in irgend einem Dünger alles sei? Ich nicht. Darum verwende ich mal dies, mal das, stets wechselnd, nie markentreu, in der Hoffnung, so gesamthaft das «kalte Buffet» hinzukriegen, das die Bäumchen wollen. Konkrete Antwort auf chris' Anliegen: Ja, diesen Düner würde ich auch nehmen. Und dann die annere Buddel, dann die annere... Aufgabe: Leg dir eine Liste der gesamthaft wichtigen Elemente und Verbindungen an, kleb sie auf Augenhöhe an den Badezimmerspiegel und tritt nicht mit den Zehen drauf.

2. Who needs what?
Eigentlich sollte ganz klar sein, dass ein ausstellungsreifer, alter Ahorn eine andere «Fütterung» verlangt als ein Baumerl, das noch 2 Zentimeter Stammquerschnitt vor sich hat. Ist es aber doch nicht: Da wird auch hier munter über den idealen Dünger für alles, immer, jederzeit diskutiert. Ne, ne - solange ich einen Baum «hochtreibe», darf da ganz viel Stcikstoff drin sein (kommt eh' alles wieder weg). Erst wenn er «würdiges Alter» erreicht hat (was ich vielleicht gar nicht mehr erlebe), fahren wir runter. Vorsicht vor «Insider-Geraune»! Auch ein Bonsai ist nur ein Baum. Aufgabe: Sieh deinen Bonsai als Pflanze, die eine eigenwillige Form hat. Wird sie in deiner Vorstellung zum Bonsai, beginne von vorne.
Gruss, Achim
"Der kürzeste Weg zum Glück ist der Weg in den Garten"
chinesische Weisheit


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