Abmoosen für Anfänger - der Ficus - ein erster Einstieg

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Holger
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Abmoosen für Anfänger - der Ficus - ein erster Einstieg

Beitrag von Holger » 06.04.2016, 17:21

Abmoosen ist eines der letzten ungeklärten Geheimnisse für Anfänger im Bonsaigeschäft - vergleichbar mit dem richtigen Drahten von Ästen (nicht zu Verwechseln mit dem Verdrahten, nach dem mancher Bonsai eher einem elektrischen Schaltkasten als einem Baum ähnelt....).

Warum wird überhaupt abgemoost? Es gibt unterschiedliche Gründe. Zum einen kann der untere Teil eines Bonsais, sei es zum Beispiel wegen einer unfeinen Verdickung oder wegen einem extrem schlechten Wurzelansatz, so geraten sein, dass man einfach mit dem oberen Teil neu beginnen will.

Auf der anderen Seite möchte man vielleicht von einem großen Bruder im Garten einen Teil als Bonsai weiterentwickeln.

Und zuletzt ist es auch manches Mal nur eine Frage des Hausfriedens. Es existiert - im Zweifelsfall halt ein Ficus (den hat ja jeder...) - zu Hause oder bei Muttern oder Tante oder Oma eine Pflanze, die im unteren Bereich ja schon einen schönen Stamm entwickelt hat, aber leider wollen diese Bonsai-Ignoranten nicht einsehen, dass man einfach diese Pflanze kappt. Oder man möchte von vornherein gleich mehrere Ficen in unterschiedlichen Stadien erhalten, um z.B. einen kleinen Wald zu probieren.

Hier ergibt sich dann die schöne Möglichkeit, das Abmoosen zu üben und den Hausfrieden zu wahren.

Bei mir war es ein Ficus, der schon viele Jahre als Zimmerpflanze hinter sich hatte und entsprechend ausgewachsen war - unten kahl und in der Krone dicht. Hier kann man mit wenig Aufwand die Zimmerpflanze wieder auf Vordermann bringen und noch ein bisschen für das Hobby rausschlagen.
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Hier das Ausgangsobjekt: Man sieht deutlich, dass der Ficus als Zimmerpflanze auch nicht mehr der schönste war...

Als erstes sucht man sich die Stelle, an der die Wurzeln der zukünftigen Zimmerpflanze liegen sollen, entfernt dort, soweit vorhanden, überflüssige Äste und beginnt mit dem Teil der Arbeit, bei dem man den Eigentümen der Pflanze lieber des Raumes verweisen sollte (bei mir war es die Ehefrau, sie wollte lieber nichts sehen, was ich ihrem Ficus so antue...).
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Mit einem scharfen Messer wird rund um den Stamm in einer Größe von zwei bis drei Zentimeter die Rinde entfernt - ist beim Ficus eine etwas klebrige Angelegenheit, aber ansonsten kein Problem. Die darunter liegende weiche Rinde wird ebenfalls bis zum härteren Stamm entfernt (kein Problem, den Unterschied merkt man beim Ficus deutlich).
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Damit sind die Vorarbeiten am Ficus auch schon erledigt. Teilweise wird noch empfohlen, mit einem Draht das Überwallen zu vermeiden, bei einem Ficus zumindest ist dieses nicht nötig, da sich die Wurzeln wirklich schnell entwickeln.

So, jetzt kommt der Part, weswegen der Begriff Abmoosen entstanden ist - rund um die Wunde wird ein Verband mit Moos gelegt, der mit Draht oberhalb und unterhalb der Schnittstelle befestigt wird. Üblicherweise wir Spaghnum-Moos genommen - ich habe das Glück, in der Nähe eines größeren Überschwemmungsgebietes zu wohnen - da ist insbesondere im Frühjahr immer mehr als genug Moos für diesen Zweck vorhanden. Ansonsten kommt man auch immer mal gut im Blumenhandel daran, da diese Art Moos auch für Schalen und Gestecke zum Einsatz kommt.
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Es würde jetzt reichen, um diese Stelle etwas Frischhaltefolie zu spannen und die Stelle feucht zu halten, es hat sich jedoch etwas anderes aus verschiedenen Gründen bewährt. Man nehme einen Joghurtbecher (durchsichtig), schneide ihn an der Seite auf und schneide dann in den Boden ein Loch in ungefähr der Größe des Ficus-Stammes.
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Diesen Blumentopf für Anfänger zieht man auseinander, schiebt ihn über die abgemooste Stelle und verklebt dann die Schnittstelle z.B. mit Abklebeband aus dem Tapezierbedarf, damit dieser Blumentopf relativ dicht für Gießwasser ist. Und dann füllt man die Hohlräume und damit den Joghurtbecher mit Erde, und fertig ist man. Jetzt kann der Baum erst mal wieder an seine alte Zimmerpflanzenstelle.
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Hier noch einmal die Joghurt-Becher in Großaufnahme. Deutlich kann man die neuen Wurzeln erkennen, und so einen Eindruck davon bekommen, wann ein guter Zeitpunkt fürs Trennen ist.

So, jetzt heißt es warten, bis sich ausreichend Wurzeln gebildet haben. An dieser Stelle ein Wort zum optimalen Zeitpunkt. Auch wenn ein Ficus nicht so jahreszeitabhängig ist, ist auch hier der beste Zeitpunkt das Frühjahr oder der Sommer, damit ausreichend Sonne vorhanden ist, die er zum kräftigen Austrieb auch der Wurzeln braucht.

Wenn sich die Wurzeln bilden, sieht man das bei einem durchsichtigen Becher sehr schnell - allerdings sollte man nicht den Fehler machen, schon nach einer Wurzel, die sich verschämt zeigt, den nächsten Schritt anzugehen - auch wenn diese eine Wurzel sehr schnell wächst. Es sollten schon einige Wurzeln vorhanden sein, und die erste Wurzel sollte auch schon einige Verzweigungen haben - das alles kann man bei einem Joghurtbecher gut erkennen.

Bei mir war es nach zwei Monaten soweit, dass der nächste Schritt angegangen werden konnte. Vorsichtig wurde der Joghurtbecher entfernt, da sich ausreichend Wurzeln gebildet hatten. Danach wird auch der Draht entfernt, wobei man immer darauf achten muss, dass die neuen Wurzeln noch sehr leicht abbrechen können und dementsprechend Vorsicht angesagt ist. Ob man jetzt das Moos dran lässt oder entfernt, das ist Geschmackssache, ich mache ihn ab, allerdings muss man sehr vorsichtig wegen der Wurzeln sein - sehr schnell hat man diese mit dem Moos zusammen entfernt.

Tja, und danach heißt es dann, aus eins mach zwei (oder bei mir halt aus zwei mach vier). Die Konkavzange ansetzen und unterhalb der neuen Wurzeln den Ficus trennen.

Die neue Zimmerpflanze sollte man evtl. noch mit Draht anfangs befestigen, bis sich genügend Wurzeln gebildet haben, was aber sehr schnell geht.
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Hier die neue Zimmerpflanze einen Monat nach dem Abtrennen. Es ging nach dem Trennen nur ein Blatt durch die Umstellung verloren, und der Familienfrieden ist gesichert...

Tja, und den Stamm, der ja in Richtung Bonsai entwickelt werden soll, muss dann nur noch auf die Höhe gestutzt werden, die man selber haben will...
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ficus4_144.jpg (38.54 KiB) 3090 mal betrachtet
Und die beiden "Reste"-Stämme treiben an allen Stellen neu aus, man muss halt sich nur vorher einen Plan fürs weitere Vorgehen machen, ich habe die Stämme mit Absicht etwas höher gelassen, da sie zu einer Gruppe dazu kommen sollen, ansonsten hätte man den Stamm mit Sicherheit etwas stärker einkürzen können.
Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit.
Beim Universum bin ich mir aber noch nicht ganz sicher
(Albert Einstein)


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