Blattschnitt allgemein - Was muss man beachten muss

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Reiner
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Blattschnitt allgemein - Was muss man beachten muss

Beitrag von Reiner » 20.03.2006, 12:09

Zusammenstellung von Reiner Vollmari, nach einem Forumsbeitrag von Walter Pall

Viele Anfänger im Bonsaihobby haben in der Fachliteratur gelesen, dass man an Bonsai einen Blattschnitt machen kann. Das wollen sie dann auch oft gleich ausprobieren. Das sollte man nicht machen, bevor man sich mit den unterschiedlichen Baumtypen bestens auskennt. Jede Baumart reagiert anders auf einen Blattschnitt. Einige Bäume kommen damit gut zurecht, während andere für solche Maßnahmen nicht geeignet sind.
Voraussetzung für einen Blattschnitt ist aber immer, dass der Baum kerngesund ist. Er sollte eine gesunde Blattfarbe zeigen, fest in seinem Topf verwurzelt sein und nicht an Schädlingen oder Pilzerkrankungen leiden. Macht man den Blattschnitt zu spät, können die neuen Triebe nicht mehr genügend vor dem nächsten Winter ausreifen und der Baum ist dann stark frostgefährdet.
Bei den meisten Laubbäumen ist für einen Blattschnitt Mitte Juni bis Anfang Juli der richtige Zeitpunkt.
Das Ziel eines Blattschnittes ist immer dasselbe: Er bringt kleinere Blätter beim Neuaustrieb, die Abstände zwischen den Blättern (Internodien) werden kürzer, die Verzweigung nimmt zu, die Herbstfärbung wird intensiver. Hat ein Baum sichtbare Blattschäden (trockene Blätter oder Blätter mit Sonnenbrand) verhilft ein Blattschnitt dem Baum wieder zu einem besseren Aussehen.
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Rechts ein normal großes Blatt einer Forsythie. Links das neu ausgetriebene Blatt eines Forsythienbonsai nach dem Blattschnitt.

Beim Blattschnitt sollte man zwei Arten von Bäumen unterscheiden. Bäume die im Frühjahr austreiben und dann noch einmal mit dem Johannistrieb sechs Wochen später. Solche Bäume sind z.B. Eichen und Rotbuchen.
Dann Bäume die die gesamte Vegetationsperiode austreiben. Hierzu zählen die Ahornarten, Hainbuchen, Birken, Linden, Sträucher wie Forsythien, Pfaffenhütchen usw.
Manche Bäume bringen trotz Blattschnitt keine kleineren Blätter, wie z. B. die Schwarzerle.
An Frucht tragenden Arten, wie Äpfel und Birnen sollte kein Blattschnitt gemacht werden. Dabei kann es zu einer weiteren Blüte kommen. Außerdem wird der Baum zu sehr geschwächt, wenn er bereits Früchte trägt.

Beim Blattschnitt unterscheidet man den kompletten – und den teilweisen Blattschnitt.
Bei Eichen und Rotbuchen ist es wichtig, immer einen kompletten Blattschnitt zu machen. Lässt man kleinere Blätter stehen, begnügt sich der Baum für diese Vegetationsperiode damit und treibt nicht mehr neu aus. Damit wäre das Ziel, dass man mit dieser Methode erreichen möchte, verfehlt.
Einen teilweisen Blattschnitt kann man an allen geeigneten Bäumen machen, die die gesamte Vegetationsperiode austreiben. Dabei bleiben die inneren, nah am Stamm wachsenden, kleineren Blätter stehen. Damit stärkt man den inneren Austrieb des Baumes, was zu einer besseren Verzweigung in Stammnähe führt.

Blattschnitt bei einer Linde
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Der Blattschnitt war teilweise. Diese Arbeit wurde in zwei Stunden gemacht
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Walter Pall hinter seiner Linde. Ein mächtiger Baum
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14 Tage nach dem Blattschnitt erscheinen die neuen Knospen.
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Weitere drei Tage später treibt der Baum neu aus.
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Fünf Wochen nach dem Blattschnitt ist die Linde wieder voll belaubt.
Walter Pall hat geschrieben:Die große Linde steht fünf Wochen nach dem Blattschnitt wieder schön da.
Die Linde wird nicht ausgestellt. Ich würde sie auch so nicht zeigen wollen. Die Krone wirkt wie eine einzige grüne Blattmasse. So ein Baum gehört im blattlosen Zustand ausgestellt.
Wolf D. Schudde hat geschrieben:Die Winterlinde ist sehr schnittverträglich und nach dem Blattschnitt treibt sie in der Regel auch innerhalb von drei Wochen wieder aus. So sind vier bis fünf Austriebe pro Jahr möglich.Aus optischen Gründen sind sie allerdings auch notwendig, denn länger sind die Blätter kaum ansehnlich.
Wolf Schudde bezog sich mit dieser Aussage auf die Empfindlichkeit der Linden für die Blattfleckenkrankheit. Das ist ein Problem mit Lindenbonsai. Mit einem Blattschnitt erhält man optisch bessere Ergebnisse. Die Linde verträgt den Blattschnitt dabei, obwohl sie an einer Pilzerkrankung leidet.

Blattschnitt am Feldahorn

Beispiel 1:
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Ein kompletter Blattschnitt an einem Feldahorn in Floßform.
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Mit einer spitzen, scharfen Schere wird ein ganzes Blattbündel auf einmal abgeschnitten.
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Nach der Hälfte der Arbeit.
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Walter Pall hat geschrieben:Erst einmal fertig. Jetzt volle Sonne, etwas weniger gießen, weil wesentlich weniger Wasserverbrauch, drei Wochen warten, dann nächstes Bild.
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Vier Wochen nach dem Blattschnitt.
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Weitere fünf Wochen später.

Beispiel 2
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Walter Pall hat geschrieben:Der hohle Feldahorn.
Der Blattschnitt ist nur teilweise. Alle kleinen Blätter, die innen wachsen, bleiben stehen. Das stärkt die schwachen Regionen des Baumes. Insgesamt ist es kein so großer Schock.
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Alle äußeren Triebe sind beschnitten, die innen wachsenden Blätter bleiben stehen.
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Vier Wochen nach dem Teilblattschnitt.
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Fünf Wochen nach dem Neuaustrieb.

Beispiel 3
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Walter Pall hat geschrieben:Bei diesem Feldahorn soll der untere rechte Ast besonders gestärkt werden. Deshalb wurde da überhaupt nichts abgeschnitten. Das sieht jetzt ganz merkwürdig aus. Ist aber egal, es geht um langfristige Entwicklung.
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Der Blattschnitt hält alle Äste, an denen die Blätter entfernt wurden, vom Dickenwachstum zurück. Der unbeschnittene Ast entwickelt sich weiter und gewinnt so mehr an Dicke. So gleicht man die Dickenverhältnisse an einem Bonsai aus.

Teilblattschnitt am Acer palmatum
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Ein Fächerahorn kurz nach dem teilweisen Blattschnitt.
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Alle Blätter im äußeren Bereich wurden entfernt.
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Drei Wochen später. An der flachen Krone soll noch gearbeitet werden.
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Sieben Wochen nach dem Teilblattschnitt.

Der unfreiwillige Blattschnitt

Manchmal kann es einem passieren, dass man etwas unvorsichtig beim Gießen seiner Bonsai ist. Dann trocknen schon einmal die Blätter aus.
Walter Pall hat geschrieben:Unfreiwilliger Blattschnitt kommt auch vor. Diese beiden kleinen Bäume sind vor zwei Wochen eingetrocknet, obwohl ich zweimal am Tag gegossen hatte.

Nichts um darauf stolz zu sein. Nur interessant im Zusammenhang mit Blattschnitt. Das ist nämlich der natürliche Blattschnitt, den die Bäume durchaus vertragen, wenn sie gesund sind. Ansonsten wären sie wohl schon ausgestorben.
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Trockenschaden an einem Acer palmatum
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Drei Wochen später: nichts passiert.
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Acht Wochen nach dem Missgeschick. Alles wieder in Ordnung.
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Die Hainbuchengruppe sieht arg trocken aus. Oh Schreck!
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Drei Wochen später. Nichts weiter passiert

Quellennachweis:
Bild Forsythienblätter: Reiner Vollmari
Zitat Wolf D. Schudde: aus „Bonsai-Praxis-Workshop“ Ausgabe 9.
Alle restlichen Bilder stammen von Walter Pall aus seinem Beitrag im Fachforum „Blattschnitt“ vom 13. Juni 2005
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