Ein Wort zu Jungpflanzen und Aufzucht aus Samen

Schnelle Hilfe für deinen Bonsaibaum
Antworten
Benutzeravatar
achim73
Moderator
Beiträge: 10431
Registriert: 30.07.2006, 00:53
Wohnort: bochum
Kontaktdaten:

Ein Wort zu Jungpflanzen und Aufzucht aus Samen

Beitrag von achim73 »

Bonsai aus Samen bzw. Stecklingen oder Jungpflanzen ist eine äusserst langwierige und schwierige Angelegenheit.

Man kann grob sagen, dass man damit rechnen kann, in den ersten 5-8 Jahren nichts zu machen, was man sich so unter Bonsaigestaltung vorstellt.
Da wird eine grobe Richtung vorgegeben, was den Stamm angeht, einmal im jahr wird evtl. zurückgeschnitten und DAS WARS ausser Pflege, Pflege, Pflege !

Deshalb gibt es, in Japan und auch hier, Bonsai-Baumschulen, die genau diese langweiligen Tätigkeiten über Jahre und Jahre durchführen.
Auch in normalen Baumschulen kann man mit etwas Glück geeignetes Ausgangsmaterial finden (dort meist in irgendeiner ecke, halb vergessen, da "krumm gewachsen" und daher an normale hobbygärtner unverkäuflich.) :wink:
dazu siehe auch hier


Diese Arbeit hat natürlich ihren Preis. :|

Man KANN das selber machen, sinnvollerweise aber "nebenher", d.h. als Nebenbeschäftigung zusätzlich zur eigentlichen Bonsaisammlung.

Gerade als Anfänger tut man sich keinen Gefallen, diese Vorgehensweise als Einstieg in das Hobby zu wählen.
Denn abgesehen davon, dass Jungpflanzen meist etwas empfindlicher und anspruchsvoller sind als erwachsene, hat man einfach in den ersten Jahren (was ein Zeithorizont ist, der für viele heute schon fast unvorstellbar lang ist) keine Erfolgserlebnisse und auch nicht viel zu tun.
Ich weiss, daß der Gedanke, einen "eigenen Baum zu pflanzen", seinen Reiz hat, man sollte sich aber darüber im klaren sein, daß das im wesentlichen einen romantische Projektion ist. :)

Anständiges, gut vorbereitetes Ausgangsmaterial bekommt man in der Regel je nach Art zwischen 30 und 100 Euro.
man kann natürlich für einen sogenannten Rohling auch mehrere Tausend bezahlen, aber für den Ersten muss das nicht unbedingt sein... :wink:
bei der Investitionshöhe sind auch Ausfälle wg. anfänglicher pflegefehler noch verkraftbar.

Hierzu eine kleine Rechnung (nach Walter Pall):
Nimm einen Stundenlohn, der dir angemessen erscheint, multipliziere ihn mit der Anzahl der Stunden, die du grob gerechnet voraussichtlich in den Baum investieren willst und du hast den Preis für einen Rohling.

Selbst beim Mindestlohn von 8,50 euro und nur 10 (!) Stunden Arbeit sind das 85 Euro.
In einem wirklich guten Bonsai stecken viele hundert bis tausende Arbeitsstunden.

Die meisten "Bonsai", die so landauf, landab in Garten- und Baumärkten verkauft werden, fallen ebenfalls unter die Kategorie Jungpflanzen und sind nicht empfehlenswert, abgesehen von ihrem meist erbärmlichen Pflegezustand !!
Sie sind selten älter als 5-8 Jahre, was einen zuerst verblüfft, aber sich aus den klimatischen Verhältnissen in den Ursprungsländern erklärt. dort ist das Wachstum ganzjährig und schnell.
Das Problem ist, dass diese Pflanzen in einer Art und Weise vorgestaltet sind, die dem westlichen Klischee von Bonsai entspricht, also meist unschön s-förmig gebogener Stamm und irgendwelche runtergedrahteten Äste mit dicken Drahtnarben und grossen, häßlichen Schnittstellen dran.
Alles Dinge, die dem Laien bzw. Anfänger nicht sofort auffallen, aber entscheidend sind. :(

Die traurige Wahrheit ist : Das sind nicht nur keine Bonsai, sie sind auch schlechtes (und teures !) Ausgangsmaterial, d.h. sie werden auch meist niemals welche !

Die "Gestaltungsentscheidungen", die dort getroffen wurden, kann man in der Regel nicht mehr rückgängig machen. man kann natürlich eine solche Pflanze radikal kappen und neu aufbauen, aber sehr viel sinnvoller ist es, von anfang an mit vernünftigem Material zu arbeiten.
Auch der von vielen Anfängern angenommene Mehrwert der Schale, in der diese pflanzen verkauft werden, relativiert sich schnell.
Diese Dinger sind nämlich nicht nur recht hässlich, sondern meist auch schlecht gebrannt und daher krumm und kippelig.
Ihr Wert liegt bei wenigen Cent. Wer es nicht glauben mag, gehe mal zu Ebay, wo die Leute reihenweise versuchen, die Teile zu verkaufen, nachdem ihnen die "Bäume" eingegangen sind. Da bietet NIE jemand. Und zwar aus gutem Grund.
Dazu siehe auch hier

Fazit aus all diesen Überlegungen :

A- Man ist sehr, sehr geduldig und frustrationsresistent. Ausserdem hat man viel Ahnung von Pflanzenpflege.
Dann kann man versuchen, Bonsai aus Jungpflanzen (im Extremfall : Samen) aufziehen.

B- Man will ein vernünftiges Verhältnis von Aufwand und Ertrag.
Dann besorgt man sich geeignetes Ausgangsmaterial. Wir haben in Deutschland die komfortable Situation,
dass es recht viele spezialisierte Bonsai-Baumschulen gibt, die ihr Material und alles nötige Zubehör auch
online verkaufen !

C- Hat man bereits einen "Bonsai" im Baumarkt, Gartenmarkt, Discounter etc. gekauft, wird man entweder im
Wesentlichen glücklich damit, wie er ist - oder man besorgt sich geeignetes Ausgangsmaterial.

Und zu guter Letzt:

- Bonsai hat nichts mit Zauberei zu tun. Deshalb gibt es auch niemandem, der aus schlechtem bzw.
ungeeigneten Ausgangsmaterial gute Bonsai machen kann.
:!:
Gruss, Achim
"Der kürzeste Weg zum Glück ist der Weg in den Garten"
chinesische Weisheit
Antworten