Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

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sydy
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Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von sydy » 14.09.2018, 10:19

Hast du schon Erfahrung mit Bonsai
[ ] Ja – seit
[X ] Nein


Welchen Bonsai hast du und wie lange, ist der Name des Bonsai bekannt?
Bitte hier eintragen. Wenn möglich bitte auch den kompletten lateinischen Namen
Chinesische Ulme, Ulmus parvifolia (angeschieben mit Zelkovia Nire, muss aber eine Chinesische Ulme sein)
[x] Indoor
[ ] Outdoor


Wo steht dein Bonsai
Steht ca einen Meter von der Balkontüre und schaut richtung Osten. Bekommt den ganzen Morgen voll Sonne. Am Nachmittag dann natürlich etwas weniger, weil die Sonne ja nach Westen wandert. Hat aber den ganzen Tag Licht (Siehe Bild)
Bild

Herkunft des Bonsai (Fachhandel, Baumarkt, Supermarkt, Geschenk)
Geschenkt bekommen. Weiss leider nicht von welchem Pflanzenhändler. Soll 8 Jahre alt sein.

Welches Substrat ist im Topf (wenn nicht bekannt, beschreib bitte wie es aussieht. Evtl Bild!)
Sehr feine Erde. Kein Lehm. (Siehe Bild)
Bild

Hast du den Baum schon mal umgetopft ?
Im Mai erhalten. Nicht umgetopft.

Welchen Dünger verwendest du (flüssig, fest, ist der Name bekannt?)
Noch nicht mit Düngen begonnen, weil ich soviele Probleme hatte, dass ich Angst hatte, den Baum bei fehlerhaftem Düngen umzubringen. Ich möchte nun aber ganz vorsichtig anfangen.

Wie ist dein Gießverhalten (wie oft? Wie lange bleibt dein Substrat feucht/nass evtl. Fingerprobe? gießen oder tauchen)
Habe wahrscheinlich mit falschem Giessverhalten den Baum beinahe umgebracht. Inzwischen giesse ich ihn ca alle 3 Tage. Seit ich das Moos entfernt habe, kann ich besser sehen, ob das Substrat auch wirklich an der Oberfläche trocken ist. Anfangs habe ich ihn wahrscheinlich ersäuft. Später dann wohl ausgetrocknet.

Hat die Schale mindestens ein Wasserabzugsloch?

[x] Ja
[ ] Nein
Bild


Einige der Probleme habe ich bereits mit den Standartfragen für Anfänger beantwortet. Ich habe wirklich alles mögliche falsch gemacht. Das grosse Problem war das Giessen. Da habe ich Anfangs völlig versagt. Dem Baum sind alle Blätter abgefallen.
Dann sind sie später – ich habe mit dem Giessen experimentiert – wieder ganz schnell gekommen, haben sich aber bald auch weider eingerollt und sind ausgetrocknet und abgefallen.
Erst habe ich ihn wie gesagt zuviel gegossen. Da gab es dann Fäulnis. Dann habe ich ihn zuwenig gegossen, so ist er ausgetrocknet. Nachdem ich das Moos entfernt hatte, begann ich besser zu begreifen, ob er gegossen werden muss.
Schliesslich habe ich den Baum (hatte überhaupt keine Blätter mehr) aus dem Topf genommen, den Wurzelballen ganz vorsichtig etwas gelockert, wieder in den Topf rein gelegt und vorsichtig mit einem Zahnstocher von oben viele "Löcher" ins Substrat gemacht, damit sich das Wasser überhaupt im Wurzelballen und der Erde darumherum verteilen kann.
Da hat er dann langsam (gegen Ende des Sommers) wieder begonnen kleine Knospen und Triebe zu machen.
Inzwischen habe ich ein paar wenige Äste mit Jungtrieben, kleinen Knospen und Blättern. Einige davon haben noch etwas weisse Punkte, aber die bleiben stabil oder verbessern sich und die neuen Blätter sind "schön" grün – könnten auch dunkelgrüner sein. Es ist es das erste Mal, das der Baum während mehreren Wochen (ca 3) wieder stabil wächst. Ich giesse ihn etwa alle drei Tage und er reagiert positiv auf dieses Intervall. Auch macht das Sinn, weil das Substrat jeweils relativ trocken ist (nicht Saharatrocken).
Nun frage ich mich ob die vielen anderen kleinen abgetrockneten Äste dem Baum Energie fressen u. ich ihn, wenn ich ihn schneiden würde besser helfen kann, oder ob das keine gute Idee ist. Natürlich sollte er im Frühjahr geschnitten werden, aber zur Zeit muss er doch Energie bekommen, um sich wieder ein paar neue Triebe zu machen.
(Auf den Bildern zu diesem Beitrag hier habe ich ihn gerade gegossen.Schön langsam in ganz kleinen aber stetigen Mengen mit einer sehr kleinen Trinkflasche.)
Bild
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Ich bitte um Entschuldigung für die lange Nachricht, aber ich bin ein blutiger Anfänger. Mir ist der Baum aber ans Herz gewachsen und ich würde ihn wirklich gerne Retten.

Stefan72
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Re: Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von Stefan72 » 14.09.2018, 19:54

Hallo sydy,

erst mal willkommen im Forum! Was Du da schreibst, ist nicht ungewöhnlich. Das kann am Anfang im Eifer schon mal passieren... kenn' ich von mir selbst.

Die Frage, ob Du die dürren Äste abschneiden kannst ist einfach zu beantworten: Ja - wenn sie wirklich tot sind. Das würde ich anhand der Bilder aber nicht sicher sagen wollen. Ich hab bei meiner ersten Ulme auch so einen Start hingelegt. Als alles dürr aussah, hab ich sie nach dem Rat eines etwas erfahreneren Menschen in 1cm-Schritten zurück geschnitten und siehe da, es war nach 2 Schnitten noch Leben im Baum. Wenn der Anschnitt noch grün ist, aufhören - langsam ran tasten. Vielleicht ist es auch wirklich dürr, aber dass siehst Du ja dann.
Sorge macht mir die Wurzel. Die könnte einen Schlag abgekriegt haben und das wäre dann schlecht. Anstatt stur alle drei Tage zu gießen, würde ich die Stäbchen-Methode vorziehen: Holzstäbchen jeden Tag in die Erde stecken, nach 10min raus. Wenn es sich noch feucht anfühlt, nicht gießen. Wenn es trocken ist, gießen aber nicht zu viel, weil der Baum keine Blätter hat. Vom Dünger lass die Finger, das bringt jetzt nichts mehr. Es würde eher der Wurzel schaden, wenn die eh' schon beleidigt ist. Solange der Baum keinen deutlichen Zuwachs hat, würde ich ihm mäßig feucht halten. Die Wurzel darf nicht vertrocknen und keinesfalls nass stehen.
Der Baum hätte besser im Freien gestanden. Indoor heißt nur, dass er nicht (und dass wäre noch zu klären...) winterhart sein soll / ist. Sobald es keinen Frost hat, sollte die Ulme raus an die Luft, mit allem, was dazugehört. Das ist jetzt vielleicht schon zu spät, aber wenn Du sie schattig irgendwo raus stellen kannst, wird es ihr zumindest nicht schaden. Wenn sie eingehen sollte, dann durch die Pflege bisher. Andererseits sind Ulmen robust und immer wieder für eine Überraschung gut. Im Blick auf den Winter sollte die Ulme nicht in einem beheizten, trockenen Raum stehen, sondern besser - zumal ohne Blätter - in einem kühlen Zimmer oder Treppenhaus oder was auch immer. KeinFrost aber nicht wärmer als 10° C.
Umtopfen dann nächstes Jahr. Man könnte es auch - wenn man es sich zutraut und man weiß, was man tut, jetzt schon machen. Aber das könnte ihr dann auch vollends den Rest geben. Also besser hoffen, dass sie bis zum Frühling durchhält.
Das ist jetzt aber nur meine Einschätzung. Andere machen es vielleicht anders. Bonsai hat viel mit aufmerksamem Beobachten zu tun und dann danach handeln. Da stellt sich mit den Jahren immer mehr Sicherheit ein (hoffe ich...) und dass mal ein Baum eingeht ist zwar schade aber eben auch Teil des Lernens - also nicht aufgeben, wenn dieser Baum es vielleicht nicht schafft. Ich drück' Dir die Daumen! *daumen_new*

Schau auch mal ins Fachwissen, da stehen jede Menge Details.
Freundliche Grüße, Stefan

Mir ist egal was der frühe Vogel macht, solange er nicht meinen Kaffee trinkt.

sydy
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Re: Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von sydy » 15.09.2018, 06:39

Lieber Stefan,

Herzlichen Dank für deine rasche Rückmeldung. Tatsächlich, ich habe nun mal vorsichtig begonnen, ehemalige Jungtriebe, die offensichtlich vertrocknet sind, von Hand abzuknicken. Dabei habe ich schnell bemerkt, dass wirklich nur die ehemaligen Jungtriebe vertrocknet sind. "Dickere" Äste fühlen sich flexibel an. Daraus schliesse ich, dass sie eben nicht vertrocknet sondern einfach ohne Neuzuwachs sind. Also lasse ich den Baum mit Schneideaktionen in Ruhe.

Habe auch gleich die Stäbchen gesetzt und werde ab jetzt mit dieser Methode arbeiten – die Funktioniert wirklich gut. Auch den Pflegekalender für die Ulmus Parvifolia habe ich gefunden. Ist ja toll was es hier alles an Fachwissen gibt.

Stelle den Baum ab heute morgen auf den Balkon. Was meinst du mit schattig? Das ist schwierig bei meinem Balkon.
Habe das im Hochsommer versucht, aber der Baum mochte das gar nicht. Aus heutiger Sicht war wohl meine Giesspflege daneben – es war brütend heiss... Damals dachte ich mir, er hält das nicht aus.

Nochmals vielen Dank für all die Ratschläge und die Aufmunterung – Anfänger sein ist auch immer wieder eine gute Erfahrung. Da lernt man wieder wie es ist, wenn man sich herantasten muss.

Stefan72
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Re: Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von Stefan72 » 15.09.2018, 10:23

Hallo sydy,

mit schattig meine ich, dass der Baum nicht vom Zimmer direkt in die pralle Sonne sollte. Wenn man Ulmen ab April ins Freie stellt, ist die Sonnenintensität noch nicht so stark, aber doch stark genug, dass der Baum vollsonnig Schaden nehmen kann. Das System muss erst hoch fahren. Deshalb fange ich an mit 1-2 Wochen im Schatten und nur stundenweise in die Sonne. Als Reaktion auf die UV-Strahlung, die letztlich Stress ist, beginnt der Baum im Austrieb einen rötlichen Farbstoff einzulagern - sog. Anthocyane. Diese wirken in einem frühen Stadium ihrer Entstehung wie ein UV-Filter und schützen so die Triebe. Wenn diese Reaktion eintritt, kann man den Baum auch länger in die Sonne stellen. Mit der Zeit bildet der Baum ein Enzym, das diesen Farbstoff wieder abbaut, weil der Baum dann eben das volle Rotspektrum im Licht benötigt und dieses eben nicht mehr reflektiert werden soll. Soweit die Theorie.
Dein Baum hat diesen "natürlichen" Ablauf nicht vollziehen können. Zum einen hast Du ihn erst seit Mai und dann stand er in der Gärtnerei wohl auch unter Glas und hat kaum echtes Sonnenlicht gesehen. Auch hat er zuwenig Blätter, die Wasser zur Kühlung verdunsten könnten; mal wurde er fast ersäuft, dann wieder wäre er fast verdurstet. Die Sonnerhitze- es war nicht sein Jahr... Wenn Du ihn jetzt noch ins Freie stellst, dann vielleicht so, dass er unter dem Tisch steht oder unter einem Stuhl. Die Frage wäre: Wo kann er stehen, dass irgendwas über Mittag seinen Schatten auf ihn wirft? Alles war er jetzt noch an Austrieb macht, ist gut. Und im Frühling müsstest Du schauen, was tatsächlich noch lebt und entsprechend beherzt zurück schneiden. Ulmen wachsen wie Bolle, wenn es ihnen gut geht.

An den dickeren Ästen kannst Du mal an der Rinde kratzen. Wenn es grün ist, lebt der Ast noch. Braun hieße trocken.
Freundliche Grüße, Stefan

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Re: Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von sydy » 16.09.2018, 10:27

Lieber Stefan,

Danke für die ausführliche Auskunft. Der Baum steht nun auf dem Balkon und zwar so dass er keine direkte Sonne wegbekommt. Werde ihn nun auch eine Stunde pro Tag der vollen Sonne aussetzen. Der Herbst ist sehr warm. Da lohnt sich die umgewöhnung warscheinlich noch für eine Weile.
Gebe in zwei Wochen wieder Bescheid und falls er dann nicht tot ist auch ein paar Bilder zur Entwicklung.

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Re: Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von Georg » 17.09.2018, 10:05

Prinzipiell gilt: wenn ich nicht weiß, ob ein Ast noch Leben in sich trägt, dann lass ich ihn stehen. Er schadet der Pflanze überhaupt nicht.
Sobald die Pflanze sich erholt hat und kräftig treibt, kann man ohne irgendwelchen Verlust die zurückgetrockneten Zweige dann abschneiden.
Gruß
Rüdiger
Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben geben, daß Du es sagen darfst(Voltaire)

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Re: Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von ania » 17.09.2018, 12:25

Der steht im Zimmer zu dunkel würde ich sagen. Stell ihn doch direkt ans Fenster, wenn er im Winter wieder drinnen ist. Die Begonie nebenan kann das ab, 1m vom Ostfenster. Für alles baumartige ist das aber zu wenig Licht.

Stefan72
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Re: Schneiden oder nicht bei halbvertrocknetem Bonsai

Beitrag von Stefan72 » 18.09.2018, 19:34

ania hat geschrieben:
17.09.2018, 12:25
Der steht im Zimmer zu dunkel würde ich sagen. Stell ihn doch direkt ans Fenster, wenn er im Winter wieder drinnen ist.
... andererseits: Ulmen werden gerne Opfer der Spinnmilbe; zumal geschwächt und gerade bei warmer, trockener Überwinterung. Da wäre der Nutzen des Lichts gegen die Gefahr des Schädlings abzuwägen. Solange er kahl ist - und das bleibt er vorerst - würde ich ihn eher kühl und nicht zu feucht überwintern. Photosynthese kann er dann wieder im Frühling machen - und dann im Freien.

"Zwischen Null und Zehn kann ihm nix gescheh'n...." :lol:
Freundliche Grüße, Stefan

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