Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

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Bonsaifann
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Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Bonsaifann » 15.06.2019, 18:13

Das konnte ich für mich noch nicht so richtig klären... ich persönlich finde, dass der Baum von allen Seiten schön aussehen sollte. Wenn ich eine Vorderseite habe, dann sieht die hintere oder die seitliche Ansicht doch nicht so toll aus. Kann mir das jemand erklären? Ist so eine Vorderseite denn nötig?

Wenn ich das richtig verstanden habe, dann wird eine Vorderseite nur bei der streng aufrechten Gestaltung festgelegt, bei Bäumen, bei denen man die Äste wechselständig gestaltet?

Beispielsweise finde ich diese Bilder von dem Ahorn und der Birke, die hier im Forum die Titelleiste zieren sehr schön. Kann mir aber vorstellen, dass das wieder die Vorderansicht ist und wenn man die Bäume dreht, diese dann nicht mehr so toll wirken *nee*
Servus, der Dominik

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Thorsten1504
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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Thorsten1504 » 15.06.2019, 19:35

Hallo Dominik,

vergiss das mit der Vorderseite und schau dir das hier an:

viewtopic.php?f=9&t=49154

Optimal ist es natürlich wenn ein Baum von allen Seiten gut aussieht und man den dann in eine runde Schale pflanzt.

Setzt man den Baum in eine rechteckige oder ovale Schale muss man sich natürlich für eine Vorderseite entscheiden und nimmt dann natürlich die "Sahneseite" :-D

Ich persönlich finde es auch nicht gut das die Bäume auf Austellungen immer auf langen Tischen stehen und meistens nur von vorne betrachtet werden können.
Schöner ist es wenn die z.B auf Podesten stehen und man um den Baum drumherum laufen kann.

Das machen z.B die Bonner bei ihrer Pfingstaustellung soweit ich weiß ganz gut...

Gruß

Thorsten *wink*

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Bonsaifann
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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Bonsaifann » 15.06.2019, 20:19

Danke,

ganz nebenbei... ich habe ja die zwei Bilder in der Titelleiste erwähnt... so aus Neugier: Welche Gattung Birke ist das denn? Weißt du das zufällig? Ich würde gerne auch so eine Birke gestalten, aber weiß nicht welche Birkensorte ich nehmen soll. Ne Trauerbirke ist das ja wohl nicht, oder? Die Trauerbirke lässt ihre Äste ja hängen, was bei dem obigen Bild absolut nicht der Fall ist.
Servus, der Dominik

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Thorsten1504
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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Thorsten1504 » 15.06.2019, 20:29

... denke es ist ne Betula pendula

ist ne Pionierpflanze und überall am Wegesrand und auf brachliegenden Flächen zu finden.

Wenn Du was reiferes suchst, die schon einen weißen Stamm hat, wird es schon ein bißchen schwieriger.
Da ist gutes Rohmaterial auch schon recht teuer...

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bock
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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von bock » 15.06.2019, 23:56

Bonsaifann hat geschrieben:
15.06.2019, 20:19
... Ne Trauerbirke ist das ja wohl nicht, oder? Die Trauerbirke lässt ihre Äste ja hängen, was bei dem obigen Bild absolut nicht der Fall ist.
In Mitteleuropa kommen hauptsächlich Hängebirke (auch Sandbirke genannt), Betula pendula, und die Moorbirke, Betula pubescens vor - sowie zahlreiche Bastarde der beiden.
Die Trauerbirke ist wie die Trauerweide eine gärtnerische Züchtung mit hängenden Ästen. Bei der Hängebirke hängen typischerweise nur die Triebe.
Bei Bonsai erreicht man das Hängen aber nur mit Hilfe von Draht. Und den mögen Birken nicht besonders. Also eine schöne Trauerbirke als Bonsai ist schon etwas sehr anspruchsvolles.
Viel Glück!
liebe Grüße Andreas
Ein Leben ohne Bonsai ist möglich - aber völlig sinnlos! :faellen:

Arthur Dent
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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Arthur Dent » 16.06.2019, 07:38

Natürlich macht es Sinn ein Vorderseite zu definieren.
Hängt damit zusammen, das die meisten Planzen von den Rückseiten Schwächen haben die man nicht zeigen möchte. Auch kann ich z.B. nur von einer Seite mit einem Ast einen geraden Stammabschnitt kaschieren. Gerne hätte ich in meiner Sammlung einen Baum bei dem es anders ist.


Gruß Arthur

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Manfred Jochum
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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Manfred Jochum » 16.06.2019, 10:37

Vorderseite definieren ist das erste, was jeder im Unterbewusstsein macht.
Man dreht den Baum so lange hin und her bis man einen "Zugang" zu dem Baum findet
Und wie Arthur schon schrieb ...... alle Bäume haben eine "Sahneseite" von der aus bertrachtet der Baum einfach am dynamischsten oder am Besten aussieht.
Klar kann man sagen, ich will einen Baum von allen Seiten schön finden..... kannst du auch, da hält dich niemand von ab.....aber trotzdem wird es immer eine Sahneseite mit dem besten Nebari und dem schönsten Stammverlauf geben.
Die Maßnahmen, solche "Fehler" zu kaschieren dauern oft Jahrzehnte , wenn sie überhaupt kaschiert werden können.
Einzige Möglichkeit ist die Suche nach der optimalen Pflanze..... und das ist mit Sicherheit nicht der richtige Weg.
Übrigens haben Bäume in der Natur oft auch eine Sahneseite. Nicht jeder Baum ist rundum betrachtet immer gleich schön.
Und alle Gestaltungsformen haben eine Vorderseite/Sahneseite .... am wenigsten vielleicht die Besenform.



(Scherzfrage): Wo erkennt man bei einem Baum im Wald eigentlich, wo Hinten ist ?

...... immer da, wo das Papier auf dem Boden liegt ;-)


Gruß Majo
der wirklich wichtigste Teil einer Arbeit, ist damit anzufangen.

Andreas Ludwig
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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Andreas Ludwig » 16.06.2019, 12:02

Bonsaifann – die Sache mit der Vorderseite ist eine Konvention. Sie ergibt sich daraus, wie Bonsai in Japan ausgestellt werden – in der Tokonoma. Es hat den Vorteil, dass man den Baum nur für eine Ansicht gestalten muss. Wie Arthur Dent richtig feststellt, sind dann u.U. kleine «Schwächen» lässlich. Bei einigen Gestaltungsformen ergibt sich die Vorderseite ziemlich zwingend, etwa bei Flossformen, Kaskaden oder auch bei Saikei. Streng und frei aufrechte Bäume oder Besen, auch die Fici mit dicken Stämmen und Luftwurzeln, die etwa auf Bali gestaltet werden, sind eher «Rundum-Bäume», nach denen du fragst.

Zwei Dinge sind wichtig, wenn man mit der Konvention der Vorderseite brechen will, nämlich die Darstellung und die Ausführung. Bezüglich der Darstellung, also des visuellen Gestaltungsziels, muss man sich andere Vorbilder suchen als klassische japanische Bonsai, etwa die grossen Solitäre in europäischen Parks oder die Friedenslinden, Eichen und Buchen, die auf Anhöhen stehen. Was nicht falsch ist, die getreuliche Übernahme japanischer Konventionen birgt ja auch das Risiko einer kulturellen Aneignung.

Bei der Ausführung wird es kniffliger. Manfred Jochum findet, die Suche nach dem optimalen Baum sei mit Sicherheit nicht der richtige Weg. Das wird davon abhängen, wie man optimal definiert. Natürlich wird es schwierig bis unmöglich, das «Ziel» der Vorderseitenpräsentation nicht zu übernehmen, die Schritte dazu aber schon (erster Ast, zweiter Ast, keine Überkrezung, geneigte Spitze etc.). Die muss man neu formulieren. Statt einer «Hierarchie der Äste» hat man «gleichberechtigte Teilvolumen», statt des statischen zweidimensionalen Bildes eine sich bei Drehung verändernde Skulptur.

Nichts daran ist aber falsch oder unmöglich, es scheint mir sogar erstrebenswert. Das führt konsequenterweise zu Präsentationen, die ungewohnt sind und auch viel mehr Platz beanspruchen. Ein Solitär im Park wirkt nur durch den umgebenden Raum, umgerechnet auf einen Bonsai von vielleicht 70 bis 100 cm sind das dann schnell zehn Quadratmeter für einen Baum. Die einzelnen Bäume werden im Detail nicht mehr den überwiegend verbreiteten japanischen Gestaltungskonventionen, mithin etablierten Sehgewohnheiten entsprechen. Das kann Befremden beim Publikum auslösen. Man darf nicht vergessen, dass ein grosser Teil der Szene «Bonsai» nicht als sich entwickelnde Kunstform sieht, sondern als formal abgeschlossenes Kunsthandwerk. Als Pragmatiker denke ich, dass man durchaus aus Anspruch und Ehrgeiz ein paar solche Bäume entwickeln sollte – sei es nur, um zu erkennen, wie schwierig das ist.
It is not enough to be busy. So are the ants. The question is: What are we busy about?
(Thoreau)

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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Bodo.P. » 16.06.2019, 12:47

Hallo Dominik

Alles hat 4 Seiten (wenn wir nicht Erbsenzählerisch sind) Vorn,Links,Hinten und Rechts.
Jedes Ding, ob Baum oder Mensch hat eine Schokoladenseite. Auch der schönste Mensch ist nicht von allen Seiten gleich schön.
Was schön ist entscheidet der Betrachter, also du.
Also gibt es eine Vorderseite (welche auch immer)

mfg
Bodo.P.

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Re: Warum eine Vorderseite des Baumes definieren?

Beitrag von Heike_vG » 16.06.2019, 14:38

Wenn man einen Bonsai nach japanischer Tradition gestaltet, sucht man sich die "Vorderseite" des Rohmaterials dort aus, wo der Stamm und das Nebari am vorteilhaftesten aussehen. Also schöne Oberflächenwurzeln in alle Richtungen, aber möglichst nicht zu dominante direkt nach vorn. Harmonische Stammbewegungen, gute Stammverjüngung. Die ersten Äste sollten rechts und links auf verschiedener Höhe ansetzen, die Stammlinie sollte vorne zu einem großen Teil sichtbar sein, während hinten dichtere Äste und Zweige für die Tiefenwirkung sorgen. Die Spitze des Baums sollte sich ein wenig dem Betrachter zuneigen, nicht vor ihm fliehen. Wenn man einen so gestalteten Baum von hinten betrachtet, sieht man kaum etwas vom Stamm, den Stammansätzen und der Spitze. Trotzdem sieht ein auf diese Weise wirklich gut gestalteter Bonsai von allen Seiten gut aus, wenn auch nicht von allen Seiten gleich. Es gibt natürlich auch Yamadori, die von der Natur wilde Stammbewegungen erhalten haben, die von allen Seiten ganz unterschiedlich aussehen und bei denen gibt es oft Ansichten, die besonders toll oder besonders von Mängeln gekennzeichnet sind.
Aber es gibt viele Möglichkeiten, einen Bonsai zu gestalten und man kann sich vom jeweiligen Rohmaterial inspirieren lassen, ob man eine eindeutige Vorderseite hat, ob er von zwei Seiten annähernd gleich gut aussieht (günstig z.T. bei Shohin, wenn man so einen Baum im Shohin-Display an verschiedenen Stellen mit Bewegung nach rechts oder links ins Regal stellen kann), oder sogar von allen Seiten.
Regeln sind nützlich, weil hilfreich, aber sie bedeuten keinen Zwang.

LG, Heike
Ein halber Schritt in die richtige Richtung ist oftmals ein Reinfall...

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