Das Paradies in der Schale - Religiöse und mythologische Wurzeln

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Das Paradies in der Schale - Religiöse und mythologische Wurzeln

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von Gunter Lind

Das jüdisch-christlich-islamische Paradies ist ein Garten, den Gott in der Wüste pflanzte, mit einer Mauer darum und mit der berüchtigten Streuobstwiese im Zentrum. Dort wachsen viele Bäume, lieblich anzusehen und mit wohlschmeckenden Früchten, ein Zier- und Nutzgarten, idyllisch und praktisch zugleich. Und seit dem Sündenfall ist es ein transzendentes Paradies, dem Menschen endgültig verschlossen.

Das alt-chinesische Paradies sieht ganz anders aus. Es ist eine wilde Naturlandschaft, mit steilen Felsen, tiefen Schluchten, bevölkert von wilden Tieren, keineswegs idyllisch. Und es ist weltimmanent, zwar am Rande der Welt und schwer zugänglich, aber doch prinzipiell erreichbar. Eigentlich gab es mehrere altchinesische Paradiese, denn in dem großen Land haben sich mehrere Paradiesmythen gebildet, die später unter daoistischem Vorzeichen zusammengeführt wurden. Für die Integration unterschiedlicher religiöser Vorstellungen, die rationalistischem westlichem Denken disparat erscheinen, haben die Chinesen anscheinend eine besondere Begabung.

1. Ein solcher paradiesischer Ort waren die heiligen Berge. Davon gab es eine ganze Reihe, unter denen der Kun-lun im Westen hervorragte, da er als Mittelpunkt der Welt galt. Aufgrund von Expeditionen wurde er im Himalaya verortet. Dort war das Reich der Westkönigsmutter, einer Art Feenkönigin. Auf dem Berg lag der Jadeteich, an dessen Ufern die Pfirsichbäume mit den unsterblich machenden Früchten wuchsen. Sie blühten nur alle 3000 Jahre und wer dann davon aß, war erst einmal wieder für 3000 Jahre auf der sicheren Seite. Vom Kun-lun führte der Weg direkt in den Himmel, zum Palast der Götter. Später wurde der Kun-lun mit dem buddhistischen Weltenberg Sumeru (japanisch: Shumisen) identifiziert, der von Sonne und Mond umkreist wurde und damit für den Wechsel von Tag und Nacht sorgte.

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Ch´iu Ying (1510-1551): Bei der Ernte der unsterblich machenden Pfirsiche am Kun-lun.

2. Noch populärer war das Paradies auf den Inseln der Seligen im östlichen Meer. Ursprünglich waren es fünf, die, damit sie im Meer fest standen, auf den Rücken von 15 Riesenschildkröten ruhten, die sich im Schichtdienst alle 60000 Jahre als Träger ablösten. Zwei der Inseln versanken im Meer, weil ein Riese sechs der Schildkröten angelte. Es blieben Fanghu, Yingzhou und Penglai. In Japan war vor allem die letztere bekannt, unter dem Namen Horai. Man stellte sich die Inseln als steile Felsen im Meer vor, die Tiere dort sollten weiß sein, die Bäume sollten Perlen und Edelsteine als Früchte tragen. Und auch dort gab es unsterblich machende Pflanzen. Bewohnt wurden die Inseln von göttlichen und menschlichen Genien, letztere eine Art Heilige, denen die Götter das Elixier der Unsterblichkeit geschenkt hatten. Acht dieser Genien waren im Volk besonders beliebt und wurden verehrt. Teils gehen sie auf historische Persönlichkeiten zurück. Es war eine recht gemischte Gesellschaft, darunter ein häßlicher, lahmer, buckliger Bettler, ein armer Straßensänger, aber auch ein Schwager eines Kaisers. Wenn die Unsterblichen sich auf den unzugänglichen Inseln gegenseitig besuchen wollten, nahmen sie einen Kranich als Fortbewegungsmittel.

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Wang Yun (1652-1735): Die Insel Fanghu. Ein steiler Felsen im Meer; in den unzugänglichen Felswänden hängen die Paläste der Unsterblichen. Im Hintergrund rechts tauchen schemenhaft die beiden andern Inseln der Seligen auf.

3. Schließlich gab es außer diesen beiden großen Paradiesen am westlichen und östlichen Rand des von Menschen bewohnten Teils der Welt noch eine Reihe kleiner Paradiese. Sie öffneten sich hinter dunklen, engen Höhlen und Grotten und es war unklar, ob sie untereinander und mit den heiligen Bergen innerhalb Chinas eine Verbindung hatten. Das Leben dort stellte man sich recht irdisch vor. Man mußte sogar arbeiten. Nur war es eben ein stets glückliches Leben. Diese Grotten-Himmel wurden von Unsterblichen regiert, die von den Göttern gesandt waren. Es gibt mehrere Märchen, in denen Menschen in ein solches Paradies gelangen, durchweg nicht durch irgendwelche Verdienste, sondern durch Zufall. Der Zusammenhang von Höhle und Paradies ist ein Grund dafür, dass in China Steine mit Höhlen oder Grotten so beliebt waren.

Wenn die Paradiese auf Erden lagen, lag es nahe, danach zu suchen. Es ist überliefert, dass der erste Gottkaiser Chinas (der mit der Terrakottaarmee) im Jahre 219 v.Chr. eine Expedition zu den Inseln der Seligen schickte, um das Elixier der Unsterblichkeit zu erlangen.
?Xu Shi, ein Mann aus Qi, und einige andere unterbreiteten eine Throneingabe in der es hieß: Im Meer befinden sich drei Götterberge namens Penglai, Fangzhang und Yingzhou. Unsterbliche wohnen dort. Wir bitten, nach einer rituellen Reinigung mit einer Schar von Knaben und Mädchen auf die Suche nach diesen Inseln aufbrechen zu dürfen. Da sandte er Xu Shi mit etlichen tausend Knaben und Mädchen aufs Meer, um die Unsterblichen zu suchen." Da die Götter mit ewiger Jugend begabt sein sollten, schickte man junge Menschen. Das sollte die Kommunikation erleichtern. Die Expedition kehrte nie zurück. Angeblich soll der Kaiser es später nochmals versucht haben.

Das Fehlschlagen derartiger Expeditionen brachte den Han-Kaiser Wudi (141-87) auf den Gedanken, es anders zu versuchen. Er legte in einem der kaiserlichen Parks, die bis dahin eher Jagdreviere gewesen waren, eine Paradieslandschaft an, mit Bergen in der Form der heiligen Berge und einem See mit drei Felseninseln darin, besetzt mit exotischen Pflanzen und Tieren, so wie man sich die Inseln der Seligen vorstellte. Der Hintergedanke dabei war, dass Götter oder Unsterbliche Gefallen an dieser Landschaft finden und sich dort niederlassen sollten. Dann wäre es vielleicht möglich, ihnen das Geheimnis der Unsterblichkeit zu entlocken.

Dies war die Geburtsstunde des Paradiesgartens, der fortan in China und mehr als ein Jahrtausend später auch in Japan ein maßgebliches Ideal der Gartengestaltung war. Als etwa seit dem dritten nachchristlichen Jahrhundert auch private Gärten (zunächst von hohen Beamten) angelegt wurden, eiferten diese dem kaiserlichen Vorbild im kleinen Maßstab nach und aus der Tang-Zeit gibt es Berichte, dass private Gärten als Paradiesgärten gestaltet waren.

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Wandmalerei aus dem Grab des Prinzen Chang Huai

Aus dieser Zeit sind auch die ersten Miniaturlandschaften in der Schale belegt. In einem Gedicht von Po Chü-i (772-846), einem hohen kaiserlichen Beamten, der unter anderem Kriegsminister war, heißt es:
Geschnitten aus Jadetafeln, Gebirge geformt wie der Ursprung der Wolken. Der Wind bläst durch die Schluchten in den Klippen und Moos geleitet in die Münder der Höhlen. Diese drei Spitzen sind zwar klein, aber sie führen uns zum Berg Hua.Der Berg Hua war einer der bedeutendsten heiligen Berge Chinas. Dort sollte auch der Eingang in einen Grotten-Himmel liegen.

Die erste erhaltene Abbildung einer Miniaturlandschaft aus Steinen und Pflanzen ist eine Wandmalerei aus dem Grab des Prinzen Chang Huai aus dem Jahr 706. Im Vorraum zur Grabkammer sind Hofdamen und Höflinge dargestellt, die dem Toten Geschenke darbieten. Darunter ist ein Höfling, der eine einfach gestaltete Topflandschaft trägt, eine Schale mit Steinen und Pflanzen. Auch eine Hofdame mit einer Blütenpflanze in einer Schale ist dargestellt. Aus dem Bild könnte man den Eindruck erhalten, die ersten Miniaturlandschaften seien in der Gestaltung noch nicht sehr elaboriert gewesen. Ein solcher Schluß wäre wohl voreilig. In der dekorativen Kunst jener Zeit gab es schon künstlerisch sehr hochstehende Landschaftsdarstellungen und man wird annehmen können, dass die Gestaltung der Miniaturlandschaften sich hieran orientierte. Ein Beispiel ist die abgebildete Berggruppe mit kleinen Bäumen vom Deckel eines Kästchens.

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Paradiesische Landschaft mit aufsteigendem Nebel (vor 756), Malerei in Goldstaub auf braunem Holz, Deckel eines Kästchens

Um diese Zeit war der Glaube, das Paradies real auf Erden zu finden, längst geschwunden. Es blieb jedoch der Wunsch nach Unsterblichkeit und er hat sich in zwei recht unterschiedlichen Formen manifestiert, die beide ihren Einfluß auf die Gartengestaltung und damit indirekt auch auf die Miniaturlandschaften gehabt haben.

1. Daoismus

Im Daoismus wurde die Unsterblichkeit als eine Verlängerung des irdischen Lebens interpretiert, und zwar nicht unbedingt auf ewig. Einige hundert Jahre würden schon reichen. Zu erreichen hoffte man dies durch ein entsprechendes Leben, ein Leben im Einklang mit der Natur. In der Einsamkeit der Berge und Wälder, in der unberührten Natur sollten angeblich alle Dinge erst ihre bemerkenswerten Eigenschaften entwickeln, die Steine, die Bäume und auch der Mensch. Wenn überhaupt ein Mensch, dann sollte am ehesten der Eremit in den Bergen Aussicht auf ein langes Leben haben. Indem er Eins wird mit der Natur, erreicht er das Dao und wird damit göttlich.

Der Garten und die Miniaturlandschaft sind Abbilder der unberührten Natur, eine Imitation der Abgeschiedenheit. Sie erlauben demjenigen, der in der Stadt leben muß, wenigstens ein virtuelles Eremitendasein. Bei ihrer Betrachtung mag er sich in die freie Natur versetzt fühlen und die Einheit mit ihr wenigstens für eine Stunde fühlen. In der Literatenmalerei sind der Gelehrte in seinem Gartenpavillon und der Eremit in seiner Hütte in den Bergen häufige Themen.

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Chou Ch´en (etwa 1460-1535): In den Bergen von der Unsterblichkeit träumen (Ausschnitt). Der Eremit schläft in seiner Hütte und träumt daß sein Körper ins gelobte Land entschwebt (links im Bild).

Mit dem Streben nach hohem Alter hat auch zu tun, dass man alte Dinge besonders schätzte und sich mit ihnen umgab. Der Stein und der Baum sind mit besonderer Langlebigkeit begabt und sie gelten als einander ähnlich: Beide wachsen aus der Erde und können sich ineinander umwandeln (was die versteinerten Bäume belegen). Der Mensch, der beide in eine Schale setzt, mag teilhaben an ihren Eigenschaften. Von daher rührt die Hochschätzung von Alter oder altem Aussehen bei einem Penjing. "Alter Baum" (Gu-shu) wird synonym für einen verzwergten Baum benutzt. Altes Aussehen wird hier also zum Definitionsmerkmal eines Penjing. Auch die Hochschätzung der Kiefer als Bonsai und als Gartenbaum hängt hiermit zusammen. Sie galt als besonders langlebig. Bizarre alte Kiefern, mit vielen Höhlen durchbrochene Taihu-Steine, und der Blick in die Landschaft, auf Wasser und Berge - das war die ideale Gartenlandschaft.

2. Amida-Buddhismus

In Japan wurde die Amida-Richtung des Mahayana-Buddhismus in der Kamakura-Zeit äußerst populär und dies führte dazu, dass auch dort Paradiesgärten in Mode kamen.

Am Ende der Welt, im Westen sollte das Land Jodo liegen, das reine Land im Westen, das Land der Glückseligkeit, in dem alle Dinge schön und alle Menschen gut sind. Regiert wird es von Buddha Amida, einer Erlösergestalt. Wer an ihn glaubt und ihm sein Leben weiht, wird von ihm erlöst und nach seinem Tod im Lande Jodo wiedergeboren, auf einem Lotosblatt im Paradiesteich jenes Landes.

Dieser "protestantische" Weg ins Paradies, allein durch Glauben, ohne Übungen oder ein mönchisches Leben, war sehr attraktiv und ist für die japanische Kultur sehr bedeutsam geworden, besonders für die Gartenkunst. Es entstanden Tempelgärten und sie waren meist als Paradiesgärten gestaltet. Der Garten sollte das reine Land im Westen repräsentieren. Er erlaubte die Flucht aus der Welt in das kleine Gartenparadies, das einen Vorgeschmack des Paradieses bot, das man nach dem Tod erhoffte. Es war eine unruhige Zeit mit Bürgerkriegen, sozialen Umwälzungen und täglicher Bedrohung, was die Sehnsucht nach einem paradiesischen Jenseits wohl beflügelt haben wird.

In jener Zeit entsteht das Grundgefühl, das viele japanische Gärten seitdem kennzeichnet: die große Stille, dunkles Wasser, Moos, eine weltentrückte Naturlandschaft, der man die planmäßige Anlage nicht ansieht.

Aber diese Gartenlandschaft ist in vielfältiger Weise mit Paradiessymbolen bestückt, auch wenn dies dem uneingeweihten Betrachter gar nicht auffällt. Der Gartenteich wird zum Symbol des Lotosteiches im Paradies. Die Steinsetzung im Teich repräsentiert die Insel Horai, eine der drei Inseln der Seligen. Auch Kranichinsel und Schildkrötinsel sind aus den chinesischen Paradieslegenden entlehnt (die Schildkröten trugen die Inseln der Seligen und die Kraniche sicherten die Fortbewegung zwischen den Inseln). Öfters wird auch der Weltenberg Shumisen als Steingruppe dargestellt.

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Steinsetzung im Form einer Horai-Insel, aus dem Garten des Tenryuji-Tempels in Kyoto

Diese Paradiessymbole sind keineswegs nur für die Paradiesgärten der Kamakura-Zeit charakteristisch, sondern kommen bis ins 18.Jh. vor, auch in weltlichen Gärten. Es ist also naheliegend, dass sie auch in Miniaturlandschaften eine Rolle spielen. Das Bild von Hakuin Ekaku (1685-1768) zeigt eine Landschaft in der typischen Form der Insel Horai: ein steiler Felsen im Sandmeer. Das Gedicht auf dem Bild ist ein Spottvers auf die lockeren Sitten von Mönchspriestern, ein Wortspiel mit dem Wort "Bonsan" (Berg in der Schale), das genauso ausgesprochen wird wie das Wort für Priester ("Bonze").

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Hakuin Ekaku: Miniaturlandschaft

In der Beschriftung wird die Horai-Insel nicht erwähnt. Sie zu sehen, blieb der Vorstellungskraft des Betrachters überlassen. Alte japanische Gärten fordern die Vorstellungskraft heraus, und dasselbe wird wohl für die davon abgeleiteten Topflandschaften gegolten haben. Manches ist nur angedeutet. Assoziationsreichtum ist wichtiger als Eindeutigkeit. Eigentlich entsteht die Aussage erst in den Gedanken des Betrachters und wenn verschiedene Betrachter für sich etwas unterschiedliches daraus machen, ist das kein Mangel. Ein Stein im Sand kann die Insel Horai sein. Auch die Zeichnung von Ogata Korin (1658-1717) stellt die "Insel der Glückseligen" dar: ein großer und ein kleiner Stein, vielleicht im Sandbett, zwei Pflanzen, die eine davon wohl ein Baum. Vielleicht eine Steinsetzung in einem Paradiesgarten, vielleicht eine Topflandschaft. Jedenfalls eine Aufforderung an den Betrachter, über das Paradies nachzudenken.

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Ogata Korin: Insel der Glückseligen

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Bildquellen


2.www.visasia.com.au/programmes/arts_of_a ... n_art_2002
Darin: Liu Yang: Sacred mountains in chinese art.
3. Liang, Amy: Bonsai, die hohe Kunst. Übers. von Horst Stahl. Stuttgart (Kosmos) 1998
4. Otto Fischer: Chinesische Landschaftsmalerei. Berlin (Paul Neff), 1943 (3. Aufl.)
5.http://www.bonsai-fachforum.de/viewforum?f=43
6. Nitschke, Günter: Japanische Gärten. Köln (Taschen) 1999
7. Brasch, Kurt: Zenga. Tokyo 1961. Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Supplementband 25
8. Hillier, John R.: Japanische Zeichnungen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Hamburg (Hoffmann und Campe) 1966
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