Der Literatenstil - Bäume für Einsiedler

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gunter

Der Literatenstil - Bäume für Einsiedler

Beitrag von gunter »

von Gunter Lind

Zu dem in diesem Artikel verwendeten Stilbegriff siehe Stile und Formen.

Auf japanisch Bunjin gi (nach der heute üblichen Transkription müßte es eigentlich Bunjin ki heißen); auf chinesisch Wen-ren-mu (manchmal findet man noch die ältere Transkription Wen-jen-mu). Wörtlich übersetzt bedeutet dies "der Baum des Gelehrten", "der Baum des Literaten". Gemeint sind also Bäume, die in der Art gestaltet sind, wie es der Darstellung von Bäumen in der Literatenmalerei entspricht.

Die Vorbilder waren insbesondere die Malerei der Bunjin, jener Gruppe japanischer Maler des 18. Jhs., die der chinesischen Literatenmalerei nacheiferten und die diversen Malschulen, die seit dem 17. Jh. in China erschienen, und deren bekannteste, der "Senfkorngarten", auch in Japan nachgedruckt wurde. Diese Bilder waren in Japan paradigmatisch für chinesische Malerei überhaupt, so dass man vielleicht so weit gehen kann, den Literatenstil als die Bonsaigestaltung "nach chinesischer Art" aufzufassen, so wie diese im 18. und 19. Jh. in Japan interpretiert wurde. Besonders gepflegt wurde sie in Japan anscheinend in der zweiten Hälfte des !9. Jhs., als die Gruppe der Bunjin längst nicht mehr existierte.

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Larix decidua von Walter Pall, 50cm hoch, Schale: Peter Krebs
Ein klassischer Bunjingi. Besonders schön ist die Form des Stammes, die dem Baum eine tänzerische Bewegung verleiht.



Den Literatenstil kann man sowohl als die älteste als auch als die jüngste der traditionellen japanischen Bonsaiformen betrachten.

Die Literatenmalerei entstand im China der Song-Zeit, im 11.Jh. Und aus dieser Zeit sind uns auch die ersten Abbildungen von Penjing überliefert, deren Gestaltung von einem künstlerischen Anspruch zeugt. Man wird annehmen können, daß die Übertragung der ästhetischen Kategorien der Literatenmalerei auf die Gestaltung von Penjing diese in den Rang von Kunstwerken erhob. Insofern stand der Literatenstil am Anfang.

Aber obwohl die chinesischen Gelehrten selbst Penjing und Gärten gestaltet haben, wird man nicht sagen können, sie hätten die Literatenform erfunden. Sie legten Wert auf künstlerische Freiheit und auf Spontaneität und hatten deshalb etwas gegen jede Festlegung auf bestimmte Formen im Sinne bestimmter Erscheinungsmerkmale. Zu einer Form von Bonsai wurde ihre Art der Penjing-Gestaltung erst in Japan.

Im 18.Jh. nahm bei einer Gruppe japanischer Intellektueller das Interesse an chinesischer Kultur zu. Man übte Kalligraphie, beschäftigte sich mit chinesischer Landschaftsmalerei, las die chinesischen Klassiker und gestaltete auch Bonsai auf chinesisch. Diese Intellektuellen, die Bunjin, waren keine Gelehrten wie in China, sondern eine bunte Gruppe von Künstlern, Zen-Mönchen, Ärzten etc., die vor allem in Kyoto, der alten Kaiserstadt, die noch immer die kulturelle Metropole war, wirkten. Am Sitz des Shogunats und der politischen Macht, in Edo/Tokyo hatten sie keinen Einfluß. Im Gegenteil, sie standen in einer gewissen Opposition zur politischen Führung, weil sie deren Versuch ablehnten, den gesamten Lebensstil der Japaner und insbesondere die Kultur so weit es ging zu reglementieren. Diese Reglementierung hatte durchaus einen guten Sinn: Sie sollte soziale Unterschiede möglichst wenig auffallen lassen und das war eben der Fall, wenn alle ihre Blumen nach den gleichen Ikebana-Regeln steckten und ihre Bonsai in der gleichen Art gestalteten. Diese drei Jahrhunderte währende Reglementierung wirkt in der japanischen Gesellschaft bis heute nach. Sie dürfte auch eine Ursache für die Einführung strenger Regeln der Bonsaigestaltung sein.

Bunjingi war zunächst also eine Art Proteststil gegen den schlichten Bonsai von der Stange, der damals angeblich im Horai-Stil gestaltet war, aber genau weiß man das nicht. Die Bunjin wandten sich auch gegen die in Baumschulen herangezogenen exotischen Gehölze und bevorzugten heimische Yamadori, die relativ wenig beschnitten wurden. Das war gegen den Trend beim japanischen Bürgertum, bei dem seltene, ausgefallne und exotische Arten beliebt waren. Insgesamt scheint der Einfluß der Bunjin zunächst nicht sonderlich groß gewesen zu sein.

Inwieweit diese Bewegung schon zu einer bestimmten Gestaltungsform tendierte, wissen wir nicht. Ich halte es für unwahrscheinlich, denn man war ja gerade im Namen der Freiheit der Kunst angetreten. Erst Mitte des 20. Jhs. wurde Bunjingi unter die traditionellen Bonsaiformen eingereiht, als letzte derselben. Und jetzt wurden auch hierfür Gestaltungsregeln formuliert (etwa: langer, gewundener Stamm und wenig Laub, überwiegend an der Spitze). Eigentlich ist das paradox: Es konterkariert das Insistieren der Bunjin auf künstlerischer Freiheit und es wird der Literatenkunst in keiner Weise gerecht.

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Picea abies von Walter Pall, Erstgestaltung von Werner Trachsel, 50cm hoch
Der Baum zeigt mustergültig die Kargheit der Gestaltungsmittel und eine einfache, strenge Schönheit.



Bis heute hat Bunjingi unter den traditionellen Formen allerdings eine Sonderstellung. Das zeigt sich schon im Namen. Alle andern Formen sind durch ein bestimmtes Merkmal der Gestaltung des Baumes gekennzeichnet, z.B. "streng aufrecht" oder "windgepeitscht". Bunjingi ist hingegen durch eine künstlerische Schule gekennzeichnet, also durch ein bestimmtes ästhetisches Ideal. Daher ist eine Beschreibung durch einzelne Charakteristika von Bäumen, bzw. einzelne Gestaltungsregeln nicht angemessen und darauf wird auch von verschiedenen Autoren hingewiesen. Der Bunjin-Stil in der Bonsaikunst ist so frei, daß er alle Regeln der Bonsaigestaltung zu verletzen scheint. Bunjin ist ein so offener Stil daß er keine spezifischen Formen hat und schwer zu beschreiben ist. Dennoch ist seine Aussage einfach und ausdrucksvoll (John Naka).

Dementsprechend kann ein Bunjingi auch in verschiedenen der klassischen Formen gestaltet werden, also z.B. in streng aufrechter oder in windgepeitschter Form. Alle klassischen Formen erscheinen möglich, vielleicht mit Ausnahme der Besenform, und zusätzlich weitere Formen aus dem chinesischen Repertoire.

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Bunjingi in verschiedenen klassischen Formen: Windgepeitscht, Kaskade, Dreiergruppe. Zeichnungen von D. Koreshoff

Deshalb erscheint es mir sinnvoll, zwischen Bunjingi und den andern klassischen Formen auch begrifflich zu unterscheiden. Letztere sind durch bestimmte Gestaltungsmerkmale innerhalb einer einheitlichen ästhetischen Konzeption gekennzeichnet. Sie sind Formen dieser Konzeption. Bunjingi erstrebt hingegen ein anderes ästhetisches Gesamtbild, so dass man von einem Stil sprechen kann. Allerdings kann man gegen einen eingeführten Sprachgebrauch nicht viel ausrichten, auch wenn er mißverständlich ist. Ich werde deshalb zwischen dem Literatenstil und der Literatenform unterscheiden. Der Literatenstil, um den es in diesem Artikel geht, ist ein ästhetisches Konzept. Die Literatenform ist eine der durch äußere Kennzeichen beschreibbaren klassischen Formen, eben ein Baum mit mehrfach gebogenem Stamm und nur wenig Laub an der Spitze in einer relativ kleinen, runden Schale. Ein Baum im Literatenstil kann in verschiedenen klassischen Formen gestaltet sein, er muß also keineswegs die Literatenform besitzen. Ein Baum in der Literatenform wird zwar häufig auch dem Literatenstil folgen, aber er muß es nicht. So sind etwa Blütenbonsai in der Literatenform selbstverständlich möglich, im Literatenstil aber eher fragwürdig, jedenfalls wenn auf starkfarbige Kontraste Wert gelegt ist.

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Taxus baccata von Walter Pall, 50cm hoch
Ein Beispiel für einen Baum im Literatenstil, der nicht die Literatenform besitzt.



Eine Kennzeichnung des Literatenstils kann also nicht durch Aufzählung von Merkmalen der Bäume oder Gestaltungsregeln geschehen. Sie geschieht vielmehr am besten durch eine Kennzeichnung des ästhetischen Ideals, das der Gestaltung zugrunde liegt. Dabei kommt es auf den Gesamteindruck an. Details sind nur in Beziehung auf diesen Gesamteindruck wichtig. Quingquan Zhao ( Penjing: Worlds of Wonderment, übers. von Karen Albert, Athens GA (Venus) 1998, 2.Aufl.)kennzeichnet dies Ideal durch vier Begriffe:

1. Gugao: Der Baum soll den Eindruck von Weltabgewandtheit und Einsamkeit vermitteln. Es sind Bäume für die Wildnis, nicht für den Stadtpark. Sie gehören zu dem daoistischen Mönch in seiner Zelle in der Einsamkeit der Berge oder zu dem Gelehrten, der sich nach Feierabend in diese Einsamkeit hinein träumt.

2. Jiangjie: Kargheit in den Mitteln der Gestaltung. Der Baum soll nichts enthalten, was für die Aussage nicht unbedingt notwendig ist: wenige Zweige, wenig Laub, nirgends Überfluß. Wenn jedes Teil wichtig ist, muß auch jedes Teil sichtbar sein. Man kann keine Mängel verdecken. Dahinter steht die kalligraphische Konzeption der Kunst der Literaten. Der Baum soll aus wenigen, klaren Linien komponiert sein, die sein "Knochengerüst" bilden "Weniger ist mehr!"

3. Ya: Der Baum soll einen eleganten, geschmackvollen Gesamteindruck vermitteln. Diese Eleganz soll aus den einfachen, klaren Linien der Komposition kommen, die innere Ruhe und Vornehmheit ausstrahlen sollen, und nicht etwa aus zusätzlichem Schmuck.

4. Pingdan: Einfachheit und Klarheit der Aussage. Die äußere Form soll hinter der zu vermittelnden Aussage zurücktreten. Dekorative Elemente oder Farben würden davon eher ablenken. Der Baum soll eine schlichte, strenge Schönheit ausstrahlen. "Mehr sein als scheinen!"

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Juniperus communis von Walter Pall, 50cm hoch, Schale von Derek Aspinall
Ein Baum, der nach meiner Auffassung alle acht Kennzeichen des Literatenstils sehr schön zeigt. Die extravagante Eleganz entspricht dem Stil sehr gut. Auf dem Foto ist die Farbe des Stammes etwas zu prächtig-weiß geraten.


Die Liste ist sicher nicht vollständig. Man könnte etwa noch Kennzeichen hinzufügen, die nicht nur für den Literatenstil zutreffen, sondern in der Penjing-Kunst überhaupt geschätzt werden. Nach David W. Fukumoto ( http://www.bonsai-fachforum.de/viewforum?f=43 , Aristocratic Penjing Principles & Philosophy )sind dies:

5. Ching: Reinheit und Stimmigkeit des Gesamteindrucks. Die Gestaltung soll unmittelbar als "richtig" einleuchten, unabhängig von den vielleicht sehr vielschichtigen Bedeutungen, die man darin finden mag.

6. Chi: Der Penjing soll den Geist, den Charakter, den "Lebensatem" des Baumes ausdrücken. Jeder Baum soll seine eigene Geschichte erzählen und in dieser sind auch Gedanken und Emotionen des Gestalters präsent.

7. Ku: Der Baum soll alt, verehrungswürdig aussehen. Ein alter Baum, aus dem noch frisches Grün sprießt, gilt als Sinnbild des Lebens. Bei schlanken, eleganten Bäumen sind unverwechselbare Kennzeichen des Alters besonders wichtig: alte Rinde, Jin und Shari, graue Flechten.

8. Kwai: Der Baum soll individuell, einzigartig, unverwechselbar sein, aber nicht grotesk. Er soll einen "Hingucker" haben, etwas das ihn gegenüber andern Bäumen auszeichnet. Im Literatenstil gestaltete Bäume sind Individualisten.

Nicht jeder Baum muß jedes dieser Kennzeichen haben.

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Pinus mugo von Walter Pall, 50cm hoch, Schale von Peter Krebs
Auch dieser Baum zeigt die Kennzeichen sehr schön. Die Stimmigkeit des Gesamteindrucks ist überzeugend. Der Baum sieht ganz "natürlich" aus, so als sei er immer schon so gewesen.


In verschiedenen Veröffentlichungen findet man die Behauptung, der Literatenstil sei paradigmatisch für chinesische Penjing überhaupt. Dies scheint mir eine vom historischen Standpunkt aus recht gewagte Aussage zu sein. Die meisten Quellen sind von Literaten geschrieben worden. Ihre Kunstauffassung ist deshalb gut dokumentiert. Außerdem war die Literatenmalerei ein beliebtes Sammelgebiet, so dass viele Werke erhalten blieben. Für die Volkskunst gilt beides nicht, d.h. man hat kaum Quellen und die meisten Zeugnisse gingen verloren. Wir wissen nicht, in wie weit die Konzeption der Literaten auch für die Penjing- Gestaltung des Volkes eine Rolle spielte.

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Bildquellen

Zeichnungen von D. Koreshoff aus D. Koreshoff : Bonsai, its art, science, history and philosophy, 8. Aufl. Portland OR, 1993
Alle Fotos von Walter Pall:www.Walter-Pall.de
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