Hackert, Jakob Philipp (1737-1807) - Baumbilder: realistisch und ideal

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gunter

Hackert, Jakob Philipp (1737-1807) - Baumbilder: realistisch und ideal

Beitrag von gunter »

von Gunter Lind

Philipp Hackert war zu seiner Zeit einer der berühmtesten Landschaftsmaler Europas. Er verdiente so gut, dass er sich einen fürstlichen Lebensstil leisten konnte und seine Bilder waren so begehrt, dass die Kunden bei Aufträgen mehrere Jahre warten mußten. Seit 1768 lebte er in Italien und malte italienische Landschaften, was dem Zeitgeschmack entgegenkam. Er war mit Goethe befreundet und dieser hat nach seinem Tod seine Biographie verfasst.

Die Landschaftsmalerei stand damals bei den Kunstkritikern nicht hoch im Kurs, die Historienmalerei galt mehr. Und wenn schon Landschaften, dann sollten es ideale Landschaften sein, freie poetische Erfindungen. Erdichtete klassische italienische Landschaften wurden manchmal zu einem unwirklichen Elysium idealisiert. Die nach der Natur gemalte Landschaft, die Vedute, war Kunst fürs Wohnzimmer, ohne ideale Intention. Der Fürst, der die hübschesten Ansichten seines Residenzstädtchens verewigt haben wollte, bestellte solche Gemälde und der Bürger, der eine Reise unternommen hatte, kaufte als Andenken einen Stich.

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Ruinen bei Agrigent, 1777

Man kann Hackert durchaus als Vedutenmaler bezeichnen. Er bemühte sich um getreue Wiedergabe eines topographischen Tatbestands. Er zeichnete virtuos und sehr präzise nach der Natur und er betrachtete diese Zeichnungen nicht nur als Skizzen, sondern führte sie im Detail aus, mit der ihm eigenen Akkuratesse, und verkaufte sie auch. Aber er wandte sich gegen bloßes Abschreiben der Natur, sondern versuchte, das Realistische mit dem Schönen zu verbinden. Seine Bilder sind komponiert; er wählte das Motiv, den richtigen Blickpunkt und den Ausschnitt sehr bewusst und oft idealisierte er auch ein wenig, um die Wirkung zu steigern. Die Grenze zwischen realistischer und idealer Landschaft ist hier fließend. Sein Ziel war eine Wiederbelebung der großen Tradition der niederländischen Landschaftsmalerei. Und das Ergebnis sind durchaus idyllische Landschaften nach dem Geschmack der Zeit. Manche seiner italienischen Landschaften haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den damals modernen englischen Gärten. Wie dort sind Interessantheit, Mannigfaltigkeit und Abwechslung die Kernbegriffe. Der Betrachter soll im Bild spazieren gehen, wie in einem Landschaftsgarten. Der Künstler soll das Malerische in der Natur entdecken und im Bild festhalten.

Hackerts Wertschätzung der Bäume entspricht deren Bedeutung im englischen Garten. Das Zeichnen von Bäumen war für ihn die Hauptaufgabe der Landschaftsmalerei und er hat auch eine Anweisung zum Zeichnen von Bäumen verfasst, wobei er Wert darauf legt, den unterschiedlichen Charakter der einzelnen Baumarten zeichnerisch zu erfassen. Auch in einem Traktat über die Landschaftsmalerei betont er die Wichtigkeit von Bäumen. Auf vielen seiner Bilder ist der Baum ein wichtiges kompositorisches oder stimmungsbestimmendes Element und manchmal wird er sogar zum zentralen Motiv und die umgebende Landschaft zum Ambiente.Nichts gefällt mehr, sowohl in der Natur als in Zeichnungen und Gemälden, als ein schöner Baum.

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Baumbild: Kastanie, 1801

Besonders hervorzuheben ist eine Serie von acht Radierungen mit prachtvollen Einzelbäumen, entstanden 1801/02, also ein spätes Werk, eine Art Zusammenfassung seiner lebenslangen Bemühungen um die angemessene Darstellung des Baumes: Kastanie, Eiche, Linde, Pagodenbaum, Pappel, Rotbuche, Tanne und Trauerweide. Zwei dieser Blätter sind hier abgebildet.

Man kann Hackerts Intention hier durchaus als wissenschaftlichen Naturalismus bezeichnen. Es kam ihm darauf an, genaue botanische Illustrationen zu liefern. An der älteren Landschaftsmalerei kritisierte er, dass sie in den Details nicht präzise sei, dass das Blattwerk aller Bäume gleich aussehe und man die unterschiedlichen Arten nicht voneinander unterscheiden könne. Hackert wollte jeden Baum in seiner Eigenart erfassen. Der Baum ist zugleich Individuum und Repräsentant seiner Art. Eingebettet wird er in eine Natur- oder Kulturlandschaft mit den üblichen Staffagefiguren, die den Charakter des Baumes unterstützen soll.

Die acht Bäume sind nach der Natur gezeichnet, die endgültigen Blätter geben jedoch nicht die zeichnerisch genaue Bestandsaufnahme wieder. Vielmehr sind eine Reihe von Veränderungen vorgenommen worden, um den gewünschten Charakter des Baumes besser herauszuarbeiten. Man kann das gut nachvollziehen, weil von einigen der Blätter die Vorzeichnungen nach der Natur erhalten sind. Ich nehme hier die Kastanie als Beispiel. Zunächst einmal fehlt auf der Zeichnung die umgebende Landschaft völlig. Sie ist also wohl hinzuerfunden worden. Aber auch bei dem Baum selbst gibt es eine Reihe von Korrekturen.
- Der Modellbaum hatte einige kleinere Totholzpartien. Sie wurde entfernt, da sie nicht zum Charakter des stattlichen Baumes passen.
- Die Stammführung wurde leicht verändert, insbesondere wurde die Verjüngung des Stammes gleichmäßiger gestaltet und ein durch einen größeren Seitenast bedingter "Absatz" in der Verjüngung ausgeglichen.
- Der Stamm wurde besser freigestellt und einiges Blattwerk davor entfernt.
- Einige relativ gerade gewachsene kleinere Äste wurden entfernt, so dass nur Äste mit harmonischen Biegungen übrigblieben.
- Das Laubwerk wurde insgesamt etwas gelichtet, so dass die einzelnen Partien einander weniger verdecken.

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Baumbild: Linde, 1802

Was Hackert hier macht, hat einige Ähnlichkeit mit der Bonsaigestaltung. Er benutzt einen von der Natur bereits gut "vorgestalteten" Baum und überarbeitet ihn so, dass er seinem Idealbild einer Kastanie entspricht. Die Maßnahmen, die er dazu unternimmt, haben alle ihre Parallele in der Bonsaigestaltung. Vielleicht sind manche der japanischen Regeln gar nicht nur japanisch, sondern Ausdruck allgemeinerer ästhetischer Prinzipien. Allerdings sicher nicht allgemeingültiger ästhetischer Regeln, denn die gibt es wohl nicht. Hackerts Bäume sind klassizistisch gestaltet und für barocke oder romantische Bäume gelten sicher einige andere Regeln.

Die Bäume auf den Gemälden und Stichen Hackerts mit Landschaften sind ganz ähnlich gestaltet wie auf den acht Baumblättern. Insbesondere bringen die Ölgemälde gegenüber den Radierungen eigentlich nichts Neues. Der klassizistischen Mode entsprechend dominiert auch bei ihnen die klare zeichnerische Erfassung der Gegenstände und die farbliche Fassung ist eher zurückhaltend, manchmal etwas matt.

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Umgestürzter Baum, 1775

Ein Baumbild sei noch angefügt, das in Hackerts Werk eine Sonderstellung einnimmt, die umgestürzte Kastanie. Der Himmel zeigt noch die dunkel dräuenden Wolken des Gewitters, das den prächtigen Baum fällte. Noch ist das Laub voll und lebendig, doch bald wird es zusammenfallen und der Baum wird absterben. Der Baum nimmt den gesamten Vordergrund des Bildes ein. Nur ein kleines Blickfenster auf die Landschaft wird freigegeben, mit zwei etwas verloren wirkenden Menschen. Ein naturalistisches Vergänglichkeitsmotiv.

Quelle

Wolfgang Krönig, Reinhard Wegner: Jakob Philipp Hackert, der Landschaftsmaler der Goethezeit, Köln (Böhlau) 1994

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