Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

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Christophe
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Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von Christophe » 12.06.2019, 22:40

Hallo liebe Bonsai-Gemeinde,

seit nunmehr 7 Jahren (2012) habe ich diese Yamadori-Buche (auf dem Grundstück eines Cousins von mir ausgegraben), und in der Zwischenzeit unfassbare Dinge damit angestellt - wäre der Tierschutzverein auch für Bäume zuständig, ich säße bis ans Ende meiner Tage bei Wasser und Brot im Kerker.
Und so begann es:
2012 - 07 1.JPG
2012: Als alles begann...
2012 - 07 1.JPG (80.52 KiB) 601 mal betrachtet
Man beachte die saubere, waagrerechte Narbe, wo der Kopf vom Rumpf getrennt wurde, sowie die professionelle Drahtung des Astes links davon !

Nur ein Jahr später (2013) sieht es fast wie ein Baum aus, nicht mehr wie ein Buchengebüsch, das von einem wildgewordenen Streusalztrecker überfahren worden ist, mal abgesehen davon, dass die Äste in unmöglichen Winkeln abstehen, aber das kann man ja richten (hab ich irgendwo gehört)...
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2013
2013 - 05 3.jpg (158.12 KiB) 601 mal betrachtet
2014 bis 2016 scheint praktisch nichts passiert zu sein, außer

dass in diesen Jahren eine sehr breite Wurzel mit einem Holzbeitel gespalten wurde (und heute noch genau so halbfertig aussieht wie früher), die relativ bald abgeschrägte Baumspitze mit Hilfe von Totholz-"Arbeitsversuchen" neu gestaltet wurde (beim ursprünglich geraden Schnitt stand natürlich das Regenwasser ewig auf dem Holz), zwei kleine Baumschul-Buchen ihre dünne Ärmchen für halbherzige Bohrpropfungen lassen mussten, die nicht funktionierten, und und und ...
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2014
2014 - 07 3.jpg (160.54 KiB) 601 mal betrachtet
2016 - 07 2.JPG
2016
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Heute sieht der Baum so aus (Höhe: 72 cm ab Schalenoberkante):
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2019 - 06 2.jpg (178.73 KiB) 601 mal betrachtet
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Mein Dilemma scheint zu sein dass ich diesen für meine sonst üblichen Shohin-Maßstäbe "gigantischen" Baum zum einen in seinem Potenzial überschätze und alles aus ihm herausholen will (und deswegen alles so halbherzig versuche, dass es scheitern muss), zum anderen ihn für nicht robust genug halte; dabei hat er mir ja jeden quatsch locker weggesteckt, den ich ihm unterzogen habe.

Also, bitte macht mir doch ein wenig Mut - ich mag den Baum wegen seines Hüftschwungs, seiner schönen silbrigen Rinde (da, wo noch was übrig/unversehrt ist), der dezenten, aber natürlich aussehenden Verjüngung (mag keine pyramidenförmigen Baumstämme mehr sehen).

Was mich zB interessieren würde, ist: wie sollte ich mit den fehlenden Ästen umgehen, wie an einer Feinverzweigung arbeiten, wann und wie das Nebari gestalten - findet ihr ihn auch so - naja - "hübsch" (blödes Wort) und der Mühe wert wie ich, oder eher nur als dummy für meine crashtests geeignet?

Ach ja, zum Nebari:
damals
DSC01396 - Kopie.JPG
Nebari 2013
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und heute
DSCN0008.JPG
Nebari heute
DSCN0008.JPG (360.22 KiB) 601 mal betrachtet
Bin sonst nicht so unsicher, und Bohrpfropfungen und Totholzgestaltung funktionieren sonst auch bei mir !

Danke,

Christophe
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von achim73 » 13.06.2019, 08:24

das einzige, was ich dir aus erfahrung raten kann, ist, die unteren äste einige jahre frei wachsen zu lassen. sonst werden die niemals so aussehen, wie du das willst. generell würde ich den baum weniger schneiden bzw mehr grün belassen und kräftig düngen, auch um schnittstellen, verjüngung etc. zu verbessern. wird zwar erstmal nicht vorzeigbar sein, aber sehr hilfreich. der ansatz, sich direkt um die feinverzweigung zu kümmern, ist bei shohin richtig und wichtig, aber bei so einem baum (in meinen augen) eher kontraproduktibv.
Gruss, Achim
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von abardo » 13.06.2019, 09:22

achim73 hat geschrieben:
13.06.2019, 08:24
der ansatz, sich direkt um die feinverzweigung zu kümmern, ist bei shohin richtig und wichtig, aber bei so einem baum (in meinen augen) eher kontraproduktibv.
... was ich mittlerweile genau andersrum sehe. Wenn man zuerst auf stammnahe Verzweigung setzt, hat der Baum nach kurzer Zeit exponentiell mehr Zweige, die man anschliessend in einer "Mastphase" alle passend durchwachsen lassen kann. Was führt wohl schneller zu Wuchsausgleich und Verdickung ? Wenn ich 5 unverzweigte Äste durchwachsen lasse oder 100 Zweige ?

Ausserdem hat man dann gleich die stammnahe Verzweigung und braucht nach der Mastphase nicht wegen der Verzweigung nochmal von vorne anfangen.
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von achim73 » 13.06.2019, 12:11

ja gut, das kommt auch etwas auf die art an. bei denen, wo ich das bisher praktiziert habe, haben sich in stammnähe von selbst genügend seitentriebe entwickelt. in diesem fall sind sie eh schon da.
Gruss, Achim
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von abardo » 13.06.2019, 13:14

Klar, weil du dann irgendwann die langen Triebe abschneidest, folgt daraus dann auch eine Rückknospung. Nur: wenn die Verzweigung, sagen wir bis zu Level 6 oder 7 zuerst erzeugst, brauchst du keine Rückknospung mehr. Ist ja alles schon da. Und die Zweige deiner Rückknospung sind im Vergleich zur Dicke des Astes viel zu dünn.

Zuerst auf Verzweigung und dann erst aufs "Mästen" zu setzen, hat aber noch mehr Vorteile:

a) ich schneide den Baum dann zuerst nochmal normal im Frühjahr auf Verzweigung und lasse dann den Zweitaustrieb durchwachsen (wenn ich Dickenwachstum will). Der Zweitaustrieb fängt zumeist mit kurzen Internodien an. Wenn ich dann zum Ende des Jahres die langen Schwuppen abschneide, sind das keine Opfertriebe, machen also auch keine dicken Wunden, sondern es verbleiben noch kurze Internodien vom Zweitaustrieb, die im nächsten Jahr wieder normal zur weiteren Verzweigung genutzt werden können

b) wenn man nur wenige Zweige an den Enden der Äste durchtreiben lässt, verteilt sich das Dickenwachstum ungünstig. Man erhält wirklich dicke Äste, von innen nach aussen sind die dann aber eher gleichstark. Werden die gekappt, hat man auch grosse Schnittstellen

c) je mehr Verdickungstriebe (ich nenne die mal so, weil ich von Opfertrieben unterscheiden möchte) der Baum hat, umso selektiver kann ich das Dickenwachstum steuern und eine gleichmässigere Verjüngung erreichen. Verdickungszweige, deren Äste nicht mehr aufholen müssen, werden halt früher gekappt. Andere bleiben bis zum Blattfall dran. Das kann man dann pro Zweig, pro Ast, unten, mitte, oben und innerhalb eines Astes sehr gut steuern

d) setzen alle Verdickungstriebe eher an den Enden der Zweige an möglichst vielen bereits vorhandenen Verzweigungen eines Astes an, führt das auch zu einer gleichmässiger verteilten Verdickung des gesamten Astes. Innere Internodien werden wirklich rasch dicker (weil dort der Saft von sagen wir 10 Verdickungstrieben durchläuft) und äussere wachsen halt nicht so stark (weil dann vielleicht nur noch ein Verdickungstrieb bis dorthin Saft zieht)

e) gerade bei wechselständigen Laubbäumen hat man ja gerne das Problem, dass der eine Teil einer Verzweigung jünger ist als der zweite Teil. Das lässt sich sehr gut und schnell ausgleichen, wenn man wirklich an jedem dünneren Triebende einen Verdickungstrieb wachsen lassen kann. Wieder: je mehr Verzweigung da ist, umso mehr Verdickungstriebe kann ich wachsen lassen, umso genauer kann man eine Auswahl treffen
Zuletzt geändert von abardo am 13.06.2019, 13:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von abardo » 13.06.2019, 13:22

Dem Baum hier würde ich also noch 2 Jahre reine Verzweigung gönnen, dann sollte er bei ca. Level 6 oder 7 sein. Und dann die nächsten Jahre den Wuchsausgleich.

(ein Vorteil wäre auch, dass er durch den regelmässigen Rückschnitt der nächsten zwei Jahre eventuell sogar noch aus dem Stamm austreibt, dann kann man sich Bohrpropfungen sparen oder sogar noch den ein- oder anderen Ast ersetzen)
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von Kyrilla » 13.06.2019, 13:27

abardo hat geschrieben:
13.06.2019, 13:22
Dem Baum hier würde ich also noch 2 Jahre reine Verzweigung gönnen, dann sollte er bei ca. Level 6 oder 7 sein. Und dann die nächsten Jahre den Wuchsausgleich.

(ein Vorteil wäre auch, dass er durch den regelmässigen Rückschnitt der nächsten zwei Jahre eventuell sogar noch aus dem Stamm austreibt, dann kann man sich Bohrpropfungen sparen oder sogar noch den ein- oder anderen Ast ersetzen)
Kannst Du mir das mal mit den Leveln erklären?Auch gerne per PN um den Thread hier nicht zu stören....
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von abardo » 13.06.2019, 15:02

Gerne. Gibt es jetzt als Thread unter viewtopic.php?f=9&t=49140&p=550493#p550493
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Re: Buche seit 7 Jahren ohne Plan und Konzept

Beitrag von Christophe » 13.06.2019, 17:34

Hier noch ein paar aktuelle Nebari-Fotos (dazu habe ich vorsichtig mit den Fingern ca. 3 - 4 cm Substrat entfernt, bis ich auf die feinwurzeln gestossen bin - und ich staune selbst, wie "massiv" das Nebari rundum ist; ich glaube ich habe die Buche viel zu tief eingebuddelt - werde höchstens 2 cm wieder auflegen!)
DSCN0033.jpg
DSCN0033.jpg (306.81 KiB) 336 mal betrachtet
DSCN0034.jpg
DSCN0034.jpg (317.78 KiB) 336 mal betrachtet
DSCN0035.jpg
hier die mit dem Holzbeitel gespaltene Stelle
DSCN0035.jpg (335.3 KiB) 336 mal betrachtet
sollte ich nochmal den Spalt auffrischen/vertiefen und dann mit zb Holzkeilen weiten ?
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