Die ganz dicke Hainbuche

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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Wolfgang S
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Beitrag von Wolfgang S » 28.02.2007, 15:03

Holz.D. hat geschrieben:Hallo,

eine Frage habe ich mal an alle?
Seht Ihr nur das was da ist, oder das was werden kann, bei jeder 1 Gestalung sieht der Baum bescheiden aus, oder? man muss dem Baum doch etwas Zeit geben. Ich habe da schon beschi. 1 Gestaltungen von anderen gesehen wo der Gestalter in den Himmel gehoben wurde ach wie toll der Baum doch sei.
Man sollte sich den Baum in Natura ansehen und dann sich noch mal zu Wort melden.
Das ist nicht das ich Partei ergreife.
Hallo David,
Zu Deiner ersten Aussage: Wenn der Baum erst diskutiert werden soll, wenn er "fertig" ist, dann sollte er auch dann erst ins Forum. Oder eben wie Wolfgang geschrieben hat, ins Forum mit der Bitte um keine Kommentare.
Da Walter aber schrieb, daß der Baum für Ihn fertig ist, verstehe ich Deine Aussage nicht ganz.

Zum zweiten: Wenn wir uns jeden Baum in Natura anschauen müssen um eine Gefallens-/Mißfallensäußerung abzugeben, wird es hier im Forum recht leise werden. Es steht doch im Ermessen den Posters, ein Bild einzustellen, das der (gesehenen) Realität nahe kommt. Schreib jetzt nicht, daß Walter seinen Baum so schlecht fotografiert hat.


Diese ganze Diskussion erinnert ein bißchen an den Streit zwischen Impressionisten und Expressionisten. Beides ist sicherlich handwerklich nicht zu beanstanden, aber gefällt halt unterschiedlichen Leuten mit anderen Geschmäckern.
Ich habe keinen Zweifel an Walters handwerklichem Geschick, aber meine Erwartung an Bonsai (nennen wir es mal Geschmack) ist halt was Anderes.


Gruß,
Wolfgang

Wirbel
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Beitrag von Wirbel » 28.02.2007, 15:35

Der Baum ist meiner Meinung nach, definitiv ein Klasse Bonsai. Wenn ich ihn mir ansehe, sehe ich keine ca. 60cm große Pflanze in einer Schale, sondern einen uralten, den Naturgewalten trotzenden Baum, der schon seit Ewigkeiten auf der Erde zu weilen scheint. Er hat Geschichte erlebt die schon weit zurück liegt und er steckt voller Weisheit. Das hohe Alter macht ihn zu schaffen, hat er ja teil seines Inneren durch Fäulnis verloren. Wahrscheinlich ist er seines Ende bewust, doch stört es ihn nicht. Er blickt stolz auf seine Kinder, die bereits zu stattlichen Bäumen gewachsen sind und ihrerseits schon Nachwuchs haben. Er kämpft nich krampfhaft oder verzweifelt um sein Leben, weis er doch, dass seine Zeit kommen wird. Mit voller Zufreidenheit blickt er zurüch in die Vergangenheit und erfreut sich der Gegenwart, genießt die Zeit die er noch hat. Diese durch Lebenserfahrung und Weisheit resultierende Zufreidenheit und Gelassenheit gibt ihm Kraft und ermöglichen ihm noch viele Jahre, vielleicht sogar Jahunderte. Wer weis das schon... .

Er ist definitiv ein großartiger Bonsai: er wirkt uralt und spottet der Realität, denn müsste er nicht viele Meter größer irgendwo im Wald stehen? Kann man ihn als Kunst bezeichnen? Definitiv ja! Wie sollte man denn sonst diesen entstehenden Eindruck erklären. Ist es doch gewiss keine Zauberei.

Zu den Bonsaistillarten: Diese sind meiner Meinung kein Gesetz sondern geben einen Rahmen vor, sind eine Art Empfelung. Die Stillarten sind nichts anderes als eine theoretische Betrachtung die helfen, Bäume so zu gestalen, dass sie nach etwas aussehen. Aber Theorie und Praxis lässt sich nicht immer 100% vereinigen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man bei der Bonsaigestalltung nicht immer diese Stillarten durchsetzen kann. Selbst großartige Bonsai wiedersprechen des öfteren den Sillarten. Wenn es auch nur ein vereinzelter Ast ist. Manchmal macht man mit der Verfolgung der Stillarten mehr kaputt als alles andere.

Walter, großartiger naturalistischer Bonsai!!!!

Ich danke Dir für diesen Eindrck und alle anderen die ich schon durch Deine Beiträge bekommen habe und für die, die noch kommen werden.

Gruß Stefan

KHarry
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Beitrag von KHarry » 28.02.2007, 15:42

holgerb hat geschrieben:
Michael T. hat geschrieben: wirkt in meinen Augen nahezu grotesk an diesem Baum.

Genau das ist es, was den Baum ausmacht, Michael. Der kann ja gar nicht mehr schön werden und soll er wohl auch nicht.
Als "Natur"-Beispiel:
Fahr mal bei uns über's platte Land und schau Dir das Können unserer Bauern an. Sehen nicht Kopfweiden, mit den lang aufgestreckten Ästen und den meist hohlen Stämmen nicht mindestens genauso, wenn nicht noch viel grotesker aus?


Holger
Hallo Holger,

Du hast recht, diese Kopfweiden sehen noch viel grotesker aus. Das ist gerade mein Problem mit dieser Gestaltung: Sie könnte viel grotesker sein. Beim Betrachten der Gestaltung war ich in dem Moment enttäuscht, als ich das gedrahtete Ergebnis sah. Insofern würde ich mich Michaels Kritik anschließen - ich finde die Gestaltung inkonsequent. Nicht zu hässlich, sondern im Gegenteil zu gefällig. 'Grotesk' war bestimmt der falsche Begriff in dem Zusammenhang.

Gruß Harald

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Walter Pall
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Beitrag von Walter Pall » 28.02.2007, 16:13

Ja wie jetzt, nicht schön genug oder nicht hässlich genug. Entscheidet Euch.
Offensichtlich nicht nichtssagend wenigstens.

Sehr amüsiert, grosses Kino.
Tollhaus

KHarry
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Beitrag von KHarry » 28.02.2007, 16:21

Ich spreche nur für mich, nicht für die Gemeinde. :wink:

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Tropenfreak
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Beitrag von Tropenfreak » 28.02.2007, 17:01

Genau diese Diskussion zeigt mir doch, dass die Gestaltung gelungen ist - da sie zur Diskussion anregt. Ich kenne viele Bäume bei denen steht man davor und denkt sich "schöner Baum" aber mehr auch schon nicht - die entsprechen hargenau den vorgegebenen Stilarten und sehen aus als wenn sie aus einer Gussform kämen.
Viele Walters Bäume entsprechen bewusst nicht diesen Stilen und genau darum faszinieren sie mich und regen zu heftigen Diskussionen an. Für mich macht gerade das eine gelungene Gestaltung aus. Dieser Baum ist wirklich ein Unikat. Obs gefällt oder nicht liegt im Auge des Betrachters und hat meiner Meinung nach nix mit gelungen oder missglückt zu tun.


lg Roland
Der Spirituelle Intellekt des Agrarökonomen steht in reziproker Relation zur Quantität seiner subterranen Knollengewächse ;-)

Mfg Roland

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Delamitri
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Beitrag von Delamitri » 28.02.2007, 17:39

Walter Pall hat geschrieben:Steve Tolley in einem sehr guten Inteview auf art of Bonsai Project:

Ich sage meinen Schülern 'ein Bonsai ist noch lange nicht gut, nur weil er Dir gefällt...

... wenn sie einen Baum sehen, den sie nicht mögen, dann nehmen sie an, dass er halt nicht gut ist und auch umgekehrt.
Und wer ist der "Erleuchtete" der uns sagt, welcher ein guter Baum ist :?:

Im Übrigen bin ich schon überrascht, dass diese Hainbuche ein Bonsai sein soll und nicht ein Baum :o :wink: (Gilt das jetzt auch schon als "Insider"?)
Bis bald!

K.

"Was machen Sie da?" wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: "Ich gestalte Bonsai."

KHarry
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Beitrag von KHarry » 28.02.2007, 17:44

Tropenfreak hat geschrieben:Genau diese Diskussion zeigt mir doch, dass die Gestaltung gelungen ist - da sie zur Diskussion anregt.
Wenn darüber diskutiert wird, ob die Gestaltung gelungen ist, beweist das, dass die Gestaltung gelungen ist? Hm.

Aber gut finde ich auf jeden Fall, dass hier jemand etwas riskiert und damit solche Diskussionen auslöst. Besser allemal, als immer auf den eingefahrenen Gleisen zu fahren. Wie Dieter schon bemerkt hat: Wir können alle dabei lernen.

KHarry
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Beitrag von KHarry » 28.02.2007, 17:50

Delamitri hat geschrieben:
Walter Pall hat geschrieben:Steve Tolley in einem sehr guten Inteview auf art of Bonsai Project:

Ich sage meinen Schülern 'ein Bonsai ist noch lange nicht gut, nur weil er Dir gefällt...

... wenn sie einen Baum sehen, den sie nicht mögen, dann nehmen sie an, dass er halt nicht gut ist und auch umgekehrt.
Und wer ist der "Erleuchtete" der uns sagt, welcher ein guter Baum ist :?:
Wieso 'Erleuchtete'? Wie auf jedem Gebiet gibt es Menschen, die mehr Urteilskraft besitzen als andere, weil sie sich intensiver mit der Materie auseinandersetzen, mehr kennen und mehr Vergleichsmöglichkeiten haben.

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Anja M.
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Beitrag von Anja M. » 28.02.2007, 17:52

:wink:
die entsprechen hargenau den vorgegebenen Stilarten...
Vorgegebene Formen, meinst du, nehme ich an.
Zu den Bonsaistillarten: Diese sind meiner Meinung kein Gesetz sondern geben einen Rahmen vor, sind eine Art Empfelung. Die Stillarten sind nichts anderes als eine theoretische Betrachtung die helfen, Bäume so zu gestalen, dass sie nach etwas aussehen.
Auch hier sind eher die vorgekauten Strickformen des neoklassischen Stils gemeint. Die sind in der Tat eher für die Theorie, den meisten Bäumen unbekannt und geben zwar den Anfängern eine Art Strickmuster bei ersten Gestaltungsschritten vor, stiften aber anscheinend auch ohne Ende Verwirrung.




Ich denke, die Aussage von Wolfgang S. trifft des Pudels Kern: Es wird genauso oft in der Kunst Güte und Geschmack verwechselt, wie bei uns durch falsche Übersetzungen der Unterschied zwischen Stil und Form unklar ist und zu Verwirrung führt.

Kennt man so einen Baum in Natura, verwundert die Idee als solche nicht. Dann stehen handwerkliche Ausführung und Wahl der Proportionen eher im Vordergrund.

Und was den besten Laubbaum angeht, das ist auch bei mir immer der, an dem ich zuletzt gestaltet habe. Solche Aussagen sollte man einem Gestalter nachsehen und nicht weiter interpretieren. Das ist einfach so.
73 Anja

Lindwurm
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Beitrag von Lindwurm » 28.02.2007, 17:56

Walter Pall hat geschrieben: Leider verwechseln viele Leute zwei grundlegende Dinge wenn sie Bonsai betrachten. Ich sage meinen Schülern 'ein Bonsai ist noch lange nicht gut, nur weil er Dir gefällt. Und bloss weil ein Bonsai gut ist muss er Dir noch lange nicht gefallen.' Die Monal Lisa ist ein grossartiges Gemälde und es is als solches allgemein anerkannt. Aber ich mag sie nicht. Das ist Geschmack. Ich kann jedoch unterscheiden zwischen der Kunstfertigkeit, die notwendig ist um so ein Gemälde herzustellen und der Tatsache, dass ich es nicht mag. Und genau da irren sich viele. Wenn sie einen Baum sehen, den sie nicht mögen, dann nehmen sie an, dass er halt nicht gut ist und auch umgekehrt.
dieser text bringt es auf den punkt,
trotzdem frage ich mal wie gut die hainuche als art denn dazu geeignet ist , so einen alten vom leben gequälten baum auszudrücken?

selbst wenn da ein talentierter gestalter ran geht, finde ich das ergebnis nicht mal ansatzweise vergleichbar mit der ausdruckskraft von z.b. wildoliven yamadori.

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Beitrag von Wolfgang S » 28.02.2007, 19:55

Walter Pall hat geschrieben:Sehr amüsiert, grosses Kino.
Tollhaus
Walter,
wo ist das Problem?
Du provozierst mit der Gestaltung, wir halt mit den Antworten.
Du stellst den Baum zur (kritischen) Diskussion, jetzt stell Dich derselben halt.
Wir wollen Dich nicht bewundern, wir wollen mit Dir diskutieren (Orgien, Orgien, wir wollen Orgien und Die spinnen die Römer.... für die, die das noch kennen).
Das meine ich jetzt ernst, ich verstehe zugegebenermaßen Deinen naturalistischen Stil nicht vollkommen, also provoziere ich Aussagen von Dir, die mir helfen, Deine Denkweise zu verstehen. Erst dann kann ich entscheiden, ob ich zustimme oder nicht.

Gruß,
Wolfgang

Lindwurm
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Beitrag von Lindwurm » 28.02.2007, 20:44

Tropenfreak hat geschrieben: Dieser Baum ist wirklich ein Unikat.
ist das besonders?

sind wir nicht alle unikate ? :wink:

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SiggiKuhn
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Beitrag von SiggiKuhn » 28.02.2007, 22:35

Hallo Walter,
Walter Pall hat geschrieben:Ja wie jetzt, nicht schön genug oder nicht hässlich genug. Entscheidet Euch.
also deine Bäume sind im allgemeinen klasse, aber deine Aufregung erscheint mir manchmal doch etwas künstlich.

Warum sollten "wir" uns entscheiden. Dem einen ist es nicht schön genug, dem anderen nicht hässlich genug, dem dritten gefällt's. Ist doch gut so, wo ist das Problem.

Du hast in einem anderen sehr guten Beitrag zu Recht die nichtssagenden "Schöner Bonsai"-Beiträge kritisiert. Freu dich doch, dass es hier anders ist. Die Auseinandersetzung gibt dir die Gelegenheit deine Vorstellungen von Bonsai (oder auch von nicht-Bonsai-sein-wollenden kleinen Bäumen 8) ) nochmal zusätzlich verbal zu äußern.

Also bei mir hast du in den letzten Monaten, seit ich hier im Forum bin, schon viel bewirkt - der künstlich erzeugten Aufregung hätte es dazu nicht bedurft. Die Bilder von deinen Bäumen und deine fachlichen Beiträge sprechen für sich.
Viele Grüße
Siggi

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Walter Pall
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Beitrag von Walter Pall » 28.02.2007, 22:48

Ach Siggi,

ich bin sowas von unaufgeregt hier, ganz cool. Da musst Du Dir keine Sorgen machen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich wirklich von dem beinflussen lasse, was da so geschrieben wird. Aber dass einige von mir beinflusst werden könnten, das nehme ich doch gerne in Kauf.
Ich habe zehn Jahre Internetforen hinter mir. Das härtet ab, glaub es mir.

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