Wider die Eile

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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zopf
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Wider die Eile

Beitrag von zopf » 03.02.2009, 09:45

Gerade in der Anfangszeit, gibt es wohl den starken Drang,
einen Baum zu "machen", Ihn zu gestalten, ein "Werk" zu schaffen.
Mir ist wohl bewusst, das wir in einer schnelllebigen Zeit
unser Dasein fristen und ergebnisorientiertes Handeln
allerorten von uns erwartet wird.
Nichts desto trotz ist Unser Hobby der Langsamkeit verschrieben.
Bonsai, ein künstlerischer Ableger, des weiten Gebiets der Gärtnerei,
verlangt Zeit, Ruhe, Geduld - all jene Tugenden von denen
wir uns immer mehr entfernen.

Als Handwerker sehe ich viele Totholzarbeiten sehr skeptisch,
gefräst, gebrannt - den Rest soll die Zeit richten.
Eine Arbeit, gleich welcher Art, sollte sauber ausgeführt werden
und zum jeweiligen Abschluss hin präsentabel sein.

Vom Standpunkt der "Kunst" her, sollte wohl in jedem Werk
ein Teil des Künstlers sein. Ein stückchen "Seele seiner selbst"
die dem Baum seine persönliche Note gibt.
So auf die Schnelle wird es aber schwierig
dieses flüchtige Etwas mit dem Baum zu verschmelzen.

Lasst Euch Zeit mit Euren Bäumchen,
auch wenn es ein paar Jahre dauert
bis Ihr den finalen Angriff plant.
Die Jahre bis dahin sind keine verlorene Zeit.

mfG Dieter
cogito ergo pups

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achim73
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Beitrag von achim73 » 03.02.2009, 11:35

dieter, danke, dass du etwas so grundlegenes mal wieder in erinnerung bringst.

*up*
Gruss, Achim
"Der kürzeste Weg zum Glück ist der Weg in den Garten"
chinesische Weisheit

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Bergi
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Beitrag von Bergi » 03.02.2009, 13:20

Hallo Dieter,

gute Gedanken, wichtige Gedanken.
Einen Teil deines Textes verstehe ich im Zusammenhang nicht so ganz:
Als Handwerker sehe ich viele Totholzarbeiten sehr skeptisch,
gefräst, gebrannt - den Rest soll die Zeit richten.
Eine Arbeit, gleich welcher Art, sollte sauber ausgeführt werden
und zum jeweiligen Abschluss hin präsentabel sein.


Das widerspricht doch genau dem "Zeit Lassen" - Ansatz? Ist das nicht gerade das Übel, von dem du sprichst, dass man immer sofort was "Präsentables" haben will?
Oder war das quasi vom "Eiligen" gesprochen, eine Art Antithese?

Verwirrte Grüße *augenverdreh* ,
Stefan
"Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie." (F. Kafka)

cordel
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Beitrag von cordel » 03.02.2009, 13:38

Bergi hat geschrieben:Hallo Dieter,

gute Gedanken, wichtige Gedanken.
Einen Teil deines Textes verstehe ich im Zusammenhang nicht so ganz:
Als Handwerker sehe ich viele Totholzarbeiten sehr skeptisch,
gefräst, gebrannt - den Rest soll die Zeit richten.
Eine Arbeit, gleich welcher Art, sollte sauber ausgeführt werden
und zum jeweiligen Abschluss hin präsentabel sein.


Das widerspricht doch genau dem "Zeit Lassen" - Ansatz? Ist das nicht gerade das Übel, von dem du sprichst, dass man immer sofort was "Präsentables" haben will?
Oder war das quasi vom "Eiligen" gesprochen, eine Art Antithese?

Verwirrte Grüße *augenverdreh* ,
Stefan
Ich vermute, er will damit sagen, dass wenn man eine Arbeit (z.B. die
Totholzgestaltung) durchführt, sich bewusst bei dieser Arbeit die nötige
Zeit und Ruhe lässt. "Schnell mal was hingezimmert" und den Rest die Zeit
richten lassen sollte nie das Ziel sein.

Bei diesem Hobby erfährt man keinen Zeitdruck, deshalb sollte man sich
die nötige Zeit für seine Arbeit auch lassen und dabei nach einem Hauch
Perfektion streben.

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zopf
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Beitrag von zopf » 03.02.2009, 13:53

Hallo Stefan
schnell gefräst - dann gebrannt - den Rest macht die Zeit
halte ich für keinen guten Ansatz.

Auch die Zeit kann die zu gut sichtbaren Fräserspuren
nicht verwischen. Das inzwischen so moderne Abbrennen
vertünscht zwar einige Spuren durch das Abbrennen
der Fräskanten, es ist aber nur Schmincke.
Die Totholzarbeit sollte so ausgeführt werden,
das Sie schon differenziert ist und den Eindruck
eines natürlichen Entstehungsprozesses vermittelt.
Danach wird die Zeit das Ihrige tun.

Totholz ist aber nur ein sehr augenscheinlicher Aspekt der Eile.
Ein Yamadori sollte schon ein paar Jahre
auf seine Gestaltung vorbereitet werden.
Die Entwicklung des Grüns,
die Entwicklung der Wurzeln,
auch die Entwicklung der Vorstellung
über die spätere Zusammenarbeit mit dem Baum.
Was bietet er mir an ?
Was kann ich Ihm abverlangen ?

Bonsai sollte kein Konsumprodukt,
sondern das Produkt jahrelanger Zusammenarbeit mit dem Baum sein.

mfG Dieter

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Alien66
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Beitrag von Alien66 » 03.02.2009, 14:33

Dieter,

gutes Plädoyer, sogar mit aktuellem Bezug! Danke hierfür.
Viele Grüße, Chris.

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Holger
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Beitrag von Holger » 03.02.2009, 14:50

Hallo Dieter,

unabhängig der Fortgeschrittenen, die "schnelle Effekte" erzielen wollen, hat man als Frischling das Problem, das man glaubt, 1000 Sachen auf einmal erledigen zu müssen, weil übermorgen der Bonsai ja fertig sein soll.

Im Laufe der Jahre lernen die Meisten die Geduld, und mittlerweile genieße ich es, wenn ich beim Betrachten über einen langen Zeitraum Ideen habe, diese verwerfe, die nächsten Ideen habe, einen ersten Schritt mache, die Ideen sich ändern...

Von daher gehört das, was du schreibst, zu den wichtigsten Grundlagen, die aber am schwersten zu lernen sind... viiiieeeel Zeit...

Gruß
Holger

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Beitrag von Heike_vG » 03.02.2009, 14:51

*clap* *clap* *clap*

Wie wahr!
Ich kann es gut nachempfinden, dass einen manchmal der Tatendrang in Sachen Bonsai übermannen will, aber oft ist es doch viel ratsamer, sich zu bremsen.

Es ist auch nicht schön, irgendwann einem Baum gegenüber zu stehen und sich zu schämen, weil man ihn in Eile und Übereifer verdorben hat.

Daher gebietet mir auch der Respekt vor dem Baum, mich mit erfahreneren Leuten darüber zu beraten, wie vorzugehen ist, ehe ich planlos selber drauflos übe.

Liebe Grüße,

Heike
Ein halber Schritt in die richtige Richtung ist oftmals ein Reinfall...

AK Hamburg & Umland

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Herbi
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Beitrag von Herbi » 03.02.2009, 15:04

OK!!
ich habs verstanden...

Gruss Herbi :cry:
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der1
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Beitrag von der1 » 03.02.2009, 16:46

Zum kleinen Deutschunterricht bitte :arrow: hier entlang.
Und wenn wir jetz so zusammen liegen / Ich wollt es sagen, aber hab mich nie getraut
Immer öfter, wenn wir uns berühren / Spür ich den leeren Raum zwischen unsrer Haut.
Lichter - Leerer Raum (Video und mp3)

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Beitrag von Herbi » 03.02.2009, 16:54

Hallo Ulf
Genau das habe ich gemeint. Sogar wir Schweizer lernen bis zur 2. Klasse Deutsch..... Nur ich finde im BFF sollte es (wider) vermehrt um Bäume gehen und nicht um Bla bla....
Liebe Grüsse aus ca.2500 müM beim Hüttenplausch

vom Ifone Herbi
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flu
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Beitrag von flu » 03.02.2009, 17:16

Vielleicht sollten wir die Artikel, in denen es tatsächlich um Bäume geht, zukünftig mit einem Bild markieren.
LOL
BildBildBild

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Robert S.
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Beitrag von Robert S. » 03.02.2009, 18:31

Hallo Dieter,

erst mal danke für dieses Thema / Plädoyer.

Ich versuche mich auch immer wieder am Erstellen von Totholzpartien, hab
zwischenzeitlich viel an Kaminholz geübt und an eigenen Bäumchen gemacht.
Dabei hab ich festgestellt dass das Faserreissen an frischem Holz viel besser
geht als an trockenem. Gibt es da Methoden wie man trockene Partien auf
das Faserreissen vorbereitet? (Ich könnte mir vorstellen diese anzufeuchten,
hab das aber noch nicht probiert).
Beim Flämmen kenn ich zwei Methoden. Zum einen das nur kurze, ober-
flächliche Abbrennen von kleinsten Fasern. Zum anderen das tiefe Ausbrennen.
Damit kann man in der Tat schöne Witterungseffekte erzielen (gesprungene
Partien). Allerdings mußte ich feststellen dass dieser Effekt durch das an-
schließend zwangsläufige Nachbürsten weitestgehend eliminiert wird.
Am besten klappt das noch bei sehr hartem Holz, wie z.B. bei Eiben.

Womit ich persönlich am wenigsten zurecht komme sind die manuellen
Werkzeuge (im Enger Shop als Jin-Sichel,-Messer, Stecheisen bezeichnet).
Hier tu ich mir seh schwer mit dem Werkzeug den genauen Verlauf z.B.
einer Rille, so wie ich ihn mir vorstelle, einzuhalten. Mir ist schon klar,
dass man "mit dem Holz" arbeitet. Also so wie die Fasern verlaufen.
Allerdings muß man, gerade bei kleinen, filigranen Details den
vorgegebenen Weg manchmal auch verlassen. In solchen Fällen tu ich
mir mit dem Dremel leichter.

Wäre schön, wenn die Totholzerfahrenen ein wenig zu diesem Thema
hier referieren.

Servus,
Robert

PS: Sollten in meinem Post Orthographie- oder Grammatikfehler zu finden
sein, bitte eine PN an mich. Das "Fach" im Forum rückt immer mehr in den
Hintergrund wenn Threads wie dieser durch "Deutschunterricht" oder
ähnliches Geschnatter zu seichtem Geblubber verkommen.

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Herbi
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Beitrag von Herbi » 03.02.2009, 18:49

Hallo Robert

Meine Worte!

Liebe Grüsse aus der Schweiz

Herbi *clap*
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Gisela V.
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Beitrag von Gisela V. » 03.02.2009, 18:57

Danke Dieter, dass Du meine Gedanken so gut in Worte gefasst hast.

Grüßle, Gila
Was wären wir ohne den Trost der Bäume.........

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