Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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Achim13
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Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Achim13 »

Hallo Leute,

ich nehme mal den letzten Sonntag zum Anlaß dieser Baumvorstellung mit wohl entwas ungewöhnlichem Material.
Mit den Bildern, die ich die letzten Jahre gemacht habe, kann ich glaube ich recht gut die Entwicklung des Baumes bis heute zeigen.
Vielleicht kann ich ja so noch ein paar Fan´s für Experimente dieser Art gewinnen.

Aber der Reihe nach:

2006 Herkunft und erste Schritte

Es handelt sich bei diesem Baum um eine sogenannte Resista-Ulm ( Ulmus x "New Horizon" ).
Eine Ulmenzüchtung, die wiederstandsfähiger gegen die Ulmen-Krankheit in den USA
gezüchtet worden ist, und nun als Strassenbaum Verwendung findet.

Dieser Baum stand seit ca. 10 Jahren als Strassenbaum in einer Kleinstadt und wurde im Frühjahr 2006 gerodet und ausgetauscht, da die Krone abgestorben war.
Ich schaute mir den Baum an, sah, das er bereits aus dem Stamm wieder austrieb und dachte mir:

.....netter Stamm
.....Ulme..ich mag Ulmen
.....ich habe Platz..warum also nicht *kopfkratz*

Zur Freude meiner Freundin, schleppte ich also den Stamm nach Hause und drückte (war nicht anderst möglich) den Baum in den größten Kübel den ich hatte.
Sägte dann den Stamm noch ein wenig kürzer und legte ein Gitter um den Stamm, das ich mit Substrat verfüllte.
Mir war klar, das ich mit den bestehenden Wurzeln nichts anfangen konnte.
Wollte einfach mal sehen, ob er so schon Wurzeln am Stamm bildet.

Dann wässern und düngen und warten.... *floet*

...und siehe da, der Stamm trieb erneut willig aus.
Die letzten beiden Bilder zeigen den Austrieb im Herbst und den erfolgten Rückschnitt.

( Ende 1. Teil )
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Bekommen-2006.jpg
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Achim13
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Achim13 »

( 2. Teil )

2007 Richtiges Abmosen und erste Gestaltung

Im Frühjahr 2007 bei einer bei mir stattgefundenen Umtopfaktion, habe ich mich entschlossen, doch mal nach der Wurzelbildung des Stammes zu schauen.
Also, Gitter weg und...nicht viel...... :(

Also, Fräse her und einen schönen tiefen Ring aus dem Stamm gefräst.
Die Ränder habe ich dann glatt geschnitten und den mit Wurzelhormonen bestrichen.
Ich denke mal die Hormone hätte ich hicht gebraucht..hatte das Zeug halt noch da :wink:
Dann das Gitter wieder drum und....wässern und düngen..was sonst.

( Ende 2. Teil )
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Abmosen1-Fruehjahr2007.jpg
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Achim13
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Achim13 »

2008..leider keine Bilder.

Bin 2008 genauso verfahren wie 2007.
Den Frühjahrsaustrieb ausgelichtet und den Baum durchgedrahtet.
Im Herbst wieder stark zurückgeschnitten.

...und natürlich wässern und düngen nicht vergessen :mrgreen:


2009...Erste Gestaltung und ab mit dem Klotz

Ja, dann war es so weit...der Stamm wird hohl.....

Es war klar, das die Krone durch den dicken abgesägten Stamm nie eine glaubwürdige Verjüngung bekommen würde.
Also, machen wir doch einen abgestorbenen alten Baum daraus, dessen Krone bereits verrottet ist.

Ich also die Fräse gezückt, den Stamm geöffnet und ein wenig rumgeschnitzt.
Muß noch verfeinert werden, aber der Weg ist klar.
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Achim13
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Achim13 »

Dann der spannende Moment.....hat er genug Wurzeln gebildet :?

Gitternetz ab, und angefangen das Substrat zu entfernen.
Man merkte gleich...da ist mehr als nur Erde....Wurzeln, und zwar einige.

Klasse, große Freude..endlich den großen Kübel los..... :mrgreen:

Also, die Wurzeln freilegen und schauen, wo man den Baum absägen kann.
Handsäge genommen ( mach ich auch nur einmal so....es lebe die Technik ) und den Baum abgetrennt.

Danach in den Anzuchtstopf und ....wässern und düngen..was sonst..... :wink:

Ich hoffe die Bilder sagen mehr als meine paar Worte und regen ein wenig an.

Gruß Achim *wink*
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cordel
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von cordel »

Wahnsinn. Mehr gibts dazu nicht zu sagen. Absoluter Wahnsinn.. nicht nur die Tatsache, dass ein Baum dieses Kalibers das Ausgraben so gut überstanden hat, sondern auch die fantastische Wurzelbildung und die Gestaltung. Rundherum wirklich gelungen. Gefällt mir.
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crimson
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von crimson »

Achim, wirklich unglaublich was Du so machst. In gerade mal drei Jahren!! Absolut irre. Ich glaubs nicht. Der Baum gefällt mir mehr als sehr gut. Den würde ich gerne mal live sehen. Wenn das keine Inspiration ist, was dann?

Viele Grüße
der André
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(Calvin & Hobbes)
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achim73
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von achim73 »

und mal wieder ein anwärter für einen fw-artikel... *daumen_new*
Gruss, Achim
"Der kürzeste Weg zum Glück ist der Weg in den Garten"
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Tekin
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Tekin »

Tutorial und inspirierende Arbeit, danke.
Harun Parlak
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Köhler Rudolf
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Köhler Rudolf »

Hallo,

man kann darüber diskutieren ob man solche Bäume mag.

Aber so etwas in Live zu erleben, dass ist etwas besonderes.

Ich hatte die Gelegenheit diesen Baum von Anfang an zu sehen. Wenige hätten sich mit so einem Baum abgegeben. Aber was Achim aus diesem Baum gemacht, das ist schon aller erste Sahne.

Handwerklich toll gemacht. Genügend Geduld aufgebracht. Und man sieht, dass auch aus solchem Material interessantes werden kann.

Das ist ein typischer "Achim-Baum".


Gottlob ist das Teil jetzt nicht mehr so schwer. Vorher haben wir zu zweit alle Kräfte aufbieten müssen um das zierliche Kerlchen in das Auto zu bekommen. *crazy*
Grüße
Rudi K.
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zopf
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von zopf »

Schön mal wieder was von Dir zu lesen,
tolle Arbeit
Dieter
cogito ergo pups
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schmieda
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von schmieda »

Danke für diesen Beitrag. das ist wirklich "Wahnsinn". Ich finde vor allem den jährlichen Zuwachs beeindruckend.
Gruß
Frank :)

++++ Gießen: Hessischer Botaniker findet heraus, wie Pflanzen länger leben ++++
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Heike_vG
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Heike_vG »

Das ist wirklich mal wieder ein Bericht zum Staunen! :shock:
Danke Achim!

Liebe Grüße,

Heike
Ein halber Schritt in die richtige Richtung ist oftmals ein Reinfall...

AK Hamburg & Umland
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Alien66
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Alien66 »

Achim,

zu der erzielten Entwicklung ist schon alles gesagt worden, ich schließe mich meinen Vorrednern an: Meinen Respekt!

Bitte erlaube mir eine Frage. Ich habe z.B. bei stark wüchsigen Arten, wie Berg-, Feld- oder Spitzahorn, erlebt, daß wenn man sie im Feld oder im TPK frei wachsen läßt, das Wachstum so stark ist, daß schon die ersten Internodien im Prinzip zur weiteren Verwendung viel zu lang werden. Beim Bergahorn hatte ich von April bis zum Spätherbst einen Zuwachs bei neuen Trieben von ca. 2,5m! Jedoch hätte ich fast den gesamten Zuwachs des Jahres im nächsten Jahr wieder vollständig entfernen können, da nicht brauchbar.

Du schreibst nun, daß Du kräftig düngst und gießt, demzufolge ich davon ausgehe, daß Deine Ulme vergleichbar starkt gewachsen sein müßte, wie meine Rohpflanzen. Auf Deinen letzten Bildern kann ich allerdings Austrieb sehen, der proportional gut entwickelt erscheint - auch in Bezug auf die Internodienlängen!
Kannst Du mir dazu etwas aus Deiner Erfahrung sagen? Verzweigt eine Ulme gegenüber den Arten, die ich nannte, grundsätzlich enger, auch bei starker Düngung?

Für einen Tip wäre ich Dir sehr dankbar, da ich in dieser Saison vor (wahrscheinlich) den gleichen Problemen stehen werde.
Viele Grüße, Chris.
witte
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von witte »

super arbeit! gefällt mir! und der beitrag muss unbedingt in den Fachwissenbereich!!!

grüße Martin
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Achim13
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Re: Vom Strassenbaum zum Bonsai-Anwärter

Beitrag von Achim13 »

Alien66 hat geschrieben: Du schreibst nun, daß Du kräftig düngst und gießt, demzufolge ich davon ausgehe, daß Deine Ulme vergleichbar starkt gewachsen sein müßte, wie meine Rohpflanzen. Auf Deinen letzten Bildern kann ich allerdings Austrieb sehen, der proportional gut entwickelt erscheint - auch in Bezug auf die Internodienlängen!
Kannst Du mir dazu etwas aus Deiner Erfahrung sagen? Verzweigt eine Ulme gegenüber den Arten, die ich nannte, grundsätzlich enger, auch bei starker Düngung?

Für einen Tip wäre ich Dir sehr dankbar, da ich in dieser Saison vor (wahrscheinlich) den gleichen Problemen stehen werde.
Erstmal ein Hallo an Dich :wink:

Für solche Aktionen bieten sich natürlich starkwachsende und austriebs freudige Pflanzenarten wie die Ulme an.
Wie Du an ´den Rückschnittbildern sehen kannst, habe ich immer versucht, an den am weitest nach innen liegenden Neutrieben zu schneiden, um die Krone möglichst kompakt zu halten.
Auch habe ich konsequent die Frühjahrsaustriebe vereinzelt und gleich ab einer Länge von 20-30 cm gedrahtet.
Mein Hauptproblem wird nun sein, die Pflanze zu bremsen.
Ich denke ich werde jetzt die nächsten 2 Jahre 2-3x im Jahr die Triebe einkürzen, auslichten und drahten müssen.
Und vorallem das Bäumchen auf schmalere Kosten umstellen ( bisher 2 Hand voll Blaukorn alle 4 Wochen :mrgreen: )
Ich denke mit Ahorn, müßte dies auch so gehn, die Internodien sind zwar sehr viel länger als bei der Ulme, aber sie bilden am Ansatz einen kurzen Ring, an dem auch Knospen sitzen.
Oder man schneidet immer auf Kurztrieb zurück, die sich doch im laufe einer Wachstumsperiode bilden.
Die großen Schnittflächen können verheilen, wenn der Baum in die feinere Verzweigung geht.
Dann ist schließlich noch genügend Zeit bis zur Schalenreife.

Gruß Achim *wink*
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