nach einer gefühlten Ewigkeit des fast ausschließlich passiven Forumsgenusses wird es für mich mal wieder Zeit, etwas zu schreiben.
Der hier vorgestellte Mehrfachstamm eines echten Geißblattes (die mit den wunderbar duftenden rot/weißen Blüten) fristete etwa vier Jahrzehnte ein unglückliches Dasein an einem ungünstig schattig gelegenen Platz in meinem Schrebergarten. Da fast alles andere eventuell bonsaitaugliche bereits in Töpfen stand, musste natürlich auch dieser unscheinbare Stumpf in meinem anfänglichen Bonsaiwahn unbedingt ausgegraben werden.
Diese Kletterpflanzen treiben zwar sehr lange Ruten, verdicken sich jedoch nur extrem langsam. Insofern ist dieses Exemplar mit optischen 8cm Stammdurchmesser an der Basis der Stämme ein ungewöhnlich kompakter Vertreter seiner Art.
Vor einiger Zeit wurde der Strauch bereits auf etwa 20cm Höhe gekappt, was dazu führte, dass Rindenbereiche abstarben und die typischen gewundenen Lebensadern einige Bewegung in die sonst geraden Einzelstämme brachten.
Alle Stämme sind hohl und sollen später auch kein hervortretendes Totholz mehr aufweisen. Was noch übrig ist überlasse ich der Natur. Das Holz gammelt bei Geißblättern eh schneller weg als man gucken kann.
Nachdem ich die Pflanze in einen (zu tiefen) Teichpflanzkorb gesetzt hatte, wartete ich zunächst den Austrieb ab um dann noch weiter kürzen zu können. Die Äste wären zu steif und unverjüngt gewesen um sie länger zu lassen. Die Wurzeln sind wie für Lonicera typisch (Kernwurzler) mehr als stammnah, denn an vielen Stellen hatten sich ständig neue Wurzeln direkt an und über der Erdoberfläche gebildet. Wohl ein Resultat der verdichteten Gartenlehmerde. Das Nebari wird später perfekt sein.
Glücklicherweise drahtete ich die frischen und noch weichen Austriebe sofort. Auf diese Weise lassen sich problemlos Bewegungen in die sonst sehr gerade und steif wachsenden Loniceratriebe bringen, die nach dem Aushärten absolut unmöglich wären.
Auch wenn es sich um eine Kletterpflanze handelt, die teilweise schön bewegte Triebe hervorbringt, so ist dies nur an den schwächeren Klettertrieben der Fall, nicht aber an den kräftigen Stockausschlägen. Hätte ich das Drahten zu diesem Zeitpunkt versäumt, hätten die Astlinien nie zu den durch die Verdrehungen bewegten Stämmen gepasst.
Im nächsten Jahr kam das Geißblatt in eine von der Größe her passendere Plastikschale.
Ein weiteres Jahr später topfte ich es in die erste Schale. Nichts endgültiges, doch optisch schon deutlich akzeptabler.
Außerdem entfernte ich das bisher nur mit Zangen bearbeitete unnatürliche Totholz. Am vordersten Stamm hatte sich mittig durch Saftrückzug ein weiteres Shari gebildet, das später einen interessanten Durchbruch schaffen wird.
Durch einen vollen Blattschnitt und einen zweiten starken Teilblattschnitt nahm nicht nur die Blattgröße stark ab (was momentan noch belanglos ist) sondern auch die Internodienlänge sank enorm. Obwohl das "echte Geißblatt" zu den grobwachsenden Loniceraarten gehört, lässt sich die Feinverzweigung enorm verdichten, solange man im Sommer häufig die sich überlappenden und sich behindernden Blätter entfernt.
Auf die weitere Entwicklung freue ich mich. Ich bin noch etwas unschlüssig wie groß die Krone letztlich werden soll, in den nächsten Jahren werde ich sie Stück für Stück aufbauen, entscheiden welche Äste bleiben, ob es luftiger werden soll oder auch unregelmäßiger.
Die lebenden Rindenbereiche werden im Laufe der Zeit immer weiter hervortreten, das Totholz wird weggammeln und einen natürlichen dunklen Farbton annehmen, die Äste werden knorriger und die Feinverzweigung wird bei gleichbleibender Wüchsigkeit schnell reifen, wenn kein unerwartetes Pflegeproblem meine Pläne durchkreuzt.
Bisher hehörte der Baum zu den sehr pflegeleichten, trockenheits- und frostbeständigen Arten in meinem Garten. Ich habe gelesen, dass sie auch wild in Skandinavien anzutreffen sei. Da sich die Blüten an den Enden längerer Triebe bilden, wird es sich zeigen, ob die Gestaltung schließlich freier wird um eine regelmäßige Blüte zuzulassen.
Höhe ca. 25cm
Breite der Schale 25cm
Ich freue mich über eure Kritik!
Schöne Grüße
Tom


