Rotbuche windgepeitscht

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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Herbert A
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Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 18.11.2016, 01:49

Servus an alle

Schon lange faszinieren mich windgepeitschte Benjing. Auf Ausstellungen in China oder Indonesien sieht man da wahre Meisterwerke.
Hier ist der Link zu Thierry´s Beitrag: http://www.bonsai-fachforum.de/viewtopi ... ilit=China
DSC_5477.jpg
DSC_5477.jpg (90.96 KiB) 2671 mal betrachtet
Dieser Baum, der in dieser Ausstellung zu sehen war, ist der Grund dass ich mich auch einmal an so eine Gestaltung heranwagen möchte. In Europa sind solche Bäume nicht sehr oft zu sehen.

Here we go:

Im Frühjahr habe ich eine sehr alte und stark verbissene Rotbuche ausgegraben. Die Verzweigung ist schon sehr fein. Die Rotbuche stand auch sehr exponiert. Somit haben nicht nur Rehe und Hirsche sondern auch der Wind schon etwas Vorarbeit geleistet.
006 14.05.16.jpg
Mai 2016
Beim ausgraben habe ich sehr großzügig gegraben und somit die meisten Wurzeln unbeschädigt herausbekommen. Bei Rotbuchen habe ich sehr gute Anwachsergebnisse wenn ich die Wurzeln nicht anrühre, also auch nicht auswasche, sondern den gesamten Wurzelballen nur auf eine Schicht Substrat (Akadama und Bims 50:50) draufstelle und fixiere. Den Wurzelballen decke ich nicht mit neuem Substrat ab, weil sonst das Abtrocknungsverhalten nur schwer zu kontrollieren ist. Der Mutterboden bleibt immer wesentlich länger feucht als unser Substrat.
002 14.05.16.jpg
Wurzelballen
Letzte Woche habe ich in Italien den Baum bei einem Workshop mit Alfredo Salaccione besprochen und schon etwas vorgearbeitet.
008 12.11.16.jpg
Nach Workshop mit Alfredo Salaccione
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Herbert A
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 18.11.2016, 02:07

Ein Knackpunkt des Baumes ist die nach links fliehende Krone. Die möchte ich unbedingt noch aufrichten. Das war beim Workshop nicht möglich, da ich dazu nicht das richtige Werkzeug mithatte. Außerdem mache ich solche kritischen Arbeiten lieber in Ruhe daheim.

Die Rotbuche hat natürlich ein extrem festes Holz und so ohne weiteres kann man da einen 3 cm dicken Stamm nicht mehr biegen.

Einen 12er Stahlstab sollte man da schon bei der Hand haben.
013 17.11.16.jpg
Krone biegen
Um die Spannung zu nehmen habe ich eine Entlastungsbohrung bis ins Kernholz gemacht.
014 17.11.16.jpg
014b 17.11.16.jpg
Bohrung
Wolfgang von unserem Club hat mir vor kurzem ein sehr professionelles Biegeeisen gemacht. Das wurde natürlich sofort eingeweiht. Nur durch verspannen mit einem Kupferdraht rührt sich da nämlich nichts.
016 17.11.16.jpg
Biegeeisen
Da hat sich schon was getan, aber das ist noch nicht die endgültige Biegung. A bissl was geht immer noch.
018 17.11.16.jpg
Weiter oben am Stamm, direkt oberhalb eines Astansatzes habe ich mit einer Säge einen Entlastungsschnitt gemacht, damit auch auch noch etwas Bewegung reinbringen kann. Dann kam wider das bewährte Biegeeisen zum Einsatz.
020 17.11.16.jpg
Entlastungsschnitt
019 17.11.16.jpg
Vorsichtig noch die letzten Zentimeter mit der Hand gebogen.
023 17.11.16.jpg
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Herbert A
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 18.11.2016, 02:18

Jetzt kann gedrahtet werden. Bei diesem Stil muss man auch noch das kleinste Ästchen dass in die verkehrte Richtung wächst drahten. Sonst ist die Fließrichtung nicht stimmig. 3 Stunden habe ich Kupferdraht draufgewickelt.

Hier ein paar Fotos während des drahtens.
024 17.11.16.jpg
Krone gedrahtet
025 17.11.16.jpg
Krone
Linke Seite fertig
027 17.11.16.jpg
linke Seite
Äste gelegt.
027b 17.11.16.jpg
Vorerst fertig.
028 17.11.16.jpg
Ich denke die Basis ist ganz gut.
Der Baum wird immer nur im Winter gut aussehen (hoffentlich). Im Sommer schaut das sicherlich elendig aus. Aber wir haben hier ja auch 6 Monate Winter wo ich mich an dem Baum erfreuen kann :-)

Ich bin schon gespannt auf eure Anregungen oder Kritik.

ciao
Herbert Aigner
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von hopplamoebel » 18.11.2016, 07:10

Moin Herbert,

sehr schönes Ausgangsmaterial!
Ich wünsche Dir viel Durchhaltevermögen - denn wie Du selbst schon schreibst, muss ständig jeder Ast gedrahtet werden damit er stimmig ins Konzept passt.
Aber wie wir Dich kennen, wird Dich das gerade herausfordern :-)
Viel Erfolg,
marco
So ist nun weder der etwas, der pflanzt, noch der begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt.

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Heike_vG » 18.11.2016, 08:32

Hallo Herbert,
wenn ich sonst von irgendwem so etwas wie "Rotbuche windgepeitscht" lese, erwarte ich gewöhnlich nichts Gutes... *iik*
Aber bei Dir hat die Sache Hand und Fuß, zum einen ist der Rohling super geeignet und zum anderen hast Du die Fähigkeiten und die Beharrlichkeit für solch ein Projekt. *daumen_new*
Klasse, ich freue mich auf die weitere Entwicklung! :-D
Die dramatischen windgepeitschten Gestaltungen von Robert Steven & Co. gefallen mir auch schon seit Jahren ausgesprochen gut.

Liebe Grüße,
Heike
Ein halber Schritt in die richtige Richtung ist oftmals ein Reinfall...

AK Hamburg & Umland

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Reiner K
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Reiner K » 18.11.2016, 09:33

Hallo Herbert,
was mich momentan stört, ist die rechte Seite.
Wenn Du eine windgepeitschte Form machen möchtest, sollte sich der Style durch die gesamte Kombi ziehen. Dazu passt m.M. nach die rechte Seite nicht.
Wenn Du Dein Vorbild anschaust, sieht mal eindeutige einseitig windgeformten Linien.
ebenso wenig gefällt mir der Ast im mittleren Bereich nicht, der den Stamm von der linke Seite quer kreuzt.
Aber das Baum ist ja noch jung....wird schon.
LG Reiner
Das Ziel ist das Ziel
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von HeikeV » 18.11.2016, 09:43

Moin Reiner,
Reiner K hat geschrieben: Wenn Du eine windgepeitschte Form machen möchtest, sollte sich der Style durch die gesamte Kombi ziehen. Dazu passt m.M. nach die rechte Seite nicht.
Wenn Du Dein Vorbild anschaust, sieht mal eindeutige einseitig windgeformten Linien.
der Gedanke kam mir bein ersten Anschauen auch. Aber wenn man gedanklich mal ein paar Jahre auf den Baum rechnet, kann die bis dahin entstandene Feinverzweigung auf der rechten Seite ja in die richtige Richtung gedrahtet werden. So scheint es ja beim Vorbild-Baum auch zu sein.

LG
Heike
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von zopf » 18.11.2016, 09:58

Hallo
Diese windgepeitschten Gestaltungen sind schon toll.
Ich bin mir sicher das Du Dein Ziel erreichen wirst, sieht schon gut aus.
In der Spitze sind recht viele Äste und Zweige,
da könnte es schnell zu ungewünschten Verdickungen kommen.
mfG Dieter
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Anja M. » 18.11.2016, 10:23

ich habe den Eindruck, in der Regel stemmen sich bei den guten windgepeitschten die Stämme gegen den Wind. Insofern hatte ich angenommen, du würdet den Baum so weit nach rechts kippen, daß der unterste Stammteil erst einmal eindeutig nach rechts gegen den Wind geht und dann erst die Krone durchgeblasen wird. Option?
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von kressevadder » 18.11.2016, 12:05

Mal wieder ein sehr schönes "Making of" von dir.

Vielen Dank!
Ich fordere einen BioGreenHealthGenderPoliticalCorrectness freien Tag pro Woche - Erholung muß sein!

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Günter Maier » 18.11.2016, 16:17

Hallo Herbert,

ich bin ziemlich beeindruckt wie konsequent du dein Projekt hier angehst.
Auch dein Ausgangsmaterial ist hierfür sehr gut geeignet.

Es gehört auch eine Portion Mut dazu, sich an das Biegen eines so dicken Hartholzstammes heranzuwagen
und genau zu wissen, wenn man aufhören muß, bevor es knack macht.
Ich hab sowas auch noch nicht gemacht, aber mit einer Idee im Kopf muß man es halt irgentwann wagen.
Das sind wertvolle Tipps für mich, es auch mal zu versuchen.

Als Hinweis zur weiteren Gestaltung, kann ich nur empfehlen das Bild mit dem schönen Baum von Robert Stevens
genau zu studieren.
Wenn man dort genau hinschaut stemmen sich dort alle Teile des Baumes gegen die Hauptwindrichtung.
Bis ins Detail hinein, zu den feinsten Ästen.
Zuerst wächst alles gegen den Wind, aber irgentwann, gehts dann nur noch ab in die andere Richtung.

Wie immer sind deine Ausführungen sehr interessant und wunderbar dokumentiert,
deshalb ein großes Lob von mir!
liebe Grüße
Günter

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Ferry » 19.11.2016, 12:35

Eine gute Biegetechnik hast Du angewandt. Daher habe ich den Artikel mit großen Interesse gelesen. Der Baum ist durch die Umgestaltung viel interssanter geworden und man kann den Wind, der durch die Baumkrone weht, fast spüren.
LG,
F.

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Georg » 20.11.2016, 08:04

Anja M. hat geschrieben:ich habe den Eindruck, in der Regel stemmen sich bei den guten windgepeitschten die Stämme gegen den Wind. Insofern hatte ich angenommen, du würdet den Baum so weit nach rechts kippen, daß der unterste Stammteil erst einmal eindeutig nach rechts gegen den Wind geht und dann erst die Krone durchgeblasen wird. Option?
Muss gestehen, dass mir genau das Prinzip auch durch den Kopf geht. Insofern tue ich mich erstmals mit einer Deiner Gestaltungsansätze schwer. Vielleicht überzeugst Du mich ja noch.
Eine anderer Punkt hat mich auch verwundert. Warum drahtest Du eine Buche mit Kupfer? Meine Erfahrung ist halt die, dass ich schon nach wenigen Monaten den Draht bei Buchen abnehmen muss, will ich Drahtspuren vermeiden.
Gruß Rüdiger
Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben geben, daß Du es sagen darfst(Voltaire)

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von achim73 » 20.11.2016, 11:23

hallo zusammen,
ich lese dieses toll dokumentierte projekt wie alle projekte von herbert mit größtem interesse.
ehrlich gesagt weiss ich nicht, warum einige von euch eine gestaltung favorisieren , die zuerst gegen die windrichtung strebt. in der natur ist das bei bäumen an windexponierten standorten sehr selten der fall...
eher sterben dort äste ab. insofern würde ich persönlich eher überlegen, einige der ungünstig stehenden äste zu totholz zu verarbeiten. aber das ist natürlich schon sehr unorthodox.

Bild
Bild
Bild
höchstens wachsen einige primäräste ein stück senkrecht, bevor sie in die windrichtung laufen.

der als vorbild gezeigte baum ist schön, aber mir persönlich auch zu künstlich.
ich glaube, das ist eher eine form, bei der ein baum dargestellt wird, der MOMENTAN von einem starken windstoss erfasst wird. meist macht man das bei arten mit langen, filigranen zweige wie z.b. birken oder weiden...naja, wie auch immer.
auf einer schönen platte wird das ein super baum (und etwas, das nicht jeder hat :) )
Gruss, Achim
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Norbert_S
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Norbert_S » 20.11.2016, 13:11

Achim, es wirkt halt noch spektakulärer, wenn sich der Stamm zuerst dem Wind entgegenstellt.
So wird aus gestaltendem Wind ein ständiger Sturm.
Ich mag die zahmere Version auch lieber.
Norbert

Was starke Wurzeln hat, muss den Sturm nicht fürchten!

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