Rotbuche windgepeitscht

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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achim73
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von achim73 » 20.11.2016, 13:30

vielleicht kommt es auch ein wenig auf die baumart an. bei bäumen mit von natur aus knorrigem, verdrehten wuchs wirkt das für mein empfinden besser als bei glatten, gleichmässiger wachsenden wie der buche...ist aber nur mein persönlicher eindruck.
Gruss, Achim
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Herbert A
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 20.11.2016, 14:16

Servus an alle

Der Baum ist ja erst am Anfang seiner Gestaltung.
Ein Baum ist auch ein Lebewesen und kann durchaus auch überfordert werden. Insofern ersuche ich um etwas Geduld mit dem Baum und mit mir. Ich habe lange überlegt ob ich den Baum überhaupt schon gestalten soll. Seit dem Ausgraben sind ja erst 6 Monate vergangen. Wäre es ein Nadelbaum würde ich ihn mindestens 2-3 Jahre unbearbeitet stehen lassen. Bei Laubbäumen kann man da nach meiner Erfahrung schon schneller arbeiten. Trotzdem sind 6 Monate verdammt kurz.
Da ich aber die Möglichkeit habe den Baum kalt und geschützt zu überwintern bin ich in diesem Fall das Risiko eingegangen.
Reiner K hat geschrieben:Wenn Du eine windgepeitschte Form machen möchtest, sollte sich der Style durch die gesamte Kombi ziehen. Dazu passt m.M. nach die rechte Seite nicht.
Windgepeitscht ist vielleicht nicht die richtige Überschrift zu diesem Thread. Meine Vorstellung ist folgende:
Baum im Herbststurm. Also eine Momentaufnahme. In diesem Fall können meines Erachtens auch Äste gegen die Windrichtung wachsen. Der Sturm peitscht die feinen Äste jedoch in die Windrichtung.
Anja M. hat geschrieben:ich habe den Eindruck, in der Regel stemmen sich bei den guten windgepeitschten die Stämme gegen den Wind. Insofern hatte ich angenommen, du würdet den Baum so weit nach rechts kippen, daß der unterste Stammteil erst einmal eindeutig nach rechts gegen den Wind geht und dann erst die Krone durchgeblasen wird. Option?
Ja Anja, das ist natürlich beabsichtigt. Das geht aber erst wenn ich den Baum umtopfe sobald er mir signalisiert dass er fit ist. Sorry ich hab übersehen davon ein Bild zu machen. Die Keile waren schon untergelegt.
Ferry hat geschrieben:Eine gute Biegetechnik hast Du angewandt. Daher habe ich den Artikel mit großen Interesse gelesen. Der Baum ist durch die Umgestaltung viel interessanter geworden und man kann den Wind, der durch die Baumkrone weht, fast spüren.
Ferry, es ist erst ein Lüftchen das man spürt. Die Zukunft wird es zeigen ob daraus ein Sturm wird.
Georg hat geschrieben:Eine anderer Punkt hat mich auch verwundert. Warum drahtest Du eine Buche mit Kupfer? Meine Erfahrung ist halt die, dass ich schon nach wenigen Monaten den Draht bei Buchen abnehmen muss, will ich Drahtspuren vermeiden. Gruß Rüdiger
Rüdiger, auch wenn man mit Aludraht arbeitet, wäre es das selbe Problem. Buchen haben Mitte Juni ein starkes Dickenzuwachs. Da gilt es besonders Aufmerksam zu sein. Vor allem dort wo stärker gebogen wurde ist das Dickenwachstum hoch. Da heißt es dann ständig beobachten und teilweise den Draht durchzwicken.

Es wird auf alle Fälle Spaß machen gemeinsam mit dem Baum zu versuchen ein Bild im Kopf umzusetzen. Wie heißt es oftmals "Vorfreude ist die schönste Freude". Der Baum wird mir schon sagen wenn ihm etwas nicht passt. Dann werden wir einen Kompromiss finden :-).

Die verschiedenen Meinungen zu diesem Baum sind natürlich, denn in einem Baum sind viele Bäume die man gestalten könnte. Nichts ist völlig richtig und nichts ist völlig falsch. Sonst würden ja alle Bäume gleich ausschauen :-)
Solange eine Gestaltung Dynamik, Ästhetik und Glaubwürdigkeit hat ist sie meines Erachtens gelungen.

Danke für eure Anregungen.

lg
Herbert
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Gatze
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Gatze » 21.11.2016, 11:49

Hi
Super anschaulich bebildert deine Gestaltung! Bei mir kam dann dennoch eine Frage auf: wo und wieso machst du entlastungsbohrungen und schnitte?
Ein tolles Projekt und ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung.
Grüße Magda

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Herbert A
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 21.11.2016, 22:40

Hi Magda,
dort wo beim biegen die größten Spannungen auftreten, ist die Gefahr dass der Ast oder Stamm unkontrolliert bricht am größten. Mit einer Enlastungsbohrung ins harte Kernholz oder einem Entlastungsschnitt wird der Baum genau an dieser Stelle zuerst langsam leichte Risse bekommen und ich weiß somit wann ich aufhören muss. Ohne Bohrung oder Schnitt könnte es sein dass es auf einmal "knacks" macht und der ganze Ast oder Stamm bricht entweder ganz ab oder es entstehen so starke Schäden die man ja vermeiden will.

Bohrungen mach ich wenn ich nur den Winkel verändern will und Schnitte in Astgabeln oder eine Spaltung des Stammes mache ich wenn ich gleichzeitig die Richtung ändern möchte.

lg
Herbert
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Gatze
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Gatze » 22.11.2016, 07:03

Hi Herbert
Danke, nun habe ich verstanden warum diese Schnitte gemacht werden. :-D Vielen dank für die super Erklärung!
Grüße Magda

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Herbert A
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 16.02.2018, 00:10

Servus an alle

Die ersten Gestaltungsschritte inklusive drahten und aufrichten der Krone hat die Buche gut verkraftet. Somit konnte ich sie im Mai 2017 in eine Trainingsschale setzen.

Hier einige Bilder vom umtopfen.
033 01.05.17.jpg
gute Wurzelbildung für das 1. Jahr
034 01.05.17.jpg
Styropor für Wurzeln kein Hinderniss
Der Wurzelballen ist durch die Entfernung von ein paar dicken nach unten wachsenden Wurzeln schon schön flach für das 1. Jahr.
037 01.05.17.jpg
In der neuen Trainingsschale. Die Position ist noch nicht die endgültige, da ich zur Verbesserung des Nebaris den Baum so in die Schale gestellt habe wie es für die Entwicklung des Nebaris am besten ist.
042 01.05.17.jpg
An Stellen wo die Feinwurzeln nur knapp unter der Substratoberfläche sind, gebe ich Sphagnummoos drauf und bedecke das ganze mit Teichfolie. Die Verdunstung in diesem Bereich reduziert sich dadurch.
043 01.05.17.jpg
Teichfolie zur Reduktion der Verdunstung
Der Baum musste natürlich im Sommer letzten Jahres entdrahtet werden damit keine Drahtspuren entstehen.

So schaut er heute im Februar 2018 aus.
047 15.02.18.jpg
Februar 2018
Die erste Drahtung wurde mit Kupferdraht vorgenommen, weil die dicken Äste mit Aludraht nur schwer zu biegen sind. Dabei muss man jedoch sehr aupassen dass man bei Laubbäumen die Rinde nicht verletzt.

Die jetzige zweite Drahtung wird mit Aludraht gemacht, weil die Äste weitgehend ihre Position gehalten haben.

Der Baum ist natürlich immer noch Anfang seines Weges zu einem Bonsai. Vor allem werden noch einige Äste fallen damit der Anblick nicht so verwirrend ist. Allerdings schaut das auf einem zweidemensionalen Foto wesentlich unordentlicher aus als wenn man vor dem Baum steht. Auch in der Krone muss noch aufgeräumt werden.

Ziel für dieses Jahr ist kräftiges Wachstum um die Shilouette zu verbessern. Ein Jahr Ruhe hat sich der Baum auch verdient, nachdem die ersten Arbeiten schon im Jahr des Ausgrabens erfolgten und der Zuwachs natürlich gebremst wurde.

An der Verzweigung sieht man natürlich noch wenig Veränderung, aber die gröbsten Arbeiten hat der Baum hinter sich und ein Jahr ungebremsten Wachstums wird ihm gut tun.
048 15.02.18.jpg
050 15.02.18.jpg
Der dicke Ast unterhalb der Krone (links) wurde noch abgespannt. Wahrscheinlich werde ich ihn aber entfernen sobald die anderen Äste eine bessere Verzweigung haben und die Lücke füllen können.
051 15.02.18.jpg
ciao
Herbert
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von evi » 16.02.2018, 08:11

Wow! Ich find ja, dass diese chinesischen windgepeitschten zu den eindrucksvollsten Stilrichtungen gehören. Die Rotbuche schaut jetzt schon beeindruckend aus und wird sicher mal ganz fantastisch! :D

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achim73
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von achim73 » 16.02.2018, 09:09

*daumen_new* tolle arbeit, wie von dir gewohnt. danke fürs zeigen
Gruss, Achim
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Barbara » 16.02.2018, 17:32

Ein sehr ausdrucksstarker Baum, Herbert, in einer gut passenden, außergewöhnlichen Stilform.
Ich freue mich schon auf den weiteren Werdegang.

Liebe Grüße,
Barbara
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von kressevadder » 16.02.2018, 17:56

Der wird der Oberhammer, Hammer ist er schon.

Ich denke mal laut über eine kürzere windzugewandte Seite nach:
051 15.02.18 2.jpg
Schönen Gruß
Manfred
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Opa Lutz » 16.02.2018, 18:22

Ich bin ja wiedermal sowas von gespannt!
Vielen Dank fürs zeigen und die ausführliche Doku. *daumen_new*
Grüße Lutz

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von MichaelL » 16.02.2018, 19:52

Hallo!
Ich habe den Thread interessiert gelesen. Toller Baum - und Buchen gibt es in windgeitschter Form z..B. auf dem Schauinsland im Schwarzwald.
Eine Frage noch zu den Entlastungbohrungen: machst Du die quer oder längs zur Biegerichtung?

Lg

Michael

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 16.02.2018, 20:19

Danke für die Vorschusslorbeeren. Es dauert noch ein paar Jahre bis aus dem Baum ein Bonsai wird so wie ich ihn mir vorstelle.

@Manfred:
Deine Anmerkung ist völlig richtig. Die Proportionen stimmen noch nicht. Dazu muss ich jedoch auf eine Verzweigung weiter innen warten, weil die Äste zu kurz und dick sind als ich diese stark biegen könnte ohne dass sie brechen.

@ Michael
Am besten dort wo man es nicht sieht. Bei der Entlastungsbohrung bohre ich nicht durch den gesamten Stamm oder Ast sondern nur bis ins Kernholz. Es entstehen trotzdem beim starken biegen neben dem Bohrloch Risse, die macht der Baum aber wieder problemlos zu.

Ein schönes Wochenende

Herbert
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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von evi » 17.02.2018, 08:13

Wobei ich find, dass es dramatischer aussieht, wenn die windzugewandte Seite größer ist.

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Re: Rotbuche windgepeitscht

Beitrag von Herbert A » 18.02.2018, 20:42

Servus an alle

Bilder lügen nicht. Je öfter ich mir das zuletzt gepostete Bild angeschaut habe umso störender wirkten einige Dinge auf mich.
Die Krone war zu ungeordnet und vor allem der mittlere Ast störte, weil er direkt nach vorne zum Betrachter zeigte.

Also wieder mal ein 12er Stahl angesetzt und den 2 cm dicken Ast gebogen. Man merkt jetzt dass die Bäume schon langsam etwas elastischer werden. Die Biegerei ging völlig problemlos.

Etwas ausgelichtet, nachgedrahtet und Ast gebogen.
Vorderseite.jpg
Vorderseite
Für nicht mal 2 Jahre hat sich ja schon etwas getan.
Zwischenablage.jpg
Mai 2016 und Februar 2018
lg
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