Ein Birkenfloß

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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hwolf
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Ein Birkenfloß

Beitrag von hwolf » 06.06.2017, 18:08

Hallo liebes Forum,

neben ein paar anderen Dingen habe ich die Pfingsttage genutzt, um ein paar meiner Bäume durchzuarbeiten.
Heute möchte ich gern die Dokumentation eines besonderen Baums, nein, einer Gruppe, nein, eines Klumpens, nein, eines Floßes beginnen und freue mich zum Auftakt natürlich wie immer über Kritik, Tipps und Rückfragen.
Es handelt sich um einen Yamadori, der von Chris P. etwa 2012 (stimmt das?) ausgegraben wurde.
Besonders ist mein schönes Floß, weil es a) eine Birke mit fünf Stämmen ist und ich sie dieses Frühjahr von meiner zwar noch neuen aber sehr lieben Bonsaifreundin Sigrid bei einem Besuch in ihrem wunderschönen Zuhause anvertraut bekommen habe. Wenn ich mich so an den schönen und sehr entspannten Nachmittag bei gutem Kaffee und zwischen unzähligen traumhaften Bäumen und weiterer mehr als liebenswerter Gesellschaft (und Katzen!) erinnere, geht es mir immernoch nicht so recht in den Kopf. Ich hockte vor dem schönen Floß, das gerade das Mausohrstadium erreicht hatte, da sagte Sigrid zu mir, ja wenn es mir so gefalle, könne ich es gleich mitnehmen, falls ich damit zurecht käme. Ich war natürlich begeistert, Sigrid freute sich einen motivierten Pfleger gefunden zu haben und so nahmen wir den Baum aus einer sehr wertvollen, großen, dunkelblauen PK-Schale, die ich lieber nicht übernehmen wollte (und die Sigrid sehr gern hat) heraus und betteten vorsichtig mit vereinten Kräften die sperrige Birke in die jetzige, wie ich finde ziemlich perfekte "Birkenschale", die Sigrid eben mal aus dem Keller holte und "so quasi über" hatte, um. Ich hab jetzt nicht groß nachgesehen, aber wenn ich nicht schon schusselig bin steht auf der Unterseite Bryan Albright. Ich mit Grinsen im Kreis über Herz und Lippen das Bäumchen ins Auto gebracht und natürlich die Contenance bewahrt. Sigrid, dein Herz ist riesig doch dein Ego ein Winzling. Danke noch und noch einmal.
vorher 2.jpg
Der Baum in seiner ursprünglichen Struktur, ein zweiter Austrieb ist noch nicht ausgereift, aber kraftvoll da.
So, der Baum. Ich habe also nach kurzer Anwachszeit gedüngt, die Birke hatte scheinbar nichts von ihrem neuen Schuhwerk bemerkt, als es warm wurde einen großen Untersetzer unter die Schale gestellt, was die Birke super fand und bis Samstag habe ich einfach Wachsen lassen. Bisher haben sich weder Schädlinge noch Blattpilze für die Birke interessiert.
In der Schale steht sie noch etwas zu hoch und leider hatte ich bisher große Probleme mit abschwämmendem Substrat. Meine temporäre Lösung seht ihr auf dem Nachher-Foto:
nachher.jpg
Nach der Überarbeitung, man beachte die Substrathalte-Deckschicht aus steriler Pinienrinde, die sonst mein Frauchen für ihre Orchideen benutzt.
Ich habe zunächst die große, breite Basis ordentlich mit verschiedenen Bürsten gesäubert und Wurzelschösse und alte Austriebsstumpen entfernt. Dabei zeigte sich, dass nichts morsch, rott oder faulig unter dem Moos war und der Baum eine sehr gesunde Basis hat. Gestalterisch war nicht viel zu tun, Chris´ und Sigrids eingeschlagener Weg gefällt mir sehr gut und ich will keine radikalen Eingriffe machen, nur weil man ja irgendwas gestalten, fräsen, absägen muss.
Also habe ich den zusammenwachsenden Kronen durch Schnittmaßnahmen mehr eine jeweilige Richtung gegeben, damit sie nicht gegenseitig konkurrieren müssen und mit Spanndraht und Holzstab, der vorher schon eingesetzt war, dies aber für meine Begriffe nicht konsequent genug, die Stellung des linken Stammes angepasst. Durch die Abspannung kommt die Krone weiter nach vorn, der Stab verhindert, dass der Stamm zu weit nach innen gezogen wird. Ich denke diese Montur wird die Birke zwei Jahre behalten müssen, damit es hält. Der doppelte Fahrradschlauch verhindert hoffentlich Spuren meiner Zwangsmaßnahmen.
Zuletzt habe ich die Hauptgruppen noch etwas durchgedrahtet, die Äste etwas gestellt und alle großen Blätter entfernt, damit der Baum nun wieder richtig viel Licht bekommt und jeden Grund hat, nochmal ordentlich dicht zu treiben.
detail 1.jpg
detail 2.jpg
detail 3.jpg
detail 4.jpg
Überwintern will ich die Birke kalt, aber wind- und sonnengeschützt. Nächstes Jahr werde ich so richtig umtopfen und die Hauptwurzel liegt dann tiefer in der Schale. Dann wird es ohne Rinde und mit etwas Moos um das Floß, nicht auf dem Floß so richtig schön.
Die Gestaltung gefällt mir sehr gut und ich denke ich werde die nächsten Jahre nur pflegend eingreifen müssen, um die Früchte der angelegten Struktur zu ernten. So die Theorie.
Ob das nun ein Floß ist oder nicht kann ich nicht sagen, für mich fühlt es sich zumindest so an, egal wie man es nennt, es hat Charakter, wirkt sehr dynamisch und ich finde die Anmutung wirklich sehr gelungen für so eine untypische Birke, auch wenn man sich kreuzende Stämme und die recht gleichbleibende Höhe der Verzweigung, auch die Asymmetrie als "Fehler" auffassen kann. Tu ich nicht, will ich nicht, dem Baum ists eh egal und mit zunehmender Verzeigung wird es immer harmonischer, will ich hoffen.

Ich freue mich über Kommentare, Tipps und Rückfragen!

Lieben Gruß
Heinrich
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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von Sigrid » 06.06.2017, 18:54

Lieber Heinrich,
Ich freue mich riesig, dass der Baum (es handelt sich übrigens um eine Moorbirke) bei dir gut angekommen und schon so munter im Austrieb ist. Tatsächlich hätte ich dieser Gruppe den verdienten Sonnenplatz nicht so richtig bieten können, bin also froh, dass sie nun bei dir in besten Händen ist - bei deinem Bericht bin ich allerdings ganz rot geworden :oops:
Und noch eine kleine Ergänzung/Berichtigung: Die Schale ist von Erwin Grzesinski (ursprünglich mal für meinen Dreispitz gefertigt, der aber inzwischen in einer anderen Erwin-Schale steht)
Ich hoffe natürlich auf weitere regelmäßige Berichterstattung :P
think pink

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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von hwolf » 06.06.2017, 19:00

Liebe Sigrid,

Danke für die Korrektur, wie gesagt, ich hab echt nicht nachgeguckt :oops:

Lieben Gruß!
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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von migo » 06.06.2017, 23:05

Würde zwar eher Mehrfachstamm dazu sagen, aber egal.
Mir gefällt vor allem der natürliche Habitus sehr gut. Birken müssen m. M. nach nicht grundsätzlich hängend sein. *daumen_new*
Freu mich auf Updates.
Tschüüss, Michael

Schützt unsere Wälder, eßt mehr Biber!

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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von kressevadder » 06.06.2017, 23:50

Ja, das ist ein Baum zum verlieben.

Genau mein Fall
Ich fordere einen BioGreenHealthGenderPoliticalCorrectness freien Tag pro Woche - Erholung muß sein!

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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von Andreas Ludwig » 07.06.2017, 00:59

Lieber Heinrich – tolles Mehrfachfloss (um den Kritiken entgegenzukommen). Ich kann dir nur eines empfehlen: Birken knospen weit zurück und du hast lange Stämme. Schneid es darum fast schmerzhaft weit zurück. Nicht jetzt natürlich, im nächsten Frühjahr. Wird lohnen. Dann kriegst du, was du nicht hast: Mittlere Grade, Halbstämme, Hauptäste, Substämme – egal, wie man es nennt, aber eben diese Dinge, die es jetzt nicht hat...
It is not enough to be busy. So are the ants. The question is: What are we busy about?
(Thoreau)

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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von abardo » 07.06.2017, 08:17

Hi Heinrich,

was ist denn die "angelegte Struktur" ?

Momentan seh ich einen Birkenbusch mit einem kreuzenden Stamm (auch noch der, der ganz mittig vorne entspringt). Will man einen Busch haben (was ich durchaus reizvoll finden würde), SOLLTEN die Kronen ineinander wachsen.

Da du die Kronen jetzt absichtlich voneinander trennst, möchtest du also ein paar Literaten mit gleichem Ursprung ? Für einen Mehrfachstamm fehlen mir unten alle Äste (oder soll der doppelt so gross werden ?).

Bitte erklär mal, wo es hingeht.
Grüße, Frank
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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von abardo » 07.06.2017, 08:28

Kann man Birken abmoosen ?

Wenn ja, würd ich das mit den hinteren Dreien tun und drei wunderbare Birkenliteraten (ohne irgendwelche Schnittwunden !) draus machen. Stell dir das mal in drei gleichen Schalen nebeneinander vor !

Und aus dem vorderen und dem kleinen Stamm mit dem Restflossknubbel wird eine überzeugende Vater-beugt-sich-schützend-über-den-Sohn-Geschichte.

(wobei in natura diese "Geschichte" mit dem "Schutz" eigentlich nie wirklich Sinn machte. In Wirklichkeit rauben die Väter den Söhnen Licht und andere Resourcen, werden selber immer grösser und überlassen die Kleinen dem Wildverbiss, bis die Väter im ganz hohen Alter sterben. Erst dann dürfen die Söhne durchstarten)
Grüße, Frank
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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von Norbert_S » 07.06.2017, 09:06

Schwierig wird es immer dann, wenn zwar viele aber eben doch Schubladen vorhanden sind.

Wenn ich mich richtig erinnere, stand diese vielstämmige Birke auf Chris' Verkaufsstand beim BFF-Sommerfest 2012. Lange habe ich mir mir damals gerungen, weil ich ja schon einige Birken hatte und irgendwann war sie verkauft.
Aber sie ist ja in beste Hände gekommen und ich freue mich, sie hier wieder einmal sehen zu können.

Eine solche Ausgangspflanze muss man weitgehend nehmen wie sie ist oder man lässt es besser.

Res, Birken knospen zwar weit zurück - am Stamm aber nicht verlässlich. Weiter als bis zum letzten Auge würde ich mich nie trauen bei einer Birke zu schneiden.
Aber selbst dann ist das von dir avisierte Ziel zu erreichen ohne diese wunderbare Leichtigkeit der Gruppe aufzugeben.
Wenn Heinrich dieses möchte, darf er im Vorjahr nicht umgetopft haben und muss die Birke sehr gut füttern. Damit stiegen dann die Chancen auf Rückknospung am Stamm.

Ob das wirklich notwendig ist?? - Muss/kann/darf sowieso nur Heinrich entscheiden.
Den querschiessenden Stamm würde ich auf den 1. Ast absetzen. Ich mag seine Unruhe stiftende Wirkung, würde sie aber etwas zügeln. Dieser eine Schnitt würde weitere möglicherweise folgen lassen - müsste man die Wirkung dreidimesional sehen.


Egal wie, viel Freude an der weiteren pflegenden Gestaltung, Heinrich.
Ist kein einfaches aber ein sehr interessantes Projekt.
Norbert

Was starke Wurzeln hat, muss den Sturm nicht fürchten!

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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von zopf » 07.06.2017, 09:43

Hallo Heinrich
So eine Art Baum lebt wohl hauptsächlich von den Linien (Bewegung der Stämme).
Wo ergeben sich (nicht stimmige) Brüche in der Linienführung ?
mfG Dieter
cogito ergo pups

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hwolf
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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von hwolf » 07.06.2017, 09:56

Ihr Lieben,

vielen Dank für die Tipps und netten Kommentare!
Sigrid hat geschrieben:
06.06.2017, 18:54
bei deinem Bericht bin ich allerdings ganz rot geworden :oops:
... Als wäre es Absicht gewesen... 8)
Andreas Ludwig hat geschrieben:
07.06.2017, 00:59
Schneid es darum fast schmerzhaft weit zurück. Nicht jetzt natürlich, im nächsten Frühjahr.
Andreas, machst Du sowas bei Birken im Frühjahr? Du meinst bestimmt nach dem ersten Austrieb, oder? Wenn nicht finde ich das sehr mutig, denn Birken ohne ausreichende Knospen und Äste können auch gern einfach absterben anstatt auszutreiben. Daher mache ich alle größeren Sachen an Birken eigentlich im Sommer, so jetzt so um die Zeit. Ich wäre sehr an deinen Erfahrungen und weiteren Tipps hierzu interessiert!
abardo hat geschrieben:
07.06.2017, 08:28
Kann man Birken abmoosen ?

Wenn ja, würd ich das mit den hinteren Dreien tun und drei wunderbare Birkenliteraten (ohne irgendwelche Schnittwunden !) draus machen. Stell dir das mal in drei gleichen Schalen nebeneinander vor !
*schock* :faellen:
Frank, Birken lassen sich abmoosen, wenn sie jung und der Stamm noch nicht weiß ist. So zumindest meine Erfahrung. Letztes Jahr machte ich drei Versuche, von denen einer bei einem 4cm dickem, noch rot-braunem Wurzelschössling einer riesigen alten Birke funktionierte. Birken mit Borke oder nur adulter Rinde gelten als nicht abmoosbar. Mal davon ab, finde ich nicht, dass drei ähnliche Birkenliteraten in identischen Schalen nebeneinander sehr reizvoll klingen. Da müsste ich dann an diese Olivenbaumzombies in riesigen Kunststoff-auf-Terracotta-gemacht-Kübeln vor Restaurants denken. Interessanter Gedanke aus dem "Europäische Rollbilder"-Thread, aber nichts für mich persönlich, no offense. Ich suche ja gerade das Singuläre, das für sich steht und nicht wiederholbar ist. Und es wäre auch schade um diese sehr untypisch gewachsene Birke. Ja, es gibt sie als Mehrfachstamm, Und es gibt sie mit solch geschwungenen Stämmen, es gibt sie auch auf breiter Basis bzw. als Floß, aber dass das alles zusammenkommt, habe ich vorher noch nicht gesehen. Und was würde bleiben? Ein mickriger Vater auf viel zu riesigem Wurzelklumpen und ein Söhnchen, dessen Gestaltung so nun gar nicht zu Laubbäumen passt.
Noch weiter: Ich habe vielleicht bisher zwei Laubbaum-Literaten gesehen, die mir gefielen bzw. glaubhaft waren. Da reicht es mir nicht, einen dünnen Stamm mit Knicken drin und eine kleine Krone oben druff zu haben. Und, mein Fehler, denn man sieht es auf den Fotos nicht - Schnittstellen haben alle Stämme reichlich, auch wenn diese in vielen Fällen schon sehr überwallt sind.

So, und was ist die angelegte Struktur? Wie soll ich diese Frage beantworten? Eine Bildbeschreibung wirst Du nicht lesen wollen; hast ja Augen. Mir geht es um das Auseinanderstreben der Stämme unter der Vorbedingung der gemeinsamen, nicht zu übersehenden Basis. Die Konvexe Außenlinie, von unten nach oben, baut eine Spannung auf. Hier ist der erste Anlass für mimetische Markierungen - kleine dicht bewachsene Inseln in Seen, ein Emergent, der seine Konkurrenten überlebt hat, die alte Geschichte vom von Leid geplagten Baumleben. Dann geht es weiter mit Windungen in den Stämmen. Sie wirken auf mich sehr lebendig, fast, als würden sie sich bewegen, sind Ankerpunkte für fabelhafte Gedanken darüber, welcher Fantasiewelt die Birke entspringt. Funktional betrachtet einen die konkaven oberen Bögen die Gruppe und balancieren den Baum als ganzes über seiner Basis. Die hohen Äste zeigen die Natur der Spezies - Birken - die seit Anbeginn der Zeit vom seltsamen Völkchen der Bonsaianer für ihren knorrigen Wuchs, die weiß-glänzende Rinde und krustig-schwarze Borke geliebt, doch für ihre oft einfach mit der Zeit absterbenden unteren Äste gefürchtet werden. Das mit den Ästen passiert auch da, wo die Birken keine Schalen fürchten müssen und sich tief in den sandigen oder morastigen Boden graben können.

Wie stelle ich mir das in fünf Jahren vor? Die getrennten Kronen wachsen mit ihrer Feinverzweigung langsam ineinander, ihre Primärstruktur teilt aber den Raum in klare Hoheitsbereiche der jeweiligen Stämme. Du musst ja auch beachten, auf welchem Entwicklungsstand die Birke heute ist. Verzweigungsmäßig doch noch sehr am Anfang. So entsteht eine gemeinsame Silhouette einer Baumgruppe, die in sich aber strukturiert ist, vergleichbar mit einem Hain. den hinteren Stamm will ich mit den Jahren recht weit zurücknehmen und wenn möglich weiter in die Mitte, weniger nach außen entwickeln, um ihn als "Rückseitenast" für optische Tiefe zu nutzen. Dann löst sich auch das bisherige Kuddelmuddel mit dem vordersten kreuzendem Stamm und dem Kleinsten ganz rechts auf. Wenn untere Äste dazu kommen, werde ich sie außen zulassen und fördern, dann muss aber noch mehr Abstand in die Kronen, damit es eben kein chaotischer Busch, sondern ein lichter Baum mit fünf Stämmen ist. Ich lege es aber nicht auf heftigste Rückknospung auf Teufel komm raus an, die Birke gefällt mir mit ihrer schwirrenden Leichtigkeit sehr gut.
Aktuell ist das "Gruppenfloß" (Danke Andreas! :lol: ) 70 cm hoch und 95cm breit. Dieses Verhältnis darf gern bestehen bleiben, wenn ich auch kein Problem mit 10-15 cm mehr oder weniger habe, ja nach dem, wie der Baum es mir vorschlägt.
Ansonsten kann ich nicht viel sagen, aber das ist schon viel für eine Topfpflanze, finde ich - schön sind sie alle auf ihre Art und viel wichtiger, ob eine "Struktur" den "Regeln" oder "Prototypen" folgt ist mir immer, ob die Pflanze gesund und munter ist und ich nichts falsch mache, wenn ich sie hier festhalte und in Gefahr bringe, nur um ganz eigennützig ihre Gesellschaft genießen zu können.

Norbert, Danke für Deine bestätigenden Worte, so ähnlich habe ich es auch gemeint. Sie ist, was und wie sie ist und entweder man begegnet dem mit Wohlgefallen und Respekt oder es ist nicht der richtige Baum. So ähnlich wie Deine Aussagen zum Rückschnitt und der Rückknospung habe ich es mir auch gemerkt und schon erlebt.
Norbert_S hat geschrieben:
07.06.2017, 09:06
Den querschiessenden Stamm würde ich auf den 1. Ast absetzen. Ich mag seine Unruhe stiftende Wirkung, würde sie aber etwas zügeln.

Über Deinen Schnittvorschlag muss ich nachdenken. Wie schon weiter oben gesagt will ich versuchen, diese Zügelung über das Aufräumen des hinteren Stamms zu realisieren. In zwei Jahren dann wird es Zeit für Entscheidungen. Und...
zopf hat geschrieben:
07.06.2017, 09:43
Wo ergeben sich (nicht stimmige) Brüche in der Linienführung ?
Dieter, Danke für Deine konstruktive Nachfrage, der ich mich stellen muss. Dafür und für die Beantwortung der Frage habe ich den Baum aber noch nicht lange genug. Noch bin ich zu verliebt in all die Medusen.

Ich hoffe, ein wenig Licht ins Dunkel gebracht zu haben und freue mich über weitere Nachfragen und Tipps von allen Seiten!

Lieben Gruß
Heinrich
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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von mohan » 07.06.2017, 12:42

Na, dann möchte ich auch noch etwas zu diesem traumhaften Floß beitragen, was ich glücklicherweise wieder hervorkramen konnte ( insider).

Leider bleibt das beste Bild, mit dem seligsten aller seligen Gesichtsausdrücke ever, beim Einladen der neuen Bäume, weiterhin verschollen 8) .

Wohl aber nicht in unserem Gedächtnis :-D .

Nun denn, hier der "Rest" vom ersten Kontakt.... *daumen_new*
Dateianhänge
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Viele Grüße
monika

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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von Andreas Ludwig » 07.06.2017, 15:29

hwolf hat geschrieben:
07.06.2017, 09:56
Andreas, machst Du sowas bei Birken im Frühjahr? Du meinst bestimmt nach dem ersten Austrieb, oder?
Knapp davor. Dann genau, wenn man die Triebe erkennt. Sicherheitshalber etwas oberhalb des gewünschten Triebs abhauen, Knete drauf, sobald sich der Trieb ausentwickelt hat, nachschneiden (Kallusbildung ist ab Mai am stärksten).

Bemerkung zum Absterben von Ästen/Zweigen: Es sind nicht bloss die unteren. Manchmal auch oben, in der Mitte oder seitlich. Wie's grad so kommt. Das ist das eigentliche Problem. Jedenfalls, wenn man gerne akkurat berechnete Polster hat. Gewöhnlich trifft es nicht stärkere Äste, sondern feinere Zweige, aber Muster erkenne ich keins. Für etwas freiere, wildere Gestaltungen, die sich halt mal ändern, ist die Birke immer noch ein guter Baum.
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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von Sebastian O » 08.06.2017, 16:25

Hallo Heinrich,

ich finde die Birke sehr spannend und nachdem ich gelesen habe, was Du mit ihr vor hast, freue ich mich schon sehr auf den weiteren Werdegang. Ich habe mir die Bilder der Birke in den letzten Tagen immer wieder angesehen und sie schließlich virtuell ein bisschen nach rechts gekippt. Ich finde, so kommen ihre Vorzüge noch ein bisschen besser zur Geltung, daher erlaube ich mir mal, das Bild hier einzustellen. Ich hoffe, Du hast nichts dagegen.

LG

Sebastian
Birke_gekippt.jpg
Birke_gekippt.jpg (195.53 KiB) 2132 mal betrachtet
LG
Sebastian

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Re: Ein Birkenfloß

Beitrag von Andreas Ludwig » 08.06.2017, 16:50

Hallo Sebastian – spontanes Bedürfnis visueller Art: Zurückkippen. Weil sie jetzt kippt...
Ehrlich gesagt sogar weiter als vorher. Bäume wollen nur selten kippen, an Felsen, Küsten oder Schluchten vielleicht.
Aber dazu ist diese Birke zu «redlich». Mein Gefühl sagt mir, dass die nur prosperieren will, so redlich aufwärts halt.
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(Thoreau)

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