"Duir"- eine europäische Gestaltung?

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HeikeV
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"Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von HeikeV »

Hallo ihr Lieben,

nachdem hier europäische Gestaltung mal wieder diskutiert wird, und es schon einen Vorschlag eines alternativen Forums gab, habe ich mich entschlossen meinen "Duir" ( Keltisch für Eiche ) genau hier zu zeigen. Der Baum ist noch lange nicht reif genug für ein "Public Viewing", aber mir scheint die Zeit ist es schon.

Diese Eiche war Beifang zu einem Herbstflieder, den ich von einem ganz lieben Bonsai-Freund erstanden habe. Als das Paket kam, war es dann wirklich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Dieser Baum ist einfach unmöglich, definitiv kein Material für eine ausstellungsfähige Eiche. Oder doch? Wie es denn auch sei, ich pflege meinen Bäumen keinen Namen zu geben, Duir ist die große Ausnahme, denn ich liebe diesen Baum, verzwatzelt und unmöglich wie er ist.

Da er sowieso gerade zum vierten Rückschnitt in diesem Jahr auf dem Tisch steht, habe ich beschlossen ihn schon zu zeigen:
Vorne?
Vorne?
Höhe Schalenkante bis zum höchsten Blatt sind momentan 40 cm, aber heute nachmittag wird er wohl etwas kleiner sein.
Rückseite, oder doch Vorderseite?
Rückseite, oder doch Vorderseite?

Dieser Wurzelbereich wird nie ein anständiges Nebari bilden, jedenfalls nicht solange ich lebe. Aber warum sollte er auch?
Wurzeln
Wurzeln


Ich mag diesen Baum so sehr, weil die Rinde Alter zeigt und sein Wuchs auf einen langen Überlebenskampf hin deutet. Viele seiner momentanen Äste sind Neu-Austrieb, der Baum
signalisiert mir seit Anfang des Jahres, dass er leben will. Prima, dann arbeiten wir eben jetzt gemeinsam an der Verzweigung.

Eichen habe ich noch auf keinem Foto einer japanischen Ausstellung gesehen, macht aber nichts (im Gegenteil!), denn wir sind hier alle mit alten, knorrigen Eichen aufgewachsen. Haben als Kinder in
ihren Wurzel Verstecken gespielt und aus ihren Früchten Männchen gebaut. Ich weiß, dass es solche Eichen wie meinen Duir da draußen gibt, also führe ich seine Gestaltung mit so wenigen Eingriffen wie möglich fort. Ist das ein Bonsai? Ja, da steht nämlich ein Baum in einer Schale. Ich halte ihn durch Gießen und Düngen am Leben, verscheuche den Mehltau und schneide ihn zurück, damit er innen nicht verkahlt. Genau das Gleiche mache ich auch bei meinem traditionell gestalteten japanischen Fächerahorn.

Liebe Grüße
Heike
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Norbert_S
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von Norbert_S »

Der hat zwei Ansichtseiten, zumindest den Bildern entnommen.
Viel Freude damit.
Norbert

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Sullivan, 1924
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HeikeV
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von HeikeV »

Die momentane Schale der Eiche ist ein Notbehelf. Duir kam mit Spaxschrauben befestigt in einer Plastikschale zu mir und musste da dringend raus. Günter Beck hat wie immer ganz schnell Abhilfe leisten können, und mir quasi über Nacht eine von der Größe passende Schale geschickt.

Für diese Eiche kann ich mir einfach keine traditionelle japanische Schale vorstellen. Aber wir wollten ja auch auf einen "europäischen Weg" hinaus. Wie sieht denn nun eine "europäische Schale" für einen kleinen Baum aus? Der traditionelle Blumentopf wird es wohl kaum tun. Zu hoch suggeriert er einfach nicht genug Landschaft. Und warum sollte ich mir so ein klobiges Teil aufs Regal stellen wollen. Das sieht einfach nicht aus.

Aber was nimmt man dann?

Ich habe das Schalenproblem zunächst auf das Notwendigste herunter gebrochen. Egal wie die Schale später aussehen soll, der Boden braucht Abzugslöcher für Wasser und ich muss den Baum in der Schale befestigen können. Seit dem Frühjahr habe ich einen eigenen Brennofen, Ton liegt auf Halde, nur eine Idee hatte ich nicht. In Heisterberg hat mir ein ganz lieber Freund seine alten Töpferbücher überlassen (Danke Peter!) und ich habe angefangen zu lesen. Erstaunlicherweise haben wir in Europa Keramiker, die mit einfachen, traditionellen Mitteln wunderschöne Kunstobjekte herstellen. Da sollte man tatsächlich mal hinschauen, die können was. Um ehrlich zu sein, hatte ich mich bis dato damit gar nicht beschäftigt.

Gestern habe ich dann den ersten Entwurf einer Schale für Duir getöpfert. Da müssen noch die Feinarbeiten erledigt werden. Aber ich überlege zur Zeit noch, ob diese Schale überhaupt Füße bekommt. Glasieren möchte ich sie mit schiefergrauem Redox. Momentan macht mir auch die Größe der Schale zu schaffen, denn sie wird nur knapp 1 cm von den Heizwendeln entfernt stehen. Im Einbrandverfahren habe ich auch noch nie gebrannt, also bin ich mir ziemlich sicher, dass das Ganze wohl schief gehen wird. Im August weiß ich mehr. Versuch macht klug!

Schalenversuch kl..jpg
Das nenne ich "Steinzeit-Töpfern". Der Schalenrand ist aus schnell gedrehten Wülsten aufgebaut, die ich anschließend mit einem Holzpaddel flach geklopft habe. Das ist so ziemlich die primitivste Art des Töpferns, mit der unserer Vorfahren allerdings Erstaunliches hin bekommen haben. So entsteht dann auch ein geschwungener Rand, den ich unbedingt haben wollte, weil es organischer aussieht. Gerade Linien und rechte Winkel kann ich mir für diesen Baum einfach nicht vorstellen.

So sieht die Schale von innen aus. Löcher werden noch ausgestochen.
Schale v. oben kl.jpg
Bis zum nächsten Frühjahr habe ich hoffentlich eine adequate Schale töpfern können.

Ich habe diesen Beitrag hier zur Diskussion am Objekt in der Hoffnung eingestellt der theoretischen Diskussion im anderen Thread ein wenig mehr Praxis einzuhauchen. Hier habt ihr ein Bild von einem Baum und meine erste Idee einer passenden Schale dazu.

Anregungen und Kritik sind ausdrücklich erwünscht.

Liebe Grüße
Heike
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HeikeV
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von HeikeV »

Norbert_S hat geschrieben: 30.06.2018, 10:09 Der hat zwei Ansichtseiten, zumindest den Bildern entnommen.
Viel Freude damit.
Danke, Norbert!

Die hat er tatsächlich. Und wenn ich die jetzige Rückseite zur Vorderseite mache, funktioniert die Schale nicht mehr. *ups*
Aber das ist ja ein Teil der Freude: solange zu tüfteln, bis es passt.
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Gary
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von Gary »

HeikeV hat geschrieben: 30.06.2018, 10:15 Die hat er tatsächlich. Und wenn ich die jetzige Rückseite zur Vorderseite mache, funktioniert die Schale nicht mehr. *ups*
Aber das ist ja ein Teil der Freude: solange zu tüfteln, bis es passt.
Heike,
das dachte ich auch, denn spontan gefällt mir die "Rückseite" auf den Fotos besser.
Vermittelt mir einfach mehr Dynamik und Spannung bei zugleich stimmiger Ausgewogenheit.
Einzig das Top scheint etwas nach hinten zu fliehen.

Den Schalenansatz finde ich gar nicht schlecht.
Vielleicht die Wandungen etwas zu schräg ausladend?
Eine Lösung für Füße wird Dir noch einfallen, so wirkt das einfach zu plump.
Grüße aus dem sonnigen Baden
Gary

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Jan G.
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von Jan G. »

Morgen

Wenn ich sone verknusperte alte Eiche sehe muss ich immer an den Bauernhof in der Lüneburger Heide denken, auf dem wir als Kinder immer Urlaub gemacht haben.
Unter einem Meter Durchmesser stand da kaum was rum. Um die Bäume, die direkt auf dem Hof standen, haben sie da vor gefühlten Jahrtausenden schon 40 cm hoch Mauern aus Findlingen gelegt . Alles moosbewachsen und in den Ritzen überall blühendes Kraut.
Da geht dein Entwurf schon in die Richtung. Wie ne alte Mauer. Was die Füße angeht denke ich auch, dass sie das ganze irgentwie enterden. Oder hat schon mal wer ne fliegende Mauer gesehen?

Lange Rede kurzer Sinn . Ohne groß Ahnung von Schalenkunde und von Größenverhältnissen und dergleichen. Ich würde den Baum da rein setzten. Oder wie Peter sagt ''Schmetterlinge''

(aber vergiss das blühende Kraut nicht) *daumen_new*
Höre dein Jan !
chris-git@rre

Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von chris-git@rre »

... nur zum Baum.
Ich finde ihn interessant.
Das ist doch gut dass der Baum von zwei Seiten gut aussieht.
Meine Idee vom ersten Foto aus gesehen.
Den unteren rechten Ast stark wachsen lassen.
So das er lang und ausladen wird.
Ich könnte mir auch vorstellen dass der Ast in der Mitte auf der Erde aufliegt.
Und dann wieder nach oben wächst.
Dann brauchst du natürlich eine andere Schale oder Tablett.
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HeikeV
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von HeikeV »

Hallo Harald,
Gary hat geschrieben: 30.06.2018, 10:35 das dachte ich auch, denn spontan gefällt mir die "Rückseite" auf den Fotos besser.
Vermittelt mir einfach mehr Dynamik und Spannung bei zugleich stimmiger Ausgewogenheit.
Einzig das Top scheint etwas nach hinten zu fliehen.
danke, mir gefällt die Rückseite inzwischen auch besser. Dann fällt auch der eine "Propeller-Ast" nicht mehr so sehr auf. Das Top ist noch mit Draht in den Griff zu
bekommen, denn da handelt es sich ja meist um Neuaustrieb.

Wie wir das Ding des "europäischen Bonsai" auch drehen oder wenden wollen, beim Drahten und Schneiden nimmt sich das alles nichts.
Den Schalenansatz finde ich gar nicht schlecht.
Vielleicht die Wandungen etwas zu schräg ausladend?
Eine Lösung für Füße wird Dir noch einfallen, so wirkt das einfach zu plump.
Ja, die Wandungen sind mir gestern beim Glätten der Innenseite zu schräg geworden. Dadurch ist die gesamte Schale auch eigentlich zu groß und ich habe
mit Schrecken festgestellt, dass sie kaum in meinen Ofen passt. Brennen werde ich sie zur Probe trotzdem, denn mich interessiert, wie die Glasur aussieht, speziell
in den Übergängen der Wülste. Ich muss dringend mehr Erfahrung sammeln.

Über die Füße kann ich noch ein paar Stunden nachdenken, die Schale trocknet noch. :lol:

Liebe Grüße
Heike
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von HeikeV »

Moin Jan,
Jan G. hat geschrieben: 30.06.2018, 10:58 Wenn ich sone verknusperte alte Eiche sehe muss ich immer an den Bauernhof in der Lüneburger Heide denken, auf dem wir als Kinder immer Urlaub gemacht haben.
Unter einem Meter Durchmesser stand da kaum was rum. Um die Bäume, die direkt auf dem Hof standen, haben sie da vor gefühlten Jahrtausenden schon 40 cm hoch Mauern aus Findlingen gelegt . Alles moosbewachsen und in den Ritzen überall blühendes Kraut.

toll, wenn du beim Anblick spontan an deine Kindheit denkst, dann bin ich wohl auf dem richtigen Weg. Sonnen-Moos (hat bestimmt einen tollen Namen, aber ich kenne ihn nicht) züchte ich schon, aber Steinkraut in die Ritzen? Das wird eine Herausforderung! :lol:
Da geht dein Entwurf schon in die Richtung. Wie ne alte Mauer. Was die Füße angeht denke ich auch, dass sie das ganze irgentwie enterden. Oder hat schon mal wer ne fliegende Mauer gesehen?
Das ist genau der Punkt, an dem ich zur Zeit knabbere. Allerdings bin ich mir auch nicht sicher, ob die Schale an der Brennplatte fest klebt, wenn ich keine Füße drunter mache.

Liebe Grüße
Heike
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von HeikeV »

Hallo Chris,
chris-git@rre hat geschrieben: 30.06.2018, 10:59
Ich könnte mir auch vorstellen dass der Ast in der Mitte auf der Erde aufliegt.
Und dann wieder nach oben wächst.
Dann brauchst du natürlich eine andere Schale oder Tablett.
die Frage ist nur, ob das auch stimmig umzusetzen ist. Dieser liegende Ast wäre in der Natur alt und hätte rissige Borke. Wenn ich jetzt
einen Austrieb wachsen lasse, sieht man aber sofort, dass es nur ein junger Neuaustrieb ist.

Liebe Grüße
Heike
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von chris-git@rre »

Ja.
Das ist deine Entscheidung.
Braucht natürlich ein Paar Jahre.
Muss auch nicht unbedingt aufliegen.
Ein ausladender und mächtiger unterer Ast würde das Klobige aussehen etwas entschärfen.
Bei der Gestaltung der Äste würde ich mich an frei wachsenden Eichen orientieren
Die Äste wachsen im Zick Zack.
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Jan G.
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von Jan G. »

Kannst du nicht anstatt Füßen einen durchgehenden Rand druntersetzen? Vielleicht auch wieder mit senkrechten Rillen um Fugen anzudeuten.
Höre dein Jan !
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von HeikeV »

Jan G. hat geschrieben: 30.06.2018, 12:22 Kannst du nicht anstatt Füßen einen durchgehenden Rand druntersetzen? Vielleicht auch wieder mit senkrechten Rillen um Fugen anzudeuten.
Das wäre tatsächlich eine Idee! *daumen_new*
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von chris-git@rre »

P.S.

HeikeV 1.jpg
HeikeV 2.jpg
mit Totholz
mit Totholz
mit Totholz
mit Totholz


Und noch eine

HeikeV 5.jpg
Zuletzt geändert von chris-git@rre am 30.06.2018, 13:57, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: "Duir"- eine europäische Gestaltung?

Beitrag von Jan G. »

Das zweite Bild find ich super.
Höre dein Jan !
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