Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

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Michael 86
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Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von Michael 86 » 16.04.2019, 18:26

Hallo Zusammen

Überlege schon einige Tage, mir diese Hainbuche zu kaufen, heute dann zugeschlagen.

Stammdurchmesser zwischen 4 und 5cm, Topfdurchmesser etwa 25cm, Baumhöhe etwa 120cm - wobei aber nur die untersten 30-40cm interessant sind.
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Mir gefällt an diesem Baum die stetige Verzweigung des Hauptstammes in mehrere starke Kronenäste. Äste sind leider nur wenige da und müssen größtenteils erst herangezogen werden. Bäume hab ich eigentlich genug, die noch Zeit brauchen, aber ich konnte den Baum nicht da stehen lassen. Mir schwebte ein zu gut aussehender, fertiger Baum vor Augen.
Leider ist ein Ast quer gewachsen und wird schon vom Stamm einverleibt (roter Pfeil). Den werde ich sobald möglich einkürzen und hoffen dass die stammnahe Knospe 1cm vorm Ursprung des Astes austreibt und mir nen Ast anbietet. Die Schnittstelle soll eins mit dem Stamm werden - so der Plan. Evtl hilft ja auch eine Verletzung der Kambien, damit der Kalus alles gemeinsam überwallt.
Grüße Michael :)

Michael 86
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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von Michael 86 » 16.04.2019, 19:34

Aber wie immer schau ich zuerst nach den Wurzeln. Hier war schnell klar, das Nebari ist nicht wirklich perfekt. Muss es für mich auch nicht, ich akzeptiere Lücken, denn das ist auch in der Natur so, aber mehr wünsche ich mir schon. Leider kein Foto gemacht. Die Erde ließ sich auch nicht wirklich auswaschen mit dem Wasserschlauch und versprach ein extrem verwurzelten Topf. Ich entschloss mich sofort, den Baum nicht unnötig zu belasten, keine Zeit zu verplempern und die Hainbuche augenblicklich abzumoosen.

Also nix wie ran. Da ich viele Fotos gemacht habe nutze ich die Gelegenheit es ausführlich zu beschreiben, wie ich vorgehe.


Zuerst fertige ich aus Teichfolie eine Rosette an, denn ich möchte nicht, dass die frisch gewachsenen Wurzeln in die Ursprungserde im Topf wachsen. Möglichst passgenau um den Stamm trennt sie die neuen von den Alten Wurzeln. Das senkt den Verlust beim trennen auf fast nichts. Bei durchlässigen Substrat besser nicht, denn es könnten darunter Trockennester im Substrat entstehen und die Wurzeln können besser freigelegt werden, wenn sie nicht schon zu stark durchwurzelt ist. Bei dieser saugfähigen Erde, mache ich mir aber keine Sorgen darum.
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Rosette
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Dann wird die Trennung, die eben nötig ist um die Rosette um den Stamm zu legen, mit ein paar "Nähten" sicher verbunden. Die Enden kann man im Anschluss abknipsen, dafür war kein weiteres Foto nötig. Dadurch verheddern sich die Wurzeln auch nicht zu sehr darin, wenn man das alles entfernt.
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Rosette "vernäht"
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Als nächstes wird alles weitere gut geplant, griffbereit gelegt und vorbereitet.
Für mich gaaaanz wichtig Moos klein schnippeln. Das Sphagnummoos ist faserig gewachsen und teilweise mehrere Zentimeter lang. Wenn das als Packung später von feinen Wurzeln durchzogen ist, fallen viele dieser voller Hoffnung herbeigesehnten Wurzeln dem Freipopeln zum Opfer oder man pflanzt den Baum so ein und hat unterschiedliche Feuchtigkeit im Topf. So lassen sich die Moosbestandteile ganz einfach mit einem zarten Wasserstrahl aus dem Gartenschlauch ausspülen und die Wurzeln direkt ordnen.
Dazu kommt das desinfizierte frisch gereinigte Messer und ein Drahtring, der später um den Stamm gelegt wird, möglichst dick, hier 4mm (vielleicht schon zu dick in dem speziellen Fall, Erklärung folgt später). Sowie etwas, um die Moospackung zu fixieren, zusammen zu halten oder einzupacken. In freier Umgebung z.B. hoch an einer Pflanze, eignen sich da Pflanztöpfe eingeschnitten und um den Stamm gelegt und gut fixiert oder auch einfache Plastiktüten. In dem Fall nehme ich einfach nen Ring aus Gitter für die Abzugslöcher.
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Alles vorbereiten und griffbereit legen
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Jetzt wird es ernst. Man entfernt einen Rindenstreifen. Dazu schneidet man 2 Ringe, tief genug um die Rinde mit all ihren Schichten zu durchtrennen, in den Stamm und entfernt die Rinde zwischen beiden Ringen. Zuerst den unteren, dann den oberen. Am oberen werden, wenn alles nach Plan verläuft, die neuen Wurzeln wachsen. Das Kambium sollte keinesfalls austrocknen. Deswegen ist ja alles vorher gut durchdacht und bereitgelegt worden, natürlich auch der neue Wurzelansatz schon festgelegt.
Ich wusste natürlich, dass die Rinde der Hainbuche sehr dünn ist, aber ich hab das sehr unterschätzt. Ich denke ich habe die äußersten Holzfasern mit dem Messer angehoben und diese mit abgezogen. Aber besser als die Rinde nicht vollständig abzuschälen, Erklärung folgt im nächsten Schritt. Beim Ficus z.B. ist das ein Kinderspiel. Die Kambien möglichst unangetastet lassen und von unten nach oben abziehen. Unten dient einfach nur der Trennung, oben muss möglichst alles getan werden, um das Kambium zu schonen. Zur Sicherheit nochmal von oben nach unten den Streifen frei schaben, in dem Fall hat sich wenig getan. Ich hoffe es war okay so. Zum ersten Mal eine Hainbuche abgemoost
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Rindenstreifen entfernt
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Nun muss alles schnell gehen, damit das Kambium nicht eintrocknet. Für den schlimmsten Fall, dass nicht alles von der Rinde entfernt wurde, lege ich einen Drahtring an. Besteht auch nur die kleinste Verbindung zwischen den Schnittringen oder unternimmt der Baum alles, diesen Streifen zu überwallen, wird sich der Baum über kleinste Brücken weiter von den alten Wurzeln ernähren und es werden wenig oder sogar keine neuen Wurzeln a der gewünschten stelle gebildet. Durch diesen Ring kann eine solche Verbindung durch das Dickenwachstum eingeschnürt und letztendlich doch noch durchtrennt werden. Vorausgesetzt der Ring wird nicht doch noch überwallt. Bei der Hainbuche wird eine Eigenschaft zum Problem. Die Spannrückigkeit verhindert ein einfaches verdrillen, denn es bleiben Negativräume dadurch ohne direkten Kontakt zum Ring. Deswegen schon der dicke Draht, der zusätzlich mit eine Wasserpumpenzange an den Stamm gepresst wurde, an diesen Stellen. Vielleicht kann man es erkennen.
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Drahtring anlegen
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Im Anschluss das Moos gut wässern und eine gute Schicht um den Rindenstreifen legen. Ruhig etwas höher, falls die obere Schicht mal eintrocknet - der Tod feiner frischer Wurzeln. Zur Erinnerung, die Wurzeln entspringen dem oberen Schnittring. Ist das Moos angelegt, kann man sich wieder etwas entspannen.
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Moospackung anlegen
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Der Ring aus Gitter wird drum herum gelegt, lieber etwas höher lassen. Mit Draht die Enden verbinden. Die Mischung für den restlichen Raum anfertigen. Es gibt Leute die sofort normales Substrat verwenden und überhaupt kein Moos. Ist mir aber zu riskant, weil ich im Notfall 10 Stunden Vollsonne überbrücken möchte im Hochsommer. Am Rand reicht mir auch ein Blähton-Moosgemisch im Verhältnis 40/60. Jetzt wird das Gemisch von allen Seiten gleichmäßig von außen nach innen eingefüllt und angedrückt. So wird die erste Moospackung und der Gitterring nicht verschoben oder vermischt. Ich habe mich für den Ring entschieden, damit die Wurzeln möglichst gleichmäßig wachsen und nicht nur wenige Durchstarten und ziellos in die Länge wachsen, andere Wurzeln dadurch aber unterdrücken oder sogar verhindern. Gleicher Effekt wie beim Teichpflanzkorb.
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Befestigung anlegen
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Dann wars das und jetzt bleibt nur abwarten, feucht halten und möglichst warm halten und regelmäßig drehen, damit sich allseitig Wurzeln bilden können. An extrem heißen Tagen kann eine weitere Rosette oben aufgelegt werden und das Gitter bedeckt werden. Da muss ich einfach mal schauen, wie sich das so entwickelt. Erwähnenswert wäre natürlich noch, dass der Baum ab sofort keinem Frost mehr ausgesetzt werden sollte. Je mehr Blätter oder Grünmasse vorhanden ist, desto stärker ist das Wurzelwachstum. Da der Baum sich zunehmend von den neuen Wurzeln ernährt, werden langsam aber sicher auch die Blätter unterversorgt werden mit Nährstoffen. Deswegen werde ich gelegentlich mit Wuxal eine Blattdüngung vornehmen. Aber nicht zu viel, denn der Baum soll ja bestrebt sein, Wurzeln zu schlagen.
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fertig
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Ich werde über Erfolg oder auch Misserfolg berichten und hoffe auf Ersteres
Zuletzt geändert von Michael 86 am 16.04.2019, 19:56, insgesamt 1-mal geändert.
Grüße Michael :)

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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von raga » 16.04.2019, 19:56

Hallo Michael,

Nur als Hinweis für die nächste Abmoosung:
Unbenannt_iii.jpg
Unbenannt_iii.jpg (135.41 KiB) 889 mal betrachtet
das was sich auf dem hellen Holz so bräunlich abzeichnet sind noch Reste vom Kambium. wenn du diese sorgfältig entfernst kannst du dir den Drahtring sparen.

Gruß Ralf
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Michael 86
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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von Michael 86 » 16.04.2019, 20:01

Hallo Ralf

Ich war mir nicht sicher. Es war kaum abzukratzen und ich war eigentlich der Meinung schon die ersten Holzfasern abgezogen zu haben. Färbt sich nicht auch das Holz an der Luft braun? Es war eigentlich überall so nur hab ich an manchen Stellen noch mal drüber gekratzt. Gelöst hat sich da aber nicht wirklich was.
Dann wäre ich je gut beraten noch mal nach zu kratzen. Von der Eigenschaft habe ich schon gehört, aber da sich nichts getan hat, außer dass es helle wurde, war ich der Meinung es ist die Reaktion des nassen Holzes an der Luft. Was ist das grün gefärbte in der Rinde? Das war definitiv ab.?
Zuletzt geändert von Michael 86 am 16.04.2019, 20:08, insgesamt 1-mal geändert.
Grüße Michael :)

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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von Freder » 16.04.2019, 20:07

Ich hatte letztes Jahr schlechte Erfahrungen gemacht mit Spagnum Moos und Hainbuchen bei der Abmoosung.
Da ich die Wurzeln nicht verletzten wollte hab ichs nach dem Abtrennen zum Teil drangelassen und alle Wurzeln sind verrottet und der Baum ist ausgetrocknet.
Daher sei sparsam mit dem Wasser wenn du schon Wurzeln hast. Hoffe du hast mehr Glück als ich.

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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von Michael 86 » 16.04.2019, 20:09

Deswegen der Tipp mit dem Kleinschneiden. Es kann einfach, risikofrei und restlos ausgespült werden.
Grüße Michael :)

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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von raga » 16.04.2019, 21:14

Michael, auch auf dem Bild obendrüber sind noch Kambiumreste zu erkennen. Aber der Draht wirds schon richten ;) .

Wenn du auf Nummer sicher gehen willst, dass du das Splintholz nicht verletzt und das Kambium sicher entfernst leg dein Abmoosungen in die Zeit in der der Baum eine neue Schicht Kambium bildet. Dann lässt sich beides sehr leicht voneinander trennen. Bei unseren heimischen Arten sollte das so Mitte Mai bis Mitte Juni sein.

Gruß Ralf
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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von Michael 86 » 16.04.2019, 21:44

Danke für den Hinweis Ralf

Da zeigt sich mal wieder, dass bei all der angelesenen Theorie und noch so durchdachten Technik, die Erfahrung nicht ersetzt werden kann.
Ich habe mich dazu entschlossen, die Abmoosung noch mal frei zu legen und habe nun hoffentlich alles restlos entfernt. Braun wurde jedenfalls nichts mehr. Der Draht ist nur wirklich die letzte Hürde und soll nicht als Pflichtmaßnahme dienen. Eigentlich sitzt er eh zu hoch, denn so besteht ja im Falle des Falles ein Teil der Brücke. Wo die Wurzel dann ansetzt ist die Frage.
Jedenfalls hätte ich es ja so oder so abgekratzt oder entfernt. Dass da nun eine Stunde Moos drauf lag, sollte nicht relevant sein. Jetzt ist natürlich das Ganze Moos mit Blähton gemischt. Die Mischung hat sich nur zu Gunsten des Mooses erhöht. Aber wie schon geschrieben, gibt es Leute, die Substrat zum Abmoosen verwenden. ich sehe da also kein Problem. Fotos habe ich keine neuen gemacht, denn es gibt keinen Grund. Gut dass der Fehler rechtzeitig aufgedeckt wurde und vielleicht verhindert es, dass Andere den gleichen machen.
Danke nochmal
Grüße Michael :)

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Re: Hainbuche aus der Baumschule - und direkt abgemoos (detaillierte Erklärung)

Beitrag von Michael 86 » 18.09.2019, 19:25

Hallo an alle Mitleser

Heute hab ich die Abmoosung abgetrennt. Hat ausreichend funktioniert. An einer Stelle haben sich noch nicht ganz optimal die Wurzeln entwickelt. Links wuchs hauptsächlich Kallus. Allerdings zeigt dieser einen "stacheligen" Charakter, als würden sich gerade Wurzelspitzen bilden. Was nicht ist, kann noch werden. Deswegen ab in den TPK, damit die gebildeten Wurzeln kontinuierlich eingeschränkt werden und sich neue am Stamm bilden können. Überwintern werde ich frostgeschützt in der Garage. Mal schauen, wann ich die Wurzeln aus der Erde nehme und das erste Mal selektiere. Ich denke Frühjahr 2021 wird es so weit sein, dass ich mal wieder nachschauen kann und was wegschneiden kann.

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Grüße Michael :)

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