Schnippel-Praktikum

Andreas Ludwig
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Schnippel-Praktikum

Beitrag von Andreas Ludwig » 29.12.2007, 10:17

Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, beginne ich hier ein neues Thema, das Schnippel-Praktikum.

Was geschieht hier?
Ich habe ein kleines Granatapfelbäumchen zur Seite genommen, 7 Jahre alt, welches einem durchschnittlichen kleinen Bäumchen entspricht. Nichts Besonderes, eigentlich auch kein Mini (Höhe ca. 15 cm), aber ein guter Repräsentant für Alltagssituationen. Damit können wir schrittweise üben und exemplarisch Problemchen lösen, die einem an jedem Granatapfelbäumchen begegnen.

Der Kandidat
In sechs Bildern wird das Bäumchen unten vorgestellt. Die Zahlen beziehen sich auf die Ansicht: 0º ist der Start, danach gehts im Uhrzeigersinn rundum, 45 Grad, 90 Grad etc.

Das Bäumchen wurde aus einem Kernchen gezogen, einfach so in der Balkonkiste, dann in Plastiktöpfchen. Besondere Aufmerksamkeit wurde ihm nicht gewidmet, zur Anwendung kam, was Walter Pall manchmal die «Heckenscherenmethode» nennt: Es wuchs und wuchs und gelegentlich wurde es ausgelichtet, pauschal und in kurzer Zeit. Ein, zwei Äste wurden vor zwei Jahren etwas gedrahtet, mehr nicht.

Wir sehen den typischen Wuchs: Etwas ältere Äste, die schnell zugelegt haben und eine ganze Menge lange, gerade, sparrige Triebe in alle Richtungen. Überall sind Knospenanlagen zu sehen, auch am Stamm. Dieser Stamm selbst ist kein Weltwunder, es sind Schnittstellen zu sehen und manches ist etwas gar gerade geraten.

Die Aufgabe
Gerade weil das Bäumchen nichts besonderes ist, bietet es sich an für ein Schnippelpraktikum. Ich stelle fest, dass in Magazinen und Büchern mit Vorliebe ganz wunderbare Bäume besprochen werden. Man staunt und freut sich und steht dann vor den eigenen Bäumchen, völlig ratlos, wie man die scheinbar gewonnene Erkenntnis umsetzen und anwenden soll. Der Durchschnitt ist nunmal das, was einem am häufigsten begegnet und viele unserer Minis werden sich eher so entwickeln als wie ein Meisterstück.

Wir wollen diesem Wuschelkopf eine einigermassen passable Gestaltung verpassen. Dazu müssen wir eine Vorderansicht festlegen und danach entscheiden, was dranbleibt und was wegkommt. Also schön! Einfach loslegen, bitte: Schreiben, Virtuals machen, um weitere Aufnahmen von Details bitten, Fragen stellen - keine Hemmungen, ganz, wie's beliebt. Man lernt nur gehen, wenn man losstolpert.
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Philipp
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Beitrag von Philipp » 29.12.2007, 15:54

Hallo,

so das kommt an einem verregneten Samstag gerade recht. Habe mir mal die verschiedenen Ansichten angesehen und komme zu dem Entschluss die 45° gedrehte Variante als Vorderseite zu nutzen.

Von dieser Seite, finde ich, bietet der Baum schon eine ganz ordentliche Aststellung. Im ersten Bild habe ich mal die entscheidenden Astabschnitte gekennzeichnet um meine Gedanken zu verdeutlichen.
Fange ich mal unten an:

Bereich B-D:
Bietet sich an als erste Astetage auszubilden. Der Ansatz des Astes ist von der Dicke recht ordentlich und sollte verhältnismäßig ganz gut zum ersten Ast passen. Was mir nicht so sehr gefällt ist der gerade Abschnitt bei B. Daher würde ich den Ast bei B als Ast bevorzugen und über diesem Schneiden.

Bereich A-E:

Hier würde ich den zweiten Hauptast ausbilden. E verjüngt den Ansatz sehr schön und A sollte abgeschnitten werden, da dieser Ast zu sehr in der Dicke und Höhe mit der werdenden Spitze konkurriert.
Also E als Ast und A ab.

Bereich C:

C sollte meiner Ansicht nach die neue Spitze geben. hier gefallen mir sehr die leichten Kurven des Astes. Um die Spitze ausgeglichen über der Hauptachse des Baumes zu zentrieren müsste Sie etwas nach links geneigt werden. Es sollte auch noch gut möglich sein die spitze etwas zum Betrachter zu neigen um den Baum "freundlicher" zu machen.

Problembereiche:

Bereich F:

Problem bei F ist der doch sehr gerade Stammabschnitt. Vielleicht schaft man es hier noch mit starkem Draht eine leichte Biegung zu bekommen, die besser zur schön geschwungenen Spitze passt.

Bereich G:

Dieser Bereich ist im Vergleich zu F doch noch zu dünn. Hier sollten eventuell Opfertriebe stehenbleiben, die den unteren Bereich noch deutlich verdicken um eine bessere Basis zu erlangen.

So soweit meine Gedanken zu diesem Baum,

Zeichnung folgt:
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zur genaueren Vorstellung mit dahintergelegtem Orginal
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Beitrag von schmieda » 29.12.2007, 16:46

Hallo

Die Schnittführung hätte ich intuitiv auch so angesetzt. Allerdings würde ich mich wohl für die 180° Ansicht entscheiden, da beschreibt der Stamm eine schöne Rechtskurve.
(grafisch kann ich da nichts bieten... hab die rechte Hand im Gips)
Gruß
Frank :)

++++ Gießen: Hessischer Botaniker findet heraus, wie Pflanzen länger leben ++++

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Yannick
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Beitrag von Yannick » 29.12.2007, 20:35

ohje... Ich wäre viel brutaler vorgegangen, und zwar in etwa so wie auf dem Bild.... :oops:
Ich glaube, in einem Bonsai Fachforum bin ich fehl am Platze.... :oops:

Yannick
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...
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Beitrag von CamKnight 1 » 29.12.2007, 22:03

Hey Yannick

Nun stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel!

Aber: Was bei deinem Versuch fehlt ist folgendes: Es kommt nicht so richtig raus, was deine Stammlinie ist. Das ist auch das große Problem mit dem Bäumchen, was Philipp denke ich relativ perfekt gelöst hat. Er hat eine schöne Stammlinie gefunden und die schon relativ starken Äste soweit zurückgenommen, dass schöne Astetagen entstehen können. Vorallem mit dem untersten Ast wäre ich da nicht gleich drauf gekommen. Also Daumen hoch Philipp!

Gruß Martin

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Beitrag von Yannick » 29.12.2007, 22:16

CamKnight 1 hat geschrieben:Hey Yannick

Nun stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel!

Aber: Was bei deinem Versuch fehlt ist folgendes: Es kommt nicht so richtig raus, was deine Stammlinie ist.
Was für ein Licht? :lol: Aber danke für's Kompliment. Du hast Recht, das ist mir selbst auch aufgefallen, bei mir mag man keine Stammlinie erkennen. Und zwei Spitzen hat das Bäumchen auch noch... :oops: Vielleicht fällt mir noch eine bessere Lösung ein.

Yannick

EDIT:

Ich glaube, es ist jetzt ein wenig besser. Allerdings sind der erste Ast und die Spitze nahezu parallel....

EDIT 2:

Die "Virtuals" sind alle mit Paint gemacht, die anderen Programme hab ich noch nicht so raus... :wink:
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Beitrag von CamKnight 1 » 30.12.2007, 00:33

Hier jetzt mal meine Vorstellung. Habe mich auch für die 180° Variante entschieden und es kam was ganz ähnliches wie bei Yannick raus.

Den Baum habe ich noch ein wenig im Uhrzeigersinn gedreht. Ich denke der Baum sieht in beiden Varianten sehr passabel aus.

Was mich stört ist, dass der Stamm hier im unteren Teil zu Starr wirkt. Man müsste also über dem ersten Ast den Stamm mehr nach rechts biegen und ihn dann gegen den UZS drehen. Da müsste man aber vorm Baum stehen und genug Erfahrung mitbringen um zu wissen, ob das noch möglich ist.

Gruß Martin
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Beitrag von Andreas Ludwig » 30.12.2007, 09:58

Das geht ja wunderbar vorwärts!

Ich warte noch ein bisschen und werfe bloss einen Gedanken ein: «Ein Bonsai ist auch das, was noch wird». Klingt doch schön, hm? Was ich damit meine: Man kann eine Gestaltung deduzieren, also einfach gesagt aus dem bestehenden Urwald herausschnippeln, was nicht dazugehört. Man kann eine Gestaltung aber auch induzieren, sich also etwas vorstellen, das vielleicht noch lange Zeit braucht und erst ansatzweise vorhanden ist.

Am Beispiel von Yannicks erstem Entwurf und CamKnights Kritik daran: Könnte ein brauchbarer Baum entstehen, wenn man die gesamte Krone völlig neu aufbaut? Da hätte man dann nämlich die Möglichkeit, durch dosierten Schnitt den Zuwachs zu steuern und die «Problemzonen» auszugleichen. Der Baum gibt einen ermutigenden Hinweis: Wenn der oberste Ast in ca. 4 Jahren so schön gewunden wurde, ist die Art für so etwas tauglich.

Martin: Ja, man kann noch recht viel mit Gewalt erreichen. Vom Holz her geht das. Allerdings ist die Borke recht weich und spurlos wird es darum nicht gehen. Das muss man dann so anlegen, dass es schlimmstenfalls zur Gestaltung passt. Für Raffiawickelungen und so etwas ist der Stöpsel zu klein.

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Beitrag von BatzeMicha » 31.12.2007, 00:20

Ich würde ihn so zurecht schneiden:

Bild

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Beitrag von Andreas Ludwig » 12.01.2008, 13:15

...wir warten noch etwas - hat ja Zeit. Da geht jetzt nichts, wir müssen nicht eilen.

Viel wichtiger: Dass jede und jeder ein Bild entwickelt, eine Vorstellung, und diese nach Möglichkeit kurz beschreibt. Darum geht es in allererster Linie: Die Frage zu beantworten: «Was sehe ich?».

Keine Angst vor Blossstellung und Irrtum. Das eine ist kleinlich und soll nicht stattfinden, das andere ist notwendiger und unumgänglicher Schritt auf dem Weg zum sicheren Gefühl.

Also nur zu. Und man möge durchaus auch skurrile Sachen vorschlagen. Die Gelegenheit, solche zu prüfen, hat man nur einmal. Danach werden sie zum Seufzer des «Man-hätte doch-auch». Das Schöne an Ideen ist, dass man sie jederzeit verwerfen kann - geht ja nichts kaputt dabei.
:wink:

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Beitrag von _Anne_ » 14.01.2008, 21:45

hallo,

hier mal meine feierabendkritzelei:
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viele grüße, anne

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Beitrag von pk » 17.01.2008, 14:40

Obwohl ich Philipp sein Virtual als absolut Spitze empfinde, ich aber niemals darauf gekommen wäre, hier mal mein Vorschlag.
Er ist etwas Rabiater und sollte in ferner Zukunft eine schöne Stammverjüngung hervorbringen.
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Wer auf Leichtigkeit abzielt, erlerne erst das Schwierige(Chin. Sprichwort)

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Beitrag von Vampy82 » 18.01.2008, 22:21

sodele nun wil ichs auch mal versuchen, nach einer Woche Überlegung, bei dem ersten Vorschlag hat mir mein Freund geholfen :oops: :wink: aber ich wollte noch eins alleine probieren und etwas anderes machen, sollte in Rg Literat gehen, denkt euch einfach den linken Ast oben etwas nach unten gedrahtet 8)
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das mit dem grün hat leider net so geklappt...
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mein Versuch
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entstanden mit viel Hilfe von meinem Freund...
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Beitrag von Andreas Ludwig » 19.01.2008, 01:26

Zwischenbemerkung: Ganz toll, was hier bisher entstanden ist! Vielen Dank allen, die sich bisher bemüht haben.

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Beitrag von Andreas Ludwig » 20.02.2008, 12:26

So...

Es ist zwar bereits die Rede von Auspflanzen, erste Gestaltungen an Lärchen etc. werden gezeigt, aber ich warte noch. Ja, der Winter ist warm, das Klima mild, aber man soll nicht zu früh jubeln. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass es in klaren Märznächten nicht wieder tüchtig kalt wird. Also ganz gelassen. Schneiden wir mal.

Dazu habe ich erst die bisherigen Vorschläge etwas gesammelt und geordnet. Interessanterweise gab es zu drei Sichtwinkeln je drei Vorschläge. Die beiden Virtuals mit Laub habe ich weggelassen. das schauen wir uns nochmal an, wenn Grün da ist. Das sieht dann nämlich immer ganz anders aus, als man es sich beim Pixelmalen wünscht, gar nicht so kompakt und grünwolkig...
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