Schnippel-Praktikum

Andreas Ludwig
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Beitrag von Andreas Ludwig » 20.02.2008, 12:41

...und hier eine Ergänzung:

Ideen sind praktischerweise leicht zu verwerfen. Also soll man sich ruhig die Zeit nehmen, am Anfang einer Gestaltung auch das Unwahrscheinliche mit einzubeziehen. Es sind ja nur Ideen. Erreicht man sonst nichts, hat man sich selbst trainiert damit.

Bei näherem Hinsehen habe ich noch Möglichkeiten entdeckt, aus dem Kleinen einen ganz Kleinen herauszunehmen:
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Andreas Ludwig
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Beitrag von Andreas Ludwig » 20.02.2008, 15:09

Noch ein Blick raus, um an mein Vorbild im weitesten Sinn zu erinnern: Obstbäume. Die hier sind eher zufällig ausgewählt. So etwas schwebt mir vor.
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«Gepflegt» ist nur der rechts, die andern wuchern.
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BatzeMicha
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Beitrag von BatzeMicha » 20.02.2008, 19:07

Andreas Ludwig hat geschrieben:Noch ein Blick raus, um an mein Vorbild im weitesten Sinn zu erinnern: Obstbäume. Die hier sind eher zufällig ausgewählt. So etwas schwebt mir vor.
Genau sowas habe ich auch vor, falls es klappt ;). Kann ich eigentlich meine kleinen Bäumchen schon rausstellen wenn es nicht unter 0 C° geht oder sollte ich sie noch etwas geschützt halten?

MfG Micha

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Beitrag von Andreas Ludwig » 21.02.2008, 00:43

Micha - das mit der Temperatur vorneweg: Es ist Ermessensfrage. Geringe Temperaturen unter Null schaden kaum, bloss komplett durchgefrorene Wurzelballen verbunden mit Sonne und Wind, denn das trocknet aus und da ist die gute Punica dann etwas empfindlich.

Ich habe keine Lust, Pflanzen raus- und wieder reinzutragen und lasse sie darum eher stur stehen, bis die Gefahr starker Nachtfröste vorbei ist. Das hat nicht einmal unbedingt mit Punica alleine zu tun, die bleiben einfach «im Verbund» stehen mit Myrte, Liguster, Ulme, japanischer Wollmispel, ein paar Weiden, Kamelien, Orangenbäumchen und anderen, für Bonsai weniger interessanten Dingen. Mein Kalthaus halt. Was kann schon passieren - die Temperaturen sind im Schnitt tief, das Licht recht gut. Bis sie rauskommen, haben sie meist wenigstens zaghaft ausgetrieben. Die Weiden und die Ulme sind bereits dran.

Was viele nicht wissen: Im Schnitt kann zwar der Februar kühler sein als der März, meist hat der März aber wesentlich tiefere Mindesttemperaturen. Das liegt daran, dass der Februar normalerweise etwas durchzogener ist und sich im März bei schönem Wetter die noch nicht «vorgewärmte» Erde nachts stärker abkühlt. Das hängt aber sehr stark vom Standort ab. Ich habe in der Nordwestschweiz zwar generell ein mildes Klima und viel Sonne, aber gerade diese «Kältelöcher» im vermeintlich sonnigen Frühjahr muss ich respektieren. Man tut gut daran, sich anhand von Klimakarten oder Statistiken einer nahen Wetterstation schlau zu machen, wo man eigentlich lebt.

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Beitrag von Andreas Ludwig » 01.03.2008, 18:16

Öh ja - der Baum.

Also - was sollten diese gänzlich bonsaifremden Obstbaumbilder? Und wie soll das umgesetzt werden? Dazu mal zurück zu euren Vorschlägen.

Interessant daran ist, dass niemand den Baum kippen wollte. Alle Vorschläge beziehen sich auf die Grundform, wie sie ist. Ich vermute, dass das an der «gegebenen Situation» liegt. Man neigt dazu, etwas Vorgegebenes nur in der Ausformung ändern zu wollen, aber nicht im Grundsatz.

Aber lassen wir das, tatsächlich ist es absolut nicht zwingend, Kapriolen mit dem Bäumchen zu machen. Windgepeitscht oder kaskadenartig wird er nicht besser, bloss anders und es gibt keinen Grund, auf den Stamm zu verzichten.

Eine weitere grundlegende Bemerkung: Niemand hat nach dem Nebari gefragt. Pfui, schwerer Fehler. Eigentlich ist es nämlich sehr wichtig, genau dort anzufangen mit einer Gestaltung. Es ist viel leichter, eine Krone auf ein Nebari zu machen, als ein Nebari an eine Krone. Das sollte man sich merken, da es ein wichtiger Punkt ist, wenn man Bäumchen ausgräbt oder kauft. Immer die obersten paar Zentimeter freischaben und miteinbeziehen.

In meinem Fall ist das Nebari pitoyabel. Es ist da, aber absolut nichts Schönes. Was ja ganz gut zu dem Baum an sich passt - der ist auch einfach, was er ist. Ich würde sagen C-Klasse höchstens. Damit meine ich, dass man ihn soweit kriegt, bis man ihn selbst etwas mag oder ihn einem Besucher andrehen kann.

Es ist wichtig, die Dinge auch so zu sehen. Nicht jeder Ansatz wird zu einem tollen Baum. Man muss lernen, diese B- und C-Bäume als solche zu erkennen, sich nicht darob zu grämen und wenigstens das rauszuholen, was möglich ist. Will man mehr, wird man frustriert sein und Baum um Baum kaputtgestalten.

Darum mein Entscheid, mal einen Obstbaum zu machen. Das ist eher harmlos, machbar und aus meiner Sicht sogar recht naheliegend. Ich lebe in einer hügeligen, zur Hälfte bewaldeten Gegend mit vielen «Streuobstwiesen». Obstbäume prägen das Bild, auf vielen Abbildungen werden Kirschbäume gewissermassen als Ikone für die Nordwestschweiz gezeigt.

Hier drei weitere Obstbäume:
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Beitrag von Andreas Ludwig » 01.03.2008, 18:37

Der Obstbaum ganz links ist in einem perfekten Zustand aus Sicht des Obstbauern (die Ansichten von Obstbauern und die von Bonsaibauern liegen teilweise etwas überkreuz). Man sieht, dass er seit langer Zeit regelmässig geschnitten wurde und auch, wie das gemacht wurde. Die nach oben gehenden Triebe wurden stark gekappt, darum diese horizontale Ausrichtung der Äste. Die kommt nicht vom Gewicht oder vom Schnee, die ist absolut menschengemacht, darum auch die typischen, knorpeligen Stellen. Der Baum ist darum perfekt, weil er viele Äpfel trägt und man keine allzulange Leiter braucht, um sie abzulesen...

Der zweite Baum steht auf einer Sach- und Pferdewiese. Der Besitzer lebt nicht vom Obstbau (ich habe mich erkundigt) und schneidet nur noch, was ihm gefährlich vorkommt. Er lässt die Bäume eigentlich bloss für die Tiere da stehen. Der Baum ist nur am Stamm als «Obstbaum» zu erkennen ist. Oben ist es ein beliebiger Laubbaum der in die Höhe strebt. Die Strukturen, die wir «typisch» finden, sind also Kulturformen, nicht der natürliche Wuchs. Dasselbe ist erkennbar im Baum rechts, der wahrscheinlich bald einmal radikal gestutz werden wird: Lange, gerade Äste, die nahezu senkrecht in die Höhe schiessen. Nix Knorriges.

Das «Obstbäumeln» ist ein ganz praktisches Rezept für einen «Nebenbei-Baum»: Keine allzu massiven Eingriffe, stattdessen Schnippeln, was nach oben weggeht und was nach unten absteht und geduldig warten. Man kann dem auch - vielleicht erinnert sich der eine oder andere an diesen Begriff aus dem Forum - «Lingnan-Stil» sagen.

Wieder zu den Entwürfen: Einige regen an, die ganze Sache bis auf einen «Hauptstamm» zurückzunehmen. Würde ich nicht. Das arme Ding ist schon ganz schön verziert mit einer Reihe Schnittstellen, mehr werden es nicht schöner machen. Und (vor allem!): Wenn ein Baum so klein ist und bleibt wie der, darf man nicht mit einem Verheilen grosser Schnittstellen innert nützlicher Frist rechnen. Vorsicht bei den Minis!

Zusätzlich kriege ich das Laub nicht beliebig klein. Es ist ein Punica granatum, kein nana, also werden die Blätter immer mindestens ein bis zwei Zentimeter lang sein. Da wird dann nichts mit den skizzierten kleinen Pölsterchen...

Aber etwas anderes ist da, was man vielleicht nicht so gut gesehen hat, ein wirkliches Problem. Man sieht im angehängten Bild, was ich meine: Den linken grösseren Ast. Abgesehen von den hässlichen Schnittstellen und dem geraden Abschnitt sieht man, wie schwach er am Ansatz ist und wie überdimensioniert er oben dagegen wirkt. Da muss ich was tun.
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Beitrag von Andreas Ludwig » 01.03.2008, 18:44

Geht aber noch nicht jetzt. Denn da werde ich propfen. Ich sehe keinen anderen Weg um gleichzeitig

- mehr Wachstum am Schaft stammwärts hinzukriegen,
- das gerade Stück wegzumachen und
- eine nette Verzweigung stattdessen da zu haben.

Darum vorerst virtuell, wie das Problem gelöst werden soll: Ich setze den oberen Teil des Problemasts weiter unten als Propfling näher am Stamm wieder ein und haue das gerade Stück raus. Da, wo der rote Pfeil hinzeigt, müsste dann Dickenwachstum entstehen.
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Beitrag von Andreas Ludwig » 01.03.2008, 18:48

Aus allen oben angeführten Gründen habe ich darum nur wenig geschnitten bis jetzt. Im Moment sieht das so aus. Der Pfropfling ist noch drauf, weg ist alles, was senkrecht nach oben, unten, zum Stamm hin, überkreuz, durcheinander oder sonst unpassend wuchs.

Drei Abbildungen, weil man einen Bonsai nie bloss aus einer Perspektive sieht. Man nähert sich ihm, steht vor ihm und geht dann weg. Auf drei Bildern sieht man auch besser, wie sich einzelne Stellen im Raum verhalten.

Das lasse ich jetzt mal. Wenn ich propfe, werde ich nachsehen, ob ich immer noch der gleichen Auffassung bin wie vor ein, zwei Wochen. Soviel Abstand zur Sache brauche ich manchmal. Vielleicht kommt dann noch etwas hie oder etwas da weg. Dann werde ich auch noch etwas drahten. Eigentlich nur an zwei Stellen, wo eine Astgabelung etwa senkrecht steht. Drehe ich die mit Hilfe von Draht, habe ich zwei nette Äste und verliere nichts.
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Zuletzt geändert von Andreas Ludwig am 02.03.2008, 20:01, insgesamt 1-mal geändert.

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Beitrag von Vampy82 » 02.03.2008, 18:02

Ohja das Nebari :oops: das hab ich glatt mal wieder vergessen, danach zu gucken. Zeigst du uns trotzdem mal ein Bild davon? :wink:
Auf die weitere Entwicklung des Bäumchen bin ich gespannt, und wie es sich optisch nach der Pfropfung verändert.Hier kann ich wirklich noch viel lernen, danke dafür! *daumen_new*
Die Stärke eines Baumes liegt in seiner Wurzel, die des Menschen in einem glücklichen Herzen!

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Beitrag von Andreas Ludwig » 03.03.2008, 18:48

Ja, Bild folgt. Aber vorerst noch eine Zusammenfassung all dieses Blabla da oben:

Was ist passiert? Ein kleiner Baum sollte geschnippelt werden. Erkenntnisse:

- auch bei einem anspruchslosen Mittelklassebäumchen ergeben sich locker neun verschiedene Versionen. Ist davon eine richtig und die andern sind falsch? Mitnichten - der Entscheid wird immer subjektiv sein. Man lerne daraus: Gestalten heisst, zu entscheiden. Das kann einem niemand abnehmen. Möglichkeiten gibt es immer mehrere, zu irgendeiner muss man dann sagen: «Ja, so mach ich's.»

- Vorsicht vor Idealismus und anspruchsvollen Träumen. Meist steht da jemand auf der Bremse und zwar der Baum. Wollen kann man viel, aber der Kleine muss «das wachsen», was wir von ihm erwarten. Lieber etwas kleiner Brötchen backen. Oder halt mehr Bäumchen ziehen, damit etwaige Verluste nicht so ins Gewicht fallen...

- Japan ist weit weg. Meine Kirschbäume sind näher. Damit meine ich: Lieber eine stringente Vorstellung umsetzen, als ein fern liegendes Ideal zu imitieren versuchen. Das darf ich, weil das ursprüngliche Ideal der Japaner war, Bäume abzubilden. Wenn ich also Nordwestschweizer Kirschbäume abbilde, bin ich im Grunde viel, viel «klassischer» als jeder, der diesem Krüppel eine der «klassischen Stilrichtungen» aufzwingen will...

- Der Mensch neigt dazu, klare und eher grosse Schritte zu machen. Ein Baum dagegen wächst einfach so vor sich hin. Ob ich etwas heute schneide oder morgen, spielt oft keine grosse Rolle aus Sicht des Baums. Aus Sicht des Menschen ist es darum besser, mehrstufig vorzugehen, weil die erste Idee oft einen Haken hat. Traue dir nie, warte ab, ob du morgen noch mit dir selbst einverstanden bist...

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Beitrag von Andreas Ludwig » 09.05.2008, 16:56

So, mein Versuchspuninchen war wieder mal dran. Weil das Ding dafür geeignet ist, habe ich etwas mit ihm gemacht, was man nicht tun sollte, was aber häufig geschieht: Die Pflanze hat durchgewurzelt und man hat den Umtopftermin verpasst.

Das erkennt man daran, dass sie «Startprobleme» hat: Sie steht draussen, alles ist bestens, sie hat getrieben, aber die Blätter sind blass, kümmerlich, einwärts gerundet. Nimmt man den Baum mal raus, sieht es aus wie auf dem Bild. Die Wurzeln sind am Boden angekommen und wachsen von da bereits wieder hoch. Sie berühren die Topfwand, der ganze Topfinhalt zieht sich beim trocknen zusammen. Also sind die Wurzeln teilweise in der Luft, dann wieder überschwemmt und sie kommen am Plastik nicht weiter.

Spritkanu hat hier berichtet, was geschehen kann, wenn man jetzt «nach den Regeln» umtopft: Man kappt der Pflanze die Wasserleitungen und es wird noch schlimmer. Es ist aber nicht so, dass man nichts tun sollte. Man muss bloss etwas zurückhaltender sein. So geht's:

- Erdballen mit beiden Händen etwas kneten (nicht kämmen!), damit das Substrat in der Mitte rausbröselt. Jetzt sieht man, dass die Sache nicht so dicht ist, wie man denken würde, die Wurzeln sind alle aussenrum.

- Nicht schneiden, es genügt, was auch bei vorsichtigem Umgang verlorengeht.

- Das ins Wasser getauchte Pflanze mit allem Drum und dran in eine nicht zu kleine, tiefe Schale (Trainingsschale) auf ein Häufchen frisches Substrat stellen, mit trockener Substratschütte rundum auffüllen. Keine Essstäbchen verwenden, sondern den Baum etwas auf und ab und hin und her bewegen. So rieselt das trockene Susbtrat überall schön in die Zwischenräume. Dann sofort angiessen, für die Pflanze ist das trockene Susbtrat kein Vorteil...

- Den Baum so in den Schatten stellen, bis er neu antreibt. Dann erst halbe Sonne und etwas Dünger.

Sieht nicht schön aus, stimmt.
Aber der Baum wird sich so schnell erholen.
Für den nächsten Laborversuch...
:roll:
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Der versuchung wiederstehen, nichts abschneiden...
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Eine gesunde Punica kennt nur Grün und Rot. Ist sie gelblich, geht's ihr schlecht.
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