Der plastische Stil - Dynamisch-expressive moderne Skulpturen

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Der plastische Stil - Dynamisch-expressive moderne Skulpturen

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von Gunter Lind

Zu dem in diesem Artikel verwendeten Stilbegriff siehe Stile und Formen.

Wenn man Bonsai in die traditionellen Kategorien der Kunst einordnen will, wird man sie wohl der Plastik zuordnen müssen. Bonsai sind gewissermaßen lebende Skulpturen. Solange man dabei das Leben betont, sind sie Abbilder von Bäumen, vielleicht naturalistische, vielleicht stilisierte, vielleicht zum Baumsymbol abstrahierte. Die Entwicklung des zeitgenössischen Bonsai zeigt aber, dass man auch die Skulptur betonen kann. Dies geschieht dadurch, dass man das Totholz am Bonsai, das sich weitgehend wie eine Skulptur gestalten läßt, gegenüber den lebenden Teilen zur Hauptsache werden läßt. Dies bezeichne ich als Skulpturenstil oder plastischen Stil. Die Entwicklung dieses Stils ist weitgehend das Werk von Masahiko Kimura. Man spricht deshalb oft auch einfach vom Kimurastil.

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Chinesischer Wacholder in der Treibholzform, gestaltet von Amy Liang


Bonsai, bei denen das Totholz als maßgebliches Gestaltungselement verwendet wird, hat es schon lange gegeben. Die älteste Abbildung stammt von einer Bilderrolle aus dem 13. Jh., auf der die Lebensgeschichte des Priesters Honen geschildert ist, eines der großen Lehrer des japanischen Amida- Buddhismus (Honen Shonin Eden). Die Kreation ist allerdings nicht sehr eindrucksvoll. Unter den traditionellen Bonsaiformen ist die Treibholzform geradezu durch das Totholz gekennzeichnet. Yoshimura und Halford (The Japanese Art of Miniature Trees and Landscapes, Rutland u. Tokyo 1957) definieren sie als "Treibholz" (sharimiki), d.h. ein Teil des Stammes oder der Zweige ist tot und gebleicht wie Treibholz. Auch bei mehreren anderen traditionellen Formen wird Totholz gern als charakteristisches Gestaltungselement verwendet, besonders bei der Form des gespaltenen Stammes und der Form des gedrehten Stammes.

Jedoch kann man hier nicht davon sprechen, dass das Totholz stilbildend sei. Die Treibholzform ordnet sich vielmehr zwanglos dem klassischen Stil unter, wobei die Übergänge zum naturalistischen Stil wie immer fließend sind. Auch im Literatenstil gibt es Bäume mit dominierendem Totholz.

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Chinesischer Wacholder von Masahiko Kimura, eine seiner bekanntesten Kreationen. Man kann sie als stilbildend für den plastischen Stil ansehen.


Was ist das Neue an Kimuras Bäumen, das es rechtfertigt, hier von einem neuen Stil zu sprechen? Zur Kennzeichnung der charakteristischen Merkmale diese Stils zitiere ich aus einem Beitrag Walter Palls hier in diesem Forum Jetzt werden plötzlich Bäume gestaltet, bei denen das tote Holz offensichtlich das wichtigste ist. Die Krone ist scheinbar nur mehr Beiwerk, Schmuck. Sie ist oft sehr klein, von so einfacher Gestalt, dass sie nicht von der Hauptsache ablenkt ? dem toten Holz. Die Krone besteht oft nicht aus einigen gut positionierten Ästen, sondern nur aus einem oder ganz wenigen Ästen, die von irgendwo her irgendwo hin gebogen sind und eine gelungene Krone nur vortäuschen. Die Position der Hauptäste scheint nicht mehr wichtig zu sein; ja man weiß oft gar nicht mehr was der wichtigste Ast ist. Nur mehr der Umriss der Krone ist entscheidend. Das tote Holz wird kulthaft hervorgehoben. Natürliches totes Holz ist das beste, wenn es nicht vorhanden ist, wird es geschnitzt, gefräst, gebohrt, gefeilt. Das ist Bildhauerei. Sogar bei natürlichem toten Holz handelt es sich um Bildhauerei, weil davon meist mehr vorhanden ist als gebraucht wird. Der Gestalter muss wichtige Entscheidungen treffen, was wegkommt und was bleibt, und das bleibende noch leicht korrigieren. Das ist auch Bildhauerei. Es gibt sogar welche, die totes Holz hinzufügen, das ursprünglich gar nicht zum Baum gehört hat. Totes Holz überall, sogar an den Wurzeln, wo es doch dort verboten war. Als ob das nicht genug wäre, werden die Proportionen drastisch verändert. Jetzt sieht man Bäume, die ein Verhältnis von 1:2 oder sogar ein noch stärkeres aufweisen. Der Stamm ist fast so dick, wie der Baum hoch ist. Das alles ist, zugegeben, irritierend. Aber der Gipfelpunkt ist, dass diese Kreationen sogar eindrucksvoll sind, dass man sich richtig daran gewöhnen kann, dass man davon begeistert wird.

Francois Jeker (Ästhetik und Bonsai, übers. von Karin Landsrath, Eigenverlag 2000) hat versucht , ästhetische Kriterien für die moderne Bonsaigestaltung aufzuzeigen. Es geht ihm dabei nicht speziell um den plastischen Stil, sondern um die ästhetische Weiterentwicklung des klassischen Stils überhaupt. Unter seinen Kriterien sind solche, die auch die Gestaltung im klassischen Stil schon geleitet haben, wie Asymmetrie, Verwendung von Leerräumen oder die Erreichung von Räumlichkeit. In unserem Zusammenhang sind jene Kriterien interessanter, die zwar auch im klassischen Stil bereits Gültigkeit hatten, die jetzt jedoch in charakteristischer Weise uminterpretiert werden. Das gilt besonders für das Konzept der Einheit. Es ist Andy Rutledges "design integrity" sehr ähnlich. Allerdings wählt Jeker in dem Spektrum zwischen Harmonie und Interessantheit eindeutig den zweiten Pol. Ihm erscheint nur der interessante Bonsai schön: Die Schönheit ist rebellisch, unverschämt und subversiv. Dann ist die Vermeidung aller Inkongruenzen kein Gestaltungsziel mehr. Im Gegenteil: Kontrast und Rhythmus werden zu wichtigen Gestaltungskriterien. Gleichgewicht wird jetzt ausdrücklich als dynamisches Gleichgewicht aufgefaßt. Die klassische Ruhe und Harmonie gilt als statisch und wenig ausdrucksstark. Angestrebt werden demgegenüber Dynamik, Bewegung, Ausdruckskraft, Dramatik, und diese Eigenschaften zeigen sich vor allem in der Totholzgestaltung.

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Chinesischer Wacholder von Pius Notter, ein Beispiel für einen Baum, der formal noch durchaus in den Grenzen der traditionellen Treibholzform bleibt, aber im Ausdruckscharakter, in der dramatischen Bewegung, ganz modern ist.

Zweifellos hat der plastische Stil sich aus dem klassischen entwickelt. Kimura ist auch ein Meister des klassischen Stils. Die Entwicklung verläuft ohne Traditionsbruch. Vieles ist in der traditionellen Treibholzform schon angelegt. Trotzdem resultiert diese Entwicklung in einer radikalen Veränderung des Ausdrucksgehalts des Bonsai. Zu den klassisch-harmonisch gestalteten Bäumen, bei denen natürlich auch das Totholz dominieren kann, treten dynamisch-expressive Bäume hinzu und werden dominierend. Und diese Bäume sind antiklassisch.

Verbunden ist diese Entwicklung mit einer gleichfalls radikalen Wandlung des künstlerischen Selbstbewußtseins. Die traditionelle Bonsaigestaltung, sei sie klassisch, naturalistisch oder im Literatenstil, hat die Natur als Vorbild und nur die Sehformen, unter denen die Künstler die Natur betrachten, sind verschieden. Im plastischen Stil ist der Baum nicht mehr in erster Linie Baum, sondern Anlaß zur Kunst. Der Baum wird nicht mehr dargestellt, symbolisiert, interpretiert oder was auch immer. Er wird zur Skulptur, zum modernen Kunstwerk und es ist dann relativ gleichgültig, dass es sich um einen Baum handelt. Dazu paßt, dass auch die klassischen Gestaltungsregeln weitgehend ihre Gültigkeit verlieren. Sie sind für Bäume formuliert worden und treffen für die modernen Plastiken teilweise gar nicht mehr zu. Diese Bäume haben kein klassisches, gleichmäßiges Nebari, ob Äste als gegenständig zu gelten haben, läßt sich oft gar nicht entscheiden und Überkreuzungen sind beim Totholz ein dekoratives Element.

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Chinesischer Wacholder von Takeo Kawabe: Das tanzende Mädchen

Es ist verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass in Grenzregionen, etwa im Hochgebirge oder in Wüsten, wo Bäume durch Wind und Wetter gegerbt werden, durchaus Exemplare vorkommen, die als Vorbilder des plastischen Stils dienen könnten. Ich denke, dass dies für die Treibholzform richtig ist, aber für den plastischen Stil relativ irrelevant. Gerade die Entwicklung von der Treibholzform zum plastischen Stil ist durch den Blick in die Natur nicht zu erklären. Sie setzt vielmehr eine bestimmte künstlerische Intention voraus, die Intention, Bonsai von den natürlichen Vorbildern und den klassischen Traditionen weitgehend zu lösen und zu autonomen Kunstwerken zu machen.

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Chinesischer Wacholder von Iura Koo und Takeo Kawabe, Kalligraphie von Muryo Koga: Der Gott des Windes


Während bei den abgebildeten Bäumen von Kimura und Notter der kraftvoll-männliche Ausdruckscharakter, der für die klassischen Bäume typisch ist, durchaus noch erhalten ist, haben die Kreationen von Takeo Kawabe sich auch hiervon gelöst. Schon der Name "Das tanzende Mädchen" zeigt dies. Im klassischen Stil wäre ein Bonsai dieses Namens wohl unmöglich gewesen. Der Baum kommt leichtfüßig und elegant daher. Der Stamm löst sich zu filigranen Schlingen auf, scheint sich zu teilen. Es ist kaum auszumachen, was der Stamm ist. Die Totholzmuster sind höchst dekorativ und dominieren den Eindruck. Die klassisch gestaltete Krone wirkt wie ein dezenter Hintergrund.

Mich erinnern die filigranen und doch kraftvollen Totholzmuster an Kalligraphie. Besonders deutlich wird dies bei der direkten Gegenüberstellung: Der Gott des Windes als Kalligraphie und als Bonsai-Kalligraphie. Hier wird die kalligraphische Tradition des Literatenstils wieder aufgegriffen und zu einer ungeheuren Dramatik verdichtet.

Durch die Dominanz des Totholzes wird die Zahl der für diesen Stil geeigneten Baumarten beschränkt. Es sind durchweg Nadelbäume, meist Wacholder. Anstatt vom plastischen Stil zu sprechen, könnte man auch vom modernen Wacholderstil sprechen. Aber wenn auch die Wacholdergestaltungen am spektakulärsten sind, so scheint mir doch die antiklassische Tendenz, die sich hier am klarsten ausdrückt, inzwischen weitere Kreise zu ziehen. Dynamik, Bewegung, Expressivität zeigen sich inzwischen auch bei manchen weniger spektakulären Bäumen. Der Blick auf die Kreationen Kimuras und seiner Nachfolger hat wohl unsere "Sehform" von Bonsai verändert und das sollte auch Folgen für die "normalen" Bonsai haben.

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Bildquellen

1. Amy Liang: Bonsai, die hohe Kunst, übers. von Horst Stahl, Stuttgart (Kosmos) 1998
2. und 3. Francois Jeker: Ästhetik und Bonsai, Bd.1., übers. von Karin Landsrath, Jeker Communication 2000
4. BONSAIart 56/2002, S.27: Maihime, Das tanzende Mädchen.
5. BONSAIart 61/2003, S.22: Der "Gott des Windes", von Iura Koo und Takeo Kawabe.
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