Die Pflege von Bonsaibäumen im Garten

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Holger
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Die Pflege von Bonsaibäumen im Garten

Beitrag von Holger »

Bonsaiwissen in kompakter Form von Erwin Grzesinski

zusammengestellt von Reiner Vollmari

Was ist Bonsai?

Bonsai heißt übersetzt soviel wie "Baum im Topf". Das erklärt eigentlich schon alles, aber die Fragen fangen jetzt erst an: Wie kommt der Baum im den Topf und wie halte ich ihn klein und, vor allem: wie halte ich ihn am Leben?
Ziel der Bonsaikultur ist es, einen Baum nach dem Vorbild der Natur in einer relativ kleinen Schale zu halten. Natürlich wird das mit dem Vorbild schon mal recht grosszügig ausgelegt, aber im Grossen und Ganzen geht es darum: Man sehe sich einen alten Baum in der Natur an und versuche einen jungen so zu gestalten, dass er vom Habitus her dem alten weitgehend ähnelt. Daraus leiten sich die meisten Grundregeln der Bonsaikultur ab.

a) Der Baum hat eine Vorderseite, von der aus er sich besonders schön darstellt.

b) Der Stamm sollte möglichst dick im Verhältnis zur Gesamtgrösse sein und sich nach oben hin deutlich verjüngen. Außerdem soll er bis zu etwa 2/3 der Gesamthöhe von vorne sichtbar sein.

c) Der unterste Ast sollte etwa bei 1/3 der Höhe ansetzen. Jeder folgende Ast ist etwas höher angeordnet; gegenüberstehende Äste sind verpönt (auch, da sich dort gerne eine unerwünschte Verdickung im Stamm bildet). Die Äste stehen seitlich versetzt zueinander, um sich nicht gegenseitig das Licht wegzunehmen. Von oben betrachtet sind sie spiralig angeordnet, wie eine Wendeltreppe.
Natürlich ist das Wunschdenken; jeder Baum hat da so seine eigenen Vorstellungen! Ein Ast sollte niemals direkt auf den Betrachter zuwachsen. Der Baum zeigt dann auf den Betrachter und wirkt aggressiv. Im oberen Drittel ist das dann allerdings erlaubt, damit sich die Krone oben schließt. Der Umriß der Krone soll ein ungleichmäßiges Dreieck bilden.

d) Die Wurzeln sollten an Ansatz sichtbar sein und im sanft geneigten Winkel in der Erde verschwinden. Die Anordnung der Wurzeln ist wie bei den Ästen: sternförmig vom Stamm ausgehend und nicht direkt nach vorne.

So, erstmal genug Spielregeln für den Anfang.

Wie und wieso funktioniert das überhaupt?

Wir haben da ein Gehölz, dass so 20 - 30 m hoch werden will, stecken es in eine Schale und es wird daraus ein Bonsai mit einer Größe von z. B. 50 cm. Und das Ding bleibt so klein. Warum?

Ganz einfach: durch beschneiden oben und unten. Dadurch, dass man den Baum in eine Schale pflanzt, beschränkt man den Wurzelraum und der Baum kann selbst bei guter Düngung nicht die gleiche Menge Wurzeln ausbilden wie im Erdboden. Zusätzlich schneidet man Zweige ab, sodaß aus der verringerten Assimilationsfläche der Blätter weniger Kohlendioxid als Nährstoff aufgenommen werden kann. Die für einen Bonsai typischen stark verkleinerten Blätter erhält man dadurch, dass man immer wieder die Äste so beschneidet, dass sie sich weiter verzweigen. Dadurch werden mehr Blätter ausgebildet. Aufgrund der rel. geringen Wurzelmasse kann der Baum aber nur eine gewisse Blattmasse versorgen. Einfaches Rechenbeipiel: wenn ein Baum eine Blattfläche von z. B. 0,5 qm versorgen kann, kann er das mit 50 großen Blättern zu je 100 qcm Fläche tun oder mit 500 Blättern von je 10 qcm Fläche. Würde bedeuten, dass wir hier nur ein Zehntel der üblichen Blattgrösse hätten bei der zehnfachen Anzahl von Blättern.
Dies erreicht man nur durch ständig wiederholte Reduzierung der Wurzelmasse.
Die Größe der Blüten und Früchte kann man übrigens so nicht verkleinern.

Welche Formen von Bonsaikultur gibt es?

a) Zimmerbonsai (sog. Indoors): Hier sei erstmal gewarnt: Finger weg! Erstens verdient das, was man so im Gartencenter/Baumarkt für ´nen Zehner kaufen kann i. d. R. nicht die Bezeichnung Bonsai (weil es sich meistens um Kreationen handelt, die oben und unten ein möglichst bizarres Gestrüpp aufweisen oder so gewunden sind, als hätte jemand eine verholzte Schlange mit Blättern dekoriert). Zweitens hat schon fast jeder die leidige Erfahrung gemacht, dass die Dinger sowieso eingehen. Natürlich kann man Bonsai im Zimmer kultivieren, aber im Sommer sollten auch die nach draussen.

b) Gartenbonsai: In den Garten gepflanzte grössere gestaltete Bäume. Wunderschön und eine richtige Investition. Unter 1000,-- Euro geht da nicht viel. Außerdem gehört so etwas in einen japanischen Garten, denn erst in der richtigen Umgebung wirken diese Bäume.

c) Bonsai aus winterharten Bäumen (sog. Outdoors): das einzig Wahre! Die Dinger kann man fertig kaufen oder aus einheimischen Arten selbst gestalten und vor allem DRAUSSEN lassen. Auch im Winter. Nicht nach dem Motto: "Der Kleine tut mir so leid in dem Frost" und dann reinholen. Das ist die sicherste Art, den Kleinen zu killen!

Also in diesem Beitrag geht´s nur um diese Outdoors.

Standort

Ganz pauschal kann man das nicht beantworten. Die Immergrünen vertragen mehr Sonne als die Laubgehölze, aber auch hier gibt es Unterschiede. Rotbuche und Hainbuche, sowie die japanischen Fächerahorne kriegen gern mal ´nen Sonnenbrand. Also keine Mittagssonne. Wacholder und Kiefern hingegen brauchen volle Sonne; Fichten sind da schon wieder mäkeliger, da verbrennt im Frühsommer schon mal der frische Austrieb.

Überwinterung

Überwintert werden die Bäume grundsätzlich im Freien. Kein Mitleid; die Pflanzen brauchen den Frost. Ein ungeheiztes Gewächshaus ist auch möglich, aber durch die höheren Temperaturen treiben die Bäume im Frühjahr zeitig aus. Wenn man sie dann nach draußen stellt, ist die Gefahr groß, dass bei Spätfrost die frischen Triebe erfrieren. Oft ist dann auch der ganze Baum hin.
Wichtig ist der Standort: er sollte geschützt sein, die Bäume vertragen bei Frost keine Sonne und keinen kalten Wind. Man kann die Bäume an einer schattigen Stelle, am besten ohne Schale, in den Boden einsenken, dann hat man eigentlich den ganzen Winter Ruhe. Nachteil: der Wurzelballen löst sich etwas auf. Soll um Frühjahr ohnehin umgetopft werden, ist das egal.
Ich mach´ das so, dass ich die meisten Bäume einfach unter das Bonsairegal stelle und das Regal und die Vorderseite mit einem weißen Vlies, wie es für Frühkulturen benutzt wird, abhänge. Licht und Wasser können rein; Sonne und Wind bleiben draußen. Kleine Pflanzen, Schalengröße bis ca. 20 cm, stelle ich in eine größere Holzkiste und fülle rundherum und bis an die unteren Äste mit Kompost o.ä. auf. Empfindlichere Arten stelle ich unten auf die Kellertreppe. Dort herrscht ein wesentlich milderes Kleinklima. Auch Bäume in einer sehr flachen Schale oder Pflanzungen auf Platten besser irgendwie im Wurzelbereich vor dem Einfrieren schützen. Evtl. Luftpolsterfolie o.ä. verwenden.

Laubgehölze: Nach dem Blattfall können die Bäume auch mal bei sehr tiefen Temperaturen in einen dunklen frostfreien Raum gestellt werden; sie brauchen kein Licht. Nicht zu lange bei über 0° C, dann hebt man die Winterruhe auf und die Bäume fangen an zu treiben. Etwas empfindlich sind z. B. die Hainbuche und die gute alte deutsche Eiche (!) Auch die chinesische Ulme, die meistens als Zimmerbonsai verkauft wird, steht im Winter besser geschützt (bis - 5°) im Freien. Gegossen werden muss in der Regel nicht, trotzdem ab und zu prüfen. Das Substrat feucht halten, es darf nicht ganz austrocknen.

Immergrüne: Sie kennen das, wenn frostfrei, dann bei Trockenheit gießen. Also zugänglich aufstellen. Ich habe auch schon bei starkem Frost das Laub mit Wasser übersprüht, um die Verdunstung einzuschränken wie die Apfelbauern. War aber nicht so dolle, mir ist dabei die Düse eingefroren.
Wichtig ist, die Bäume vor Austrocknung zu schützen, da sie auch im Winter und bei Frost Wasser verdunsten! Empfindlich sind z.B. Ilex crenata, Sumpfzypresse, Mammutbaum.

Gießen

Um Himmels willen NICHT ständig feucht halten! Immer das Substrat in der Schale antrocknen lassen; erst wenn die Oberfläche bis ca. 1 cm Tiefe trocken ist, gießen. Dann aber richtig. Hat man nur wenige Bäume, ist tauchen die bessere Alternative. Gießen am besten mit einer Bonsaikanne. Die Dinger haben eine extrem lange Tülle und eine ganz feine Brause. Damit baut sich ein höherer Druck auf und das Wasser dringt besser in das trockene Substrat ein statt einfach abzuperlen. Unbedingt 2-3 mal überbrausen und, ganz wichtig, auch hinter dem Stamm! Sonst sterben dort nämlich die Wurzeln ab, weil sie vertrocknen. So lange gießen, bis das Wasser aus den Löchern im Schalenboden läuft.
Und, so blöd es auch klingt, ggf. auch bei Regen gießen. Manche Bäume haben eine so dichte Krone, dass der Boden darunter eine ganze Weile trocken bleibt. Auch wenn der(unwissende) Nachbar lästert, auch bei Regen unbedingt kontrollieren! (Natürlich nicht, wenn´s den ganzen Tag geschüttet hat)

Pflegeschnitt

Bei Laubgehölzen den frischen Austrieb im Frühjahr wachsen lassen, bis er ziemlich ausgereift ist. Dann die Zweige bis auf 2 oder 3 Blätter zurückschneiden, wie es am besten in die angestrebte Form passt.
Diesen Rückschnitt muß man 2 - 3 mal im Jahr machen, i. d. R. einmal im Spätfrühling und einmal nach dem Johannistrieb. Im Herbst nicht mehr schneiden, da hiermit neuer Austrieb angeregt wird, dieser zum Winter hin nicht mehr aushärten kann und demzufolge erfriert.
Immergrüne werden gezupft, bevor der frische Austrieb ausgehärtet ist. Das bedeutet beim Wacholder, dass man die zu lang gewordenen Spitzen der Polster zwischen 2 Finger nimmt und mit der freien Hand alles überflüssige wegzupft. Hierdurch erreicht man eine dichtere Verzweigung. Bei Fichten usw. werden die zu langenTriebe etwa bei einem Drittel der Länge abgezupft. Nicht schneiden, da man hierbei immer auch einige Nadeln schneidet, die dann braun werden und unschön aussehen. Bei Kiefern erreicht man eine dichtere Verzweigung, indem man die frischen Kerzen um ca. 2/3 einkürzt, wenn sie sich gestreckt haben, aber die Nadeln noch nicht ausgebildet sind.

Düngung

Hierzu gibt es so viele Meinungen wie Bonsailiebhaber; jeder macht das irgendwie anders. Vergessen Sie den Quatsch von "ist doch nur ein kleiner Baum, der braucht nur die halbe Dosis". Spezieller Bonsaidünger ist nicht erforderlich. Jeder herkömmliche Gartendünger ist grundsätzlich geeignet, sollte aber mit Bedacht verwendet werden. Geraniendünger ist für Blütenbildung konzipiert, daher besser nicht verwenden. Soviel Phosphor und Stickstoff braucht der Baum nicht.

Flüssigdünger: geht, ist aber unzuverlässig bei Regenwetter, wäscht sich wieder aus. Als sporadische Blattdüngung gut geeignet. Dann aber mit anderem Dünger unterstützen.

Langzeitdünger: Osmocote und Co. Nur aufgestreut, gießt man das Zeug wieder runter und hat es dann unten liegen; also in die Oberfläche einarbeiten. Dann sieht man die netten Kullerchen auch nicht so. Funktioniert aber gut. Nur man (ich) neigt dazu, eine Nachdüngung zu vergessen, wenn der Vorrat aufgebraucht ist. Im Herbst für die bessere Winterhärte mit etwas Patentkali nachdüngen.

Blaukorn: Geht auch, aber nicht überdüngen. Bei zuviel verbrennen die Wurzeln. Außerdem wirkt es nur über einen kurzen Zeitraum und es muß öfter nachgedüngt werden. Aber in welchen Abständen? Macht Sinn, wenn man im Frühjahr schnellen Zuwachs möchte, um einen Baum aufzubauen.

Organische Dünger: Das beste, was es gibt. Nur bei frisch eingetopften Bäumen funktioniert das nicht, da diese Dünger von Bodenbakterien aufgeschlossen werden müssen und die sind in dem frischen Substrat noch nicht vorhanden. Zum ersten gibt´s da im Handel "Biogold", kleine schwarze Klümpchen aus Fischmehl und Tierkot und weiß der Herrgott was. Geht prima, ist aber zum einen sauteuer und zum anderen kennt scheinbar keiner die richtige Dosierung. Auf der Packung ist irgendwas in japanischer Schrift aufgedruckt. Aber was? Wo der eine 6 Klümpchen nimmt, nimmt der andere 20! Klappt beides; eine Überdüngung ist nicht möglich.
Aber: Fliegen LIEBEN dieses Zeug und legen ihre Eier darin ab und später leben diese Dinger. Um das zu verhindern, gibt es extra kleine Körbchen aus Kunststoff, die man darüber stülpt. Sieht fantastisch aus, so eine Bonsaischale mit 15 Plastikhügelchen. Kürzlich habe ich gehört, dass bei einem Freund die Elstern das Zeug weggeholt haben!

Auch verwendbar ist Rinderdung. Enthält aber zu wenig Kalium, daher im Herbst mit Patentkali unterstützen.

Das gute alte Oscorna Animalin: bestens! Leicht in die Oberfläche einarbeiten und gut isses.

Zur Zeit verwende ich Neudorffs Fertofit. Kann über den Erfolg aber noch nicht viel sagen. Müsste etwa vergleichbar mit Oscorna sein. NPK- Anteile: 7/3/6, also im Herbst kein Patentkali erforderlich.

Grundsätzlich alle Bäume ordentlich düngen. Kein Bonsai bleibt klein, weil er wenig gedüngt wird! dann verhungert er nämlich. Die berühmte Ausnahme: Die Kiefer. Diese sollte kurz gehalten werden, da sonst die Nadeln zu lang werden.

Umtopfen

Grundsätzlich gilt: Die beste Zeit ist das Frühjahr, wenn die Knospen anfangen zu schwellen. Stimmt, aber hat sich was mit grundsätzlich: Ich topfe seit einigen Jahren meine Immergrünen Ende August/ Anfang September um. Und die Dinger vertragen das prächtig! Auch hier eine Ausnahme: Die Lärche (ist ja auch nicht immergrün).
Trotzdem, für den Anfang, Frühjahr ist immer richtig und für Laubgehölze das einzig wahre. Diese im Sommer oder später umtopfen ist Mord!

Substrat: Das Wichtigste vorab: Was man verwendet, ist beinahe egal, Hauptsache, es hält gut das Wasser und ist gleichzeitig wasserdurchlässig. Wurzeln brauchen Luftsauerstoff, sonst ersticken sie! Das sagt uns kein Gärtner. Staunässe ist tödlich. Um Himmels willen keine Blumenerde verwenden; auch keine "Bonsaierde". Was da besonderes dran oder drin ist, weiß ich nicht; muß ich aber auch nicht wissen. Die Wirtschaft lebt davon, uns solche Dinge zu verkaufen. Ist wie mit dem Bonsaidünger: An sich braucht das kein Baum, aber man kann Geld damit verdienen, indem man besonders kleine Flaschen oder Erdetüten zu besonders grossen Preisen verkauft. Der Baum soll ja klein gehalten werden und das hat seinen Preis! So ein RIESENQUATSCH!
Mit dem Substrat ist´s wie mit dem Dünger: Jeder hat da seine eigene Ansicht. Es gibt ein japanisches Lehmgranulat namens Akadama, das immer und überall in den einschlägigen Büchern erwähnt wird. Dieses Substrat ist nichts anderes als gekörnter Lehm, der ein- oder zweimal gebrannt wird, damit der Lehm nicht zerfließt und dient zur Wasserhaltung. Kostet so ca. 16,--? pro 20 l Sack, aber so viel braucht man davon ja nicht. Dann brauchen wir noch Torf. Jawohl, ganz normalen billigenTorf! Und groben Sand oder Kies. Bitte nicht unbedingt Bausand verwenden, wer weiß, was da drin ist oder welche Katze dort war... Gut geeignet ist Aquarienkies mit einer Körnung von 2 - 4 mm. Statt Kies geht auch Lava; kann man als Streugut für den Winter kaufen. Oder der neueste Hit: Bimskies, der speichert besonders viel Wasser.
Z. Zt. experimentiere ich mit Erdmischungen ohne Akadama, den betr. Bäumen geht´s prächtig.
Eine brauchbare Mischung für Laubgehölze ist: Kies (oder Lava), Torf, Akadama im Verhältnis 1:1:1
Für Pflanzen, die durchlässige Boden benötigen, wie Wacholder, Kiefern, Fichten, ändert sich das Mischungsverhältnis in: Kies, Torf, Akadama im Verhältnis 3: 1:1
Für Pflanzen, die sauren Boden benötigen, z.B. Azaleen oder Stewartien, gilt: Kies, Torf, Akadama im Verhältnis 1:3:1

Nach dem Einsetzen in die vorbereitete Schale unbedingt den Baum mit Drähten fixieren, damit er bei evtl. auftretendem Wind nicht in´s Wackeln gerät. Dabei können sich die frischen Wurzeln lösen und absterben.

Wurzelschnitt: Das ist das eigentliche Geheimnis, warum Bonsaikultur überhaupt möglich ist! Die für uns wichtigsten Wurzeln sind die sog. Faserwurzeln, die an den Enden der dickeren Wurzeln entspringen. Sie wachsen in alle Richtungen auf der Suche nach Wasser und Nährstoffen. Wichtig zu wissen ist, das nur die jüngsten und feinsten Wurzeln in der Lage sind, die Pflanze zu versorgen.
Wenige Millimeter hinter den Wurzelspitzen befinden sich als feiner Flaum die Wurzelhaare. Diese sind es, die Wasser und Nährstoffe aufnehmen. Ihre Lebensdauer beträgt i. d. R. nur wenige Tage, dann sterben sie nach hinten hin ab, wobei sie von der weiterwachsenden Wurzel vorne neu gebildet werden. Es sind also nur wenige cm bis mm der feinen Wurzeln, die die Versorgung des Baumes gewährleisten. Natürlich müssen wir beim Schnitt der Wurzeln darauf achten, möglichst viele Faserwurzen zu erhalten. Die dicken Wurzeln unter der Erdoberfläche hingegen sollten wir kurz halten.
Nach dem Wurzelschnitt nicht düngen! Bis der Baum austreibt. Das dauert im allgemeinen so ca. 14 Tage. Und auch so lange schattig aufstellen, denn da sind kaum Wurzeln, die Wasser nachliefern können.

Schale

Baum und Schale bilden eine Einheit, die auch wesentlich durch die Schale bestimmt wird. Diese sollte zu dem Baum passen, d. h. entweder die Farbe der Rinde aufnehmen oder einen Kontrast zur Blüte oder Blattfarbe (bei roten Ahornen z. B.) darstellen. Wenn Sie einen preiswerten Baum kaufen (aber bitte beim Fachhändler), taugt die Schale im allgemeinen nicht viel, da die bezahlbaren Bäume i. d. R. aus Korea kommen und hierbei die billigsten Schalen benutzt werden. Es gibt aber mittlerweile auch günstige Schalen zu kaufen. Muss ja nicht handgetöpfert sein.
Die Größe der Schale wird bestimmt durch die Größe des Baumes: Die Breite der Schale sollte etwa 2/3 der Höhe des Baumes betragen. Die Höhe der Schale sollte etwa dem Stammdurchmesser kurz über der Erdoberfläche entsprechen. Der Baum sollte bei ovalen oder eckigen Schalen nicht in die Mitte gepflanzt werden, sondern etwas seitlich versetzt, ungefähr an einem Drittelspunkt. Hierbei sollte die breitere Seite der Krone auch über dem breiteren Bereich der Schale stehen. Alles klar?

Werkzeug

zum Schneiden der Zweige nimmt man eine sog. Triebschere, aber für den Anfang geht sogar eine scharfe Nagelschere (also keine für 95 Cent!).
Für Gestaltungsmaßnahmen unbedingt erforderlich ist eine Konkavzange. Ich bevorzuge die gebogene Form; das ist eine Mischung aus Konkav- und Knospenzange, die mit einem Schnitt arbeitet, der sich selbst in das Holz reinzieht. Das hat den Grund, dass die Pflanze die Schnittwunde mit einem sog. Wundkallus überwächst und der trägt ziemlich dick auf. Bei einem einwärts gezogenen Schnitt wächst der Kallus in das Loch hinein und die Oberfläche bleibt nach Schließen der Wunde glatt.
Alle anderen Werkzeuge sind erst mal verzichtbar, aber auf Dauer sehr hilfreich. Und wenn Sie Werkzeug kaufen, dann bitte japanisches, kein billiges chinesisches. Billiges Werkzeug ist am Ende immer das teuerste!

Krankheiten

a) tierische Schädlinge: Man muß wohl niemanden erklären, wie man mit einer Laus fertig wird. Nur bitte vom verwendeten Mittel NICHT die halbe Dosis verwenden, wie manchmal empfohlen! Es ist nicht einzusehen, warum die Laus schon bei halber Dosierung verrecken sollte, nur weil sie gerade einen kleinen Baum aussaugt.
Raupen am besten absuchen oder den Baum komplett einschl. Krone unter Wasser stellen. Dann lassen sich die Viecher fallen und ersaufen.

b) Pilzerkrankungen: alles was auch bei Rosen etc. hilft (oder auch nicht)

c) Sonstiges: Der schlimmste Feind des Bonsai ist (nach dem Menschen) das Wasser. Zuviel taugt nichts, zuwenig ebenso. Und bei Frost sprengt es die Wurzeln. Die meisten Bonsai, die eingehen, werden ertränkt.

d) Wurzelfäule: eigentlich unter c) bereits erwähnt, aber wegen der Wichtigkeit ein eigenens Kapitel.
Sie entsteht i.d.R. durch zu feuchtes Substrat. Vor allem Importbäume stehen manchmal noch in reinem Lehm. Der wirkt sich dann in unserem Klima tödlich aus. Bei ständigem Gießen zu feucht, bei wenig gießen gern mitten im Ballen trocken, obwohl der Gärtner sagt: "Aber ich habe doch gegossen." Ja, die Oberfläche sieht naß aus, doch innen ist der ganze Klump trocken und die Wurzelspitzen verdorren.
Wurzelfäule erkennt man an schwarzen matschigen Wurzelspitzen, wenn man den Baum aus der Schale nimmt und sich den Ballen mal ansieht. Wenn es soweit gekommen ist, hilft nur noch eines: umtopfen, ohne Rücksicht auf die Jahreszeit. Die alte Erde komplett aus den Wurzeln rauspuhlen bzw. auswaschen, die verfaulten Wurzeln abschneiden und den Baum in neues, sehr durchlässiges Substrat pflanzen. Das kann so weit gehen, dass man dann einen besseren Steckling erhält. Evtl., das muß man anhand der noch verbliebenen weißen Wurzeln abschätzen, das Ganze in eine Plastiktüte stecken und vor allem schattig aufstellen. Dann hilft nur noch abwarten und beten oder mit dem Baum sprechen oder beides.
Im Übrigen sind Bonsai bei richtiger Pflege Pflanzen, die so schnell nichts übel nehmen.

Formenkunde

Es gibt in der klassischen japanischen Bonsaikunst ein knappes Dutzend verschiedene Formen, die alle durch bestimmte Gestaltungsmerkmale definiert sind (aber in manchen Büchern sind es auch mehr oder weniger). Da gibt es:

Besenform

Frei aufrecht
Streng aufrecht
Geneigt
Halbkaskade
Kaskade
Windgepeitscht
Wurzeln über dem Felsen
Doppelstamm
Waldform
Literat
Floßform

Da eine nähere Erläuterung zu den einzelnen Formen den Rahmen dieser Einführung ins Bonsaihobby sprengen würde, bleibt es bei der Nennung der Formen.


Präsentation

Als ich mit Bonsai anfing, habe ich über diesen Begriff der Präsentation gelacht, aber recht schnell erkannt, dass man von den Bäumen wenig hat, wenn sie nicht entsprechend gezeigt werden.
Präsentation ist in der Hauptsache für einen selbst. Die meisten Besucher interessieren sich ohnehin kaum für Bonsai.
Am besten geeignet sind Regale, die man mit rel. geringem Aufwand herstellen kann. Wichtig ist jedoch, dass sich hinter dem Regal eine farblich ruhige Fläche befindet und keine Sträucher. Das kann eine hell gestrichene Wand sein oder, wie bei mir, Flechtzäune, wie man sie als Sichtschutz verwendet.
Ein auf einen Pfosten im Garten aufgestellter Bonsai steht da vielleicht gut, aber er verschmilzt mit dem grünen Hintergrund. Ein typischer Fall von "weißer Adler auf weißem Grund".

So, das reicht jetzt. Ich hoffe, ich konnte den einen oder anderen Neuzugang bei den Bonsaianern gewinnen oder zumindest
doch einige Vorurteile abbauen. Und klarstellen, dass Bonsaibäume nicht unbedingt auf die Fensterbank gehören, sondern in den Garten und dass sich (im Gegensatz zu den Gärtnern) fast jedes einheimische
Gehölz dafür eignet.

Immer noch nicht genug von meinem Geschwafel? Dann kommen wir jetzt zur Gestaltung, und damit der Artikel nicht zu lang wird, steht das woanders:

Bonsaigestaltung für Anfänger
Teil 1 Pflanzenauswahl
Teil 2 Drahten
Teil 3 Gestaltung einer Baumschulpflanze

Dortmund, im September 2005

Erwin Grzesinski


Kriterien zur Auswahl geeigneter Pflanzen
Hier gilt nicht "Gefallen macht schön" sondern man sollte analytisch an die Sache herangehen. Nicht auf die Pflanze schauen und denken "die ist schön, daraus kann ich was machen". Was man in der Baumschule so an Laub oder Nadeln sieht,schneidet man bei der Gestaltung sowieso fast alles ab.
Wichtig sind die Anordnung der Wurzeln, der verwendbaren Äste und vor allem der Stammverlauf!
Bei der Bonsaigestaltung kann man fast alles beeinflussen, nur die Hauptwurzeln und den unteren Stammverlauf nicht. Zwar gibt es auch hierfür gewisse Techniken, aber das führt hier zu weit und vor allem: nicht immer zum gewünschten Ergebnis!
Selbst ausgraben: für den Anfang kein Thema, da sich die Dinger nach dem Sammeln erst mal 2 Jahre erholen sollten. Also Baumschule oder Gartencenter. Vor allem keine geschwächten oder kranken Pflanzen kaufen. So habe ich angefangen und diese Dinger sind mir ausnahmslos eingegangen. Für diesen Zweck ist die beste Qualität auch am besten geeignet, denn wir haben immerhin einen schweren Eingriff vor, den die Pflanze sonst nicht überstehen könnte.
Bei Containerpflanzen stecken die dicken Wurzeln häufig bis zu 5 cm tief im Substat; da kann man mit dem Finger puhlen, bis er schwarz ist und findet doch nichts. Ist also eingewisses Glückspiel. Stößt man aber auf nur eine dicke Wurzel, sollte man auf diese Pflanze verzichten; das wird nie etwas Gescheites.
Die untersten Äste kann man alle vergessen, die muß man sich wegdenken, denn sie kommen sowieso ab. Als nächstes die Stammführung begutachten: Gibt es eine Möglichkeit, den Hauptstamm so abzuschneiden, dass ein dünnerer Ast die Stammlinie fortsetzt und das am besten gleich mehrmals?
Also: nicht einfach kaufen, sondern erst bedenken, man man daraus machen könnte.
Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit.
Beim Universum bin ich mir aber noch nicht ganz sicher
(Albert Einstein)
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