Da hat der „Krebs“ einen Riss....

.... und Peter Krebs antwortet.
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peter krebs
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Re: Da hat der „Krebs“ einen Riss....

Beitrag von peter krebs » 27.03.2019, 12:23

Hallo lieber wodo,
Entschuldigung, habe den Thread eben erst gesehen. Muss aber richtigstellen, dass ich bis jetzt noch keinen Riss habe, alles funktioniert noch gut. :-D :-D :-D

Zu Deinem Schalenriss:
Hier noch einmal mein uraltes, aber dennoch aktuelles Standartwerk zu Frostschaden an Schalen.

https://www.the-world-of-the-pots.com/1 ... resistant/
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Zu Deiner Schale:
(meine Ferndiagnose) – Dieser Riss ist mit Gewissheit nicht neu und er hat schon fast eine gewisse Patina durch die kleinen Absplitterungen am Riss Rand und die Kalkablagerung am unteren Ende des Risses. Diese Schale hatte schon einige Zeit vorher einen für das Auge fast unsichtbaren Haarriss, der sich im Laufe der Zeit, so zeigt, wie er jetzt ist.
Feine Haarrisse können, wenn auch selten, durch Druck in der Schale entstehen. (siehe Artikel) Bei Druckrissen platzen öfters kleinere oder größere Stücke aus der Schale.
Haarrisse passieren öfters durch verkantetes Aufsetzen oder das Anstoßen der Schale. Diese Risse sind am Anfang kaum zu sehen, und scheppern können sie durch das Ausfüllen von Substrat und Baum auch nicht.
Die Schuldfrage liegt in diesen Fällen nicht am Winter und nicht am Töpfer, sondern am Besitzer der Schale, bewusst oder unbewusst. Ich habe schon über 40 Jahre aus diesem Grund Keramik im Garten liegen, und die „hochgebrannte Keramik“ sieht noch aus wie am ersten Tag. (außer der Patina natürlich. Hochgebrannte Keramik ist härter als Stein und überlebt mehrere Jahrtausend locker)
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Zum Reparieren einer Schale:
Auch hier noch einmal ein oft gezeigter Artikel darüber.

https://www.the-world-of-the-pots.com/7 ... -ceramics/

Brennrisse sind ungefährlich und bleiben stabil. Abkühlrisse, oder später entstandene Haarrisse, sind und bleiben immer instabil und können weiterreissen. (kommen bei mir allesamt in die Mülltonne)
Natürlich kann man auch diese reparieren, aber man sollte immer den Nutzen und Kostenfaktor nicht vergessen.
…und was man auch nicht vergessen sollte, solch instabile Schalen können während des Transportes plötzlich auseinanderbrechen, dann wäre der Schaden vielleicht unbezahlbar.

Herzliche Grüße
Peter

Andreas Ludwig
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Re: Da hat der „Krebs“ einen Riss....

Beitrag von Andreas Ludwig » 27.03.2019, 15:59

peter krebs hat geschrieben:
27.03.2019, 12:23
Brennrisse sind ungefährlich und bleiben stabil. Abkühlrisse, oder später entstandene Haarrisse, sind und bleiben immer instabil und können weiterreissen. (kommen bei mir allesamt in die Mülltonne)
Natürlich kann man auch diese reparieren, aber man sollte immer den Nutzen und Kostenfaktor nicht vergessen.
Man entschuldige, wenn ich das aufgreife. Die erwähnte Technik, Keramik sehr aufwändig mit Urushi und Metallpuder oder -Auflagen zu veredeln hat auch etwas mit der japanischen Mentalität zu tun: Diese Inseln sind ja rohstoffarm, weshalb man die Dinge vernünftigerweise hegte und pflegte. Von Anfang an. Sie wurden hochwertig produziert, als Einzelstücke. Eine Schale war eben nicht wie bei uns ein industrielles Massenprodukt, sondern ein Wertstück. Ging das kaputt, wurde es darum wiederhergestellt.

Hat man kaum etwas, spielen Kosten und Nutzen eine ganz andere Rolle, als wenn man im Überfluss lebt. Ich kenne das ganz ähnlich von meinen Gross- und Urgrosseltern, die durchaus einen gesplitterten Schraubendrehergriff sorgfältig zusammengesetzt und mit Kupferdraht umwickelt haben, denn das war allemal günstiger, als einen neuen zu kaufen. Das ist das zugrunde liegende Denken. Man kann das pflegen oder es auch lassen. Setzt man einen «normalen» europäischen Stundenlohn ein, lohnt die Reparatur eines Risses niemals. Es wäre weit günstiger, Peter um eine Replik zu bitten. Allerdings setzt man sich dann halt mitten in die Wegwerfgesellschaft.

So gesehen ist es schon zu bedenken, die alten Traditionen der rohstoffarmen, isolierten Inselwelt Japan aufzugreifen. Ich habe dieser Tage so circa in kintsugi-Technik eine ganz billige Kaffeetasse repariert, keineswegs ein Meisterwerk, bloss einer dieser Steingut-Mugs mit einem Katzenbild. Man kriegt die für wenige Franken um die Ecke. Aber dieser eine wurde mir von einer langjährigen Mitarbeiterin geschenkt und ist darum «wichtig». Die Tasse ist weiss, ich habe die Absplitterung mit schwarz eingefärbtem Kunstharz ausgefüllt (Gold fände ich etwas overdressed...). Man soll sehen, dass es mir wichtig war, ihn zu erhalten.

Was sind Dinge wert? – Das ist die Frage. Das entscheiden wir.
Wert ist ein höchst subjektiver Begriff.
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Re: Da hat der „Krebs“ einen Riss....

Beitrag von w.o.do » 27.03.2019, 16:13

Lieber Peter Krebs,
ganz vielen Dank für den ausführlichen Beitrag mit den Verweisen auf die passenden Artikel und dem abschließenden Resümee. Ganz besonders spannend der kriminaltechnische Exkurs inclusive revisionsfestem, höchstrichterlichen Urteilsspruch! Natürlich hat nach 16 Jahren Gebrauch der Besitzer die Schuld, weil er ja offensichtlich irgendetwas falsch gemacht hat. Aber zur Vermeidung zukünftiger Fehler sehr interessante Hinweise. Der Riss mag schon älter sein, aufgefallen ist er mir allerdings noch nie, auch nicht beim sorgfältigen Einstellen ins Winterquartier.
Unterm Strich am wichtigsten ist mit Ihr Resumee, das so ausfällt, wie ich es eigentlich auch vermutet und befürchtet hatte: die Schale bleibt auch nach Reparatur instabil! Also wird wohl auch dieses Irdene den Weg alles Irdischen gehen. C‘ est la vie!
Vielleicht machen Sie ja noch einmal so eine schöne Schale mit dieser Glasur, die schaue ich mir dann gerne an!

Also, nochmals vielen Dank an Peter Krebs und frohes Schaffen allerseits!

Beste Grüße
Werner

P. S. Lieber Peter Krebs, der „Krebs“ mit dem Riss ist ja auch der mit den Gänsefüßchen - und Gänsefüßchen haben Sie ja auch nicht. 😉😊
Zuletzt geändert von w.o.do am 27.03.2019, 17:26, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Da hat der „Krebs“ einen Riss....

Beitrag von w.o.do » 27.03.2019, 16:28

und noch eine kurze Replik auf Andreas Ludwig, dessen Beitrag sich mit meinem überschnitten hat:
Alles richtig und ehrenwert, und im Prinzip bin ich auch bereit, die Dinge so zu sehen. Aber: der Schraubendreher war nach der der Reparatur wieder stabil und funktionstüchtig! Und die Schale wäre das eben nicht, wie Peter Krebs schreibt. Hätte der Künstler gesagt, um Himmels willen, rettet die Schale,ich denke, ich hätte es schon allein aus Respekt gemacht!

Andreas Ludwig
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Re: Da hat der „Krebs“ einen Riss....

Beitrag von Andreas Ludwig » 27.03.2019, 20:33

Sie wird es sein, wird sie angemessen behandelt und frostfrei überwintert. Überhaupt wird der Begriff «stabil» hier massiv überschätzt. Es ist Werden und Vergehen. Bonsai hat nichts mit Ewigkeit zu tun. Wer den Moment nicht schätzen kann, sollte sich auf Suiseki verlegen. :lol:
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Bild mit freundlicher Genehmigung von Nick Lenz.
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Re: Da hat der „Krebs“ einen Riss....

Beitrag von baeumchen » 28.03.2019, 08:14

@ MUSICAL LARCH

voll schräg, aber angenehm heiter in dieser so ernsthaften zeit
gruß + frohes gelingen
der frank aus stuttgart

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Re: Da hat der „Krebs“ einen Riss....

Beitrag von w.o.do » 29.03.2019, 10:39

Zum Trost und zur Beruhigung: es gibt natürlich auch noch unbeschädigte „Krebse“ im Einsatz und im Wartestand bei mir! 😉😊
Die Trompetenlärche verdient eine Fanfare, bleibt aber wohl Geschmacksache...
Die Sonne lacht, die Arbeit winkt, schönes Wochenende allerseits!
Gruß Werner
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