Dünger ist nicht gleich Dünger

Spezielle Baumpflege z.B. düngen, umtopfen, Erden, ein- und auswintern, Pflanzenschutz
bonsai_anfänger
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Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von bonsai_anfänger »

Ich habe hier im Forum gelesen, dass der Dünger an die Jahreszeit angepasst werden sollte. Das ganze Jahr (bzw. in der ganzen Wachstumsphase) über mit demselben Dünger zu düngen ist also nicht verkehrt, allerdings nicht optimal.

Der Sommer sollte stickstoffbetont sein, der Herbst hingegen kaliumbetont. Soweit so gut. Jetzt habe ich natürlich den letzten Sommer "falsch" gedüngt, nämlich mit dem Substral aus dem Baumarkt mit den Werten 3/5/7. Dieses sollte eher im Herbst genutzt werden, um die Winterhärte und die Neuanlage von Knospen zu fördern, richtig? Jetzt habe ich aber festgestellt, dass meine Bäume durch diesen Dünger übelste Triebe geschossen haben imt den entsprechenden Internodienabständen. Würde das nicht kontraproduktiv sein, wenn ich die Bäume damit im Herbst dünge? Einfach für mich zum Verständnis. Warum schießen bei kaliumbetonter Düngung neue Triebe heraus, wenn es doch für die Winterhärte förderlich sein soll?
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Beste Grüße
Georg *daumen_new*
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achim73
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von achim73 »

das wachstum hängt von mehreren faktoren ab, wovon der dünger in der regel nicht mal der entscheidende ist.
viel stärker wirken sich die lichtmenge und die wassermenge im substrat aus.
da gilt generell: mehr licht = kürzere internodien und kleinere blätter
mehr wasser = längere internodien und größere blätter

und dann kommt es ja auch noch auf die verabreichte dosis an dünger an.
Gruss, Achim
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bonsai_anfänger
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von bonsai_anfänger »

Das befriedigt mich jetzt leider nicht wirklich in meiner Frage :/
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Beste Grüße
Georg *daumen_new*
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achim73
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von achim73 »

sprich: wenn ein baum vollsonnig steht, mäßig gegossen und gedüngt wird, wird er selbst mit einer 10-3-7 dünger kürzere nodien und kleinere blätter haben als einer, der halbschattig steht, viel gegossen und mit 3-3-7 gedüngt wird.
Gruss, Achim
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ania
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von ania »

Der Baum erkennt den Herbst (und andere Jahreszeiten) hauptsächlich an der Tageslänge und Temperatur. Dünger ist nur ein Nebenfaktor. Der Baum nimmt den Dünger, den er kriegt, und macht der Jahreszeit entsprechend das Beste draus. Das Beste aus seiner Sicht, ohne Rücksicht auf Gefühle und Ästhetik des Halters.
Hippo
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von Hippo »

ania hat geschrieben: 11.09.2020, 19:20 Der Baum erkennt den Herbst (und andere Jahreszeiten) hauptsächlich an der Tageslänge und Temperatur.
Äääääh, Temperatur und Lichtintensität, Ja.
Aber nicht an der Tageslänge! Das ist ein alter Zopf den Erwerbsgärtner schon eine Weile abgeschnitten haben.
Diese können aus 2 Tagen (48 Stunden) 3 Tage mit je 16 Stunden machen.
Damit lassen sich Pflanzen durchaus überlisten und passen sich ohne Rebellion an.

Ich habe früher im August aufgehört zu düngen und im Laufe des Septembers, je nach Gefühl, da und dort etwas Holzasche oder Patentkali aufgestreut.

Gruss George
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ania
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von ania »

Hippo hat geschrieben: 11.09.2020, 20:09 Aber nicht an der Tageslänge! Das ist ein alter Zopf den Erwerbsgärtner schon eine Weile abgeschnitten haben.
Lass mich präziser formulieren.
Bäume zeigen eine artabhängige phänologische Reaktion auf die Tageslänge bzw. deren Änderung. Unter normalen Umständen hängt die Tageslänge direkt mit der Jahreszeit zusammen.

Die zusätzliche Kopplung dieser Reaktion an Lufttemperatur, Wurzeltemperatur, Wasser- und Nährstoffverfügbarkeit, Lichtintensität, vergangene Temperatursummen und andere Faktoren ist ein komplexes und sehr spannendes Thema.

Wenn nun jemand durch Zyklen von Kunstlicht der Pflanze was vorgaukelt, nutzt er eigentlich genau diesen Umstand, nämlich mit einer bestimmten Tageslänge eine bestimmte Wachstumsphase zu fördern. Das ist kein Widerspruch.
Zuletzt geändert von ania am 11.09.2020, 21:58, insgesamt 2-mal geändert.
Hippo
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von Hippo »

So stimmts wieder! *daumen_new*
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Sebastian O
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von Sebastian O »

Liebe Ania,

Nachdem ich vorhin diesen Beitrag gelesen habe:
Hippo hat geschrieben: 11.09.2020, 20:09 Aber nicht an der Tageslänge! Das ist ein alter Zopf den Erwerbsgärtner schon eine Weile abgeschnitten haben.
bin ich neugierig geworden und habe mir meinen Pflanzenphysiologie Schmöker vorgenommen und dann noch ca. eine Stunde rum gegoogelt, nur um daraufhin festzustellen, dass Du mittlerweile eine Antwort geschrieben hast, die alles was ich herausgefunden habe, perfekt und kurz und knackig zusammenfasst. Mit anderen Worten: Hätte ich ein bisschen länger gewartet, hätte ich mir die ganze Recherche sparen können :lol:

Was ich damit sagen will: Schon toll, was man hier dank Mitgliedern wie Dir alles lernen kann. Chapeau und Danke!


Sebastian
LG
Sebastian
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ania
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von ania »

Sebastian O hat geschrieben: 11.09.2020, 22:15 bin ich neugierig geworden
Falls du immer noch neugierig bist und halbwegs englisch kannst, ist hier ein ausführliches Review zu dem Thema (Temperatur und Tageslänge, nicht Dünger), auch mit einigen Details und Besonderheiten bonsairelevanter Baumarten.

Way and Montgomery, 2015
Photoperiod constraints on tree phenology, performance and migration in a warming world
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/ful ... /pce.12431
Sebastian O hat geschrieben: hätte ich mir die ganze Recherche sparen können
Ich finde diese Art von Recherche nie verlorene Zeit! Nur nicht am falschen Fleck sparen ;)
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Sebastian O
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von Sebastian O »

Nein, keine verlorene Zeit. Hat mich ja auch niemand dazu gezwungen ;) Danke für den Link!
LG
Sebastian
Markus_56
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von Markus_56 »

Hallo Georg,

vergiss einfach den anorganischen Dünger, da diese Dünger eh nur einen Auszug der von Pflanzen benötigten Bausteine liefern. Einen guten Biodünger aufgepackt, entsprechend dem, was Du mit Deiner Düngung erreichen möchtest und gut ist. Die Natur regelt (sofern Natur im Bonsaitopf vorhanden ist) den Rest. Vor dem Einwintern werden die Düngerreste von der Erdoberfläche entfernt, da diese im Winterquartier gerne schimmeln. Da die Herbstdüngung die Grundlage des Wachstums für das nächste Jahr legt (im Herbst bilden Bäume die Saftbahnen welche im nächsten Jahr den überwiegenden Anteil der Versorgung übernehmen) und bedeutend mehr "Holz" gebildet wird als im ersten Teil der Wachstumsperiode, ist die Herbstdüngung wichtiger als die Düngung in der Austriebsphase (was gerne vernachlässigt wird). In einem guten Jahr und bei Pflanzen, welche in der Entwicklungsphase sind lege ich im Herbst 2x Dünger auf. Und das mit dem stickstoffarmen Dünger im Herbst ist ein Mythos, in der Natur entfernt nichts und niemand den Stickstoff zu irgendeiner Jahreszeit. Erwähnen möchte ich noch, dass Bonsaierde mit Anteilen an nährstoffspeichernden Komponenten (in japan wird dafür Akadama eingesetzt, bei unseren europäischen Erdmischungen wohl ein entsprechender Ersatzstoff) den Düngeprozess so gestalten, dass die Pflanze je nach Bedarf Zugriff auf die benötigten Bausteine hat. Dies wirkt sich gerade in der Winterzeit aus, da auch bei extremen Temperaturen der Stoffwechsel der Pflanze nicht komplett zum erlegen kommt und die Aufnahme von Nährstoffen die Frostbeständigkeit steigert.

Gruß
Markus
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von Hippo »

Salü Markus,

Also ich habe sehr gute Erfahrungen mit anorganischem Dünger wie z.B. Wuxal, Tardit oder Osmocote gemacht und eher schlechte mit den Hasen- und Kamelkötteln in den jap. Verpackungen.
Für überdurchschnittliches Wachstum im Frühling und Sommer habe ich bei gewissen Bäumen sogar einen superschnell wirkenden Rasendünger verwendet.
Bis auf Azaleen und Mädchenkiefern standen bei mir alle Bäume in teilorganischen Böden und da war genügend "Biologie" vorhanden zumal ich ab und zu auch organischen Flüssigdünger verwendete und auch sonst mit allem Möglichen Versuche anstellte.
Ja damals war die mitteleuropäische Bonsaigemeinde noch in der Selbstfindungsphase und im Gegensatz zu Heute machten wir noch keine Religion aus unseren vermeintlichen Erkenntnissen.

Eine Herbstdüngung mit Patentkali habe ich hauptsächlich bei den draussen überwinternden Bonsai gemacht und hatte dabei sowohl ein gutes Gefühl als auch guten Erfolg. Ich hatte leider nur für etwa 1/3 der Bäume Platz im Glashaus (7 m2) also musste der grösste Teil der Sammlung dort überwintern wo sie auch während dem restlichen Jahr stand.

Aber rückblickend habe ich den starken Eindruck, dass wir früher nicht so viel Lärm um Nichts machten wie Heute.

Gruss George
Zuletzt geändert von Hippo am 12.09.2020, 16:25, insgesamt 1-mal geändert.
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bonsai_anfänger
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von bonsai_anfänger »

ok die Beiträge sind jetzt doch sehr mit Informationen geladen. :D das hilft schon weiter vielen Dank. :)
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Beste Grüße
Georg *daumen_new*
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Re: Dünger ist nicht gleich Dünger

Beitrag von bonsai_anfänger »

Bäume zeigen eine artabhängige phänologische Reaktion auf die Tageslänge bzw. deren Änderung. Unter normalen Umständen hängt die Tageslänge direkt mit der Jahreszeit zusammen.

Die zusätzliche Kopplung dieser Reaktion an Lufttemperatur, Wurzeltemperatur, Wasser- und Nährstoffverfügbarkeit, Lichtintensität, vergangene Temperatursummen und andere Faktoren ist ein komplexes und sehr spannendes Thema.

Wenn nun jemand durch Zyklen von Kunstlicht der Pflanze was vorgaukelt, nutzt er eigentlich genau diesen Umstand, nämlich mit einer bestimmten Tageslänge eine bestimmte Wachstumsphase zu fördern. Das ist kein Widerspruch.
mal ganz provokant gefragt: Könnte man so auch einen Baum dazu bringen, sein Laub ganzjährig nicht abzuwerfen? Wäre aber kontraproduktiv, oder? Dann hätte man ja durchgehend nur ne Wachstumsperiode für den Baum geschaffen oder?
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Georg *daumen_new*
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