Naturalismus und Abstraktion in der fernöstlichen Kunst

Antworten
gunter

Naturalismus und Abstraktion in der fernöstlichen Kunst

Beitrag von gunter »

von Gunter Lind

Die Beziehung des Menschen zur Natur ist eines der Hauptthemen der fernöstlichen Kunst. Das folgende Zitat von Basho handelt von dieser Beziehung des Künstlers zu seinem Gegenstand. Matsuo Basho (1644-94) war einer der berühmtesten Dichter Japans, einer der "sechs Weisen des Haiku". Er stand dem Zen nahe. Das Zitat handelt vom Dichten, meint aber jede Art künstlerischer Gestaltung, und läßt sich auch auf Bonsai übertragen. Und es gibt Anlaß, über Naturalismus nachzudenken.

Was eine Kiefer ist, lerne von der Kiefer. Was Bambus ist, lerne vom Bambus. Wenn du so tust, mußt du dein subjektives Vorurteil zurücklassen. Sonst drängst du dich dem Objekt auf und lernst davon nichts. Dein Gedicht wird aus eigenem Antrieb entspringen, wenn du und das Objekt eins werden, wenn du ins Objekt tief genug eintauchst und etwas wie einen versteckten Schimmer siehst. Wie gut dein Gedicht formuliert sein mag, wenn dein Gefühl nicht natürlich ist, wenn das Objekt und du getrennt sind, dann ist dein Gedicht nicht echt, sondern eine subjektive Fälschung.

basho_buson.jpg
basho_buson.jpg (44.78 KiB) 769 mal betrachtet
Matsuo Basho, Porträt von Yosa Buson (1715-1784). Buson war einer der Hauptvertreter der Literatenmalerei (Bunjinga) in Japan. Er hat sich auch mit Dichtkunst befaßt und Basho sehr bewundert. Er hat ihn als alten Mann dargestellt, obwohl Basho nicht alt geworden ist, wohl um anzudeuten, dass er ein weiser, Ehrfurcht gebietender Mann war. Basho hat ein unstetes Wanderleben geführt, daher Wanderstock und -kleidung.

Die Einstellung, die Basho hier beschreibt, hat in der chinesischen Kunst eine lange Tradition. Bereits in einer Schrift aus dem 6. Jh. (von Xie He) wird als erstes Prinzip guter Malerei genannt die Belebung (des Bildes) durch Übereinstimmung mit dem Geist/Wesen (des Gegenstandes). He formuliert insgesamt sechs Prinzipien, die auch heute noch häufig zitiert werden und sozusagen das Fundament eines großen Teils fernöstlicher Malerei bilden. An zweiter Stelle nennt er den Gebrauch des Pinsels, dessen Strichführung dem Wesen des Gegenstandes entsprechen soll. Erst danach steht die Genauigkeit der Darstellung hinsichtlich der Formen und Farben. Die Erfassung des Wesens des Gegenstandes hat also Priorität vor der Erfassung der optischen Erscheinung.

In diesem Sinn wettert Su Shi (1036-1101), der Begründer der Literatenschule in der Landschaftsmalerei, gegen bloße Naturtreue. Sie sei kein künstlerisches Kriterium. Wichtig sei hingegen die Übereinstimmung mit dem Geist oder Wesen des Gegenstandes. Ungenauigkeiten bei der Gestalt fallen jedem auf, doch der Fehler beim inneren Wesen der Dinge sind sich oft selbst Fachleute auf dem Gebiet der Kunst nicht bewußt.... Wenn man jedoch hinsichtlich der Gestalt einen Fehler macht, beschränkt sich dieser auf den einen besonderen Gegenstand; aber wenn das innere Wesen der Dinge falsch dargestellt ist, ist alles verdorben.... Auf Yü-ḱos Gemälden von Bambus, Felsen und verdorrten Bäumen ist wirklich das innere Wesen erfaßt. Er begreift, wie diese Dinge leben und vergehen, wie sie sich krümmen und verflechten, eingeengt und behindert sind, und wie sie sich in Freiheit entfalten und gedeihen.

Natürlich wurzelt diese Tradition im daoistischen Streben nach Einheit mit der Natur und ihrer Ordnung. Wir sind nicht nur Beobachter der Natur, wir sind ein Teil von ihr. Für Basho erlaubt diese Versenkung in die Natur zweierlei:
- Sie erlaubt, das Wesen des Naturgegenstandes zu erkennen, wie einen versteckten Schimmer und so der Natur gerecht zu werden und von ihr zu lernen. Für den Maler bedeutet dies: Ähnlichkeit kann nur von Innen kommen. Was dem Wesen des Gegenstandes entspricht, ist der Natur ähnlicher.
- Zugleich aber sorgt sie dafür, daß das Kunstwerk aus eigenem Antrieb entspringt, daß es die Persönlichkeit des Künstlers zeigt. Eine bloß naturgetreue Abbildung kann das nicht. Bei ihr sind Objekt und Künstler getrennt. Sie ist daher für Basho nur subjektiv, also unnatürlich.

In der europäischen Kunst ist Naturalismus seit der Aufklärung oft illusionistisch. Die Natur ist nicht mehr die Schöpfung Gottes, die durch den Sündenfall ihre Vollkommenheit eingebüßt hat, die es in der Kunst wieder herzustellen gilt. Die Kunst zeigt vielmehr, was das Auge sieht, oder besser: zu sehen glaubt. Von daher gibt es einen Gegensatz zwischen Naturalismus und Abstraktion. Ein solcher existiert in der fernöstlichen Kunst nicht. Wenn es darum geht, das Wesen des Gegenstandes zu erfassen, muß man ihn nicht photographisch genau zeigen, sondern weitgehende Abstraktionen sind möglich, ohne dass dies als Entfernung von der Natur empfunden wird.

Zwei Beispiele aus der Landschaftsmalerei mögen dies verdeutlichen. Beide stammen von Sesshu Toyo (1420-1506), einem hochrangigen Zen-Priester, der in der Tradition der Literatenmalerei ausgebildet wurde, diese jedoch in sehr selbständiger Form weiterführte.

sesshu_ama.jpg
sesshu_ama.jpg (77.85 KiB) 769 mal betrachtet
Das erste Bild zeigt die "Himmelsbrücke" (Ama-no-Hashidate), eine kiefernbestandene Sandbank in einem Fjord mit kleinen Inseln vor einer Kulisse aus abgerundeten Hügeln. Sie gehört zu den meistbewunderten, schönen Landschaften Japans. Sesshu gibt eine relativ naturgetreue Darstellung mit einigen Idealisierungen, die den Landschaftscharakter deutlicher herausbringen sollen. Die entfernten Hügel werden überhöht, der sehr dichte Kiefernwald auf der Landzunge wird soweit "ausgedünnt", dass seine Struktur sichtbar bleibt. Die Staffelung des Bildes in getrennte, hintereinanderliegende Ebenen ist traditionell, wirkt hier jedoch durch die trennenden Wasserflächen naturalistisch. Dunst in der Ferne erhöht die weiche Tönung einer sommerlichen Atmosphäre. Das Bild ist in den letzten Lebensjahren Sesshus entstanden. Es ist eine Skizze, die ausgeführte Version ist verloren.

Das zweite Bild zeigt Sesshus berühmte Haboku-Landschaft, genannt nach einer Technik der Pinselführung mit Lavierungen ohne Konturlinien, sicher eine der am häufigsten abgebildeten Tuschelandschaften Japans. Das Bild ist stark abstrahiert, die Landschaft wird auf wenige Pinselstriche reduziert, ein mit kräftigen Strichen skizzierter Vordergrund, ein Hintergrund mit im Dunst fast verschwimmenden Bergen. Die angedeuteten Häuser geben dem Betrachter einen Maßstab in der abstrakten Komposition. Das Bild ist sehr expressiv, ja dramatisch, ein Eindruck, der durch die sparsame, Details vermeidende Maltechnik noch verstärkt wird.

sesshu_haboku.jpg
sesshu_haboku.jpg (62.47 KiB) 769 mal betrachtet
Beide Bilder sind Stimmungsmalerei. Maltechnik, beziehungsweise Abstraktion werden eingesetzt, um den Charakter der Landschaft beziehungsweise die Stimmung des Künstlers auszudrücken, einmal eine idyllisch schöne Landschaft, in der der Betrachter spazierengehen kann, wobei seine Stimmung durch jedes liebliche Detail gesteigert werden mag und einmal eine gewaltige, wilde Szenerie, die anregen mag, über die Winzigkeit des Menschen nachzudenken und über die Schönheit der gewaltigen Natur, eine Landschaft, in der Details nur vom Grundgedanken ablenken würden. Man kann nicht sagen, dass eines der beiden Bilder Sesshus "Stil" mehr entspräche. Man könnte aber leicht noch weitere für ihn charakteristische "Stile" anfügen. Ein solcher Stilpluralismus ist in der fernöstlichen Malerei nicht selten (für ein weiteres Beispiel siehe Tani Buncho).

Als nächstes möchte ich die Spannung von Naturtreue und Abstraktion an dem beliebten Farbholzschnittthema der Schauspielerdarstellungen verdeutlichen. Es geht um die Titelfigur eines bekannten Kabuki-Stückes, des Shibaraku, um eine Art japanischen Supermann. Immer wenn er wieder mal im letzten Moment eine Schandtat verhindert, sagt er "Shibaraku", d.h. "Wartet noch einen Augenblick". Das Photo zeigt das Kostüm mit den zugehörigen Attributen: das "Wappen" der Schauspielerfamilie mit den konzentrischen Quadraten auf dem Umhang und der charakteristische Kopfputz der Figur. Der Farbholzschnitt von Katsukawa Shunsho (1726-1792) zeigt die gängigen Abstraktionselemente, insbesondere den Verzicht auf Räumlichkeit zugunsten dekorativer Flächenwirkung. Es gibt keine illusionistischen Effekte, keine Schatten, keine Abschattierung der Farben. Die Figur strahlt fast noch die Statik des No-Spiels aus. Trotzdem ist die Dramatik der Situation zu spüren, die geduckte Stellung, der lauernde Blick. Man erwartet, dass sie sich im nächsten Moment auf den Gegner stürzt. Die Zeichnung von Utagawa Kunisada (1786-1864) ist ein fast abstraktes Bild. Nur durch ihre Attribute wird überhaupt erkennbar, dass es sich hier um eine Person handelt. Es ist der Versuch, mit schnellem Pinselstrich die Bewegung der im wilden Kampf umherwirbelnden Figur einzufangen. Auch Kunisada war ein Meister des Farbholzschnitts und dort hält er sich an die Konvention und den Geschmack des Bürgertums, ganz wie Shunsho. Aber in der Zeichnung zum eigenen Vergnügen kann er etwas Neues ausprobieren, die Darstellung von Bewegung, die das Kennzeichen dieser Figur ist. Und dafür greift er zur Abstraktion. Soweit dieser Exkurs auf die Darstellung des Menschen.

139-a.gif
139-a.gif (44.42 KiB) 769 mal betrachtet
shigenobu_danjuro_143.jpg
shigenobu_danjuro_143.jpg (57.49 KiB) 769 mal betrachtet
Katsukawa Shunsho: Der Schauspieler Ichikawa Danjuro IV in einer Shibaraku-Rolle, Farbholzschnitt

kunisada_haiga_125.jpg
kunisada_haiga_125.jpg (67.68 KiB) 769 mal betrachtet
Utagawa Kunisada: Der Schauspieler Ichikawa Danjuro VII in einer Shibaraku-Rolle, Haiga


Und was bedeutet das alles für Bonsai? Vielleicht trifft Deborah Koreshoff in ihrem Bonsaibuch die Sache, wenn sie schreibt: Für die Chinesen ist ein guter Baum einer, der eine Geschichte erzählt. Er hat einen eigenen Charakter, erzählt uns die Geschichte seines Lebens und versinnbildlicht damit menschliche Gedanken und Gefühle. Und sie fügt hinzu, für manche Japaner sei dies nicht "naturalistisch". Letzteres gilt aber nur für das moderne Japan, das stark von der europäischen Kunst beeinflußt wurde und in dem insbesondere deren Naturalismus auf großen Widerhall stieß.

Der Baum erzählt dem Betrachter seine Geschichte, sprich: der Betrachter projeziert seine Gedanken und Gefühle auf den Baum und gibt ihm so einen eigenen Charakter, ein eigenes Wesen. Für den Taoisten ist das ein wechselseitiger Vorgang: der Betrachter interpretiert den Baum und der Baum beeinflußt die Gedanken und Gefühle des Betrachters. Für Basho muß beides zusammenkommen, wenn eine Gestaltung wirklich "natürlich" sein soll.

Zum Schluß noch zwei Bilder von Bäumen, die zeigen sollen, dass auch dort Abstraktion und Naturalismus zur japanischen Kunst gehören. Beides sind Werke der dekorativen Kunst, ein Fächer und ein Wandschirm, so dass man wohl Vergleiche zu Bonsai ziehen darf.

korin__kiefer.jpg
korin__kiefer.jpg (52.74 KiB) 769 mal betrachtet
Der Fächer von Ogata Korin (1658-1716) mit einer Kiefer und einer Aprikose im Hintergrund ist durch ornamentale Stilisierung gekennzeichnet. Es ist bekannt, daß Korin mit Naturstudien arbeitete. Vorbild war hier jedoch nicht die Kiefer im Gebirge, sondern der geschnittene, in Form gezogene Baum der damaligen Gärten, ein prächtiger, kräftig gewachsener Baum mit ornamental gewundenem Stamm. Er könnte auch einen Bonsai darstellen. Korin stilisiert ihn zum Prototypen einer Kiefer, ja zum Archetypen eines Baumes. Es ist ein stolzer, seiner Schönheit bewußter Baum, seine bevorzugte Stellung nicht unkapriziös genießend. Trotz der Stilisierung ist es ein Baum mit Charakter.

okyo.jpg
okyo.jpg (57.73 KiB) 769 mal betrachtet
Die Kiefern von Maruyama Okyo (1733-1795) sind demgegenüber fast naturalistisch gemalt. Okyo war ein Bewunderer der europäischen Malerei und hat eigens eine Reise nach Nagasaki unternommen, wo man in der holländischen Kolonie etwas davon kennenlernen konnte. Er hat auch illusionistische Elemente in seinen eigenen Malstil aufgenommen. Aber trotzdem ist hier kein naturalistisches Gemälde im westlichen Sinn entstanden. Das verhindert schon der Goldgrund. Auch Okyo hat intensive Naturstudien unternommen und seine Werke sind das Ergebnis sorgfältiger Beobachtung. Man fühlt das Gewicht des Schnees auf den Stämmen. Er drückt die Bäume zu Boden, aber er bezwingt sie nicht, sondern stimuliert im Gegenteil ihren Behauptungswillen. So entsteht auch hier ein Bild der Kraft und der Schönheit. Sehr schön eingefangen ist die Stimmung der glänzenden Luft an dem sonnigen Wintermorgen. Dazu trägt der Goldgrund bei, der für einen Stellschirm (Maße: 153cm mal 358cm) der Tradition entsprach. Okyos Realismus wurde damals als sensationell empfunden. Die Literatenmalerei der Bunjin war auch eine Gegenbewegung zu diesem Realismus.

________________________________________________________________________________

Bildquellen

1.www.haigaonline.com/buson_basho.JPG
2.http://www.bonsai-fachforum.de/viewforum?f=43 ... bridge.jpg
3. Peter C. Swann: Japan von der Jomon- zur Tokugawa-Zeit (Kunst der Welt 15) übes. von i. Schaarschmidt-Richter, Baden-Baden (Holle) 1965
4.www.iz2.or.jp/english/fukusyoku/kosode/27.htm
5.www.galleryeast.com.au/japanese/actors_ ... anjuro.jpg
6. John R. Hillier: Japanische Zeichnungen vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, Hamburg (Hoffmann und Campe) 1966
7.www.tokyo-reimei.or.jp unter Mokichi Okada
8.http://www.bonsai-fachforum.de/viewforum?f=43
Antworten