Über Regeln - Der Geist der Regeln ist gut, aber der Nachahmung fehlt das Leben

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gunter

Über Regeln - Der Geist der Regeln ist gut, aber der Nachahmung fehlt das Leben

Beitrag von gunter »

von Jiro Harada

Quelle: Jiro Harada: A Glimpse of Japanese Ideals, Tokyo (Kokusai Bunka Shinkokai) 1937. Aus Kap.VII, Japanese Gardens. Übersetzung von Gunter Lind.

Zum Schluß möchte ich Sie noch um Aufmerksamkeit für eine Warnung bitten, die wir alle stets sorgsam beachten sollten. Lassen Sie mich dazu ein Ereignis aus dem Leben eines großen Malers erzählen, Tani Buncho.

An einem Nachmittag im zeitigen Frühjahr, vor etwas mehr als hundert Jahren, suchte Tani Buncho den Shirakawa Rakuwo in seinem Palais in Tokyo auf, das damals noch Edo hieß. Es sei erwähnt, dass Herr Rakuwo für die Gestaltung vieler berühmter Gärten verantwortlich war und dass er einen der ersten öffentlichen Parks im feudalen Japan schuf, den Nankoyen-Park in Shirakawa , nicht weit von Tokyo, der bis heute die Menschen erfreut. Herr Rakuwo teilte Buncho mit, dass er bald die lang ersehnte Ernennung zum Edokoro, zum Hofmaler des Shogun erhalten werde. Selbstverständlich war der Shogun schon mit Bunchos Werk vertraut, aber die Form erforderte, dass Buncho eine kurze Beschreibung seines künstlerischen Werdegangs und der von ihm beherrschten Stile einreichte und er wurde gebeten, dies niederzuschreiben. Man ließ ihn allein im Zimmer mit Papier und Schreibzeug. Während er dort saß, hörte er das klare, kräftige Klicken einer Gartenschere von draußen. Mit schnellem Pinsel schrieb er die Namen der verschiedenen Schulen aufs Papier, deren Stile er beherrschte- beginnend mit der Kano-Schule mit ihrem starken chinesischen Einfluß, dann die südliche Schule der Literatenmalerei, danach die Tosa-Schule mit ihrem alten, traditionsgebundenen Stil und schließlich die dekorative Schule von Korin. Er war ein großer Meister und hatte seit seiner Kindheit eifrig gearbeitet, einen Meister nach dem andern aufgesucht, sich die verschiedenen Techniken angeeignet und sich in die Ideale der verschiedenen Schulen vertieft. Er las die Skizze noch zweimal durch und war eigentlich fertig, sie Herrn Rakuwo zur Zustimmung zu unterbreiten. Sein Herz frohlockte in der Erwartung, die Ernennung für jenes staatliche Amt zu erhalten, das er so lange angestrebt hatte.


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Tani Buncho: Ein Fischer. Tuschzeichnung im Stil der Zen-Malerei


Er ging ein wenig hinaus in den Garten und sah dem alten Gärtner beim Beschneiden und Ausputzen der Bäume zu. Schließlich trat er zu ihm und erklärte ihm, wie gut er seine Arbeit mache, und dass es ein Vergnügen sein, ihm zuzuschauen.

Dann sagte er: "Obwohl Sie so leicht und mühelos arbeiten, richten Sie sich doch zweifellos nach den Regeln und Prinzipien des speziellen Stils, den Sie sich zu eigen gemacht haben".

"Nein", antwortete der alte Gärtner bescheiden, der den berühmten Maler erkannt hatte, "meine Arbeit unterscheidet sich von der Kunst, die Sie beherrschen; sie ist ganz anders. Das einzige Prinzip, das uns leitet, ist das von Eltern, die ihre Kinder gesund und schön aufziehen; das ist alles."

"Das muß das richtige Prinzip sein", bemerkte Buncho, "man braucht das Herz einer Mutter, um diese Bäume richtig zu pflegen und nach dem Wohlergehen des Gartens zu schauen. Aber ich vermute, dass es eine bestimmte Menge von Regeln oder Richtschnuren gewisser Schulen geben muß, denen zu folgen Sie sich bemühen."


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Tani Buncho: Pfauen und Pfingstrosen. Dekorative Malerei im Stil der Rimpa-Schule, der Schule Ogata Korins


"Sicher gibt es Schulen und jede Menge von Regeln, die große Meister aufgestellt haben," kam sofort die Antwort; "ja, gewisse Zweige des Baumes sollten sich vor den Wasserfall lehnen, um einen Teil davon vor den Blicken zu verstecken; auch sollte der erleuchtete Teil der Steinlaterne teilweise von einem Zweig verdeckt sein; der Baum über der Uferbefestigung sollte sich nach außen lehnen, so dass nur drei Zehntel zur Landseite und sieben Zehntel zur Wasserseite zeigen; der Baum am Fuß der Brücke sollte überhängen, so dass sein Spiegelbild im Wasser reflektiert wird; und hundert andere Dinge dieser Art. Das ist sicher alles richtig und es ist gut sich nach dem Geist dieser Regeln zu richten, aber nur das Schema zu kopieren ist eine verachtenswerte Handlungsweise. Solche Regeln sind wertvoll für den Meister, der sie nach Jahren des Studiums und der Erfahrung formulierte, aber für den, der sie nur kopiert, sind sie wertlos. Andere zu kopieren ist nicht mehr als Nachahmung und Nachahmung tötet die Lebendigkeit."

"Ich hatte einmal das Glück, die großen Gärten in Kyoto zu besuchen zu können und mit eigenen Augen die Arbeit der großen Meister zu sehen", fuhr der Gärtner fort, "danach war ich völlig überzeugt, dass nur die schöpferischen Entwürfe jedes Einzelnen zählen und nicht die Nachahmung einer eingeführten Form."


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Tani Buncho: Landschaft. Die realistisch gemalte Landschaft erinnert an die Landschaften in den zeitgenössischen Farbholzschnitten.


Die Worte dieses betagten Gärtners waren wohl einer reiflichen Überlegung wert. Nachdenklich und schon entschlossen ging Buncho ins Zimmer zurück und setzte sich an den Tisch, auf dem sein Manuskript lag. "Von den alten Meistern lernen, aber sie nicht nachmachen." "Das Wesen der Dinge erfassen und nicht ihre äußere Form nachbilden." Natürlich waren diese Gedanken ihm in keiner Weise neu, ganz im Gegenteil, das hatte er tausenden seiner Schüler gelehrt. Aber sie hatten für ihn heute eine neue Bedeutung gewonnen; sie vermittelten eine neue Botschaft. "Mit den Stilen der Begründer der verschiedenen Schulen vertraut zu sein, ja sogar sie alle zu meistern, bedeutet für die Malerei nicht viel", sprach er zu sich. Natürlich war ihm das ein vertrauter Gedanke, aber etwas war geschehen, das ihn zu neuem Nachdenken brachte.

Als Herr Rakuwo wieder eintrat und die Skizze gebilligt hatte, bat Buncho ihn, seine Bewerbung für das Amt überdenken zu dürfen. Er gab zu verstehen, dass er sich der Stellung nicht würdig erachte, zog den Antrag zurück und verließ den völlig verblüfften Herrn Rakuwo.


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Tani Buncho: Blumen und Vogel. Kopie eines Gemäldes des holländischen Barockmalers Willem Frederik van Royen.


Die Worte eines alten Gärtners hatten den Lebensweg eines großen Malers verändert. Sie enthalten eine Wahrheit, die wohl das Leben eines jeden von uns verändern könnte. Die japanische Gartenkultur scheint so streng an Regeln und Traditionen gebunden zu sein, dass wir alle diese Warnung beachten sollten: Bloßer Nachahmung fehlt das Leben; es ist der Geist der Regeln und Traditionen, dem man folgen sollte; es ist das Wesen der Natur und nicht die äußere Form. Das sollten wir besonders bei der Anlage unserer Landschaftsgärten berücksichtigen. Die Anekdote erinnert uns daran, dass wir unsere Gärten mit dem Herzen einer Mutter pflegen sollten und dass wir aufpassen sollten, ihren Charme nicht zu zerstören oder sie in leblose Gebilde zu verwandeln, aus reiner Verehrung von Regeln, durch unsere Bemühungen bloß einem Stil zu genügen oder auf die äußere Erscheinung zu achten.

Das Geheimnis, das der betagte Gärtner von der Natur gelernt hatte, kann man auf alle Gebiete der Kunst übertragen, besonders natürlich auf die Gartenkunst. Das höchste Ziel ist hier, ich sage es nochmals, den Garten zu einem Ort zu machen, an dem die Natur gut wohnen kann, damit der Mensch eine innere Gemeinschaft mit dem Unendlichen habe.


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In Tani Bunchos (1763-1840) Werk kommt die Stilvielfalt, die für viele ostasiatische Künstler typisch ist, besonders klar zum Ausdruck. Sein Spektrum reicht von der Zen-Malerei bis zum Farbholzschnitt. Die Abbildungen in diesem Beitrag zeigen einige seiner Werke.

Bildquellen:

1.www.harapan.co.jp/poster/eg/japan_brush.htm
2.www.metmuseum.org/store/images/Z.pr.B0649.L.jpg
3.www.eifachfilm.ch/projekte/historischeb ... Buncho.jpg
4.www.visasia.com.au , Darin: John Clark: The japanese discovery of western style painting.
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