Ruisdael, Jakob van (1628/29-1682) - Naturalismus und Physikotheologie

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gunter

Ruisdael, Jakob van (1628/29-1682) - Naturalismus und Physikotheologie

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von Gunter Lind

Jacob Isaackszoon van Ruisdael stammte aus einer Haarlemer Malerfamilie und Haarlem war damals ein Zentrum der Landschaftsmalerei. Seine Umgebung galt als landschaftlich schön und der junge Jacob wird sicher Ausflüge in diese Umgebung unternommen haben, wie es die Haarlemer Bürger gern taten. Über sein Leben ist wenig bekannt. Er ging später nach Amsterdam wo der Markt für Landschaftsgemälde größer war. Er hat vermutlich ein Medizinstudium absolviert, den Arztberuf aber höchstens kurzzeitig ausgeübt. Beruflich war er recht erfolgreich und angesehen.

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Drei Eichen am Wasser, 1649

Schon die Zeitgenossen rühmten an seinen Werken die Präzision der Naturwiedergabe, besonders der Vegetation. Seine Bäume sind naturalistisch gemalt und auch seine Wolken zeugen von intensiver Naturbeobachtung. Vielleicht hat die naturwissenschaftliche Ausbildung, die er im Medizinstudium erhalten hatte (Heilkräuter) die Präzision seiner Naturbeobachtung beeinflusst. Jedenfalls zeigt er die Baumarten in ihrer charakteristischen Gestalt, am passenden Standort und berücksichtigt die Phänomenunterschiede von einzeln und eng beieinander stehenden Exemplaren.

Kunstwerke entstanden damals jedoch nicht vor der Natur, sondern wurden im Atelier gemalt. In der Natur wurde höchstens skizziert. Ruisdael scheint die Naturvorbilder recht frei abgewandelt zu haben. Vom Kunstwerk wurde damals nicht die Wiedergabe einer bestimmten Naturszenerie erwartet, sondern nur der Anschein von Natürlichkeit. Oft wird nicht wirkliche, sondern mögliche Natur dargestellt. Ästhetische und inhaltlich-allegorische Kriterien waren der reinen Naturwiedergabe übergeordnet. Im Barock ist ein Gemälde immer zugleich eine Darstellung eines anscheinend natürlichen Motivs und eine religiös-moralische Belehrung. Oft sehen wir letztere dem Bild gar nicht an, weil wir die symbolischen Bedeutungen der Dinge nicht mehr kennen. Oft sind diese Bedeutungen auch nicht eindeutig, aber darauf kommt es auch nicht so an, solange überhaupt eine Belehrung stattfindet.

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Die alte Buche, etwa 1652

Für Ruisdael scheint die Physikotheologie eine Rolle gespielt zu haben, die damals in den Niederlanden sehr verbreitet war. Ihr geht es darum, die Betrachtung der Natur zu einem Mittel zur Erkenntnis und Verherrlichung Gottes zu machen. Das Buch der Natur sollte neben die heilige Schrift treten und beide sollten gleichermaßen geeignet sein, den Menschen zu Gott zu führen. Der Physikotheologe bewunderte überall die Schönheit und Zweckmäßigkeit von Gottes Werken (die hässlichen fielen ihm seltsamerweise nicht auf) und schloss aus den Werken auf den göttlichen Werkmeister. Für den Maler bedeutete die physikotheologische Orientierung zweierlei:
- Er mußte sich bemühen, die Erscheinungen möglichst genau wiederzugeben, schließlich waren sie Gottes Schöpfung und Mittel zu seiner Erkenntnis.
- Er mußte versuchen, die göttliche Vollkommenheit in den Dingen hervortreten zu lassen. Sie sollten schön, lebendig, beseelt erscheinen, damit der religiös-moralische Zweck beim Betrachter erreicht werde.

Angesichts einer solch vollkommenen Natur ist die angemessene Haltung des Betrachters die andächtige Stille. Im erbaulichen Erleben der Naturschönheit bricht das Gotteslob aus ihm hervor. Die kleinen Sataffagefiguren in Ruisdaels Werken wandern in Stille und Einsamkeit. Fast scheinen sie in der Landschaft aufzugehen. Auf Ruisdaels Gemälden gibt es nicht das bürgerliche Naturvergnügen, das manche seiner Malerkollegen gern darstellten, die Kutsch- und Bootsfahrten, das Schlittschuhlaufen, der Besuch von Landgasthäusern. Die Vergnügungen einer Landpartie passen nicht in den physikotheologischen Rahmen.

Bäume spielen bei vielen niederländischen Malern des 17. Jhs. eine große Rolle, aber nirgendwo wirken sie so natürlich, organisch und zugleich individuell wie bei Ruisdael. Auch wenn er Wälder malt, hat er die Tendenz, einzelne Bäume im Bild hervorzuheben und in ihrem individuellen Charakter zu zeigen. In manchen seiner Bilder sind Bäume oder Baumgruppen zentrale Bildfiguren. Oft sind es Baumriesen mit in die Erde gekrallten Wurzeln, starken Stämmen und überfangenden Kronen. Die Stämme zeigen interessante Biegungen, die jedoch nie übertrieben maniriert wirken. Auch gleichmäßige Schwünge der Stämme werden vermieden. Alles zielt auf Variabilität und Abwechslung. Das gilt auch für die Gliederung des Astwerkes. Kleinere und stärkere Äste mit unterschiedlicher Belaubung wechseln einander ab. Nichts ist schematisch. Jeder Baum ist individuell durchgebildet.

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Weg mit Wanderern, 1648 (?)

Die beherrschenden Monumente sind oft Eichen. Ihre starken Stämme, die knorrigen Äste und der lockere Kronenaufbau zeigen jene ästhetischen Werte, auf die es Ruisdael offenbar ankam: ein gewaltiges, wahrhaft großes Werk Gottes, und zugleich angenehm anzuschauen, mit interessanten, "barocken" Schwüngen und Linien. Die toten Äste, die Eichen oft besonders auf der dem Meer zugewandten Wetterseite zeigen, benutzte er gern als Blickfang oder zur Gliederung der Fläche. Bei dem Baum an dem "Weg mit Wanderern" wird die relativ geschlossene Fläche des Laubes mit einem Totholzmuster überzogen und so gegliedert.

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Sumpfige Waldlandschaft, um 1660

Wie bereits erwähnt, kann man viele Werke Ruisdaels unter rein ästhetischen Gesichtspunkten betrachten, ohne an irgendwelche symbolischen Bedeutungen zu denken. Manchmal liegen diese allerdings auch für uns noch nahe. Die Gruppe der drei kleinen Wanderer auf der "Sumpfigen Waldlandschaft" wird genau der Gruppe der drei großen Eichen gegenübergestellt. Die Eichen werden damit zum Symbol des menschlichen Lebens und weisen auf das Schicksal des Menschen hin. Der üppigen Eichengruppe sind die zwei Birken im Vordergrund entgegengesetzt, die eine bereits tot am Boden liegend, die andere noch spärlich belaubt, am Ende ihres Lebens. Der Baum wird hier zum Symbol der Vergänglichkeit. Das ist im Barock ein immer wiederkehrendes Thema: Die Schönheit der Welt meinte immer auch die trügerische Vergänglichkeit der Schönheit. Der bibelfeste holländische Protestant mag an Hiobs Klage gedacht haben (Hiob 14, 7-10), in der der Mensch mit einem Baum verglichen wird.

Sehr schön ist das Bild aus optischen Gegensätzen komponiert: die dunklen Wolkenpartien und das Licht im Hintergrund, der kahle, hell beleuchtete Baum und die dunkle, belaubte Baumgruppe, der bewegte Himmel, der sich in der ruhigen Wasserfläche spiegelt.

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Bildquelle:

Martina Sitt, Pieter Bliesboer (Hrsg.): Jacob van Ruisdael. Die Revolution der Landschaft, Ausstellungskatalog der Hamburger Kunsthalle. Zwolle (Waanders) 2002
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