Hallo Michael,
danke, dass du wieder eine deiner Gestaltungen mit uns teilst.
Du hast dir einen schönen Baum zugelegt. Gratuliere.
Der Baum scheint etwas vernachlässigt gewesen zu sein. Das ist aber nichts aussergewöhnliches. Ist öfters der Fall, als man denkt. Und v.a. Bäume mit Potential die etwas vernachlässigt wurden sind dann manchmal echte "Schnäppchen".
Jetzt, was die Technik angeht :
Die Äste zu drahten um ihnen eine optimale Stellung zu Sonne zu verschaffen, damit direkte Sonne auch auf die im inneren Kronenbereich liegenden Äste treffen kann, war notwendig, und hast du sehr gut gemacht.
Drahten kannst du ja.
Und das Abbrechen vom Totholz oben ist dir recht gut gelungen - aus einem technischen Standpunkt meine ich, der grafische Standpunkt dieses Entfernens ist was anders (siehe unten).
Beim Jinmittel warst du wieder ein bisschen zu grosszügig - wie bei deinen anderen Gestaltungen.

Wenn du ein bisschen schwarze Farbe/Tinte beimischst, erscheint es nicht so schneeweiss, sondern weiss-grau und sieht viel natürlicher aus.
Jetzt, was die Gestaltung angeht :
Mein Bauchgefühl heute morgen (als ich deine Bilder ein erstes mal betrachtet habe) war: aus dem Material hätte man mehr rausholen können, die neue Gestaltung ist mir zu "jungfräulich", zu "entschärft", weniger interessant. Mein Auge bleibt nicht mehr da hängen wo früher visuelle Anziehungspunkte waren.
Die drei Punkte, die mir heute morgen direkt ins Auge gefallen sind, sind :

- Juniperus_Michael_1b.jpg (111.96 KiB) 1212 mal betrachtet
Danach fragte ich mich: "wieso sagt mir mein Bauchgefühl sowas?"
Natürlich kann man einfach sagen ob einem der Baum gefällt oder nicht, ohne zu suchen warum.
Hingegen, für einen Amateur der versucht die Qualität seiner Bäume zu verbessern, ist es wichtig auch den "ästhetischen Aufbau" eines Bonsai zu entschlüsseln.
Also habe ich das versucht.
Ich wollte wissen, wieso mir mein Bauchgefühl das heute morgen sagte.
- Das Gleichgewicht & die Asymetrie :
Das neue Gleichgewicht ist nicht statisch: Krone u. Wipfel befinden sich nicht vertikal über dem Nebari, sondern wurde nach rechts verlagert (gelbe Linie). Der Baum ist jetzt asymetrisch.
Persönliche Meinung:
Die Idee finde ich nicht schlecht, weil der Baum nicht auf die rechte Seite zu kippen scheint, da der starke untere Bereich links diesen Kippen-Effekt kompensiert. Allerdings hätte ich (!) das Gleichgewicht nicht so stark nach rechts verlagert. Und v.a. hätte ich den rechten Jin nicht entfernt, sondern versucht ihn in die neue Gestaltung mit zu integrieren.
Der rechte Jin hätte die Asymetrie der neuen Krone sogar unterstützt.
- Der Impuls bzw. der Energiefluss des Baumes :
Vorher war der Impuls dieses Baumes wie eine "komprimierte Feder", die bereit ist, sich zu entspannen und ihre ganze Energie loszulassen (dieser visuelle Effekt der "energieaufgeladenen Feder" erreicht man u.a. mit der geschwungenen Bewegung der Saftbahn und das Stammes, aber v.a. auch mit den Jins).
Die Jins waren visuelle Punkte, an denen das Auge des Betrachters hingen blieb.
Spitzen und Bruchstellen (wie in diesem Fall der schwungvolle Ten-Jin, und der rechte Jin) waren grafische Unterbrechungen, welche die grafische Kraft der Gestaltung erhöhten.

- Juniperus_Michael_1e.jpg (109.3 KiB) 1212 mal betrachtet
Jetzt, durch das Entfernen des Ten-Jins (und des rechten Jins), wurde dieser energische Impuls deutlich entschärft.
Der Baum erscheint jetzt etwas "langweilig"/eintönig in seiner Bewegung : der neue "Energiefluss" des Baumes geht nur noch in Himmelsrichtung nach oben rechts. Jetzt geht das Betrachterauge nur noch von unten (vom Nebari aus), die Kurve des Stammes folgend, nach oben rechts.
Das Betrachterauge bleibt nicht mehr so lange hängen.
Früher blieb das Auge vom Betrachter u.a. an den Jins u. am Ten-Jin hängen.
Und die Fliessrichtung (Energiefluss) des Baumes war dynamischer (wie eine Feder).
Jetzt ist die Fliessrichtung extrem entschärft geworden, und der Baum sieht insgesamt sehr "jüngfräulich" aus.
Selbstverständlich sind meine Kommentare relativ.
Denn insgesamt hast du schon eine gute und sehenswerte Gestaltung gemacht.
Und zweidimensional geht sowas sowieso nicht so gut wie wenn man vor dem Baum sitzt...
LG,
Thierry