Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Der richtige Ort Bonsai (Baum in Schale mit gewisser Reife) vorzustellen und zu präsentieren. Der Threadersteller möge bitte im Eröffnungsthread darauf hinweisen wenn allgemeine Kommentare unerwünscht sind. Andernfalls stellt sicher, dass ihr etwaige fachliche Kritik durch die "DREI SIEBE" gesiebt habt!
Antworten

welcher Bonsai ist das bessere Kunstwerk?

Umfrage endete am 30.01.2012, 11:50

Der erste, weil er schön ist, der andere ist hässlich
7
3%
Der erste, weil mir einfach besser gefällt
29
12%
Der erste, weil er den Erwartungen entspricht
8
3%
Der erste, weil er mir gut tut, der zweite beunruhigt mich
16
7%
Der erste, weil ich ihn gerne haben möchte und den andern nicht geschenkt haben will
4
2%
Der erste, weil er von einem berühmten europäischen Gestalter stammt
0
Keine Stimmen
Der zweite, weil er mir viel mehr sagt als der erste
23
9%
Der zweite, weil er nicht mit billiger Schönheit wirbt, weil er ehrlicher ist
17
7%
Der zweite, weil er viel mehr Charakter hat, weil er so hässlich ist
18
7%
Der zweite, weil er mich tief berührt, mich aufwühlt
29
12%
Der zweite, weil er aus einer berühmten japanischen Familie stammt
3
1%
Beide sind Kunstwerke, man kann sie nicht wirklich vergleichen
78
32%
Keiner von beiden ist ein Kunstwerk, weil mich keiner anspricht
4
2%
Keiner von beiden ist ein Kunstwerk, weil keiner wirklich schön ist
2
1%
Solche Umfragen bringen doch nichts, zeigt lieber schöne Bonsai
8
3%
 
Insgesamt abgegebene Stimmen: 246

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Heike_vG
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Heike_vG »

So provokant finde ich Deine Zeilen hier jetzt gar nicht, Dirk. Also fliegt kein Stein, jedenfalls nicht von mir.

Auch ich sehe in meinem Empfinden Parallelen zwischen Bonsai und (anderer) Kunst, denn was ich täglich um mich herum haben möchte und was ich im Museum oder auf einer Ausstellung toll finde, deckt sich bei weitem nicht immer.
Ich kann mich im Kunstmuseum wunderbar an ganz vielfältigen Objekten und Bildern freuen, staunen, wundern oder abgestoßen fühlen und das alles genießen. Zu Hause an der Wand habe ich am liebsten harmonische nördliche Landschaftsgemälde aus den 20er bis 40er Jahren. Die verbreiten für mich eine behagliche Atmosphäre im Wohnraum.
Mit den Bonsai ist es ähnlich, nicht alles was ich auf Ausstellungen und in Bildbänden spannend, erstaunlich, einzigartig und manchmal vielleicht erschreckend finde, hätte ich gerne in meinem Garten stehen.
Allerdings merke ich nach 30 Jahren Bonsai langsam, dass der Reiz von etwas verrückteren Ideen und Gestaltungen für mich größer wird, ich das Spektrum gerne mal an der einen oder anderen Ecke etwas erweitern möchte.

Liebe Grüße,

Heike
Ein halber Schritt in die richtige Richtung ist oftmals ein Reinfall...

AK Hamburg & Umland
Totoro

Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Totoro »

Hallo Lempira,

ich, ich, ich :lol:

nein ich bin völlig einer Meinung mit dir. Lieber handwerklich meisterhaften Kitsch als schlechte Kunst. *daumen_new*



Gruß

Dirk
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Bergi
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Bergi »

Ah, *huldigen* es wurde mal wieder die Eingangsfrage aufgegriffen !
MerschelMarco hat geschrieben:Beide Bäume hier sind Kunstwerke, welches das bessere ist, ist wie Eingangs erwähnt wurde relativ.
Das könnte man - gemäß der einigermaßen anerkannten Definitionen - wohl auch anders sehen:
Der erste: Sehr regelkonform, dadurch vielleicht leicht kitschig wirkend und eher zum "Kunsthandwerk" zu zählen.
Der zweite: Provokant, innovativ, zur vielfältigen Interpretation einladend, dadurch eher den Titel "Kunstwerk" beanspruchend.
"Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie." (F. Kafka)
marius
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von marius »

Der zweite: Provokant, innovativ, zur vielfältigen Interpretation einladend, dadurch eher den Titel "Kunstwerk" beanspruchend.
das kann man aber auch wesentlich anders beurteilen. nämlich mit langeweile, ideenlosigkeit, planlosigkeit sowie letztlich verunglückt völlig am thema vorbei. das einzige, was den baum wirklich aufrecht erhält, sein rettungsanker darstellt, ist die gestalterische kosequenz und dessen hochwertige umsetzung. was ihn im lauf der zeit seiner gepeinigten schwerfälligkeit so etwas wie einen edlen charakter verleiht. deshalb auch die im anderen thread mal erwähnte bezeichnung two-face.

mich erinnert der baum aber eher an das scenario bei beerdigungen. wo dem zu lebzeiten gehassten oder verachtetend verstorbenen (meist schwiegermüttern hahaha), sozusagen als letzte pflichtaufgabe, noch ein paar liebenswerte worte oder anekdoten nachgesagt werden. allerdings erwartet man solche assoziationen (ob künstlerisch oder nicht) nicht wirklich bei einem bonsai.

wer das allerdings künstlerisch betonen möchte, und solche gibts es in der kunst sicherlich, der soll den baum als solche sehen. dem kann man dann auch kaum etwas entgegensetzen, weil das ziel ja durchaus erreicht wurde. (harharhar)

aber dann soll man es als kunstwerk genau dafür nehmen. ein bonsai als solcher, auch wenn man bonsai als kunst nimmt, ist er aus meiner sicht nicht. weil das hier dargestellte nicht die intention von bonsai ist. ich kann nun mal kein picasso als rubens verkaufen und als begründung dafür anführen, daß rubens halt am vortag ein paar zu viele intus hatte. man sollte dann schon bei der jeweiligen wahrheit bleiben.

gruß marius
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Anja M.
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Anja M. »

marius hat geschrieben:
Der zweite: Provokant, innovativ, zur vielfältigen Interpretation einladend, dadurch eher den Titel "Kunstwerk" beanspruchend.
das kann man aber auch wesentlich anders beurteilen. nämlich mit langeweile, ideenlosigkeit, planlosigkeit sowie letztlich verunglückt völlig am thema vorbei. das einzige, was den baum wirklich aufrecht erhält, sein rettungsanker darstellt, ist die gestalterische kosequenz und dessen hochwertige umsetzung. was ihn im lauf der zeit seiner gepeinigten schwerfälligkeit so etwas wie einen edlen charakter verleiht. deshalb auch die im anderen thread mal erwähnte bezeichnung two-face.
Langeweile? Du mußt einen total anderen Baum sehen als ich.
Vollig am Thema vorbei? Solange ich den Gestalter nicht nach seiner Idee fragen kann (und das geht nun ja nicht mehr), wie soll ich das beurteilen, wie kann ich das behaupten?

Ein Bonsai als solcher, auch wenn man Bonsai als Kunst nimmt, ist er aus meiner Sicht nicht. Weil das hier dargestellte nicht die Intention von Bonsai ist.
Das mag deine Intention nicht sein, wenn du gestaltest, ich aber würde jedem solche Intention zugestehen, da mir die Sache sonst zu engstirnig wäre, zu einseitig, zu langweilig.
Two-face? Neudeutsch Doppelgesichtig? Seh ich eher als Vielschichtig. Eine positivere Übersetzung, die wahrscheinlich nicht deiner Intention entspricht.
2 Leute, 2 total entgegengesetzte Sichtweisen. Wie gut, das die meine mehr Platz hat für all die Möglichkeiten, die die Welt bietet.
73 Anja
marius
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von marius »

Wie gut, das die meine mehr Platz hat für all die Möglichkeiten, die die Welt bietet.
wieso? meine sicht ist doch nicht engstirnig oder sonst irgendwas. ich respektiere den gestalter genauso wie seine ansichten den baum so zu gestalten, wie er sich aktuell halt darstellt.

ich sage nur, daß das mit bonsai als solches kaum mehr was zu tun hat. eben mit dem, was bonsai ursprünglich sein sollte. ich kann mich zwar täuschen, aber ich glaube nicht, daß es diese art der gestaltung betrifft. deshalb ist es für mich auch kein bonsai.
Vollig am Thema vorbei? Solange ich den Gestalter nicht nach seiner Idee fragen kann (und das geht nun ja nicht mehr), wie soll ich das beurteilen, wie kann ich das behaupten?
da ware ja nun offenbar mehrere am werkeln!? und der erste gestalter will den baum mit dem aktuellen anlagen gnauso gewollt haben? also dafür fehlt mir der glaube. ich denke da weiterhin eher, daß ab einem gewissen zeitpunkt aus der not 'ne art tugend gemacht wurde. ersten, weil ihn wohl keine wegferfen wollte und zweitens, weil niemand was anderes eingefallen ist.
Langeweile? Du mußt einen total anderen Baum sehen als ich.
phu. ums mal etwas anders zu sagen. es gibt durchaus bäume oder halt bonsai, die mich emotional in ihrer gestaltung mehr ansprechen. der einzige ansatz hier ist der obere kaskadenast, woraus er auch seine kraft zieht. da ist der baum (die chance) aber im grunde schon wieder vorbei. so als bonsai. ;)

aber nochmal. wer ihn als reine kunstfigur des meinetwegen häßlichen ansehen will, sich an dieser baumischen ... tragödie berauschen will, mein gott, der solls tun. das ist im lauf der zeit durchaus gelungen. aber als bonsai würde ich das nicht bezeichnen wollen. und damit auch nicht als bonsai kunst. das ist für mich was anderes.

das mag dann auch in dem sinne langweilig, engstirnig oder was auch immer sein. aber 99% der natürlichen bäume sind nun mal so. wer was anderes darin sehen oder haben will, der soll das tun. das ist dann auch okay. hat dann aber aus meiner sicht nichts mehr mit bonsai zu tun. sondern man bedient sich dann nur aus gewissen bereichen (astschnitt), um was völlig anders zu machen. was ja okay sein mag. ;)

gruß marius
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Anja M.
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Anja M. »

marius hat geschrieben: Ich respektiere den Gestalter genauso wie seine Ansichten den Baum so zu gestalten, wie er sich aktuell halt darstellt.

Ich sage nur, daß das mit Bonsai als solches kaum mehr was zu tun hat. Deshalb ist es für mich auch kein Bonsai.
Was bitte schön ist denn 'Bonsai als solches'? Wer hat die Definitionshoheit, daß er diesen Baum ausschließen dürfte? Weil er ein Grundgerüst besitzt, welches nicht von Naka durchgekaut wurde oder wie oder was?
marius hat geschrieben:
Langeweile? Du mußt einen total anderen Baum sehen als ich.
Phu. Ums mal etwas anders zu sagen. Es gibt durchaus Bäume oder halt Bonsai, die mich emotional in ihrer Gestaltung mehr ansprechen. Der einzige Ansatz hier ist der obere Kaskadenast, woraus er auch seine Kraft zieht. Da ist der Baum (die Chance) aber im Grunde schon wieder vorbei. So als Bonsai.


Da haben wir es, du siehst nur die einzelnen Teile, nicht den ganzen Baum.
73 Anja
marius
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von marius »

Was bitte schön ist denn 'Bonsai als solches'? Wer hat die Definitionshoheit, daß er diesen Baum ausschließen dürfte? Weil er ein Grundgerüst besitzt, welches nicht von Naka durchgekaut wurde oder wie oder was?
gute frage. ;)

ich habe das für mich entschieden. allgemeinheitsanspruch darauf möchte um gottes willen nicht erheben. für mich ist es keiner. und wenn, dann ein schlechter. weil er all das, was er aktuell rüberbringt, ich bei einem bonsai so nicht erwarte.
Da haben wir es, du siehst nur die einzelnen Teile, nicht den ganzen Baum.
wie soll ich ihn den sonst sehen? ist nun mal so. ich sehe die einzelteile, dann das gesamte und sage entweder ja oder nein. und hier passt für mich einfach das gesamtbild nicht. und genau das wiederspricht doch der natur.

wenn ich irgendwo auf einer wiese stehe und in die landschaft schaue, dann habe ich zwar auch immer wieder disharmonien drin, aber das gesamtbild passt. das ist der ansatz.

was hat der baum als kustwerk und als bonsai für eine aussage? mit dem einen kann ich leben, das andere passt nicht. bzw. erwartet man so bei bonsai nicht.

gruß marius
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Walter Pall
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Walter Pall »

Die Fragestellung war insgesamt gemein, sie wurde auch manipulativ genannt. Sie unterstellt nämlich als selbstverständlich, dass Bonsai eine Kunstform ist. Ob Bonsai nun Kunst ist oder Kunsthandwerk ist schon eine wichtige Frage. Die Diskussion ist notwendig, meiner Meinung nach.

Erst einmal schließen sich Kunst und Handwerker nicht aus. Kunst besteht immer auch aus Handwerk. Allerdings muss ich (wohl zum Entsetzen der mitlesenden Fundamentalisten ) sagen, dass Kunst auch gute Kunst sein kann, wenn das Handwerk Mängel aufweist. Umgekehrt kann Kunst ganz schlecht sein, obwohl sie handwerklich bestens gestaltet ist. Aber es ist wohl unbestritten, dass Bonsai mindestens Handwerk ist und öfter auch Kunsthandwerk, also geadeltes Handwerk - was Besseres halt.

Bonsai zu machen ist im allgemeinen so wenig oder soviel Kunst wie Bilder zu malen. Ein Kind kann Bilder malen, ein Kind kann Bonsai machen. Aber deshalb ist es noch keine Kunst.

Öfter wird gewähnt, dass manche Bonsai als Kunst sehen wollen, weil sie dadurch erhöht werden, also über dem Handwerker stehen. Das kann wohl manchmal der Fall sein. Aber das ist nun überhaupt nicht wichtig.
Allerdings ist es wichtig, was das Ziel ist und sein darf. Im Handwerker ist das Ziel, etwas zu erstellen,was marktfähig ist. Also einen Massenmarkt oder auch einen Nischenmarkt zu bedienen. Im Handwerker gibt es meist recht strenge Regeln, wie man was macht. Handwerk bedient den Markt mit dem, was der Markt will, also sind die Erlebnisse eher uniform, gleich oder ähnlich aussehend. Abartiges verkauft sich als Handwerk ganz schlecht. Ein handwerklich guter Bonsai muss möglichst schön sein. Nach gängiger Meinung muss er auch möglichst alt wirken - also ein ganz alter schöner kleiner Baum in der Schale. In Bonsai als Handwerk gibt es gut und schlecht, was viele nach den Handwerksregeln gut unterscheiden können. Einem Handwerker kann man nicht vorwerfen, dass er etwas für Geld, für den Markt, für die breite Masse macht; das ist seine Aufgabe

Die Kunst hat die Aufgabe, beim Betrachter, beim Kunstkonsumenten irgend was zu bewegen. Wie die Kunst das macht ist ihr überlassen. Das kann mit Schönheit sein, das kann mit Hässlichkeit sein oder sonst was. Wie bereits erwähnt ist das Beeindrucken mit Schönheit in der Kunst arg verpönt. Das war nicht immer so, muss auch nicht immer so sein. Außerdem unterscheidet sich die Kunst vom Handwerk dadurch, dass der Künstler auf keinen Fall etwas einfach kopieren will. Ein Bonsai soll dann nie wie ein anderer Bonsai aussehen. Einem Künstler vor zu werfen, dass er kopiert, für die breite Masse, für Geld, für Preise arbeitet ist eine Beleidigung. Einem Künstler vor zu werfen, dass er die Kunst verändern will, dass er ein Revolutionär ist, das er keinen Respekt vor der Tradition hat, ist müßig, das ist nämlich seine Aufgabe.

In der Bonsaikunst gibt es auch gut und schlecht. Aber das Problem ist, dass das nicht so einfach zu unterscheiden ist wie beim Handwerk. Wir sehen es ja an dieser Diskussion hier.
Das ist nicht nur bei Bonsai so, sondern auch in der 'wirklichen' Kunst. Es ist dort normal, dass das breite Volk meist überhaupt nichts mit den Werken anfangen kann, die von den 'Fachleuten' als die besten Kunstwerke gesehen werden. Das war übrigens nicht immer so und muss auch nicht immer so sein.
Wer sind nun diese 'Fachleute' ? Das sind die, die im Besitzt es heiligen Grals sind. Das sind die Insider, die Galeristen, die Kritiker, die Museumsdirektoren, die Kunstgelehrten, die Kunstprofessoren, die grossen Sammler, die auch wirklich löhnen, also die , die entscheiden wo's lang geht, also das Kunstestablishment. Was das breite Volk meint ist, in der wirklichen Kunst völlig egal. Das ist kein demokratischer Prozess, sondern ein höchst einseitig elitärer. Wenn eine Million der Meinung sind, dass etwas gar keine Kunst ist oder entsetzlich schlecht und ein einziger Insider meint, dass es sehr wohl Kunst ist, dann gewinnt der Insider.

In der Bonsaikunst sind wir noch nicht so weit. Wenn wir so weit wären, dann hätte eine solche Umfrage bei der breiten Masse überhaupt keinen Sinn. Die kann das nämlich gar nicht beurteilen und ihre Meinung ist völlig egal.

Wer also sind die Insider, die die Qualität von Bonsai beurteilen, wer ist das Bonsaiestablishment? Das sind die, die Bäume zu Ausstellungen zulassen oder eben nicht zu lassen, die Preise vergeben oder eben nicht, die Magazine machen und entscheiden was auf der Titelseite ist und was im Innern und was nicht. Es sind die, die Bäume importieren und entsprechend auswählen oder eben nicht auswählen. Das sind bekannte Gestalter, die da mehr oder weniger Einfluss haben. Das sind im beschränkten Maß auch Funktionäre, Bonsaipolitiker, Schiedsrichter und so. Und das sind noch einige andere. Aber es ist nicht das Volk.

Bonsaifundamentalisten müssen per se gegen den Kunstbegriff sein, weil er ihnen den Teppich unter den Füßen weg zieht. Das was sie 'wissen' wird plötzlich relativ. Regeln gelten nur dann, wenn der jeweilige Künstler sie gelten lässt. Also müssen Bonsaifundamentalisten versuchen in den geheiligten Kreis derer ein zu dringen, die darüber entscheiden, was gut ist und alles tun um Bonsai als Kunstform zu vermeiden. Das haben die auch gemacht. Aber das wird immer weniger und irgend wann klärt sich das von selbst.

Kunst ist Geschmackssache. Das wurde hier mehrfach geschrieben. Stimmt. Aber leider kommt es darauf an, wer den Geschmack hat. Es kommt nämlich ausschließlich auf den Geschmack der Insider an. Dazu zählen aber andere. Es ist völlig legitim für jeden, hier und anderswo, einen Bonsai mehr oder weniger oder gar nicht zu mögen. Ihn dann jedoch als mehr oder weniger Kunst oder gar nicht Kunst zu bezeichnen ist eher naiv.

Eine andere Sache ist es, dass viele Bonsai als japanisches Kunsthandwerk verstehen und genau deshalb da eingestiegen sind. Die hören es dann natürlich nicht gerne, wenn das auch wieder relativ ist. Es kann ja auch chinesisches Kunsthandwerk sein, die haben's ja ohnehin erfunden. Es kann aber auch europäisches sein.
NEIN KANN ES NIEMALS! Kann es niemals? Warum? Weil Europäer das NIEMALS wirklich beherrschen KÖNNEN. Aha, und wie war das mit Judo? Und Pingpong, Und Sumoringen und so weiter? Es ist verständlich, dass jemand sauer ist, wenn man ihn seiner Illusionen beraubt. Man ist verstimmt, wenn man spürt, dass Japan kein Leitbild mehr ist. Oder doch? Nun ja, die deutschen Fußballer singen ja auch in der Kabine 'God save the Queen' und bedanken sich innig bei den Briten, dass sie es zulassen, dass deren Sport auch außerhalb der Inseln gespielt werden darf, natürlich nur unter der Leitung eines britischen Schiedsrichters und eines britischen Trainers. So war das, als ich ganz klein war. Ist lange her, hat sich arg geändert.

Für mich persönlich ist die Frage, ob Kunst oder Handwerk oder japanisch oder europäisch oder kosmopolitisch, heute nicht mehr relevant. Wer da vehement auf Handwerk und japanisch besteht, der ist von vorgestern und hat zehn Jahre lang geschlafen. Diese Debatte wurde um das Jahr 2000 vehement geführt. Da gab's noch richtig Krach, dass die Fetzen flogen. Da waren die Fundamentalisten noch in der Mehrheit und an der Macht. Heute wird einer der mit den alten Zöpfen kommt, bloß mehr belächelt.

Zurück zur eigentlichen Frage hier: "welcher Baum ist ein Kunstwerk?" Ich meine beide. Welcher ist das bessere Kunstwerk. Nun, Bonsai ist ganz schlecht als Wettkampfport zu gebrauchen. Die Bäume sind eigentlich nicht gut zu vergleichen. Aber wenn man mich zwingt, dann ist der zweite, der Dreispitzahorn, der bessere. Der erste, rote Ahorn, ist eher Kunsthandwerk aber nicht stereotyp, also immer noch Kunst - etwas kitschig durch die Farbe. Welcher kostet mehr? Auf jeden Fall der zweite. Welchen will ich haben? Unbedingt den zweiten. Den ersten hätte ich zwar auch gerne wieder, aber den kann man öfter mal kaufen oder wieder machen. Der zweite ist einmalig und unwiederbringlich. Ich würde ihm allerdings meinen Stempel aufdrücken wollen. Würde das Bonsaiestablishement auch so urteilen wie ich? Ich habe da meine Zweifel.

Ob so was in Japan anerkannt ist? Ja und nein. Aber einen großen Preis wird der dort nie gewinnen. Dazu ist das Establishment zu fundamentalistisch dort. Denke ich. Genau weiß ich das nicht.

So, jetzt ist so viel geschrieben, dass wirklich jeder etwas findet wo er eine andere oder wenigstens leicht andere Meinung hat. Diskussion hat nämlich nur dann Sinn, wenn man verschiedener Meinung ist.
Zuletzt geändert von Walter Pall am 04.01.2012, 08:45, insgesamt 3-mal geändert.
Andreas Ludwig
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Andreas Ludwig »

Eine Nachbemerkung, die ich wichtig finde, Walter: In der heute globalisierten «Kunst» hat sich längst (spätestens sei Duchamps) etwas etabliert, was schwierig ist für alle, die am Handwerk hängen, nämlich das Primat des Konzepts, der Idee. Es ist gar nicht mehr so wichtig, wie etwas gemacht ist, sondern, was damit ausgesagt wird. Ob das dann eine gute oder relevante Aussage ist, kann man diskutieren, dazu ist dann das Feuilleton da. Darum gibt es Leute, die Beuys mögen - nicht der Anmutung wegen, sondern wegen des ideellen Gehalts. Und darum gibt es Streit um Beuys - weil andere bloss die in handwerklichen Begriffen pfuschige Machart sehen. Darum entsteht der Eindruck, heutige Maler könnten gar nicht mehr malen. Könnten sie schon - brächte ihnen aber nichts. Keine Idee.

Jedenfalls ist ein einigermassen eingeführtes Kunstpublikum (und das gibt es durchaus neben der matchentscheidenden Elite, zum Beispiel die Käufer) längst gewohnt, der Idee den Vorrang zu geben. Die kritische Frage an einer Vernissage ist: «Wo/was ist die Idee?» und nicht «Ist es schön?». Auch das wird bei Bonsai Einzug halten, spürt man bereits, wenn hier einige sagen: Nach soundsoviel Jahren möchte ich doch auch mal was anderes sehen. Wird das zur Norm, dann wird es für die Traditionalisten wirklich schwierig.
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achim73
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von achim73 »

Wird das zur Norm, dann wird es für die Traditionalisten wirklich schwierig.
wird es nicht werden. genau wie in der kunstszene. wenn man den gesamtmarkt betrachtet. denn der ist, unserer gesellschaftsstruktur folgend, ganz breit aufgestellt mit vielen abstufungen. damit meine ich folgendes:
z.b. im europa des 13. jahrhunderts wurde kunst ausschliesslich für eine kleine elite aus adel und kirche hergestellt und von dieser auch bezahlt.
der einfache bauer hatte weder zeit noch geld noch das wissen, so etwas auch nur im entferntesten herzustellen.
das ist in den modernen westlichen gesellschaften anders.
wir haben alles, vom studenten, der als zubrot bilder malt und verkauft, über den geisteskranken, der zur selbsttherapie malt, über den visionär, der es aus berufung tut, den berufskünstler, der davon lebt bis hin zum genialen blender und aufschneider, der die momentane trendlage analysiert und schamlos bedient, was ihm u.u. viel geld einbringt.
und in der bonsaiwelt ist es im prinzip dasselbe.
das ist einerseits sehr schön, da mehr menschen denn je in der lage sind, sich in irgendeiner form mit diesem faszinierenden thema zu beschäftigen.
andererseits führt es zu einer gewissen "verbreiterung des kunstbegriffs". was ja nicht unbedingt schlimm sein muss, solche diskussionen wie diese hier aber zunehmend schwierig macht.

die grenze ist hier wie dort fliessend und wird immer fliessend sein.
bis wann gehört ein baum/kunstwerk noch zum massengeschmack und ab wann zur avantgarde ?

nehme ich einen geschleckten italiener oder japaner und zünde ihn an, verschwindet das massenkompatible kunstwerk und des konzeptkunstwerk tritt an seine stelle.

was ist jetzt besser... :mrgreen:
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Andreas Ludwig »

achim - wenn man es statistisch sieht, muss man es dann aber auch ökonomisch sehe. Dann sind weder der Student, noch der Geisteskranke noch der Blender auf lange Dauer relevant. Die malen bloss. Sterben sie, kommts in die Tonne. Denn da kommt Walters Elite ins Spiel, die entscheidet, was ins Museum kommt, ergo im Preis steigt, ergo verlangt wird, ergo «etwas ist». Siehe die ganzen Kaufs-/Verkaufsaktionen zwischen Damien Hirst und Charles Saatchi. Da haben (wenigstens im Prinzip) zwei Nasen einen Hype gemacht, was gelang, weil es Bedarf gab für einen. Das ist dann der Kunstmarkt, von dem noch wenig geschrieben wurde. Der entscheidet, wer nach Walhalla kommt.

Da ist die Krux für Bonsai: Soll/will das was werden, kommt automatisch Kohle ins Spiel. Und damit obige Marktmechanismen. Ich würde sagen, die BMW-Geschichte von Water war ein Ansatz dazu, ein Testlauf. Und wie war das da? «Bloss nicht Bonsai nennen» diktierte die Elite. Nicht nur, weil «Bonsai» japanisch ist - auch, weil es «alt und klein» klingt, denke ich mal. Jedenfalls nicht sportlich und stattlich. Prognose: In näherer Zukunft bleiben die dicken, alten Brummer die Marktleader und werden durch die derzeitige Eliten an kaufkräftige Kunden verhökert. In weiterer Zukunft werden die abgelöst durch heute «abgefahrene Sachen» (weil CEO X was tolleres will als das, was der Vasella schon hat) - oder Bonsai bleibt halt ewig das Pleite-Hobby, das es heute ist.

Aber ganz sicher werden nicht die Traditionalisten-Dreiecke das «Bild» bestimmen, auch wenn die statistisch immer 95% ausmachen. Sie werden zunehmend als «Massenware» wahrgenommen werden, auch wenn sie lange der Standard waren, der Ausstellungen dominiert hat, auch wenn sie gut sind, sogar exzellent.

Das hat alles nichts damit zu tun, was der Einzelne so für sich macht, schätzt und sucht. Aber durchaus damit, was gefördert wird. Deine «Verbreiterung» wird entweder flach liegenbleiben oder zur Pyramide aufgebaut werden.
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von achim73 »

ja, genau die pyramide meinte ich. aber wie du schon geschrieben hast - die obersten 5% sind auch so einigen kunstfremden mechanismen unterworfen.
Siehe die ganzen Kaufs-/Verkaufsaktionen zwischen Damien Hirst und Charles Saatchi. Da haben (wenigstens im Prinzip) zwei Nasen einen Hype gemacht, was gelang, weil es Bedarf gab für einen.
das meinte ich mit "geniale blender". der meese ist auch so einer, wenn man mich fragt (aber meine meinung ist ja eh irrelevant :-D ).

wenn man den ganzen kommerzaspekt betrachtet, ist die bonsaiwelt noch gut dran, denke ich. einfach weil ein bonsai für den durchschgnittlichen CEO zu aufwendig in der unterhaltung ist. und der markt ist zu klein.

immerhin - je größer die pyramide ist, desto größer ist auch die spitze und desto höher ragt sie in den himmel. :)
Gruss, Achim
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von Andreas Ludwig »

achim73 hat geschrieben:wenn man den ganzen kommerzaspekt betrachtet, ist die bonsaiwelt noch gut dran, denke ich. einfach weil ein bonsai für den durchschgnittlichen CEO zu aufwendig in der unterhaltung ist. und der markt ist zu klein.
achim - nur so als Gedankenspiel, denn Zukunftsforschung ist ja um den Jahreswechsel rum immer Trend: Die ganze Steuerungstechnik, die heute bereits für Wohn- und Arbeitsräume eingesetzt wird, ist sicher nicht aufzuhalten. Im Prinzip kann der CEO es sich leisten, seinem Gärtner eine Anlage zur Seite zu stellen, die die Pflege auch von Top-Bäumen narrensicher macht. Der Trend ist ja hier auch zu spüren. Aufwand ist ziemlich relativ, wenn du mehrere Millionen Jahresgehalt hast. Solche Leute zu bedienen ist lukrativ, auch wenn es ganz wenige sind. Das hat Notter mit seinen Gärten längst kapiert. Die macht er sicher nicht für den Quartierskindergarten. Aber das ganze strahlt eben zurück auf den Massenmarkt und verschiebt den Standard.

P.S. (Aber nur, weil ich lachen musste:) Wenn dir Bonsai in der Unterhaltung zu aufwendig sind, dann hör einfach auf, ihnen was vorzukaspern. Bringt sowieso nichts. Unterhalt und Pflege reichen völlig aus.
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MerschelMarco
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Re: Welcher Baum ist ein Kunstwerk?

Beitrag von MerschelMarco »

Andreas Ludwig hat geschrieben: In der heute globalisierten «Kunst» hat sich längst (spätestens sei Duchamps) etwas etabliert, was schwierig ist für alle, die am Handwerk hängen, nämlich das Primat des Konzepts, der Idee. Es ist gar nicht mehr so wichtig, wie etwas gemacht ist, sondern, was damit ausgesagt wird.
Das ist genau der Grund, warum ich mit dem Dreispitzahorn hier meine Probleme habe. Wie soll ich den jetzt beurteilen? So wie ich es verstanden habe, ist die Idee dahinter so spektakulär und innovativ nicht (aus heutiger Sicht wohlgemerkt, das Teil hat ja eine lange Geschichte). Nämlich den einen Fehler zu akzeptieren und den Baum einfach weiterentwickeln, letzteres allerdings ganz hervorragend. Das Ergebniss dagegen ist ziemlich spektakulär. Aber was ist die Aussage? Der Baum ist sehr alt, sehr reif, das sind andere auch. Darüberhinaus ist er kurios. Aber ist kurios alleine schon gut? Zählt hier dann nicht die Idee, sondern nur das Ergebnis?
Ich weiss nach wie vor nicht was ich davon halten soll.

Zum Baumvergleich noch: Wichtig in so einem Fall sind meiner Meinung folgende Kriterien. Akzeptiert ein "Künstler" Vorgaben als Restriktionen und nutzt den vorhandenen Spielraum, wird das Ergebniss in der Regel subtiler sein als jemand der gezielt versucht die Vorgaben zu ändern. Von daher ist es auch bei Bonsai sehr schwer einen Baum ohne den dazugehörigen Kontext zu beurteilen, so wie hier auch. Und wenn der Kontext so wichtig ist, dann kann das eben auch heißen, das ein "Pall" das große Kunstwerk ist, bei einem "No-name" wäre er schlampig.

Grüße,
Marco
Zuletzt geändert von MerschelMarco am 04.01.2012, 11:11, insgesamt 1-mal geändert.
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