Risse im Shari

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Tieftaucher
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Risse im Shari

Beitrag von Tieftaucher »

Diese Ulme habe ich mit bereits angelegtem Shari vor ein paar Jahren erworben. Eigentlich würde ich den Shari gerne noch nachbearbeiten. Jetzt zeigen sich allerdings nicht so schöne Risse, die nicht dem Stammverlauf folgen. Kann man das irgendwie "kitten" oder würdet ihr das einfach so lassen und weiter bearbeiten?

ANDI
Ulme Shari.jpg
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Heike_vG
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Heike_vG »

Das ist ein anschauliches Beispiel dafür, was passieren kann, wenn nicht mit der Natur gearbeitet wird.
Folgt man bei der Gestaltung von Totholz nicht dem Verlauf der Holzfasern, sondern legt es einfach willkürlich irgendwie an, dann deckt die Natur das eher früher als später auf.

Generell wollen wir beim Totholz gerne die Alterungsrisse haben. Aber wenn sie dann verraten, welche Fehler gemacht wurden, ist das natürlich nicht so schön.
Keine Ahnung, was man da machen kann oder sollte.

LG, Heike
Ein halber Schritt in die richtige Richtung ist oftmals ein Reinfall...

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Tieftaucher
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Tieftaucher »

Dank deinem "Buchtipp" weiss ich auch was bei der Anlage falsch gemacht wurde. Eigentlich würde ich jetzt vorsichtig oberflächliche Fasern abziehen und am Verlauf den Shari neu ausarbeiten... Das wäre so meine Idee. Es ist ein sehr schöner Baum und es wäre die Arbeit Wert.

ANDI
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Heike_vG
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Heike_vG »

Du kannst natürlich vorsichtig das Shari begradigen, indem Du es an den Rändern schrittweise von Jahr zu Jahr entsprechend erweiterst und die willkürlichen Kurven so einigermaßen loswirst.
Fasern ziehen dürfte bei einer Ulme kaum klappen. Laubbäume haben nicht so ausgeprägte Fasern wie Nadelbäume, sondern eine ganz andere Holzstruktur. Das steht in dem Buch auch beschrieben. :wink:
Natürlich altern lassen - Risse treten ja schon auf - ist ein Ansatz. Oder mit einer kleinen Dremelfräse vorsichtig entlang des Faserverlaufs ein wenig Struktur einarbeiten. Das gelingt aber ungeübten Leuten meist nicht auf Anhieb überzeugend.

LG, Heike
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bonsaiheiner
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Re: Risse im Shari

Beitrag von bonsaiheiner »

Hallo Andi,
Heike_vG hat geschrieben:Das ist ein anschauliches Beispiel dafür, was passieren kann, wenn nicht mit der Natur gearbeitet wird.
Folgt man bei der Gestaltung von Totholz nicht dem Verlauf der Holzfasern, sondern legt es einfach willkürlich irgendwie an, dann deckt die Natur das eher früher als später auf.

Generell wollen wir beim Totholz gerne die Alterungsrisse haben. Aber wenn sie dann verraten, welche Fehler gemacht wurden, ist das natürlich nicht so schön.

LG, Heike
Heike_vG hat geschrieben:... Das gelingt aber ungeübten Leuten meist nicht auf Anhieb überzeugend...

LG, Heike
Genau deshalb würde ich jetzt nichts machen, sondern die Natur weiter arbeiten lassen. Die kann das nämlich viel besser als wenn selbst ein Erfahrener da etwas verschlimmbessert.
Ich erlaube mir mal, ein Stammdetail eines Laubbaumes zu zeigen, bei dem sich ebenfalls Risse in einem relativ jungen Shari zeigen, die auch eine fast querverlaufende Richtung aufweisen, auch wenn der Shari "natürlich" entstanden ist. Fasern ziehen geht bei trockenen Laubbaumshari nicht mehr.
Steinlinde, Stammdetail 4 13.jpg
Die Natur macht das besser. Ich gebe aber zu, dass ich die kleine Dremelfräse schon hergerichtet hatte, habe es mir dann aber anders überlegt. Wenn bei Dir dann zu den jetzt primären Rissen später waagrecht dazu verlaufende Sekundär- u. Tertiärrisse hinzukommen, wird alles viel natürlicher aussehen, ähnlich wie ich es mir bei meinem Jung-Shari erhoffe und der Altshari bereits zeigt. Den werde ich vielleicht mit Holzhärter in seinem Verrottungsprozess etwas stoppen müssen.

Beste Grüsse,
Heiner
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heinz leitner
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Re: Risse im Shari

Beitrag von heinz leitner »

Heike_vG hat geschrieben:Das ist ein anschauliches Beispiel dafür, was passieren kann, wenn nicht mit der Natur gearbeitet wird.
Folgt man bei der Gestaltung von Totholz nicht dem Verlauf der Holzfasern, sondern legt es einfach willkürlich irgendwie an, dann deckt die Natur das eher früher als später auf. Heike
Stimmt,Karl T. meint ,das dies eines der grundlegenden Dinge einer guten Fräsarbeit sind...und damit hat er recht.
Heiner hat auch recht,da würde ich auch nicht viel machen.
Außer die Bereiche abbürsten...sind eh viel zu weiss.
Wenn das mehr naturfarben ist fällt das auch nicht mehr auf..
Was mich aber mehr stört als die Risse, ist die darüberhängende Wurzel... die stört den ganzen Bewegungsfluss..

Gruss Heinz
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Thierry
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Thierry »

Ohje... *obm*
Viele Grüße,
Thierry

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Thierry
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Thierry »

Ich war vorhin nicht sehr "konstruktiv"... Sorry. Wahrscheinlich die andauernde Müdigkeit der letzten Wochen...
Tieftaucher hat geschrieben:Diese Ulme habe ich mit bereits angelegtem Shari vor ein paar Jahren erworben. Eigentlich würde ich den Shari gerne noch nachbearbeiten. Jetzt zeigen sich allerdings nicht so schöne Risse, die nicht dem Stammverlauf folgen. Kann man das irgendwie "kitten" oder würdet ihr das einfach so lassen und weiter bearbeiten?
Meinst du mit "kitten" so ein Holzkitt drauf spachteln ?
Um Himmels Willen! Das wäre noch viel schlimmer. Dann kannst du den Baum auch gleich wegschmeissen...
Also ja nicht daran mit so einem Zeug (Holzkitt) basteln.

Was du machen kannst ist :

- geh mit einem nassen Tuch über den ganzen Sharibereich, mehrmals, bis das tote Holz anfängt weich zu werden (siehst du wenn die Holzfasern sich "hoch" stellen)
- dann wenn das tote Holz weich ist, nimmst du eine Bürste (z.B. eine alte Zahnbürste, aber keine Metallbürste!) und bürstet den gesamten Sharibereich mehrmals, aber wirklich mit Kraft, kann ja nix passieren wenn du eine Zahnbürste nimmst (immer den Baum/Stamm gut fest halten wenn du sowas machst! also linke Hand hält Baum/Stamm fest und rechte Hand bürstet...)

- alle Bewegungen (mit dem Tuch, wie mit der Bürste) machst du immer in Fasernrichtung, nie quer zur Holzfaser

- das wiederholst du mehrmals

- zwischendurch (zum trocknen) stellst du den Baum in der Sonne

- den dicken runden Jin in der Mitte auch nochmal zurecht bearbeiten.
Der sieht so unnatürlich aus wie kaum möglich... die Ränder sind furchtbar und in der Mitte auch noch glatt... meine güte...
Naja egal, das kann man auch korrigieren.
Zuerst mit der Dremelfräse das Loch nochmal aushöhlen, und die Ränder nicht vergessen.

- und ja kein neues Jinmittel oder Holzhärter auftragen, sondern zuerst die Fehler nach und nach korrigieren.
Viele Grüße,
Thierry

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Norbert_S
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Norbert_S »

Hallo

Ich würde nach all der Kritik hier gerne einmal wissen, wie man das von vornherein hätte besser machen können.

Die Bewegung des Shari folgt doch in etwa der Wachstumsrichtung des Stammes. Einen Sharibereich so anzulegen ist doch hier zigmal empfohlen worden.
So wie sich die Risse in mittleren Teil darstellen, hätte ich sie aufgrund des bewegten Stammes nicht vermutet und eine Ulme zeigt in der Borke doch nun wirklich nicht genau den Verlauf der Holzfasern. Das ist bei einem Wacholder ungleich einfacher.
Norbert

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Thierry
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Thierry »

Norbert_S hat geschrieben:Ich würde nach all der Kritik hier gerne einmal wissen, wie man das von vornherein hätte besser machen können.
Also ich hätte schonmal gar kein Totholz gemacht. :lol:

Nee, im Ernst, also die Grundidee ist an für sich nicht schlecht :
Man hat die Stammbewegung genutzt und legte einen "dynamischen" Shari an, der diese Stammbewegung auf der Vorderseite folgt.
Die Idee ist in Ordnung.
Auch der erste Schnitt der Shariränder, der damals gemacht wurde, ist noch i.O.

Die Ausführung ist das Problem :
Hier wurde nur die Rinde abgetragen und darunter wurde nichts gemacht.
Das geht bei vielen Baumsorten dann oft in die Hose...
Denn während des Wachstums entstehen starke und teils unvorhersehbare Kräfte im Baum (Kerbspannungen, Druckspannungen, Biegespannungen, Schubspannungen, usw.) und diese biomechanischen Kräfte im Baum modifizieren unsere Gestaltungen - der Baum "korrigiert" solche Wunden (wie dieser Shari).

Der grösste Unterschied zw. Laubbäume und Wacholder (ebenso wie Kiefer und andere Nadelbaumsorten) :
Bei den ersten ist es das Zugholz, das sich auf der Oberseite zusammenzieht (was hier ein Teil der Erklärung ist für diesen "Schaden" das man auf dem Bild sehen kann),
und bei den zweiten (Nadelbäume) das Druckholz das sich auf der Unterseite längt.

Ich weiss nicht ob das verständlich ist...
Viele Grüße,
Thierry

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Thierry
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Thierry »

Norbert_S hat geschrieben:Ich würde nach all der Kritik hier gerne einmal wissen, wie man das von vornherein hätte besser machen können.
Was man hätte machen können (oder sollen) :

- Zuerst bedenken, dass Ulmen keine Baumsorten sind die Drehwuchs haben.
D.h. diese Stammbewegung (die man während der Aufzucht in der Baumschule versucht hat, so "schlangenart" zu machen) entspricht nicht dem natürlichen Habitus der Ulme.
- Mit dem natürlichen Wuchs hängt auch ein Teil des Verlaufes der Holzfasern zusammen.
D.h. auch hier hätte man von Anfang an bedenken können, dass so ein "Shari-Projekt" nie gelingen wird bei einer Ulme.

- Hätte man unbedingt ein Totholzbereich an einer Ulme anlegen wollen, dann hätte man es lieber auf der Unterseite angelegt (oder grösstenteils auf der Unterseite und weniger geprägt auf der Oberseite), aber ja nicht so grossflächig und nur auf der Oberseite...
Wie gesagt, wegen den biomechanischen Spannungen, Zugholz, usw., die man am Anfang eines solchen Projektes bedenken sollte.

Die Bearbeitung (mit den Holzfasern) wird von François in seinem Buch sehr gut erklärt, aber man muss auch immer auf die Baumsorte achten, wenn man so ein Totholz-Projekt angeht.

Wenn ich dran denke, mache ich uns fürs nächste BFF-Sommerfest ein paar Skizzen wo man diese biomechanischen Kräfte (Kerbspannungen, usw.) besser erkennen kann an den Bäumen, und welchen Einfluss sie auf unsere Totholz-Gestaltungen haben.
Viele Grüße,
Thierry

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Norbert_S
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Norbert_S »

Danke Thierry,

Jetzt macht dieser Thread auch für mich einen Sinn.

Nicht immer legt man ja selbst so einen Shari-Bereich an. Feiwillig würde ich in einer Ulme auch so etwas nicht verwirklichen wollen.
Allerdings steht bei mir eine recht kapitale Ulmus-minor "Jacqueline-Hillier" mit einem ausgedehnten vermutlichen Frostbrand auf der Oberseite.
Ich kann mir diesen Baum ehrlich gesagt kaum mit einem ausgedehnten Totholzbeeich vorstellen, neugierig wie sich das entwickelt bin ich allemal.

Eine Prunus serotina mit sehr verschlungenem Wuchs weiß ich denn jetzt dank deines Beitrags vorsichtig zu behandeln.
Norbert

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Heike_vG
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Heike_vG »

Wenn durch natürliche Einflüsse - wie Norberts genanntem Frostbrand o.ä. - bei Laubbäumen Totholz entsteht, dann finde ich es in Ordnung, dieses weiterzubearbeiten und in die Gestaltung zu integrieren. Da hat die Natur die Vorgabe gemacht und man versucht, mit ihr zu gehen.
Einer Ulme oder einem anderen Laubbaum "nur so" ein Shari zu verpassen wie es einem Wacholder vielleicht gemäß wäre, würde ich ablehnen.

LG, Heike
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Tieftaucher »

Das ist mein einziger Laubbaum mit Shari. Ich hab ihn damals halt so gekauft. Und eigentlich gefällts mir. Es gibt halt mehrere Möglichkeiten einen Baum zu gestalten. Entweder sehr natürlich oder als verspieltes "Kunstwerk". Beides hat für mich seinen Reiz.

Da ich als Airbrusher auch mit einer Fräse umgehen kann, habe ich mich mal ans Werk gemacht. Es ist so geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. Obs so korrekt ist, ist eine andere Frage ;-) Ich habe die Risse teilweise in die Fräsung einbinden können. Ich finde es zumindest deutlich besser als zuvor. Was meint ihr?

Ach ja... und dem Vorschlag die störende Wurzel zu entfernen bin ich gefolgt... daran habe ich schon seit dem Kauf gedacht.
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Thierry
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Re: Risse im Shari

Beitrag von Thierry »

"Verspieltes Kunstwerk", die Antwort finde ich klasse. *lach*

Jetzt mal im Ernst, also dein Umgang mit der Fräse muss noch geübt werden bevor man von Kunstwerk reden kann... "verspielt" hingegen trifft es auf den Punkt...
Viele Grüße,
Thierry

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