Liebe Forumsleser,
gestern Abend war ich im No-Theater. Das Ensemble der japanischen No-Gesellschaft gab ein Gastspiel in Kiel, eine berühmte Truppe. Zwei der Mitwirkenden tragen den Ehrentitel “Lebender Nationalschatz”. Sowas gibt es in Japan. Das Stück war “Die Hofdame Aoi”, Text wohl aus dem 14. Jhd., unter Verwendung einer Episode aus dem “Roman vom Prinzen Genji”, der aus dem 11. Jhd. stammt. Das Ganze ist sehr dramatisch und sehr fremdartig. Die Hauptpersonen sind Geister und Geisterbeschwörer. Das Stück soll zu den populärsten No-Spielen gehören.
Weshalb ich hier darauf eingehe: Mir scheint, dass es in der klassischen japanischen Kunst doch über die Kunstrichtungen hinweg eine Reihe von Gemeinsamkeiten gibt, und deshalb kann man durchaus Parallelen von No und Bonsai entdecken.
1.Präzision: Die Dramaturgie ist viel detaillierter als im europäischen Theater. Es gibt keinen Zufall, kein Stegreifspiel, keine Spontaneität. Jede Bewegung, jede Mimik sind festgelegt und haben eine bestimmte Ausdrucksbedeutung. Das Ganze wirkt dadurch sehr künstlich, in beiden Wortbedeutungen: kunstvoll und unecht.
Die Parallele zu manchen japanischen Bonsai ist offensichtlich.
2.Statik: Alle Bewegungen sind langsam, wie in Zeitlupe. Dadurch wirkt alles würdig, sogar der Schurke. Selbst der Tanz wirkt nicht eigentlich bewegt, sondern wie eine Abfolge schöner Bilder.
Chinesische Penjing können manchmal so aussehen, als würden sie tanzen und die Lärche von Nick Lenz kann skilaufen. Japanische Bonsai sind immer würdig, ausgewogen, statisch.
3.Stilisierung und Sparsamkeit: Sparsame Gesten und Aktionen, wenige Grundschritte. Die Schlüsselbegriffe beim No-Spiel sind ( laut Programmheft ) “Monomane” und “Yugen” ( auf das Wesentliche abzielende Darstellung und Offenlegung verborgener Wahrheiten ). Es soll nicht das alltägliche Leben gezeigt werden und auch nicht die literarische Vorlage naturalistisch und detailreich nachgeahmt werden, vielmehr deren inneres Wesen herausgehoben werden. Dies geschieht durch Abstraktion von der Vielfalt und Konzentration auf den Kern.
Genauso geht es bei Bonsai nicht um Bäume, sondern um Prototypen, um “das Baumhafte”.
Ich vermute, dass vielen Japanern die Welt des No-Theaters kaum weniger fremd ist als mir. Ohne staatliche Förderung wäre es wohl kaum noch lebensfähig. Aber es war ja auch nicht als Volkstheater konzipiert, sondern als “Zeremonialkunst” der Samurai und das Volk hat die Stücke erst Ende des 19.Jhds. kennengelernt. Wie ist das eigentlich bei Bonsai? Hat sich das auch aus der Hochkunst entwickelt oder eher aus der Volkskunst?
Noch was: Der Rückprospekt der No-Bühne stellt eine alte, knorrige Kiefer dar. Darin saßen die Götter, wenn sie der Aufführung beiwohnten. Schöne Vorlagen für Bonsai.
Viele Grüße von Gunter Lind


