Der menschliche Faktor

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camaju
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Der menschliche Faktor

Beitrag von camaju » 23.03.2014, 12:20

Dieser Beitrag ist von Andre K. und stammt aus dem dem Yamadoriforum. Danke Andre.
Das ganze sollte mit einem leichen Augenzwinkern gelesen werden. ;-)


Immer wieder heißt es: "Hilfe meine Carmona stirbt." (Serissa, Ulme, Acer, das ist beliebig austauschbar.) und diese Rufe werden in vielen Foren laut.
Deshalb möchte ich in der Rubrik "Pflanzenschutz" mal ein neues Thema beleuchten, nämlich den menschlichen Faktor bei der Gesunderhaltung unserer Bäume.
Weder Läuse noch etwas zuwenig Wasser sind sehr gefährlich für einen Baum, diese Dinge lassen sich leicht mit ein wenig Aufmerksamkeit abstellen. Viel gefährlicher, und vielleicht die größte Bedrohung für die pflanzliche Gesundheit, ist die Unkenntnis um die pflanzliche Pflege und deren Bedürfnisse.
Das mag theatralisch klingen, lässt sich aber an der Vielzahl der geposteten Leiden unserer Lieblinge gut herauslesen.
Dabei kann doch etwas Überlegung schon helfen, die größten Fehler bei der Bonsaipflege zu vermeiden.
Und es sind gar nicht so viele Faktoren, die man kennen muß, um einen Baum richtig zu kultivieren, aber um die kommt man nicht herum.

Im Wesentlichen sind das doch nur drei Dinge:

1. Wo kommt die Pflanze her (Klimazone)
2. Welche Ansprüche hat die jeweilige Art (Licht, Nährstoffe, Wärme, Winterpause etc., ergibt sich meist schon aus 1.)
3. Wie ist das Wuchsverhalten der Art biologisch und zeitlich (Austrieb, Schnittverträglichkeit, Wurzelwachstum etc.)

Mehr muß man nicht wissen, um immer die richtigen Maßnahmen zu ermitteln und anzuwenden. Und ehrlich, ihr findet fast jede erdenkliche Antwort in den Foren, es liegt nur an euch. Alles weitere kann man aus diesen Fakten ableiten.
Hier kommt jetzt also der Mensch (liebevoll auch Bonsaianer genannt ;-) ) ins Spiel, der einmal seine Hausaufgaben machen muß, nennt er einen neuen Baum sein eigen. Nur tut er sich oft schwer damit, schnippelt lieber erst mal rum und freut sich über die (angeblich) so gelungene Gestaltung. 6 Wochen später dann der erste oben beschriebene Hilferuf, leider nachdem schon umgetopft und die chemische Keule geschwungen wurde und in dem gefragt wird, was man denn noch tun könnte, um dem Baum zu helfen. Hilfe kommt dann leider meist schon zu spät.

Aber was ist den falsch gelaufen? Richtig...
a) die drei Hausaufgaben sind nicht erledigt und
b) der eigene Kopf wurde für die Lösung nicht wirklich benutzt *kopfkratz* ( Wobei (a) dafür natürlich die Voraussetzung ist.)

Was kann man aber besser machen? Ach ne, hab ich ja gerade beschrieben...
Nein im Ernst, mit den beschriebenen Dingen im Kopf kann ich mir die meisten Fragen selbst beantworten, ich muß doch nur 2 und 2 zusammenzählen.

Ein Beispiel: "Hilfe meine Carmona stirbt!!!" *iik* (Dazu Foto mit Baum auf dem Kleiderschrank *autsch* )
Wer jetzt seine Hausaufgaben ( a) ) gemacht hat, weiß *konfus* , das 1. die C. eine immergrüne Art aus tropischen Gefilden ist, die 2. weder den Winter noch eine Winterruhe kennt und (in der Heimat) 3. das ganze Jahr wächst.
Jetzt kommt b) ins Spiel, das neue Wissen und das Bild vom Kleiderschrank *autsch* .
Was leitet ihr daraus ab? Richtig...
- C. braucht das ganze Jahr viel Licht, der Kleiderschrank ist also zu dunkel, also wär ein Südfenster nicht schlecht,
- in den Tropen hat es 100% Luftfeuchtigkeit, also ist es bei voller Heizung (und auch so) am Kleiderschrank:steinigung: zu trocken,
- C. steht in Natura draußen, es ist ein Outdoor!!!,
- C. kennt keinen Winter, muß daher in besagter Jahreszeit (bei uns, leider) in einen Raum mit sommerlichen Verhältnissen,
- C. kennt keine echten Jahreszeiten, Umtopfen ist also nicht wirklich an ein Datum gebunden usw..

Ah, jetzt kommen schon die ersten Umkehrschlüsse und das Gehirn in Wallung!!!

- der C. bekommt der Winter bei uns (Zimmerklima) nicht gut!!!,
- durch Lichtmangel und Trockenheit benötigt der Baum all seine Kraft, um über die Runden zu kommen. Der Schnitt und das Umtopfen sollte also nur in der aktiven Zeit erfolgen und zwar so, das der Baum trotzdem Zeit hat, Reserven für den Winter anzulegen. (Übrigens finde ich, dass das Wort Reserven unbedingt in die Rubrik Pflanzenschutz aufgenommen werden sollte!) Man kann also entgegen der obigen Aussage nicht das ganze Jahr schneiden und topfen.
Da ist sie, die erste eigene Erkenntnis!!!! Herzlich willkommen, immer herein!

Vier Wochen gehen also ins Land, bis die C. sich von der Maßnahme erholt hat, mindestens weitere vier, in denen neues Wachstum geschieht, Blätter und Wurzeln ihre Funktion übernehmen und noch einmal so lange, bis ausreichend Nährstoffe eingelagert sind. Die Frage im August: "Kann ich jetzt noch einen Blattschnitt machen?" können wir uns also das erste Mal selbst beantworten.

Anderes Beispiel: "Hilfe, mein Acer ist schon 2 m breit, ich komm nicht mehr in die Küche, wo soll ich schneiden???"
Wir wissen jetzt, das der Acer saisonal austreibt (sieht man bis in die Küche ;-) ) also nicht wie wie die Eiche nur zwei Wachstumsschübe macht. Im Forum haben wir gelesen, das der A. sympodial wächst, er also an jedem Nodium( das sind die komischen Knoten an den Stielen) 2 Knospen bildet. Beobachtet haben wir, das die Internodien sehr lang werden, wenn wir nichts tun.

Was lässt sich wieder ableiten (und darauf will ich ja hinaus, habt ihr sicher schon gemerkt...;-) )?
Richtig:
- ich kann öfter im Jahr schneiden und trotzdem noch neuen Austrieb erhalten und
- ich erhalte, wenn ich einen Trieb schneide, an der Stelle zwei neue . Diese wieder geschnitten, erzeugen schon 4 neue usw. usf. (so wird es dann schön dicht und kompakt).
- je früher ich schneide (pinziere im Fachjargon) um so kürzer und kompakter werden die neuen Verzweigungen.

Vielleicht noch ein letztes (aktuelles) Beispiel:

"Hab meinen Acer gerade umgetopft ("nach den Wurzeln geschaut", nackte Wurzeln im August *nono* !), die Blätter hängen jetzt so komisch. Was soll ich machen???"

Was haben wir gelernt? Richtig:
- ohne angewachsene Wurzeln kann ein Baum sich nicht versorgen und
- bei Themperaturen über 30° C stellen viele Bäume den Stoffwechsel ein, die Blattporen schließen sich zum Verdunstungsschutz.

Was leiten wir daraus ab? Richtig:
-
-
- ...........................................



Zusammenfassung:

Es sind nicht immer die Läuse, manchmal ist es der Mensch, der den Pflanzen zu schaffen macht.

Leute,
seid neugierig, lest viel zum Thema *les* (Muß ja nicht gleich alles sein. Wenn ihr eine Carmona haben wollt, lest ihr halt erstmal darüber.) und benutzt euren Kopf *konfus* !
Kauft eure Bäume erst, wenn ihr etwas Grundwissen habt. Und da das meist nicht geht , holt es schnell nach. Eure Bäume werden es euch danken und der eine oder andere Hilferuf wird gar nicht erst laut.
So hat man einfach mehr Spaß am Hobby und auch viel bessere Ergebnisse. Die Brieftasche dankt es einem auch, himmelt man nicht laufend seine Pfleglinge.

Es ist wirklich ganz einfach, ehrlich.

Also in diesem Sinne: Denkt mal drüber nach... !

_________________
LG Andre
Gruß Jürgen *wink*

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MarionS
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von MarionS » 23.03.2014, 13:22

camaju hat geschrieben:Im Wesentlichen sind das doch nur drei Dinge:...
Hmpff!
Damit ist der Nullachtfuffzehn Flanzenbesitzer doch schon überfordert :shock:

Ich habe vor ein paar Monaten Ableger gesucht von einer Wachs-/Porzellanblume, weil ich etwas suchte, was in unserer trockenen und dusteren Teeküche auf Dauer überleben kann, und auf eBay was gekauft. Der Verkäufer war großzügig und bedachte mit mit gut 1,50m Trieben, aus denen ich zehn oder mehr Ableger schneiden konnte. Sind alle angegangen. Das größte Päärchen steht jetzt in besagter Teeküche und scheint es auch zu vertragen.
Unter Freunden und Kollegen gingen die übrigen Ableger weg wie die berühmten warmen Semmeln. Eine Kollegin berichtete, sie solle ihrer Tochter immer wieder neue Pflanzen mitbringen, und was vergleichsweise unverwüstliches wäre da genau richtig.
Meinen Freundinnen muss ich auch immer wieder neue Ableger von meiner Duftgeranie schneiden, weil die Dinger ihnen immer nach einer Weile kaputt gehen. Wie machen die das??

Anders rum: die fragen mich, wie mach ich das? :lol:
Gruß,
MarionS

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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Thorsten1504 » 23.03.2014, 13:45

Sehr guter Beitrag!!! *daumen_new* *daumen_new* *daumen_new*

Ich gebe zu das ich am Anfang auch erst gekauft habe und dann gelesen.
Aber ich hab wenigstens gelesen. :)

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camaju
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von camaju » 23.03.2014, 14:01

MarionS hat geschrieben:
camaju hat geschrieben:Im Wesentlichen sind das doch nur drei Dinge:...
Hmpff!
Damit ist der Nullachtfuffzehn Flanzenbesitzer doch schon überfordert :shock:
Ist auch keine Hexenwerk und sicher nicht schwerer, als sich über die PS / Kubik usw. seines neuen Autos zu informieren ;-)
Anders rum: die fragen mich, wie mach ich das? :lol:
Offensichtlich richtig ? :lol:
Gruß Jürgen *wink*

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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von MarionS » 23.03.2014, 23:53

camaju hat geschrieben:Ist auch keine Hexenwerk und sicher nicht schwerer, als sich über die PS / Kubik usw. seines neuen Autos zu informieren ;-)
Ich fürchte eher, das Schwere an der Sache ist die grundlegende Erkenntnis, dass eine Pflanze Bedürfnisse haben könnte, die über "gelegentlich Wasser draufkippen" hinausgehen.
Gruß,
MarionS

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Phejanca
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Phejanca » 24.03.2014, 09:22

Nicht zu verachten ist auch die andere menschliche Seite. Meinen Bäumchen - alles Sämlinge und Jungpflanzen - scheint es unterr meiner Pflege gut zu gehen. Nun war ich vier Tage weg. Vorher habe ich die Pflanzen gewässert, an pflegeleichte Standorte gebracht (kein Bonsaijogging für die Orangen) und meinem Mann neben der mündlichen Pflegeanweisung auch eine Liste der Sachen, die zu machen sind, hinterlassen.

Ergebnis: Mein Mann hat die Anzuchtkästen übergossen und alles andere vergessen. Zwischen Donnerstag und Sonntag sind fünf Sämlinge vertrocknet, Orangen und Zitronen haben so viel Wasser verloren, dass ein paar Blätter fielen, und die Außenpflanzen waren trotz regnerischer Witterung staubtrocken. Dafür sind wahrscheinlich zwanzig Samen, die am Aufplatzen waren, verschimmelt/ersoffen.

Manchen Leuten ist einfach nicht die Aufmerksamkeit gegeben, die es für Pflanzen braucht. Aber ich weiß auch, dass die Fähigkeit entwickelt werden kann. Nur sollten die Leute besser mit Grünlilien anfangen.
Got a hundred thousand questions and they all begin with why...

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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Waya » 24.03.2014, 10:20

Meine Schwester hat es sogar schon geschafft, einen Kaktus eingehen zu lassen... :lol:

Einer anderen Freundin mit "schwarzem Daumen" hab ich extra Pflanzen gegeben, die kaum Pflege benötigen. In der neuen Wohnung stehen die aber im Dunkel auf der Schrankwand, anstatt am Fenster... Mal sehen, wie lange die machen.

Das Pflanzen Lebewesen sind, kommt vielen gar nicht in der Sinn und wenn, dann wird es einfach nur all zu schnell wieder vergessen. :roll:



Ich frag mich auch woher bei so vielen Pflegehinweisen das "keine direkte Sonne" kommt. *kopfkratz* *doh*
Gruß, Claudia

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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Anja M. » 24.03.2014, 17:15

Waya hat geschrieben:
Ich frag mich auch woher bei so vielen Pflegehinweisen das "keine direkte Sonne" kommt. *kopfkratz* *doh*
Das ist gar nicht so verkehrt. Meine Großtanten stellen seit Anbeginn der Zeitrechnung gegen Mittag alle Pflanzen von der Fensterbank und lassen das Rollo runter und zum Kaffee geht's retour.



Meinen Menschen hab ich auch einst mit der Aufgabe zu gießen betraut. Es regnete zum Glück und so vertrockneten nur die Kräuter in der Küche. Es hat doch geregnet, meinte er. Nur in der Küche halt nicht. :?
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Erwin » 25.03.2014, 21:22

Waya hat geschrieben:
Ich frag mich auch woher bei so vielen Pflegehinweisen das "keine direkte Sonne" kommt. *kopfkratz* *doh*
Claudia,

ich denke, das hat damit zu tun, dass Sonnenlicht durch die Glasscheiben von UV-Licht in Wärmestrahlung umgewandelt wird. Wenn diese auf die Blattoberfläche auftrifft, entwickeln sich Temperaturen um die 50° C oder mehr. Das gibt Verbrennungen. Deshalb hält das wohl nur sowas wie ein Kaktus aus. Und auch wir lassen um die Mittagszeit die Rollläden runter....

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Kyrilla
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Kyrilla » 26.03.2014, 07:31

Mmh..ich bin durch Lesen zum Bonsai gekommen.
Und die Schere ist auch kein zu verachtender Faktor.Ist endlich klar,das geschnitten werden muß,braucht es einen Workshop um zu wissen wie....
Und 20 Jahre bis man endlich weiß wann man es läßt!
Bonsai ist die Kunst,die Perle einer Muschel sichtbar zu machen ohne die Muschel zu zerstören.

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Bergi
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Bergi » 19.10.2014, 10:42

... es ist manchmal unfassbar, wie wenig selbst ganz grundlegende Kenntnisse zur Natur i.w.S., ja überhaupt zur physischen Welt in der Bevölkerung verbreitet sind, selbst unter uns "Bildungsbürgern".

Ein - gar nicht extremes - Beispiel:
Eine durchaus akademisch angesiedelte Bekannte berichtete mir neulich von einer geführten Tour in einem deutschen Naturschutzgebiet (Altrhein oder so), auf der es tolle Orchideen gegeben hätte. Sie zeigte mir dazu Fotos vom Indischen Springkraut. Auf meine Anmerkung, das sei aber keine Orchidee sondern ein Springkraut, meinte sie in etwa "... schon, aber es sei eben doch auch eine Orchidee."
An der sich anschließenden Unterhaltung wurde deutlich, dass das ganze Prinzip der Natürlichen Systematik, also von klar definierten und geordneten Arten, bisher an der Guten vorbeigegangen war, und sie quasi von einem "belebten Ganzen mit sich je frei ergebenden und mengenden Formen" ausging... Niederschmetternd, wenn man z.B. an zeitgenössische Themen wie das Artensterben denkt :roll: .

Auf ähnliche Weise scheint es mir sehr gut möglich, dass jemand denkt "Pflanzen müssen nicht gegossen werden, wenn es regnet (egal wo sie stehen)", oder "Kakteen brauchen überhaupt kein Wasser", oder "Ein Schnuller bleibt "genießbar", wenn er nach weniger als 5 Sekunden wieder aufgehoben wird (egal, wohin er fällt)".

Verantwortlich für diesen grusligen Zustand scheint mir eine Geisteshaltung, die in etwa besagt "Das ist Wissenschaft, das verstehe ich sowieso nicht. Nachlesen dazu und Nachdenken darüber sind viel zu mühsam, ich versuche mir einfach, irgendein Stückchen davon zu merken, gerade das Allernötigste, damit kein größerer Schaden entsteht [Anm. - das ist in etwa die Haltung, die ich gegenüber meiner Steuererklärung einnehme, nur hier geht es eben um "Die Welt als solche"...]. Und überhaupt sind Naturwissenschaften ja superuncool und nicht lukrativ, damit kann ich gesellschaftlich nicht punkten, es lohnt nicht, da Energie reinzustecken".

Ist das Ignoranz...? Sicher. Aber sie ist ja wohl weniger "frei gewählt" als "verursacht, erlitten", ein weitgehend ungebremster, gut gezielter, mit allen verfügbaren Ressourcen betriebener Raub der Aufmerksamkeit...

Gut, dass wir Bonsaianer da anders sind *dance* !

Gruß,
Stefan
"Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie." (F. Kafka)

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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von MonaMour64 » 22.06.2015, 02:31

Oh ja, dieser Beitrag spricht mir aus dem Herzen - vielleicht passt er gerade deshalb so gut zu meiner Signatur ? ;)

Wenn diese weit verbreitete Ignoranz schon vor (Haus)Tieren nicht Halt macht (und ich weiß wovon ich rede), wie dann erst vor einem Baum ?!
Kann man denn von Leuten, die sich z.T. mehr und gründlicher über ihre geplante neue Kaffeemaschine (Auto, Smartphone - das ist fast beliebig austauschbar) informieren, als selbst darüber, was es bedeutet ein KIND zu bekommen, erwarten, dass sie sich mit den Bedürfnissen einer PFLANZE befassen ?
Die kauft man mal schnell im Bau-, Super- oder Möbelmarkt, weil sie hübsch aussieht, stellt sie ins Regal wie jede andere Deko, und wenn das Sch...Ding nix taugt und eingeht wird das "kaputte Teil" halt weggeschmissen - Variante: plötzlich IST es auf einmal ein Lebewesen und das Gejammer groß dass "die arme Pflanze stirbt". Dir tut nicht die Pflanze leid, Idiot, DU tust dir leid, sonst hättest du dich besser informiert und drum gekümmert !
Da ist eins so zum...ähm...*räusper*... zum "sich Übergeben" wie das andere.
Und die wenigsten gehören zu jener kleinen Gruppe, denen es wirklich leid tut wenn sie Fehler gemacht haben und die was draus lernen.

Aber das alles ist - aufs große ganze gesehen - letztlich ein Kampf gegen Windmühlen... natürlich ist Aufklärung wichtig und sinnvoll, in allen Bereichen, doch ein Großteil der Menschheit erweist sich unglücklicherweise äusserst hartnäckig als immun dagegen. Wäre es anders, hätten wir z.B. heute viele (Um)Weltprobleme nicht, vor denen (und deren Folgen) bereits vor Jahrzehnten gewarnt wurde... aber das führt an dieser Stelle zu weit, auch wenn es letztlich die selbe "Baustelle" ist.
Was wohl leider nie (aus)sterben wird ist - sehr frei nach Albert Einstein - die schier grenzenlose Ignoranz.

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Albert Einstein

Sorry für diesen drauflos wütenden Erguss, aber das musste jetzt raus. ;)
LG, Sabine (aka Mona)

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Pflanzbert
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von Pflanzbert » 22.06.2015, 15:39

Die Leute sind unterschiedlich. Aber generell ist er Mensch ein Wesen, das gerne in Kategoriern und Regeln denkt, der Verallgemeinert, Gruppen bildet und sortiert, um die Vielfalt um sich herum besser Handhaben zu können - je besser die Kategorien gewählt sind, desto weniger Ausnahmen von den Regeln gibt es, und man kann mit wenig "Wissen" sehr vieles erklären bzw. Bewirken.

Ich halte die Bekannte die ein "belebtes Ganzes mit frei sich ergebenden Mengen und Formen" nicht für typisch. Eventuell ist es aber ein Problem der Erziehung, weil in der Gesellschaft die Zurodnung von personen zu Gruippen immer mehr als "politisch unkorrekt" betrachtet wird, und das dann übertragen wird, in der Art, Einteilung von Dingen in Gruppen ist generell schlecht.

Leider konterkariert solches Denken die Arbeit von Generationen von Botanikern und Zoologen (Kategorien) sowie von Mathematikern, Chemikern und Physikern (Strukturen und Regeln).

Bei erneutem Nachdenken wundere ich mich jetzt weniger, warum die MINT Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) immer unbeliebter werden - alle diese bauen darauf, die Welt bzw. den Bereich des Interesses zu strukturieren, und Kategorien einzuteilen, und Regeln zu finden, die auf diese Strukturen bzw. Kategorien allgemein anwendbar sind.
Viele Grüße,
Hajo

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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von holgerb » 16.12.2015, 08:52

Guten Morgen.

Heute nur kurz. Sehr gute Grundaussage!

Ich verweise dazu nochmal auf Klima der Erde (P.S.: Fukientee kommt in den subtropischen Cfa und Cfb Klimaten vor, vielleicht auch noch tropisch)

@Erwin:
Erwin hat geschrieben:
Waya hat geschrieben:
Ich frag mich auch woher bei so vielen Pflegehinweisen das "keine direkte Sonne" kommt. *kopfkratz* *doh*
Claudia,

ich denke, das hat damit zu tun, dass Sonnenlicht durch die Glasscheiben von UV-Licht in Wärmestrahlung umgewandelt wird. Wenn diese auf die Blattoberfläche auftrifft, entwickeln sich Temperaturen um die 50° C oder mehr. Das gibt Verbrennungen. Deshalb hält das wohl nur sowas wie ein Kaktus aus. Und auch wir lassen um die Mittagszeit die Rollläden runter....

Erwin
Wenn Deine Aussage wahr wäre, wären vermutlich deine Augäpfel bereits verglüht und wir hätten jede Menge Energieprobleme gelöst (zumindest bräuchten wir keine Heizung mehr in gut mit Fenstern ausgestatteten Räumen). Das ist ein Mythos.

Keine direkte Sonne gilt für Schattenpflanzen, allerdings ist die Lichtausbeute hinter Glas so gering, dass jede Pflanze Indoor an Fenster gehört. Letztendlich ist das eine Frage der Wasserversorgung. Bei ausreichend nachführbarem Wasser, ist auch ein sonniger Standort möglich.
MarionS hat geschrieben: Ich fürchte eher, das Schwere an der Sache ist die grundlegende Erkenntnis, dass eine Pflanze Bedürfnisse haben könnte, die über "gelegentlich Wasser draufkippen" hinausgehen.
Halleluja!

Noch eine letzte (Schnuller) Anmerkung:

Wissen kann auch manchmal kontrovers sein. Ich halte übrigens gar nichts davon, dass unsere Welt immer steriler wird. Will sagen, ein dreckiger Schnuller (je nachdem in was er gefallen ist), muss meines Erachtens nicht gleich desinfiziert werden. Wie sollen wir abwehrstark sein, wenn die Abwehr nicht gefordert wird?
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Re: Der menschliche Faktor

Beitrag von achim73 » 16.12.2015, 10:38

Wenn Deine Aussage wahr wäre, wären vermutlich deine Augäpfel bereits verglüht und wir hätten jede Menge Energieprobleme gelöst (zumindest bräuchten wir keine Heizung mehr in gut mit Fenstern ausgestatteten Räumen). Das ist ein Mythos.
nicht ganz. elektromagnetische strahlung im sichtbaren lichtbereich wird tatsächlich durch die brechung in der glasscheibe in eine niedrigfrequentere form überführt, da mit der transmission ein energieverlust einhergeht.
und was kommt unterhalb des sichtbaren bereichs ? infrarot - oder wärmestrahlung.

und in modernen, gut gedämmten gebäuden braucht man wirklich durch diesen effekt in den übergangszeiten keine heizung. das wird sogar im nachweisverfahren zur EnEV (energieeinsparverordnung) genau berechnet unter dem punkt solare wärmegewinne.
deshalb haben auch gewächshäuser schattierungsvorrichtungen.

im hochsommer, direkt hinter einer südscheibe ohne luftzirkulation KANN das schon wirklich heiss werden.
allerdings ist der effekt meistens zu vernachlässigen.

viel mehr schaden richtet tatsächlich in der praxis der fehlerhafte hinweis "keine direkte sonne" an.
gerade die bei uns als "indoors" bezeichneten pflanzen brauchen ja jeden sonnenstrahl, den sie in unseren breiten kriegen können.
Gruss, Achim
"Der kürzeste Weg zum Glück ist der Weg in den Garten"
chinesische Weisheit

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