Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

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abardo
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Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

Beitrag von abardo »

Hallo an alle,

da ich bis jetzt weniger Nadelbäume als Laubbäume bearbeitet habe, hätte ich da eine Frage zum Wachstumsausgleich der verschiedenen Äste von Nadelbäumen untereinander.
In Büchern, im Forum und anderen Quellen wird zumeist nur erklärt, wie man eine gute Rückknospung oder Wachtumsverteilung an einem Ast hinbekommt (Einteilung in Wachstumszonen), es wird dann davon ausgegangen, dass der Baum schon korrekt aufgebaut wurde. Es wird aber zumeist nicht erklärt, wie man einen Ausgleich zwischen dicken und dünnen oder langen und kurzen Ästen erhält.

Fall 1 (zu kurzer Ast):
wenn ein Ast noch deutlich kürzer als die restlichen, schon zur geplante Silhouette passenden Äste ist, würde ich jetzt denken, dass man bei den langen Ästen dann die Kerzen am Ende des Astes (zum richtigen Zeitpunkt natürlich) komplett entfernt und bei dem zu kurzen Ast auf jeden Fall die mittlere Kerze durchwachsen lässt. Generell erstmal richtig gedacht ?
Oder sollte man das nur machen, wenn die langen Äste gar nicht mehr länger werden sollen ?
Sollte man bei den langen Ästen nur normal die mittleren Kerze kürzen und mit den restlichen weiter eine Verzweigung auf mindestens zwei neue Seitenäste aufbauen ?
Sollte man bei dem zu kurzen Ast eventuell sogar alle Kerzen bis auf die mittlere am Ende entfernen, den Ast somit durchschiessen lassen, um dann später auf eine Rückknospung zu setzen, wenn er in der Länge genug aufgeholt hat ?

Fall 2 (zu dünner Ast):
wenn ein Ast deutlich dünner als die restlichen Äste ist, sollte man dann bei diesem Ast immer wieder die Nadeln korrekt entfernen und bei den schon dickeren prozentual dann mehr alte Nadeln dran lassen und Kerzen regelmässig entfernen (sofern man an diesen keine weitere Verzweigung benötigt), um die dicken Äste zu bremsen ?
Auch hier richtig gedacht ?
Ein "Durchwachsenlassen" eines dünnen Astes, ohne etwas zu tun, führt ja nur zu späteren dicken Schnittstellen an den Enden, was ich eher unschön finde.

Wer auch immer das erklären mag, vorab schon ein Dankeschön.


P.S.: bin mir grad nicht sicher, ob die Frage hier wirklich unter Gestaltung (Techniken) oder doch lieber in die Pflege oder Basics gehört. Sorry, wenn ein korrektes Umsortieren Mühe macht.
Grüße, Frank
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Heike_vG
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Re: Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

Beitrag von Heike_vG »

abardo hat geschrieben:Hallo an alle,

da ich bis jetzt weniger Nadelbäume als Laubbäume bearbeitet habe, hätte ich da eine Frage zum Wachstumsausgleich der verschiedenen Äste von Nadelbäumen untereinander.
In Büchern, im Forum und anderen Quellen wird zumeist nur erklärt, wie man eine gute Rückknospung oder Wachtumsverteilung an einem Ast hinbekommt (Einteilung in Wachstumszonen), es wird dann davon ausgegangen, dass der Baum schon korrekt aufgebaut wurde. Es wird aber zumeist nicht erklärt, wie man einen Ausgleich zwischen dicken und dünnen oder langen und kurzen Ästen erhält.
Wenn Du mal nicht das Lesen der "Bonsai-Art" geschwänzt hast, um solche Themen geht es da seit Jahren immer wieder in schönster Ausführlichkeit und mit guten Fotoserien... *nono* :wink:
abardo hat geschrieben:Fall 1 (zu kurzer Ast):
wenn ein Ast noch deutlich kürzer als die restlichen, schon zur geplante Silhouette passenden Äste ist, würde ich jetzt denken, dass man bei den langen Ästen dann die Kerzen am Ende des Astes (zum richtigen Zeitpunkt natürlich) komplett entfernt und bei dem zu kurzen Ast auf jeden Fall die mittlere Kerze durchwachsen lässt. Generell erstmal richtig gedacht ?
Das Problem ist, dass man all diese Fragen niemals pauschal beantworten kann! Außer an Japanischen Schwarzkiefern würde ich an keiner Kiefernart die neuen Kerzen komplett entfernen.
Wie vorsichtig oder radikal man vorgehen kann, hängt immer in hohem Maße von der Baumart, dem Alter, dem Gesundheitszustand, dem Reifegrad, der Größe etc. ab. Das muss man möglichst gut einschätzen können.
Generell sind Deine Überlegungen aber schon ziemlich richtig.
abardo hat geschrieben:Sollte man bei den langen Ästen nur normal die mittleren Kerze kürzen und mit den restlichen weiter eine Verzweigung auf mindestens zwei neue Seitenäste aufbauen ?
Unterscheide immer sorgfältig Japanische Schwarzkiefer und andere Kiefernarten. Bei Ästen, die schon weiter fortgeschritten sind in Länge und Form, kann man normal weitergestalten und an der Verzweigung und Kompaktheit arbeiten, d.h. bei der Jap. Schwarzkiefer Kerzenschnitt machen, bei anderen Kerzen kürzen.
abardo hat geschrieben:Sollte man bei dem zu kurzen Ast eventuell sogar alle Kerzen bis auf die mittlere am Ende entfernen, den Ast somit durchschiessen lassen, um dann später auf eine Rückknospung zu setzen, wenn er in der Länge genug aufgeholt hat ?
Wenn Du nur eine Endknospe behältst und nur die durchtreiben lässt, wirst Du zwar eine Verdickung erreichen, aber eine sehr gleichförmige. Wir wollen ja auch an den Ästen eine Verjüngung erreichen. Daher besser in mehreren Schritten oder mit mehreren Opfertrieben arbeiten. Die mittlere Endknospe durchtreiben lassen, bis das Ziel genügender Verlängerung und Verdickung erreicht ist, ist natürlich ansonsten eine gute Idee. Man kann je nach Fall gleichzeitig die Seitenzweige normal bearbeiten und entwickeln.
abardo hat geschrieben:Fall 2 (zu dünner Ast):
wenn ein Ast deutlich dünner als die restlichen Äste ist, sollte man dann bei diesem Ast immer wieder die Nadeln korrekt entfernen und bei den schon dickeren prozentual dann mehr alte Nadeln dran lassen und Kerzen regelmässig entfernen (sofern man an diesen keine weitere Verzweigung benötigt), um die dicken Äste zu bremsen ?
Hier sehe ich es eher genau andersherum. Mehr Laub führt zu mehr Saftfluss und daher auch zu mehr Verdickung. An zu schwachen Ästen daher auf das Nadelzupfen bzw. Nadelschneiden weitestgehend verzichten. Das Durchwachsen der Opfertriebe sollte nicht über das Ziel hinausschießen. Ggf. lieber mehrere Jahre wieder neue Opfertriebe wachsen lassen und das auch nicht nur am Ende eines Zweigs, sondern an mehreren Triebspitzen, so dass sich der Hauptsaftfluss besser verteilt. Kommt natürlich auch auf die Größe des Baums an, wie viele Möglichkeiten man hat und wie lange es insgesamt dauert.
Bei den dickeren Ästen ist das korrekte Entfernen der alten Nadeln wichtig, um die weitere Verdickung zu begrenzen.
abardo hat geschrieben:Ein "Durchwachsenlassen" eines dünnen Astes, ohne etwas zu tun, führt ja nur zu späteren dicken Schnittstellen an den Enden, was ich eher unschön finde.
Das ist richtig, deswegen genau beobachten, Opfertrieb rechtzeitig entfernen, in mehreren Schritten und an mehreren Punkten Opfertriebe anwenden, s.o.

LG, Heike
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Re: Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

Beitrag von abardo »

Hallo Heike,
Heike_vG hat geschrieben: Wenn Du mal nicht das Lesen der "Bonsai-Art" geschwänzt hast, um solche Themen geht es da seit Jahren immer wieder in schönster Ausführlichkeit und mit guten Fotoserien... *nono* :wink:
Ich soll wieder mit Papier arbeiten ? *kopfkratz*
Ich glaub, die müssen mal eine durchsuchbare Online-Ausgabe machen, als Abo. Dann bin ich dabei.

Ok, also vielen Dank, im ersten Fall lag ich also generell erstmal richtig, beim zweiten Fall wirklich anders rum und lieber immer schön vorsichtig.
Grüße, Frank
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Re: Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

Beitrag von camaju + »

abardo hat geschrieben: Ich soll wieder mit Papier arbeiten ? *kopfkratz*
Ich glaub, die müssen mal eine durchsuchbare Online-Ausgabe machen, als Abo. Dann bin ich dabei.
Kann ja jeder machen, wie er will. Aber wenn ich mir so überlege, was dir da an Wissen und Information durch die Lappen gegangen ist. Sich nur auf's www zu verlassen, na, ich weiß nicht.
Gruß Jürgen *wink*

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Re: Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

Beitrag von Heike_vG »

Also ich liebe auch noch Bücher und Zeitschriften. Damit auf dem Sofa, Bett oder im Sommer im Garten auf der Liege zu lümmeln ist einfach gemütlich und genussvoll.
Die älteren Ausgaben der Fachzeitschriften bekommt man oft auch günstig gebraucht in online Auktionen oder mal hier im Bonsaimarkt. Sie werden nie unaktuell und ich lese meine immer wieder.
Das Wissen, das z.B. Bonsai-Art und Bonsai-Focus vermitteln, ist wie Jürgen schon andeutete, enorm und kaum durch anderes zu ersetzen.

LG, Heike
Zuletzt geändert von Heike_vG am 21.12.2014, 18:43, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

Beitrag von abardo »

Hi,

grad mal bei der "Bucht" geguckt, na dann muss ich da wohl mal zuschlagen ...

Dank euch.
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Re: Wachstumsausgleich bei Nadelbäumen

Beitrag von Heike_vG »

*daumen_new* Viel Freude beim Lesen und Lernen!

LG, Heike
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