Nach Nebari drängt, am Nebari hängt doch alles,

Schneiden, Spannen, Drahten, Alterungstechniken etc.
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bonsaiheiner
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Nach Nebari drängt, am Nebari hängt doch alles,

Beitrag von bonsaiheiner » 27.09.2015, 16:07

möchte man feststellen, in Anlehnung und Abwandlung an den berühmten Dichterspruch beim Bemühen um einen Laubbaumaufbau, der den Betrachter in den Bann ziehen soll. Denn so faszinierend wie der mattschimmernde Glanz des Goldes kann ein perfekt ausgebildetes Nebari wirken.
Ohne ein harmonisches Nebari (i.e. Oberflächenwurzelverteilungsbild, was für ein Wort :evil: ) kann keine Bonsaigestaltung gelingen. Solche Pflanzen gleichen seelenlosen Telefonmasten in der Landschaft.
Der mir bekannteste Baum, äusserst imposant in seinem Gesamterscheinungsbild, dabei aber völlig ohne Nebari, ist der afrikanische Affenbrotbaum oder Baobab (Adansonia digitata).
Diese Eigenart ist auch den Einheimischen aufgefallen. Nach deren Vorstellung riss der Teufel den Baum aus dem Boden und steckte ihn daraufhin mit den Zweigen zuerst ins Erdreich, sodass die Wurzeln in die Luft ragen.
Laut Wiki wird in der Schöpfungsmythologie der Eingeborenen eine andere Begebenheit erzählt, die die fehlerhafte Besonderheit des Baobab erklären und entschuldigen soll:
Als nach Erschaffung der Welt die Hyäne im spiegelnden Wasser feststellen musste, wie häßlich sie der Weltenschöpfer gemacht hatte, geriet sie darüber so in Zorn, dass sie den Affenbrotbaum ausriss und ihn in den Himmel schleuderte. Sie wollte den Verantwortlichen für ihre Häßlichkeit treffen und ihn dafür bestrafen. Der Baum verfehlte jedoch sein Ziel, fiel zurück zur Erde und blieb umgekehrt im Boden stecken und wächst seitdem mit den Wurzeln nach oben.
Zwei, wie ich finde, anrührende Erklärungsversuche, die die Ehre des alten, heiligen Baumes wiederherstellen sollen. So ganz ohne Wurzelansatz, das darf überhaupt nicht sein!
Ein Baum, der einen sicheren Stand hat und dieses durch sein Nebari auch anzeigt, hat Würde, Reife, ist erhaben und war in vorchristlicher Zeit und bei den Germanen auch in der Zeit danach noch Sitz der Götter, unter dem man sich traf, zu Gericht saß, war Mittelpunkt des sozialen Lebens.
Wie ist so ein Bonsai-Hauptattribut bei einem Rohling mit Potenzial zu erzielen?
Am Anfang Fehler vermeiden!
Siehe dazu auch:

http://www.bonsai-fachforum.de/viewtopi ... 54&t=35298

Bei Jungpflanzen, die man vom Feld in einer Bonsaigärtnerei holt oder aus der Baumschule bezieht, muss zeitig vor Kaufentscheid nach einem (wenigstens halbwegs vorhandenen) Nebari geforscht werden. Deshalb haben Bonsaibegeisterte auf der Suche nach geeigneten Rohpflanzen höchst selten makellos reine Fingernägel :-D .
Bei Sämlingen und Stecklingen wird ganz frühzeitig auf den späteren Wurzelansatz geachtet. Ulmenstecklinge machen es einem da einfach. Die bewurzeln so gut, dass man im 3. und 4. Jahr die freie Auswahl hat und die stärksten Wurzeln entfernen kann und muss, wenn sich schon so etwas ähnliches wie ein Wurzelballen gebildet hat.
Ulmensteckling Wurzelbild beim Umtopfen.jpg
Ulmensteckling Wurzelbild beim Umtopfen.jpg (68.41 KiB) 3387 mal betrachtet
Jedes Umpflanzen dient nicht nur der Substraterneuerung und der Reduzierung des Wurzelballens, sondern insbesondere der Optimierung des Wurzelansatzes, ist es doch in 2-3 Jahren die einzige Gelegenheit, hier korrigierend einzugreifen! Die Kultivierung in weitausladenden Schalen, am Anfang am besten in flachen Holzkisten, erleichert die Nebaribildung. Alle nach unten wachsenden Wurzeln, egal ob dick oder dünn, werden entfernt, sobald ein Wurzelballen gebildet ist, gilt besonders für Ahorne.
Beim Feldahorn, dessen Bild mit Nebari folgt, bin ich so verfahren: Ein junger Baum wurde vor über 20 Jahren der Natur entnommen und immer in flachen Schalen gepflegt. Beim Umpflanzen wurden die nach unten wachsenden Wurzeln konsequent abgeschnitten, oben wurden wenige störende, zu dicke Wurzeln entfernt. Es resultiert ein gewaltiges, etwas ungeschlacht wirkendes Nebari. Der Feldahorn kommt halt nicht so filigran daher wie der Fächerahorn.
Nebari Feldahorn.jpg
Interessant ist, dass die Stieleiche bei Kultivierung über Jahre in flachen Schalen ebenfalls ein schönes Nebari mit der so begehrten Verdickung des unteren Stammteiles (Tachiagari) ausbildet.
Nebari Stieleiche 9 15.jpg
Die Aufzählung liesse sich weiter fortsetzen. Der Garteneibisch reiht sich hier ebenfalls ein
Der Bergahorn benötigt als Jungpflanze stärkere korrigierende Eingriffe. Er neigt zur Ausbildung von zu starken einzelnen Oberflächenwurzeln, was beim Feuerahorn in dieser Ausprägung nicht der Fall zu sein scheint. Bilder dazu lasse ich aus, es werden sonst zu viele.
Beim Dreispitzahorn ist die Nebariausformung (Jungpflanzen) auf jeden Fall schwieriger als beim Fächerahorn. Es verdickt und verformt sich gern einseitig und erinnert manchmal an laufenden Weichkäse auf einem Teller in der Wärme.
Nebari Dreispitz 9 15.jpg
Bei ganz jungen Ulmen bekommt man also durchaus ansprechende Wurzelansätze, generell bei Jungpflanzen.
Nebari Ulmensteckling 9 15.jpg
Irgendeinen Vorteil muss die jahrzehntelange Aufbauarbeit gegenüber den Freunden und Kollegen von der Yamadorifraktion ja auch haben 8) .
Bei alten, der Natur entnommenen Pflanzen ist das Nebari der Hauptschwachpunkt, weil meistens nicht oder nur rudimentär vorhanden.
Ganz wichtig ist, das Nebari beim Aufbau des Baumes am Anfang bedeckt zu halten. Wurzeln können sich nur im Substrat entwickeln.
Die Fahrradschlauchmethode, die zuerst von Heike v. G. beschrieben wurde, hilft und erlaubt, dass sich Wurzeln auch auf dem Substrat und in dessen oberen Schichten bilden können.

http://www.bonsai-fachforum.de/viewtopi ... ad#p253597
Siehe hierzu auch "Bonsai Art", Heft 112.

Wenn der Nebariaufbau voranschreitet, sollte er bei Ahornen immer noch bedeckt bleiben , Ausnahme: A.palmatum "Arakawa". Das gilt für alle Laubbäume mit borkigem Stamm (Zelkova serrata "nire", Quercus suber). Die Borke soll ja auf das Nebari übergehen. Sie kann sich aber nur entwickeln, wenn sie Licht, Luft und Sonne ausgesetzt ist. Die Borkigen wirken sonst am Stammfuß leicht wie "eingeschnürt".
Borkige I.jpg
Borkige II.jpg
Die Bohrpfropfung ist eine geniale Methode zur Verbesserung des Wurzelbildes. Ich kann sie beispielhaft an einem A. palmatum "tennyo no hoshi" zeigen. Dazu wurde ich durch einen hervorragenden Artikel von Herbert Aigner angeregt.

http://www.bonsai-fachforum.de/viewtopi ... +r+Wurzeln
A.p.tennyo no hoshi Wurzelablaktation Frühjahr 2011.jpg
Heike v. G. hat an ihren A. palmatum "butterfly" ausgiebigst gezeigt, wie durch Anplatten von bewurzelten Jungpflanzen das Nebari verbessert und weiterentwickelt werden kann.

http://www.bonsai-fachforum.de/viewtopi ... =butterfly

Ein weiteres probates Mittel zur Verbesserung des Nebari, bzw. zu dessen Schaffung ist die Abmoosung.
Ich zeige hier nicht die Technik, sondern das Ergebnis bei Ahorn subspez. nach 10 und mehr Jahren, bei A. shishigashira.
Nebari Shishi.jpg
Eine von den beiden übereinander wachsenden Wurzeln links wird noch entfernt, ich weiss noch nicht welche
Aber egal, ob Fahrradschlauch, Wurzelbohrpfropfung, Anplattung von Jungpflanzen oder Abmoosung, alle diese Methoden können in ihrem Ergebnis nicht mit der natürlichen Entwicklung eines Nebari verglichen werden, welches sich in der Breite, vom Substrat bedeckt, entwickeln kann und dann ganz langsam, peu à peu, Schritt für Schritt, über Jahre verteilt, freigelegt wird.
Ein weiterer Pluspunkt dieser Nebarientwicklung ist der positive Einfluss auf die Formung des Tachiagari (i.e. unterer Stammbereich,oberhalb des Wurzelansatzes) s. auch oben, bei Stieleiche:
Es wird stärker, schwillt ebenfalls an und verleiht dem Baum ein weiteres Reifezeichen.
Nebari Fächerahorn 9 15.jpg
Beste Grüsse,
Heiner

Den kompletten Thead findet ihr hier

http://bonsai-fachforum.de/viewtopic.php?f=9&t=42254
Ein Tag ohne Beschäftigung mit Bonsai ist ein verlorener Tag!

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