Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Der richtige Ort Bonsai (Baum in Schale mit gewisser Reife) vorzustellen und zu präsentieren. Der Threadersteller möge bitte im Eröffnungsthread darauf hinweisen wenn allgemeine Kommentare unerwünscht sind. Andernfalls stellt sicher, dass ihr etwaige fachliche Kritik durch die "DREI SIEBE" gesiebt habt!
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Tomsai 92
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Tomsai 92 »

zopf hat geschrieben:
14.02.2020, 08:53
Der Langläufer hingegen läuft oder auch nicht,
mal kurz, mal lang, mal langsam, mal schnell, er läuft halt einfach.
So könnte auch die Wirkung alter Laubbäume entstanden sein,
kein Plan, kein Ziel, kein Zwang - mehr
Klingt gut... Bezogen auf viele Prozesse des Lebens würde ich dieser Beschreibung als Basis der letzten Stufe auch zustimmen. Aber ist Bonsai nicht auch gerade die Auseinandersetzung mit all dem in der Vergangenheit gewachsenen? Wie soll auf Bonsai umgemünzt diese Stufe des erlösten Strebens möglich sein, wenn der Gestaltungsprozess nicht von Beginn an „fehlerlos“ durchlaufen wurde?


In der diesjährigen winterlichen Kunstgeschwafel-Diskussion fiel ein Zitat, das bei mir bis heute nachhallt und ich gerne in diesem Kontext wiederholen möchte:
Andreas Ludwig hat geschrieben:
19.01.2020, 00:23
Wer Bonsai pflegt muss sich nur jeden Tag von Neuem, frei, ganz für sich fragen: «Was ist eigentlich Bonsai?»

Bonsai ist eine offene Frage, die zu beantworten wir Deppen, Naivlinge, Melancholiker, Ehrgeizlinge uns nunmal aufgeladen haben. Da ist kein Kanon, da ist kein Gesetz, wir werden keine Erlösung erfahren durch Erfüllung eines wie immer gearteten Codex, da sind nur wir – und diese Krüppel. Giessen, Düngen, nicht aufgeben.
Wer weiß, spricht nicht, wer spricht, weiß nicht.


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Tomsai 92
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Tomsai 92 »

Aus reiner naiver Neugier habe ich mal den ursprünglichen Rohling möglichst unvoreingenommen betrachtet und skizziert, wie ich heute vielleicht den Baum angehen würde. Keine große Wunde, kein Ausgleich der Stammbewegung durch die zurückgeneigte Spitze, sondern ein friedlicherer, größerer Ahorn. Das wäre in den 10 Jahren auch möglich gewesen. Vielleicht hätte sich der Baum gegen diese Form nicht so gewehrt, wie gegen die jetzige...


Und als zweites habe ich die derzeitige Form weitergeträumt.
Ich freue mich darauf in vielen Jahren wieder auf meine heutigen „Fehler“ und die, die noch kommen werden, zurück zu schauen.
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Skizze. Neustart.Acer.TomBähne.jpg
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Skizze.Neustart.Vergleich.Acer.TomBähne.jpg
Skizze.Neustart.Vergleich.Acer.TomBähne.jpg (112.11 KiB) 739 mal betrachtet
für einen Feldahorn unrealistisch feinverzweigt... aber man darf ja träumen
für einen Feldahorn unrealistisch feinverzweigt... aber man darf ja träumen
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Skizze.Vision2020.Vergleich.Skizze. Vision2020.Acer.TomBähne.jpg
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zwanziger
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von zwanziger »

Hey Tom,

auch gut, deine erste neues Skizze finde ich persönlich zu Jugendlich aber mein Geschmack zählt nicht.
Deine zweite Skizze gefällt mir persönlich sehr gut aber das liegt an der Natürlichkeit,
allerdings geht durch die Verzweigungsdichte auch ein wenig die Eleganz verloren.
Ich finde Eleganz braucht Freiräume und leichte Bewegungen.
Umso Beeindruckender ist für mich die konsquente Verfolgung deiner Ursprünglichen Vision,
damit hälst du ja auch einen Lebensabschnitt fest.
MfG André

Hummel Hummel, Mors Mors

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grüner_hesse
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von grüner_hesse »

Den aufstrebenden Substamm noch einen kleinen Tick kräftiger, etwas dicker, dann geht Laubbaum für mich nicht mehr besser. Wenn dahin nun die Reise gehen soll hast du damals alles richtig gemacht :)

Anhand der Bilder von 2016 konnte man mit etwas Vorstellungskraft und Beobachtung deiner akribischen Arbeit durchaus erkennen, was die Zukunft bringt. Das wäre für mich kein Anlass gewesen, dir Verbesserungvorschläge zu machen. Schon gar nicht unaufgefordert unter Baumpräsentation.

Viele Grüße
Benny

holgermueller
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von holgermueller »

Junge, das sind ja bei Weitem keine Skizzen mehr. Das sind ja Kunstwerke was Du da machst.. Irre, ich wünschte ich könnte nur ansatzweise so zeichnen. Also ich finde Deinen Baum so wie er jetzt ist echt klasse und hoffe das Du noch viele Jahre Spass an dem tollen Baum hast. Gruß Holger

Michael 86
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Michael 86 »

holgermueller hat geschrieben:
15.02.2020, 08:00
Junge, das sind ja bei Weitem keine Skizzen mehr. Das sind ja Kunstwerke was Du da machst.. Irre, ich wünschte ich könnte nur ansatzweise so zeichnen. Also ich finde Deinen Baum so wie er jetzt ist echt klasse und hoffe das Du noch viele Jahre Spass an dem tollen Baum hast. Gruß Holger
Dem kann ich mich nur anschließen. Baum als auch beide Skizzen gefallen mir sehr, sehr gut.
Hammer, wo lernt man so Zeichnen? Ich ziehe meinen Hut....

Grüße und anerkennendes Lob, Michael

Ps: dein Baum erinnert mich ganz stark an meinen kanadischen Feuerahorn.
viewtopic.php?f=9&t=45830
Darf ich die Zeichnungen und Baum als Inspiration für mich speichern?
Grüße Michael :)

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Norbert_S
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Norbert_S »

Beide unverschämt gut.

Die Feinverzweigung solltest du nicht nur träumen - sie dauert halt und ist nur bei entsprechendem Wurzelraum und dazu passender Pflege zu erzielen.
Schwer, aber ein gutes Ziel.
Von Fehlern zu sprechen, die gestalterisch gemacht werden, offenbart das eigene gedankliche Gefängnis.
Deine Bilder, Skizzen darf man so etwas Schönes doch nicht mehr nennen, beweisen das Gegenteil.
Es sind Entscheidungen, die immer wieder zu fällen sind und aus denen sich dann weitere ableiten lassen. Und wie wohl die meisten von uns wissen, darf man manchmal aus unterschiedlichsten Gründen eben nicht über Los gehen sondern muss ein paar Entscheidungen zurück und neu oder fast neu anfangen.
Norbert

So wie du bist, so sind auch deine Gebäude
Sullivan, 1924

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Tomsai 92
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Tomsai 92 »

Ich danke euch! Es macht echt Spaß hier spielerisch auf euren Impulsen gedanklich aufzubauen.
zwanziger hat geschrieben:
14.02.2020, 21:10
deine erste neues Skizze finde ich persönlich zu Jugendlich
Interessanter Punkt. Ich habe die Version mal „fertig“ gezeichnet, damit man sie diesbezüglich vergleichen kann. Wirkt der Baum jetzt immer noch jünger?

grüner_hesse hat geschrieben:
14.02.2020, 21:50
Den aufstrebenden Substamm noch einen kleinen Tick kräftiger, etwas dicker
Stimmt, danke für die Anmerkung. Besonders der Übergang zum Stamm fällt unnatürlich ins Auge. Ein Substamm in dem Kaliber bildet immer am und unter dem Ansatz Kompensationsholz, da dies die windbruchgefährdetste Stelle ist. Hab es korrigiert.


Michael 86 hat geschrieben:
15.02.2020, 08:45
wo lernt man so Zeichnen?
Rein handwerklich gesehen kann ich kaum zeichnen. Hab es nie gelernt und bin bei der Thematik leider immer zu antriebslos gewesen zu üben. Ich brauche um ein vielfaches länger als jeder, der Zeichnen gelernt hat, kann weder schattieren, noch abschätzen wie ich sonstige Effekte nutzen könnte. Ich bemühe mich halt mit Geduld meine Wurstfinger einen Bleistift haltend irgendwie die Dinge, die meine Augen und mein Kopf wollen, aufs Papier zu bringen. Deshalb nenne ich das auch nur Skizze, ich versuche bei der Essenz meiner Idee zu bleiben aber schmücke die Bilder nicht aus. Ich glaube, dass jeder, der es wirklich will und bereit ist 2 Stunden rauchenden Schädels für eine solche Zeichnung zu investieren, auch zu befriedigenden Ergebnissen kommen wird. Und was sind schon 2 Stunden verglichen mit 20 Jahren täglicher Bonsaipflege? Die Ergebnisse beruhen im Grunde fast ausschließlich auf meiner seit Jahren extremen Auseinandersetzung mit Proportionen, Wachstumsstrukturen, speziesbedingten Besonderheiten, dem intensiven Betrachten und Genießen von echten alten Laubbäumen, etc.. Ich bin inzwischen selbstständiger Gärtner mit einer tiefen Passion für Pflanzen an sich, dessen Quell ich mir selbst oft nicht erklären kann. Aus dem Berufsalltag nehme ich also auch recht viel mit. In den ersten Jahren meines Bonsaifiebers habe ich vor allem bei echten Bäumen nach dem Ausdruck von Bonsai gesucht und diesen Gedankenmatsch dann an meinen Bäumen ausgelassen, das sehe ich z.B. jetzt der Skizze von 2011 noch an. Diesen Gedankenstrukturen habe ich mir inzwischen erlaubt sich umzudrehen. Seitdem fühlt sich das alles viel schlüssiger an.


Norbert_S hat geschrieben:
15.02.2020, 09:48
Die Feinverzweigung solltest du nicht nur träumen - sie dauert halt und ist nur bei entsprechendem Wurzelraum und dazu passender Pflege zu erzielen.
Schwer, aber ein gutes Ziel.
Danke, deine Erfahrungen diesbezüglich nehme ich gerne zu Herzen. Über den Aspekt mit dem nötigen Wurzelraum habe ich auch schon gerätselt. Das ist der Grund, warum ich mich scheue die ovale flache Schale vorzuziehen und zumindest noch für ein paar Jahre der Entwicklung bei rechteckig bleiben möchte. Meine ovale Option hat nur 5cm Innenhöhe (dickwandige Heinzlreiter), die aktuelle geschätzt 8cm.
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Skizze. Neustart.Var2.Acer.TomBähne.jpg
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Skizze. Vision2020.Var2.Acer.TomBähne.jpg
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Welcher Baum wirkt älter?
Welcher Baum wirkt älter?
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bonsaiheiner
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von bonsaiheiner »

Norbert_S hat geschrieben:
15.02.2020, 09:48
Beide unverschämt gut.


Es sind Entscheidungen, die immer wieder zu fällen sind und aus denen sich dann weitere ableiten lassen. Und wie wohl die meisten von uns wissen, darf man manchmal aus unterschiedlichsten Gründen eben nicht über Los gehen sondern muss ein paar Entscheidungen zurück und neu oder fast neu anfangen.
Genau mein Credo.
Wenn Du der Jungpflanze durch überlegte Erstgestaltung einen Anstoß gibst, ist es oft erstaunlich, in welche Richtung die Reise geht und dabei bist sehr oft nicht Du es, der die weiteren Wegweiser gibt und die neuen Ziele auzeigt, sondern der Baum. Jedenfalls kommt es mir des öfteren so vor als ob der Baum die bessere Idee hatte.
Dann kommt etwas dabei heraus wie Du es uns hier zeigst.
Ich bin jedenfalls begeistert!
Dabei ist es nebensächlich, welches Vorbild auf Deinen Bildern den älteren Baum widerspiegelt. Der ältere ist der mit dem Uro, aber der erhabenere ist der mit dem intakten Stamm.
Ein Tag ohne Beschäftigung mit Bonsai ist ein verlorener Tag!

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Bonsai-Fips
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Bonsai-Fips »

Hallo Tom
Erst einmal ein grosses Kompliment für Deine sehr gelungene Arbeit mit dieser schwierigen Art *daumen_new* !
Deine umsichtige und geduldsame Art der Gestaltung verleiht dem Baum jetzt schon viel Ausstrahlung!
Tomsai 92 hat geschrieben:
15.02.2020, 21:25
Es macht echt Spaß hier spielerisch auf euren Impulsen gedanklich aufzubauen.
...ich überlege mir oft gerne, wie ich einen Baum zu gestalten versuchen würde. Ich hoffe, es ist für Dich in Ordnung, wenn ich eine spielerische Fingermal-Skizze anhänge. Sonst gib Bescheid, dann lösche ich sie wieder.
Mein Gedanke war in etwa: Da der Hauptstamm vermutlich immer wesentlich stärker wie der Substamm sein wird, habe ich den Substamm unter geordnet. so dass er keine Konkurrenz zum Hauptstamm ist, sondern "nur" die Lücke nach dem "Schicksalsschlag"/Uro füllt.
Viele Grüsse, Fips
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2020.2.Acer-campestreTomBähne[1].jpg
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zopf
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von zopf »

Hallo
Vielleicht ist es nur die eingeschränkte Sichtweise meiner "inneren" Baumbilder,
aber für mich meine Augen ist irgendwie "festgelegt"
gerader Stamm - gerade Stammlinie - symmetrische Krone (gilt auch für Besen) - Kronenspitze über dem Stammfuß
Stamm mit einer Richtung - asymmetrische Krone - Kronenspitze nicht lotrecht
Dazu käme noch die eher geschlossene Laubhaube beim geraden Stamm
und die unregelmäßige Silhouette bei einem nicht geraden Baum.
Die Skizze mit Uro sagt mir mehr zu, da es, für mich einen Grund geben muss,
das der Baum diesen Knick hat.
Bei der weiterführenden Skizze mit dem hochwachsenden Substamm
erscheint mir dieser zu hoch und die Kronenspitze zu weit in die Mitte gerückt.
Umso dicker ein Stamm ist umso mehr Wasser kann er transportieren, also mehr Blätter versorgen.
Wenn der dünne Substamm so hoch wächst, kann er nicht viele Blätter versorgen,
also hätte er lange Internodien und wenig Blätter.
Das zurückführen der Krone in die lotrechte Richtung,
führt zu einer unruhigen Bewegung im oberen Stammbereich de Hauptstammes.

Entschuldige wenn ich vielleicht auch altersbedingt so eine eingeschränkte Sichtweise habe,
mfG Dieter
cogito ergo pups

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Tomsai 92
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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Tomsai 92 »

Danke Heiner! Ja, diese Erfahrungen mache ich mit großer Freude auch mehr und mehr... nur nicht wirklich beim Feldahorn. Umso schmeichelhafter ist eure Annahme, ich hätte dem Baum in Teilen die Führung überlassen. Den Eindruck hatte ich nämlich bisher kaum, gemessen anhand der Zusammenarbeit mit meinen anderen Bäumen.

Bonsai-Fips hat geschrieben:
16.02.2020, 00:10
...ich überlege mir oft gerne, wie ich einen Baum zu gestalten versuchen würde. Ich hoffe, es ist für Dich in Ordnung, wenn ich eine spielerische Fingermal-Skizze anhänge. Sonst gib Bescheid, dann lösche ich sie wieder.
Mein Gedanke war in etwa: Da der Hauptstamm vermutlich immer wesentlich stärker wie der Substamm sein wird, habe ich den Substamm unter geordnet. so dass er keine Konkurrenz zum Hauptstamm ist, sondern "nur" die Lücke nach dem "Schicksalsschlag"/Uro füllt.
Danke Fips, sofern du mir gestattest ungeniert meine Gedanken dazu zu äußern, nehme ich deine Idee gerne entgegen. Ich hatte ja hier schon meine drastische Sammlungsreduktion 2018 erwähnt. Von über 50 Bäumen wollte ich nur 20 übrig lassen (Jungpflanzen und Shohin ausgeschlossen), um Raum für Zeit mit meiner Familie zu schaffen und mir den Druck bei der jahreszeitlichen Pflege zu nehmen. Diese Phase war die bisher lehrreichste überhaupt. Mir blieb ja nichts anderes übrig, als mich damit auseinander zu setzten, was ich eigentlich wirklich mit Bonsai wollte und auf welchen Werten meine Beschäftigung mit Bonsai überhaupt aufbauen. Bis auf 30 übrige Bäume zu selektieren fiel noch relativ leicht. Wenn ich von der gleichen Art einen signifikant besseren hatte, musste alles andere weichen. Wenn ein Baum einen „Fehler“ hatte mit dem ich mich einfach langfristig nicht hätte anfreunden können, musste auch der gehen, egal wie eng ich mich durch die Jahre zuvor mit ihm verbunden fühlte. Bei dem letzten zu reduzierenden Drittel gefiel mir jeder Baum und in jedem sah ich großes Potenzial. Das ausschlaggebende Kriterium wurde dann, ob die Bäume mir das Gefühl gaben einen wahren Baum in ihnen zu sehen. Bis auf eine einzige Ausnahme, ein abstrakter Baum mit unheimlichem Potenzial, musste alles gehen.
Ich vertrete also ähnliche Gedanken wie Dieter:
zopf hat geschrieben:
16.02.2020, 08:52
Vielleicht ist es nur die eingeschränkte Sichtweise meiner "inneren" Baumbilder,
aber für mich meine Augen ist irgendwie "festgelegt"
gerader Stamm - gerade Stammlinie - symmetrische Krone (gilt auch für Besen) - Kronenspitze über dem Stammfuß
Stamm mit einer Richtung - asymmetrische Krone - Kronenspitze nicht lotrecht
Aber ich belasse mir noch einen mehr oder wenigen großen Spielraum, der auch vermeintliche „Fehler“, im Einklang mit der Evokation eines Baumes, zulässt. Dieser Spielraum ist entweder geprägt von den mir bekannten tlw. über 500 Jahre alten Bäumen, die sich offensichtlich zu einem gewissen Grad manchmal auch nicht an die Spielregeln halten, oder im Zweifelsfall ziehe ich meine Intuition zurate. Der traue ich ohnehin deutlich mehr zu, als meinem beschränkten wertenden Verstand.

Im Falle deines Gestaltungsansatzes sehe ich für meinen Geschmack nicht mehr genug Baum in dem Resultat. Die Silhouette scheint mir unterproportioniert und die stark zurückweisende Krone gleicht nicht mehr meinen inneren Baumbildern.

Aber - das Resultat hat durchaus ästhetische Reize und damit seine Daseinsberechtigung. Das Uro wird auf diese Weise schön eingerahmt, die Aststrukturen im Zentrum werden betont. Es ist ein anderer Stil. Mehr oder weniger abstrakte Kunst und Realismus lassen sich nicht sinnvoll vergleichen, sie legen andere Wertesysteme zugrunde. Das würde ich z.B. bei Bewertungen auf Bonsaiausstellungen kritisieren.

Ich denke die Wertung über „Fehler“ ist stets subjektiv. Deshalb kann die Kommunikation und die Äußerung der subjektiven Emotionen sehr sinnstiftend für das Verständnis und den gemeinsamen Genuss einer Sache sein. Die wenigsten Bäume hier im Forum würde ich besitzen wollen – aber ich kann sie trotzdem genießen.
Wer weiß, spricht nicht, wer spricht, weiß nicht.

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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von zwanziger »

Hi Tom,

das wirkt jetzt schon älter aufgrund der Feinverzweigung,
allerdings sind die meisten Linien im Baum aufstrebend und das symbolisiert Jugendlichkeit.
Die Frage für wäre eher, wie betrachtest du unsere Umwelt, was möchtest du darstellen?
So wie ich das verstanden habe, möchtest du eine Zeitzone einfrieren, die in der deine Idee entstand, in der du eher Mittelalte Bäume beobachtest hast, usw..
Und das ist für mein Verständnis konsequent in der deiner Skizze durchgezogen.
Persönlich finde ich, das sich der Bruch in der Stammlinie durch die Verteilung der Laubmasse rechtfertigt.
MfG André

Hummel Hummel, Mors Mors

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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von nemsi »

Hallo Tom,

aussergewöhnlich gute Gestaltung mit dieser störrischen Art. Ich habe es aufgegeben meinen großen Feldahorn weiter zu entwickeln. Mir war der Aufwand im Vergleich zum Ergebnis zu groß. Darum mein uneingeschränkter Respekt. Ich bin auch froh, dass Du Dich nicht für die ruhigere Variante entschieden hast.
Einfach nur geil!!!! *daumen_new* *daumen_new* *daumen_new*
Liebe Grüße
Robert

Bonsaifreunde Franken e. V.

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Re: Feldahorn (Acer campestre): das gemeinsame Erwachsenwerden

Beitrag von Tomsai 92 »

Danke Robert!
zwanziger hat geschrieben:
16.02.2020, 13:46
Die Frage für wäre eher, wie betrachtest du unsere Umwelt, was möchtest du darstellen?
So wie ich das verstanden habe, möchtest du eine Zeitzone einfrieren, die in der deine Idee entstand, in der du eher Mittelalte Bäume beobachtest hast, usw..
Ich möchte nichts darstellen, nichts einfrieren und auch nichts von dem Baum erwarten. Warum sollte ich? Ich gebe einfach mein Bestes. Aus reiner Passion, aus Respekt vor dem Baum und mir selbst. Der Baum ist ja bereits das für mich, was er immer war und ich schätze die Inspirationen, die der Umgang mit ihm immer wieder birgt. Ich mache meine Bäume für mich und für niemanden anders. Es ist meine Art und Weise meine Sicht und mein Verhältnis zur Natur auszudrücken und zu reflektieren. Der Baum war, ist und wird für mich ein Sinnbild meines Erwachsenwerdens sein. Als Kinder einer sich über Leistung definierenden Gesellschaft ist man hierzulande leicht geneigt, sich aus dieser kollektiven Erziehung über die Qualität seiner Handlungen zu definieren. Das war in meiner Jugend – zeitlich verbunden mit dem Anfang dieses Baumprozesses - das selbsterschaffende „gedankliche Gefängnis“, wie Norbert es so schön beschreibt.


Meine Art und Weise hier zu schreiben mag vielleicht einige verwundern. Aber wenn ich einen Baum von mir zeige, wovor ich mich ja nicht grundlos jahrelang gedrückt habe, sehe ich keine andere Möglichkeit als eben auch diese philosophischen Themen mit auszudrücken. Als Ausdruck meiner Wertschätzung gegenüber dem Baum. Bonsai ist für mich etwas sehr persönliches, ja nahezu intimes.
Wer weiß, spricht nicht, wer spricht, weiß nicht.

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