Plädoyer für das Einfache

Allgemeine Philosophie, Stilarten, Techniken, Vorstellung und Besprechung von Rohmaterial sowie lose Sammlung von Entwicklungs-Dokus
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zopf
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Plädoyer für das Einfache

Beitrag von zopf »

Liege ich richtig in der Annahme, das der einfache Baum,
der nur oberflächlich hübsch wirkende Baum, einfach nur
ein Bäumchen ohne Ecken und Kanten, ohne Jin und Shari
keine Akzeptanz mehr findet.
Sind denn Bonsai wie Nachrichten, nur Unheil, Tragödien....
Aufsehenerregend muss es sein, Neu, Anders.
Gibt es denn nicht den in Würde Gealterten, von Schickalsschlägen
verschonten Baum, schön anzusehen ohne tiefere Aussage.
Sind nicht der Einfache, der Schöne, der Verküppelte ...
nur verschieden Facetten des Baumes ?
Es soll tatsächlich auch Menschen geben, die einfach
aufstehen, sich schütteln und weiter gehts.
mfG Dieter
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crimson
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Beitrag von crimson »

Du sprichst mir ein wenig aus der Seele. Ich denke das könnte daran liegen, dass viele hier diesem schönen Hobby schon lange nachgehen und viele einfache schöne Bäume gesehen und gestaltet haben. Natürlich versucht man sich mit der Zeit an neuen Herrausforderungen, neuen Ansichten, neuen Formen. Mir als Anfäger z.B. gefallen noch die klaren, einfachen Laubbäume der Wälder meiner Heimat wesentlich besser als die von Wind und Wetter gezeichneten Koniferen.

Die Dichte an Totholzpartien ist in diesem Forum wirklich fast erdrückend hoch.

Viele Grüße
I say, if your knees aren't green by the end of the day, you ought to seriously re-examine your life.
(Calvin & Hobbes)
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hfbonsai
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Beitrag von hfbonsai »

crimson hat geschrieben:
Die Dichte an Totholzpartien ist in diesem Forum wirklich fast erdrückend hoch.
*lach*

Vielleicht ist das wie bei der Mode, es wechselt ständig und es kommen neue Formen dazu.
Was Heute die meisten Bonsaijaner anzieht, kann Morgen überdrüssig und völlig Out sein.
Was vorgegeben wird "das ist das Beste und Erstrebenswerteste" muß morgen nicht das Beste sein.

Gerade deshalb halte ich für wichtig, daß jeder seinen eigenen Weg geht und das macht was ihm gefällt und nicht das was vorgegeben wird. :wink:
Man kann ja bei seinen eigenen Bäumen auch sehr gut beobachten wie sich mit den Jahren die Bäume verändern. :idea:


Frank
Gruß Frank

hfbonsai= Heike + Frank-Bonsai

Ein guter Bonsai braucht Zeit, so wie die Natur die uns erschaffen hat.
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Wolfgang
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Re: Plädoyer für das Einfache

Beitrag von Wolfgang »

zopf hat geschrieben:Liege ich richtig in der Annahme, das der einfache Baum,
der nur oberflächlich hübsch wirkende Baum, einfach nur ein Bäumchen ohne Ecken und Kanten, ohne Jin und Shari keine Akzeptanz mehr findet.
Das stimmt ganz bestimmt nicht.

Keine Zustimmung finden nur unnatürlich, s-förmig gekrümmte Baumarkt- Indoor-Krücken, aber sonst hat alles seine Berechtigung!

Die Geschmäcker sind eben verschieden ..... :wink:
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Martin_S
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Beitrag von Martin_S »

Ich gebe dir da tw. auch recht. (und tw. auch wieder nicht :wink: )
Denn, ich selber bin ja so einer der gerne harmonische Gestaltungen (wie in den Büchern, eher unnaturealistisch bis neoklassizistisch oder so) vorzieht.
M
Beste Grüße
Martin

Lieber Querlüften als Querdenken!
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Georg
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Beitrag von Georg »

Ich denke, die Qualität der gärtnerischen und künstlerischen Arbeit ist ausschlaggebend.
Was ist tonangebend?
Vieles gefällt momentan, hat aber nicht immer eine dauerhafte Wirkung.
Anderes gilt als zu harmonisch und/oder gekünstelt. Na und?
Ich muß zugeben, daß mich z.B. Walters Blickwinkel in meiner Betrachtungsweise schon sehr beeinflußt hat und ich viele klassisch gestaltete japanische Bonsais für langweilig empfinde.
Sind sie deswegen schlecht?
Nie und nimmer; sie treffen halt nur mein persönliches Empfinden nicht so.
Deswegen unterschreibe ich auch den Satz von Wolfgang: Es muß jedem selbst gefallen. Das ist wichtig. (Trotzdem verlange ich zumindest gärtnerische Qualitäten)
Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben geben, daß Du es sagen darfst(Voltaire)
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Stefan K.
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Beitrag von Stefan K. »

Dieter
Ich kann zwar nur für mich sprechen,
aber mir gefällt beides,

Die extremen Koniferen mit Totholz über Totholz und kleinen Krönche,
das der Baum halt auch noch lebt
und das genaue Gegenteil

meist Laubbäume

mit ihren filigranen Ästen und Zweigen wie z.B. Walters grosser Ahorn.


Aber ich muss dir irgendwo Recht geben, nämlich das die ersteren
einfach mehr Wind und WOOWs und OHHHHs hervorrufen.
Ich hab Spass !
grüsse aus tirol stefan
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jost
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Beitrag von jost »

Totholz und v.a. viel Totholz nur dann, wenn es richtig gut gemacht ist. Sieht man leider viel zu selten.

Eine unspektakuläre Buche, wie ein frei stehendes imposantes Exemplar gestaltet, macht mehr Arbeit, als der Laie oder Anfänger vermutet und wirkt auf mich oftmals beeindruckender als eine Baumskulptur.

Aber jeder hat seine Vorlieben und das macht die Sache doch so abwechselungsreich.
Gruß, Joachim
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Anja M.
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Beitrag von Anja M. »

Vielleicht liegt die starke Präsenz der Todholzgestaltungen auch nur daran, daß sie schwieriger sind und ihre Gestaltung mehr Gesprächsstoff bietet.
73 Anja
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holgerb
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Beitrag von holgerb »

Dieter,
auch mir sprichst Du ein bisschen aus der Seele. Ohne jemandem an die Karre fahren zu wollen, aber irgendwann ist auch die hundertfünfunddreissigste Kiefer mit xy-fachen Jins und Shari von der Spitze bis in die Wurzeln und drei grünen Trieben (ich man merkt's: ich übertreibe! Ich provoziere!) langweilig. Es mag zwar jede anders aussehen, aber manchmal habe ich den Verdacht, die Kunst liegt in den Fräsarbeiten. Wie Wolfgang aber gesagt hat, hat alles seine Berechtigung, solange man nicht von vornherein sagt: der Baum ist zum sterben verdammt. Dann ist eine noch so gute Gestaltung für den ***, denn der Baum packt's nicht. Die Sache mit den Uhhs und Ahhhs ist wohl auch so ein Ding, vor allem aber ist die Fräserei bei Demos effektiver, einen schönen Baum hat man nicht gleich. Und vielleicht spielt auch die Heimat ein wenig eine Rolle. Als Beispiel:
Walters Acer, ja den, den er gerade umgetopft (oder heißt es umgeschalt?) hat, der gefällt mir um Welten besser als eine Kiefer mit hier Jin und da Jin (hab' da jetzt kein spezielles Beispiel). Grund: Ich habe einen Bezug zu dem Bild das ich sehe (nein, ich bin kein Japaner), der Baum könnte vom Habitus irgendwo bei uns auf den Feldern stehen im platten Land umsäumt von im Frühjahr blühenden Rapsfeldern oder Mais oder Weizen oder Gott weiß was. Vielleicht steht er auch unter einem Windrad oder ganz alleine oder an einem See, sprich mit dem Baum assoziiere ich etwas. Mit einer "Baumgrenzenkiefer" kann ich nichts anfangen, sie ist zweifelsohne von Walter perfekt gestaltet, aber sie sagt mir nichts, ich war noch nie an der Baumgrenze und habe solche Bäume gesehen, die sich wie vor Schmerz krümmend um sich selbst winden.... in einem Baum wie dem Ahorn kann ich mich verlieren in Gedanken schwelgen und mich unter ihn in seinen Schatten legen. Trotzdem hat ja beides seine Berechtigung. In meinen Augen ist jedoch die Gefahr groß, daß Jin und Shari bald verantwortlich für Klischee-Bäume werden...

Holger
"The mind is like a parachute. It doesn't work unless it's open."
- Frank Zappa -
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