Mädchenkiefer (Totholz-Bearbeitung)

Der richtige Ort Bonsai (Baum in Schale mit gewisser Reife) vorzustellen und zu präsentieren. Der Threadersteller möge bitte im Eröffnungsthread darauf hinweisen wenn allgemeine Kommentare unerwünscht sind. Andernfalls stellt sicher, dass ihr etwaige fachliche Kritik durch die "DREI SIEBE" gesiebt habt!
Birgit
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Mädchenkiefer (Totholz-Bearbeitung)

Beitrag von Birgit »

Hallo Allerseits!

Wie bereits im anderen Thread angedroht, stelle ich Euch nunmehr eine andere Mädchenkiefer vor (daneben steht noch meine Kleine von Gestern), bei der ich vor verschiedenen Problemen in der weiteren Gestaltung stehe, aber Thema heute soll erst mal die Bearbeitung des Totholzes sein. Zur Diskussion der Gesamtgestaltung fürchte ich, dass die Fotos zu ungünstig sind.

Wie jeder sehen kann, hat die Kiefer leider vom Drahten sehr hässliche Narben erhalten (ich war’s nicht, ich schwör’s), eine fiese Veredelungsstelle und leider scheint ein Kanal abgestorben (ich hoffe, dass da nicht noch mehr kaputtgeht), daher das tote Holz. Für eine neue Krone habe ich mir schon einen Ast ausgeguckt, aber der ist noch viel zu klein. Da heisst es abwarten.

Die Frage ist jetzt, was stelle ich mit diesem toten Holz an? Lässt sich da irgendwie was Jin-mässiges draus machen und wie würdet Ihr das anstellen? Auch zu weiteren Makeln die ich erwähnte und die ihr noch sichten könnt, hätte ich gerne Eure Tipps und Meinungen.

Wie immer mit besten Dank im voraus,
viele Grüsse
Birgit
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Ganz nah dran
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Blick von oben
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Blick von der Seite
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Das seht Ihr schon das erste Übel, das aus der Krone ragt
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Gesamteindruck ... sorry, ein wenig düster
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Martin_S
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Beitrag von Martin_S »

Hi Birgit.

Ein toller Baum! Wäre meiner Meinung nach ein Fall für jemanden der die Frässe versteht zu schwingen um die Totholzarbeiten dem Baum optimal anzupassen. Wo kommst du her? Eventuell wohnst du in meiner Nähe und wir treffen uns mal im AK. Da gibt es echte Frässkünstler.
Klasse!
Martin S
Beste Grüße
Martin

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sulrich
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Beitrag von sulrich »

Martin_S hat geschrieben: Ein toller Baum! Wäre meiner Meinung nach ein Fall für jemanden der die Frässe versteht zu schwingen um die Totholzarbeiten dem Baum optimal anzupassen. Wo kommst du her? Eventuell wohnst du in meiner Nähe und wir treffen uns mal im AK. Da gibt es echte Frässkünstler.
Ja, den finde ich auch sehr eindrucksvoll - ein ganz anderes Kaliber als der kleine, oder? :wink: Das Nebari sieht sehr eindrucksvoll aus, eine schlechte Veredelungsstelle kann ich auf den Fotos nicht erkennen ... laut Vorstellrunde wohnt Birgit bei München, vielleicht wäre es eine Idee, den Baum zu Walters Spätsommertreffen zu bringen?
http://www.bonsai-fachforum.de/viewtopic.php?t=5354
Viele Grüße,
Stefan

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Birgit
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Beitrag von Birgit »

Oh, es freut mich, dass Ihr ihn interessant findet!
Ehrlich gesagt war ich mir in manchen Punkten doch unsicher, ob ihr ihn nicht zum Teufel jagt. Bei den Schönheiten hier ...

Ja, ein ganz anderes Kaliber als der "Kleine" und da ich aus persönlichen Gründen sehr an diesem Baum hänge (es ist eine Erinnerung an meinen ehemaligen Sensei und ich habe ihn höchstpersönlich mit viel Aufwand importiert), wäre ich recht glücklich, wenn mich ein Profi (gerne auch mehrere :-)) in Gestaltungsfragen unterstützen würden.

Und korrekt, ich komme aus München (was für ein verdammtes Glück)und die Idee mit dem Spätsommertreffen klingt wunderbar! Ich werde sofort mal den Termin checken ...

Vielen lieben Dank für die Tipps und Infos!
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Gladiator
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Beitrag von Gladiator »

Hallo!


Hast du die gekauft oder selber gestaltet???
*confused2*

Super Baum! *daumen_new*
MfG Markus *wink*






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Birgit
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Beitrag von Birgit »

Selbst gestaltet *lach* ... wenn ich schon so weit wäre, dann wäre ich froh! Bin leider noch ein Gestaltungs-Greenhorn!
Während meines Aufenthaltes in Japan habe ich in meiner freien Zeit in der Baumschule eines Freundes meiner Gastfamilie ausgeholfen. Der Baum war sozusagen meine Vergütung :oops: (aber das ist eine längere Geschichte).

@sulrich: Den Teil mit der Veredelungsstelle hatte ich überlesen, sorry. Man kann sie in der Tat auf den Fotos schlecht erkennen. Sie liegt vorne etwas weiter über dem Nebari, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es doch nur eine normale Wunde ist. Aber wenn ich zu diesem Spätsommertreffen gehe, dann kann mir das sicherlich jmd. auf einen Blick beantworten.
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zopf
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Beitrag von zopf »

Hallo Birgit
An der unterschiedlichen Rinden-Struktur, kann man
gut erkennen ob der Baum veredelt ist.
Auch eine "sprunghafte" Verdickung im unteren Bereich
ist ein Indiz für eine Veredlung.
mfG Dieter
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sulrich
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Beitrag von sulrich »

Birgit hat geschrieben: @sulrich: Den Teil mit der Veredelungsstelle hatte ich überlesen, sorry. Man kann sie in der Tat auf den Fotos schlecht erkennen. Sie liegt vorne etwas weiter über dem Nebari, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es doch nur eine normale Wunde ist. Aber wenn ich zu diesem Spätsommertreffen gehe, dann kann mir das sicherlich jmd. auf einen Blick beantworten.
Ja, und wenn Du z.B. die Vorderseite leicht ändern möchtest, um diese Stelle im Stamm zu verstecken (oder auch dramatisch hervorzuheben), oder die Krone neu aufbauen willst, beeinflusst das auch die Entscheidung, wie der Totholzbereich gestaltet werden sollte. Und solche Dinge lassen sich auf einem Foto nicht wirklich beurteilen, dazu ist es viel besser, den Baum "live" zu sehen.
Viele Grüße,
Stefan

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Martin_S
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Beitrag von Martin_S »

Birgit hat geschrieben:.....Der Baum war sozusagen meine Vergütung :oops: (aber das ist eine längere Geschichte).

.....

Erzähl ruhig! Wir machen hier Bonsai, wir haben ohnehin viiiiiel Zeit :lol:
Martin S
Beste Grüße
Martin

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Martin Sch.
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Beitrag von Martin Sch. »

Martin_S hat geschrieben:
Birgit hat geschrieben:.....Der Baum war sozusagen meine Vergütung :oops: (aber das ist eine längere Geschichte).

.....

Erzähl ruhig! Wir machen hier Bonsai, wir haben ohnehin viiiiiel Zeit :lol:
Martin S
Der ist gut *lach*
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aber viel von seinen Niederlagen !"
Birgit
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Beitrag von Birgit »

Ok, wenn gewünscht, dann kann ich damit dienen, aber Vorsicht: Ich neige zu längeren Geschichten, wenn ich einmal damit anfange .... nicht das da nachher einer mit der OT (off-topic)-Klatsche nach mir haut :wink:

Vorweg sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich nie ein Kandidat für einen grünen Daumen war. Ich gehörte eher zu der Spezies, die es sogar vermochten, einem Kaktus das Leben auszuhauchen. Aber wie dem auch sei …

Mein Interesse für Japan hingegen, das begann sich schon in früher Kindheit zu entwickeln, blieb jedoch lange Zeit in den Kinderschuhen stecken. Bis sich eines Tages irgendwann die beruflichen Wege leicht mit Japan kreuzten und ich wieder dort anschliessen konnte, wo ich vor vielen Jahren aufgehört hatte. Aber da war ein grosses Problem: Ich verstand die Sprache nicht und weder in der Firma noch in D-land überhaupt hatte ich die Möglichkeit, zumindest in Ansätzen mal einen adäquaten Einstieg zu bekommen, der mir genau das verlieh, was man dringend braucht, wenn man eine Sprache lernen möchte: Einen „echten“ Schub!

Aber Bleiben wir bei den Bonsai. Mit dem Erlernen der Sprache ging es (jedenfalls für mich) einher, mich ebenfalls intensiver mit diversen in Japan berühmten Künsten auseinanderzusetzen. Überwiegend Japanische Malerei, Holzschnitt und Kalligraphie, wobei mir immer öfter EIN Thema über den Weg lief: Der Bonsai (vornehmlich als Kiefer), der bis heute immer noch ein sehr beliebtes Motiv/Beistellwerk in verschiedensten Kunstrichtungen ist.
Stück für Stück begann ich -erst mit Skepsis- dann mit immer grösserem Interesse darüber zu lesen, bis ich dann eines Tages (wie sollte es auch anders sein) meinen ersten Baumarkt-Bonsai erstand. Tja, und von da an war es um mich geschehen.
Zurück zum erwähnten „Schub“. Für mich stand fest, dass ich unbedingt mindestens für ein paar Monate nach Japan muss und Dank eines strengen, aber überaus freundlichen Japanischlehrers, der meine Bitte erhörte, wurde ich über seine Kontakte ins gelobte Land geschickt. Mein Interesse an Bonsai war zu dem Zeitpunkt schon beachtlich gestiegen (Bäume hatte ich zu dieser Zeit ca. 5, überwiegend Indoor) und die heimliche Erfüllung des Wunsches, diese endlich in ihrem Ursprungsland bewundern zu können, rückte ebenfalls näher (obwohl diese dort natürlich nicht an jeder Ecke wachsen).
Als ich dann eines Tages hörte, dass ich nach Shikoku/Takamatsu (Home of Matsu, also pine trees :-)) geschickt werde, da war die Begeisterung gross.
Schon auf dem Weg dorthin konnte ich einige Felder bestaunen und als mir die Mutter meiner Gastfamilie eröffnete, dass einer ihrer Freunde nur ein paar Strassen weiter eine Baumschule sein Eigen nennt, da war es Aus mit meiner vornehmen Zurückhaltung und ich bat sie, mich dort vorstellig zu machen.

Es war ein durchaus angenehmes Gespräch mit einem etwas anscheinlich in die Jahre gekommenen, ruhigerem, gesetzten Herrn, dessen verhornte und verharzten Hände Bände über sein Lebenswerk sprachen. Gegen Ende der Unterhaltung fasste ich mir ein Herz und fragte ihn, ob er nicht eine helfende Hand gebrauchen könne (meine Familie war in meine Gedanken vorher schon eingeweiht, sonst wäre dieser Vorstoss leicht unverschämt gewesen … Beziehung und deren Pflege ist ein recht komplexes Thema in Japan).

Um das Thema abzukürzen … wir haben vereinbart, dass ich in meinen freien Zeiten bei ihm aushelfen dürfe. Das galt für meine Wochenenden, die freien Tage zwischen meinen Praktika und alle sonstig zeitlich günstigen Gelegenheiten. Ich war restlos begeistert (das war ja ehrlich wie im Märchen) und ich weiss noch genau, wie ich mich in dieser Nacht auf meinen Futon legte, die Sternlein durch’s Fenster blinken sah und davon träumte, welche grosse Aufgaben mir „mein Mr. Miyagi“ (frei nach Karate Kid *lol*) am nächsten Tag wohl stellen würde.

An diesem Tag wachte ich besonders früh auf, versuchte mich mit meinen Lehrbüchern zu beruhigen, was mir aber mehr schlecht als recht gelang. Bis zu den vereinbarten 10 Uhr hat es eine kleine Ewigkeit gedauert. Irgendwann endlich (!) wurde es halb zehn … Fahrtzeit mit dem Radl waren grosszügig geschätzte 5 Minuten, aber schliesslich hätte ich mich ja verfahren können und wie peinlich wäre das gewesen?! Volle 25 Min. zu früh schlich ich um seinen Garten herum wie ein Dieb, bis die Zeit endlich angemessen war, an die Tür zu klopfen.

Und während ich mein eigenes Klopfen an die Holztür nur von Ferne wahrnahm, waren meine Gedanken schon bei den ersten spannenden Erlebnissen des heutigen Tages. Was würden wir heute als Erstes tun? Ein paar Bäume besprechen (würde er wohl erst mit den Laub- oder den Kiefergehölzen anfangen?), konkrete Gestaltungstechniken vergleichen oder gar direkt einen Baum mit mir gestalten?) Die Tür öffnete sich und nachdem ich meine üblichen Floskeln (soweit mein Japanisch reichte) in den Raum geblasen hatte, wurde ich hinein gebeten und erhielt erst einmal ein Kaffee (grüner Tee wird oft nur noch bei besonderen Anlässen angeboten) bei dessen Konsum es sich ganz offensichtlich leichter über die Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Deutschland, Politik und den derzeitigen Zustand der Weltwirtschaft plaudern ließ. Brav spulte ich mein Programm ab (nach einiger Zeit ist man beim X-ten Japaner mehr oder weniger auf gewisse Fragen trainiert und hat die Antworten verinnerlicht) und harrte mit Ungeduld (eine wahrhaft teils schlechte, gar in manchen westlichen Gefilden sehr ausgeprägte Unart) der Dinge, die da (wohl heute noch) endlich kommen mögen.

Dann endlich, ca. 1 Stunde später war es soweit. Der Kaffee versiegte, der Meister erhob sich und ich hätte mein gedachtes „Banzai“ (Hurra) in diesem Moment fast laut ausgerufen. Wir schritten hinaus, er verschwand um die Ecke (die Spannung stieg) und kam zurück mit einem Gartenschlauch in der Hand. „Wässere sie gut!“ sprach er zu mir, während er mir das Corpus Delicti entgegenstreckte, als wäre es ein seltenes Katana (bestimmte Sorte Samurai-Schwert).
Leicht verwirrt, jedoch artig griff ich -wie mir befohlen- nach dem Schlauch und begann unter strengem Blick des zuvor noch so milden Meisters die prächtigen Bäume in ihren Töpfen zu besprenkeln. Und während ich die Bäume betrachtete (einen Nutzen musste diese öde und zugleich auch enttäuschende Arbeit ja haben) sprühte und sprühte ich, vorwiegend über Stamm und Blätter (weniger über den Topf) und machte so meine grosse Runde durch den Garten. Bis plötzlich gegen Ende meiner Bemühungen die Stimme meines Herrn ertönte, ich möge doch bitte beim Wässern die Pötte nicht vernachlässigen …
Und während ich mir nicht schlüssig war, ob ich nun auf mich (daran hätte ich selbst denken müssen) oder ihn böse sein soll (man hätte ja evtl. auch früher einen Kommentar geben können), fing ich nochmals von vorne an.
Doch das sollte meiner Begeisterung keinen Abbruch tun … schliesslich konnte ich mir alle Bäume nochmals in Ruhe ansehen und ausserdem waren „Wasserspiele“ bei ca. 35 Grad nicht gerade die unangenehmste Beschäftigung.

Nach Vollendung meines spritzigen Rundganges verkündete ich die getane Arbeit brav dem Meister; in freudiger Erwartung der nächsten Aufgabe. Ein prüfender jedoch zufriedener Blick gefolgt von einem jap. stumpfen/langezogenen „Unn“, was soviel wie „ich bin damit einverstanden“ bedeutet, bestätigte mich.
Das darauffolgende: „Du kannst da drüben weitermachen“ irritierte mich jedoch im ersten Moment und ich erwiderte: „Wo bitte meinen Sie? Ich bin doch schon überall durch.“ Er grinste und zeigte auf die weiten Felder auf der gegenüberliegenden Strassenseite, von denen ich keine Ahnung hatte, dass auch diese zu seinem „Anwesen“ gehören. „Wässere sie gut“ sprach er abermals zu mir und ich nahm all meine Beherrschung zusammen, trottete auf das andere Gelände und machte die „Wasserquellen“ für hunderte von Bäumen ausfindig, die offensichtlich alle zwei Mal am Tag (immer gegen 10 h und 15 h) ihr kühles Nass brauchten.

Am Abend war ich erledigt! Ich biss auf die Zähne, verabschiedete mich höflich, nicht ohne mich für diese einmalige Erfahrung zu bedanken, und zog gen „Heimat“. Meiner Gastfamilie erzählte ich nichts von meiner Frustration, sondern erwiderte meine Dankbarkeit gleichermaßen.

Am nächsten Tag schlief ich etwas länger und war dementsprechend auch „nur“ pünktlich an Ort und Stelle eingekehrt. Diesmal gab es auch keinen Kaffee mehr … dafür aber direkt den Gartenschlauch. Und am nächsten … und am nächsten … und am nächsten Tag war es nicht anders. Und als ich mir schon dachte, der Typ MUSS mit „meinem Mr. Miyagi“ (man bedenke die Autowasch-Szene aus Karate-Kid; der arme Kerl soll eingangs ordentlich punchen lernen anhand dem beidhändig gleichmässigen Waschen von Autos) verwandt sein, da tat sich endlich ein kleines Licht am Ende des Tunnels auf. Ich wurde nach meiner „10 h-Schicht“ herbeigerufen, um zu sehen, wie man Kiefern ausreinigt (alte Nadeln entfernt) und mir wurde ebenfalls die grosse Bedeutung der Aufgabe erklärt. Nach diesem Tag war ich fast seelig, denn um ehrlich zu sein, hatte ich doch schon so einige Hoffnung fahren lassen, je etwas Nützliches dort zu lernen (gleichzeitig schossen mir so langsam ein paar Aussagen über billige ausländische Gastarbeiter in Japan in den Kopf, für die ich mich allerdings auch irgendwie sofort wieder schämte).

(Yesses ich habe mir hier schon ‚nen Wolf geschrieben, den keine Sau mehr interessiert. Entschuldigung! Werde jetzt kürzer)

Die nächsten 2 Wochen ca. wässerte ich weiter, wurde parallel aber auch auf das Ausreinigen der Kiefern getrimmt (wobei mir ab und an dazu immer wieder neue Dinge erklärt und auch Anregungen gegeben wurden). Zu dem Zeitpunkt dachte ich schon, ich hätte so mittlerweile so jeden Baum von ihm gesehen, bis er mich irgendwann auf seine Dächer (!) mitnahm, was einer Bonsai-Kinderstation glich. Und drei Mal dürft Ihr raten, was man mit „Babys“ macht … Richtig: „Füttern“. Und so wurde ich nach Ausreifung meiner Ausreinigungsfertigkeiten zum Düngen verdonnert (ein Schelm ist, wer jetzt ans Wässern dachte … darin war ich doch schon Profi :-)). Wie man Dünger anmischt, wie viel jeder Baum benötigt etc. etc. Und bitte keinen Baum vergessen (das waren selbstredend auch wieder ein paar hundert). Und nachdem ich das dann „drauf“ hatte, wurde ich zu weiteren „kleineren Handlungen“, die sich rund um’s Thema bewegen zugelassen und mehr und mehr hat Miyagi-Sensei :-) begonnen zu erklären und mir gleichzeitig zuzuhören.

Nun ja, und so ging das gut und gerne vier Monate. Der eingangs schweigsame Bonsai-Sensei und der Greenhorn-Gaijin (jap. leicht abschätziges Wort für Ausländer) fanden zueinander (und haben bis heute guten Kontakt).

Von Hütchen auf Stöckchen zurück zur Ausgangsfrage: Wie kam ich an meine Kiefern?

Während meines gesamten Aufenthaltes blieb allen Beteiligten, die zudem wussten, dass ich tiefes Interesse hege, mein sehnsüchtiger Blick gen Kiefer natürlich nicht verborgen. Vorsichtig hatte ich bereits bei meiner Gastmutter angefragt, wie ich es anstellen soll, ein Kaufangebot zu machen, ohne „Mr. Miyagi“ in „Zugzwang“ zu bringen (Er ist zwar Händler, aber ich kein normaler, unbekannter Käufer …. wir hatten eine Beziehung aufgebaut (zudem war ich die „Tochter“ einer befreundeten Familie mit der ich mich hervorragend verstand und wir -also Miyagi und ich- standen ebenfalls sozusagen im gegenseitigem Verpflichtungsverhältnis). Der „alte Fuchs“ hatte mich gleichzeitig schon längst durchschaut und war mir zudem wohlgesonnen, aber er wusste auch, dass ich mir nicht einfach etwas schenken lasse (das geht dann doch auch gegen meine persönliche Ehre und für eine übergrosszügige Aktion, die Ausländer manchmal erfahren, war ich schon zu stark in das jap. Gesamtumfeld eingebettet). Wie haben wir das „Dilemma“ also gelöst? Auf japanische Weise :-)

Als mein Aufenthalt zu Ende ging sagte er mir eines Tages, wenn ich einen Baum für die Heimat kaufen möchte, dann möge ich mir bitte einen aussuchen. Wie sich das gehört habe ich mir keinen Top-Baum, sondern ein mehr oder weniger „normales“ Exemplar ausgesucht. Er hat ihn mir für einen lächerlichen Betrag überlassen (man könnte sagen, ja ich habe ihn gekauft, aber ich weiss, dass er geschenkt war … damit haben wir des Romanes Lösung hier) und die kleine Kiefer hat er mir wirklich offiziell geschenkt (das war etwas, was man durchaus annehmen konnte … (man muss auch bedenken, dass die Preise in keinem Verhältnis zu denen hierzulande stehen).

Und mit dieser Geschichte verabschiedet sich Charl(ene) Dickens nun zu ihrer wohlverdienten Nachtruhe :-)

Bye Bye
Birgit
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sulrich
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Beitrag von sulrich »

Wow, was für eine Geschichte - sowas ist wohl der Traum eines jeden Bonsailiebhabers. Diesen Baum hast Du Dir aber auch wirklich hart erarbeitet! *daumen_new*
Viele Grüße,
Stefan

Whenever there is any doubt, there is no doubt. - Sam in 'Ronin'
pit
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Beitrag von pit »

Hallo Birgit,

Hut ab, du solltest von Bonsai´s zum Schreiben wechseln.... :)

Sehr interessanter Bericht (Geschichte) wennst mal wieder deine Tastatur mit der verdienten Nachtruhe tauschen willst, dann lass uns bzw. mich hier teilhaben :wink:

gruß P.
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HexenSandra
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Beitrag von HexenSandra »

Tolle Geschichte, hättest ruhig noch ausführlicher werden können. Ich lese sowas gerne! *huldigen*




Ps.Und wie es bei Frauen so ist, ein paar kleine Tränchen sind auch geflossen. So bin uch halt, ich freue mich immer für andere! *undwech*
Machst DU mit? => BFF Zuwendung
Birgit
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Registriert: 26.05.2005, 20:01

Beitrag von Birgit »

Oh danke :oops: Freut mich, dass meine Zeilen mit Interesse gelesen wurden.

Das war diesmal ein "Schub" der etwas anderen Art ... attackiert mich zuweilen gern aus dem Hinterhalt, wenn ich gelegentlich an lauen Sommerabenden etwas tiefer ins Weinglas schaue :lol: Verkappter Laberflash sozusagen :wink:
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